Bayesian-UntergangZwei Jahre danach - Werft insolvent, offene Fragen

Lars Bolle

, Ursula Meer

 · 18.08.2026

Die "Bayesian" wird Ende Juni 2025 per Schwimmkran gehoben.
Foto: picture alliance/ap
In der Nacht zum 19. August 2024 sank die 56 Meter lange Segelyacht „Bayesian“ vor Sizilien. Sieben Menschen starben. Zwei Jahre später ist die Ursache weiterhin nicht abschließend geklärt. Ein Zwischenbericht der britischen Marine Accident Investigation Branch (MAIB) sieht eine mögliche Stabilitätsschwäche des Schiffes als zentralen Faktor. Die italienische Staatsanwaltschaft untersucht dagegen auch mögliche Fehler der Besatzung. Gleichzeitig steckt der Erbauer Italian Sea Group in einem gerichtlichen Krisenverfahren.

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Der Untergang vor Porticello

Die „Bayesian“ lag am Abend des 18. August 2024 vor Porticello an der Nordküste Siziliens. In der Nacht geriet die Yacht bei starkem Wind in extreme Krängung und sank. Zu den sieben Todesopfern gehörten der britische Unternehmer Mike Lynch und seine 18-jährige Tochter Hannah. 15 Menschen überlebten das Unglück, darunter Lynchs Ehefrau Angela Bacares.

Nach Angaben der britischen Seeunfalluntersuchungsbehörde MAIB befanden sich zwölf Gäste und zehn Besatzungsmitglieder an Bord. Der Untergang ereignete sich etwa eine halbe Seemeile südöstlich von Porticello.

Die Yacht kenterte nach den bisherigen Rekonstruktionen innerhalb weniger Sekunden. Weshalb sie dem Wetter nicht standhielt, ist jedoch weiter Gegenstand zweier Untersuchungen.

Die MAIB sieht eine Stabilitätsschwäche

Die MAIB veröffentlichte im Mai 2025 einen Zwischenbericht. Er basiert ausdrücklich auf dem bis dahin verfügbaren Material und nicht auf einer vollständigen Untersuchung des Wracks. Die Behörde betont deshalb, dass sich die Darstellung durch neue Beweise noch ändern kann.

Die britischen Ermittler kommen zu dem vorläufigen Ergebnis, dass die „Bayesian“ bei bestimmten Betriebsbedingungen durch starken Wind gefährdet gewesen sein könnte. Eine von der MAIB beauftragte Untersuchung ergab, dass die Yacht bei Windgeschwindigkeiten von etwa 53 bis 63 Knoten querab instabil werden konnte. Sobald die Krängung einen Winkel von etwa 70 Grad überschritten habe, sei die Situation nicht mehr beherrschbar gewesen.

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Entscheidend ist dabei die Einordnung: Die MAIB hat keinen abschließenden Schuldentscheid getroffen. Ihre Untersuchung dient der Vermeidung künftiger Unfälle und nicht der rechtlichen Zuweisung von Verantwortung. Der Zwischenbericht sollte außerdem nach der Bergung des Wracks durch weitere Untersuchungen überprüft werden.

YACHT hatte die technischen Aussagen des Berichts bereits ausführlich eingeordnet. Die Ergebnisse des ersten Untersuchungsberichts zur „Bayesian“ bilden deshalb weiterhin eine wichtige Grundlage für die Debatte über Konstruktion, Stabilität und Betriebszustand.

Die italienische Staatsanwaltschaft untersucht die Besatzung

Parallel zur Sicherheitsuntersuchung der MAIB läuft in Italien ein Strafverfahren der Staatsanwaltschaft von Termini Imerese. Dort werden auch mögliche Fehler der Besatzung geprüft. Im Fokus stehen Kapitän James Cutfield, der leitende Schiffsmechaniker Tim Parker Eaton und das Besatzungsmitglied Matthew Griffiths.

Nach italienischen Medienberichten bewerten die Gutachter der Staatsanwaltschaft die Wetterlage der Unglücksnacht anders als die MAIB. Demnach könnte nicht allein die Stärke des Windes entscheidend gewesen sein. Untersucht wird auch, ob die Besatzung auf die Wetterentwicklung ausreichend reagierte und ob bestimmte Maßnahmen zu spät oder nicht eingeleitet wurden.

Diese Darstellung ist bislang keine abschließende gerichtliche Feststellung. Für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung. Auch der MAIB-Zwischenbericht ist kein Gutachten zur Haftung und kann die strafrechtliche Bewertung in Italien nicht ersetzen.

Das Wrack wurde 2025 geborgen und nach Termini Imerese gebracht. Dort sollte es den Ermittlern weitere Hinweise zu den letzten Minuten der Reise liefern. Noch im Juni und Juli 2026 liefen Untersuchungen am Schiff. Ein endgültiger Abschluss der italienischen Ermittlungen war zum 18. August 2026 öffentlich nicht bestätigt. Auch die MAIB führt den Fall weiterhin als laufende Untersuchung.

Der Erbauer im gerichtlichen Krisenverfahren

Die wirtschaftliche Entwicklung der Italian Sea Group ist die zweite große neue Dimension des Falls. Das Unternehmen, zu dem die Marke Perini Navi gehört, beantragte im Juli 2026 beim zuständigen Gericht ein Verfahren nach Artikel 44 des italienischen Krisen- und Insolvenzrechts. Das Gericht leitete das Verfahren mit dem Ziel ein, die Fortführung des Geschäftsbetriebs zu ermöglichen.

