Tania Lewis, seit Jahrzehnten Wildlife-Biologin im Glacier Bay National Park, war mit ihrem Mann Eric und ihrer 23-jährigen Tochter Lu auf der 25 Fuß langen „Windrush“ unterwegs. Die Familie ankerte am 29. Juli 2026 in einer Bucht neben Gloomy Knob, wie der Sender KTOO berichtet. Zuvor hatten sie einen Buckelwal beim Fressen in der Nähe beobachtet, der die Bucht nach einiger Zeit wieder verließ.
Gegen 23:30 Uhr, während die Eltern bereits schliefen und Lu im Bug noch las, traf ein gewaltiger Schlag das Boot. Wasser drang sofort und in großer Menge ein. Die Familie handelte nach eigenen Angaben schnell: Eric kontrollierte die Lenzpumpe, Tania packte Schlafsäcke und das Funkgerät in einen Rucksack. Zum Anlegen von Rettungswesten blieb angeblich keine Zeit. Beim Versuch, ins Beiboot zu flüchten, das längsseits lag, stellte sich heraus, dass sich einer der beiden Festmacher gelöst hatte, das Dinghi war gekentert. Eric richtete es auf, die beiden anderen stiegen ein. Währenddessen sank die Yacht und drohte, das Beiboot mitzuziehen. Es machte bereits Wasser. Eric gelang es im letzten Moment, den verbliebenen Festmacher zu lösen. Nach Schätzung von Tania und Lu dauerte es vom Einschlag bis zum vollständigen Untergang nur etwa drei Minuten.
Die beiden Frauen begannen mit dem Lenzen, während Eric versuchte, das Boot schwimmend ans Ufer zu ziehen. Das Beiboot sei aber immer noch voller Wasser gewesen und beim Versuch von Eric, hineinzuklettern, erneut gekentert. Als die Havaristen das Boot erneut aufrichteten, war offenbar nur noch so wenig Wasser darin, dass das Ehepaar an Land rudern konnte. Seine Tochter Lu war währenddessen an Land geschwommen.
Alle drei erreichten gegen Mitternacht das Ufer, durchnässt und frierend in dünner Nachtkleidung. Aus einem mitgeführten Notfallbeutel mit Feuerzeug, Rettungsdecke und einem Taschenbuch entzündeten sie am Strand ein Lagerfeuer aus Treibholz, wärmsten sich zusammen unter der Notfalldecke.
Mehrere Mayday-Versuche über das Handfunkgerät blieben zunächst ohne Antwort, erst als Tania erneut ins Beiboot stieg und aus der Bucht ruderte, hatte sie über einen Repeater Empfang und erreichte die Notrufzentrale des Nationalparks. Da sich alle drei mittlerweile aufgewärmt hatten, lehnte sie eine Bergung per Helikopter ab.
Gegen 3 Uhr näherte sich das Kreuzfahrtschiff „National Geographic Quest“, dessen Kapitän Hilfe anbot. Weil der gesunkene Mast in der flachen Bucht ein Hindernis für das große Schiff darstellte, entschied sich die Familie jedoch gegen eine Bergung und ließ stattdessen die eigene Position über das Satellitentelefon des Kreuzfahrers an die Ranger weiterleiten. Um 6:30 Uhr holte der Park Service die Familie ab.
Bei der Bergung des Wracks am folgenden Wochenende fand sich im Rumpf ein riesiges Loch auf der Steuerbordseite, groß genug, um hindurchzukriechen, sowie Fetzen schwarzer, ledriger Haut. Kollegen von Tania Lewis bestätigten anhand der Proben, dass es sich um Buckelwalhaut handelte. Nach ihrer Einschätzung dürfte die Kollision für den Wal selbst glimpflich verlaufen sein.
Im Rückblick sieht Tania Lewis einen konkreten Fehler: Sie hätte das Echolot über Nacht eingeschaltet lassen sollen. Zwar können Wale die eigentliche Sonarfrequenz eines Echolots nicht hören, wohl aber dessen Oberwellen im hörbaren Bereich. Viele Fahrtensegler schalten ihr Echolot nachts jedoch aus Gründen des Stromsparens ab, gerade wenn das Boot ohnehin fest vor Anker liegt. Der Fall der „Windrush“ liefert damit einen ungewöhnlich konkreten Anlass, diese Gewohnheit noch einmal zu überdenken, insbesondere in bekannten Wal-Gebieten.
Nach Angaben der Familie war es zudem üblich, bei nahen Wal-Sichtungen ohne laufenden Motor gegen den Rumpf zu klopfen, um die Tiere auf das Boot aufmerksam zu machen. In der Nacht zuvor hatte diese Methode funktioniert, als zwei Buckelwale nahe am Boot vorbeizogen. In der Unglücksnacht selbst gab es dagegen keinerlei Vorwarnung, keinen Blas, kein sichtbares Zeichen, bevor der Schlag kam.
Dass ausgerechnet ankernde oder treibende Boote getroffen werden, ist nach wissenschaftlichen Daten kein Zufall. Eine Studie zu 108 gemeldeten Wal-Boot-Kollisionen in Alaska zwischen 1978 und 2011 zeigt, dass in 15 Fällen Buckelwale auf ankernde oder treibende Boote trafen, mutmaßlich weil die Tiere sie akustisch nicht wahrgenommen hatten. Buckelwale waren in 86 Prozent der ausgewerteten Fälle beteiligt, kleine Boote unter 15 Metern Länge am häufigsten betroffen.
Anders als bei den seit einigen Jahren immer wieder gemeldeten Orca-Vorfällen, die häufiger als gezielte Attacken auf Ruder und Kiel gedeutet werden, gilt der Alaska-Fall als klassisches Versehen: Ein leises Segelboot unterscheidet sich für einen Wal akustisch kaum von gewöhnlichem Wellenrauschen. Auch bei schnellen Offshore-Rennyachten zeigen Untersuchungen, dass Kollisionen selbst bei geringem Tempo vorkommen, unter anderem weil schlafende Tiere die Geräuschkulisse eines Bootes kaum von den übrigen Ozeangeräuschen trennen können.
Tania Lewis sagte, die Familie habe im Nachhinein bedauert, vorher nie konkret besprochen zu haben, was im Ernstfall zu tun sei. Ihr Fazit: Der mitgeführte Notfallbeutel mit Rettungsdecke, Feuerzeug und Funkgerät habe am Ende über die Nacht am Strand entschieden.
Wie halten Sie es mit dem Echolot nachts vor Anker: ausgeschaltet wegen Batteriekapazität?

Chefredakteur Digital
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