Wie stark der Untergang der „Bayesian“ die wirtschaftliche Lage beeinflusst hat, lässt sich schwer beurteilen. Das Unternehmen selbst führte in seiner Klage gegen die Eigentümerseite und Besatzungsmitglieder allerdings Umsatz-, Reputations- und Kursverluste als Schaden an.

Die Klage über 456 Millionen Euro

Italian Sea Group beziehungsweise die mit dem Bau befasste Werftseite fordert in einem Zivilverfahren 456 Millionen Euro. Die Klage richtet sich gegen Angela Bacares, die Eigentümergesellschaft der Yacht, Kapitän James Cutfield und zwei weitere Besatzungsmitglieder.

Nach Darstellung des Unternehmens sollen Fehler beim Betrieb der Yacht zum Untergang beigetragen haben. Genannt wurden unter anderem der Umgang mit Wetterwarnungen, geöffnete oder nicht ausreichend gesicherte Öffnungen und der Betriebszustand der Yacht. Die Vorwürfe sind Gegenstand des Verfahrens und nicht rechtskräftig festgestellt.

Bacares hat ihrerseits Forderungen gegen die Italian Sea Group erhoben. Welche Auswirkungen das gerichtliche Krisenverfahren auf die wechselseitigen Ansprüche hat, ist offen. Eine Insolvenz oder ein gerichtlicher Schutz beendet solche Verfahren nicht automatisch, kann aber die Durchsetzung und Reihenfolge von Forderungen beeinflussen.

Die YACHT hatte die Klage über 456 Millionen Euro gegen die Eignerin bereits im Januar 2026 analysiert. Der neue wirtschaftliche Status der Werft verändert nun den Rahmen, in dem dieser Rechtsstreit geführt wird.

Keine Belege für Sabotage

Der Untergang hat wegen der Biografie von Mike Lynch und der Umstände der Reise zahlreiche Spekulationen ausgelöst. In einigen Berichten wurden mögliche Geheimdienstkontakte und Sabotage als Szenarien genannt.

Belastbare Belege dafür liegen bislang nicht vor. Die MAIB hat in ihrem Zwischenbericht ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sie nicht überprüfbare Informationen und Spekulationen nicht in ihre Untersuchung aufgenommen hat. Auch aus den öffentlich bekannten Angaben der italienischen Ermittlungen ergibt sich kein belastbarer Hinweis auf eine Fremdeinwirkung.

Die offenen Fragen sind deshalb vor allem technischer und operativer Natur. Dazu gehören der genaue Betriebszustand der Yacht, die Wind- und Wellenverhältnisse, die Reaktion der Besatzung sowie die Frage, welche Informationen der Crew über die Stabilität zur Verfügung standen.

Was zwei Jahre später feststeht

Fest steht, dass die „Bayesian“ in der Nacht zum 19. August 2024 sank und sieben Menschen starben. Fest steht auch, dass die MAIB eine mögliche Stabilitätsschwäche untersucht und die italienische Staatsanwaltschaft mögliche Versäumnisse der Besatzung verfolgt.

Nicht fest steht dagegen, welche Ursache rechtlich und technisch entscheidend war. Der MAIB-Zwischenbericht ist vorläufig. Die italienischen Ermittlungen waren am 18. August 2026 öffentlich nicht abgeschlossen. Und die Italian Sea Group ist nicht einfach „pleite“, sondern befindet sich in einem gerichtlichen Krisenverfahren mit dem erklärten Ziel der Fortführung.

Damit bleibt der Fall auch zwei Jahre nach dem Untergang offen.


​Buchtipps

Schwerwettersegeln von Peter Bruce behandelt das Verhalten von Segel- und Motoryachten bei schwerem Wetter, die Ursachen von Instabilität und die Frage, wie sich Kentern vermeiden lässt. Das Buch vertieft damit die technische und seemännische Dimension des „Bayesian“-Falls. Die vollständig überarbeitete 15. Auflage ist 2025 erschienen und umfasst 400 Seiten.

Yachtunfälle von Jan-Erik Kruse ordnet typische Unfallverläufe und ihre Ursachen anhand weltweiter Unfallberichte ein. Behandelt werden unter anderem schwere See, Kentern, Wassereinbruch, Mensch-über-Bord-Situationen und der Einfluss menschlicher Fehlentscheidungen. Der Titel ergänzt den Artikel um die Perspektive der Unfallprävention und des Risikomanagements.


Wie bewerten Sie die bisher bekannten Hinweise zur Ursache des „Bayesian“-Untergangs? Diskutieren Sie mit uns in den Kommentaren.

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Lars Bolle

Lars Bolle

Chefredakteur Digital

Lars Bolle ist Chefredakteur Digital und Gründer von YACHT-Online. Viele Jahre war der Diplom-Sportwissenschaftler als Redakteur der YACHT in den Bereichen Sport und Seemannschaft tätig und hat die größten Segelsport-Veranstaltungen der Welt begleitet, vom America's Cup bis zu Olympischen Spielen. Seine persönliche Segel-Vita reicht vom Leistungssport in der Jolle (Deutscher Meister 1992 im Finn Dinghi) über historische und moderne Jollenkreuzer bis hin zu europaweiten Charter-Törns.

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