PolarforschungUFO oder Schiff? Seltener Gast auf dem Nord-Ostsee-Kanal

Ursula Meer

 · 26.01.2026

Polarforschung: UFO oder Schiff? Seltener Gast auf dem Nord-Ostsee-KanalFoto: YouTube/ Der Kanalsteurer
UFO oder Schlauchboot mit Kajüte? Ein ungewöhnliches Gefährt erregte am vergangen Sonntag einiges Aufsehen am Nord-Ostsee-Kanal
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Am Wochenende hat mit der „Tara Polar Station“ ein aufsehenerregendes Wasserfahrzeug den Nord-Ostsee-Kanal (NOK) passiert. Was optisch daherkommt wie eine Mischung aus Hightech-Spiegelei und UFO, ist in Wahrheit eine weltweit einmalige mobile Polar-Forschungsstation auf Testfahrt.

Die „Tara Polar Station“ sorgte gestern, Sonntag, den 25. Januar, für Aufsehen am Nord-Ostsee-Kanal. Das 26 Meter lange und 16 Meter breite Forschungsschiff mit einem ungewöhnlichen, fast UFO-artigen Design passierte den NOK auf seiner Rückreise aus den finnischen Gewässern. Das Spezialschiff wurde für einen besonderen Zweck entwickelt: Es soll sich im arktischen Packeis einschließen lassen und mit diesem driften, um wissenschaftliche Forschung in dieser extremen Umgebung zu ermöglichen.

Erste Testdrift in der Arktis erfolgreich

Die „Tara Polar Station“ absolvierte bereits im Sommer 2025 ihre erste Testmission in der Arktis. Nach dem Start im französischen Lorient und einem Zwischenstopp in Longyearbyen auf Spitzbergen begann die eigentliche Testphase. Am 6. Juli traf das Schiff den deutschen Eisbrecher „Polarstern“, der ihm den Weg ins Packeis bahnte. Anschließend ließ sich die Station bewusst vom Eis einschließen, um ihr Verhalten, die Ausrüstung, wissenschaftliche Protokolle und das autonome Leben in dieser extremen Umgebung zu testen. Die Testdrift fand zwischen dem 82. und 83. Breitengrad Nord statt.

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Für die Besatzung stellte die Drift im Packeis völlig neue Herausforderungen dar. Ihr Chefingenieur Luc Airiau beschrieb seinerzeit die ungewohnte Situation: „Wir sind es gewohnt, Eis zu vermeiden, aber jetzt waren wir von tonnenschweren Eisblöcken umgeben, die gegen den Rumpf krachten.“ Jeder Aufprall und jedes Geräusch hallten durch die Station – ein Test unter realen Bedingungen für die Struktur und Maschinen des Schiffs. Die Besatzung musste lernen, mit den unvorhersehbaren Bewegungen des Eises umzugehen, das manchmal brach, neue Kanäle bildete oder sich zu mehrere Meter hohen Strukturen auftürmte.

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Auf den Spuren der „Fram“: Die Route der „Tara Polar Station“

Nach der erfolgreichen Testphase in der Arktis erfolgte nun eine zweite in der nördlichen Ostsee vor Finnland, deren Rückroute am Wochenende durch den NOK führte - für die Sehleute am Kanal ein wohl einmaliges Erlebnis. Aktuell befindet sie sich auf der Nordsee auf dem Weg in den Ärmelkanal mit Zielhafen Cherbourg. Von dort soll sie sich noch in diesem Jahr auf den Weg in die Arktis begeben und auf die erste wissenschaftliche Drift, genannt „Tara Polaris I“.

Wie lange diese Drift dauern wird, kann nur geschätzt werden, wurde sie doch in der gesamten Geschichte der Arktisforschung erst dreimal durchgeführt. Erstmals begab sich Fridtjof Nansen mit seiner „Fram“ in den 1890er Jahren in das Abenteuer einer Zeitlupendrift im Eis rund um den Nordpol. Mehr als drei Jahre brauchten er und seine Mannschaft, um von einer Seite zur anderen zu gelangen.

Der Segelschoner „Tara“ unternahm 2006 die zweite Transpolardrift. Mit einem Jahr und vier Monaten brauchte sie nicht einmal halb so lange wie die „Fram“, um von einer Eiskante zur anderen zu driften. Eine Expedition des deutschen Eisbrechers „Polarstern“ 2019/20 schließlich dauerte weniger als ein Jahr.

Für die nun anstehende Expedition der „Tara Polar Station“ rechnen die Forscher mit etwa eineinhalb Jahren Drift im – oder eher: auf dem – Eis. Die Ergebnisse der Forschungsreise sollen unter anderem dazu beitragen, Wetterprognosen zu präzisieren und ein besseres Verständnis vom arktischen Ökosystem und seinem Schutz zu gewinnen.

Wissenschaft trifft Technik: Die „Tara Polar Station“

Die “Tara Polar Station” ist eine französische Forschungsplattform, die futuristisches Design mit arktischer Funktionalität vereint. Sie gehört zur französischen „Tara Ocean Foundation“, die sich der Ozeanforschung widmet. Mit ihren Dimensionen von 26 Metern Länge und 16 Metern Breite wirkt die Station wie ein UFO auf dem Eis – eine Assoziation, die durch die geodätische Kuppel auf dem dicklich-ovalen Aluminiumrumpf noch verstärkt wird. Die länglich-ovale, fast diskusförmige Bauweise ist das Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen Polarschiff-Designern und Spezialfahrzeugherstellern.

Der Schwerpunkt bei der Konstruktion lag auf einer optimalen Anpassung an die transpolare Drift. Denn anders als herkömmliche Forschungsschiffe soll die „Tara“ nicht aktiv durch die Arktis navigieren, sondern im Packeis einfrieren und mit der langsamen, kreisförmigen Eisbewegung über Monate hinweg driften. Die geschwungene, eiförmige Rumpfform sorgt dafür, dass das Schiff bei zunehmendem Eisdruck nicht zerquetscht wird, sondern buchstäblich auf das Eis hochgedrückt wird und darauf aufsitzt. Der 20 Millimeter dicke Aluminiumrumpf ist speziell für diese extremen Belastungen ausgelegt – ähnlich wie bei historischen Polarexpeditionen mit der legendären „Fram“.

Entsprechend wurde auch das Antriebssystem gewählt: Es besteht aus einem HVO-Motor (Hydrotreated Vegetable Oil – hydriertes Pflanzenöl), für dessen Betrieb hydriertes Pflanzenöl (HVO) verwendet wird. Dieser treibt einen geschützten Festpropeller mit Düse und einem Eisschutz an. Die Motorisierung wurde bewusst reduziert dimensioniert, um Platz an Bord zu maximieren und die Umweltbelastung zu begrenzen. In Marschfahrt bringt es die Station auf eine Geschwindigkeit von sieben bis acht Knoten.

Autarkes Labor mit Wohnraum und Sauna

Das Herzstück der bewohnbaren Bereiche bildet die 30 Tonnen schwere geodätische Kuppel, die „Geode“. Diese aus Dreiecken konstruierte Kuppelstruktur ist extrem stabil gegenüber arktischen Stürmen und bietet durch ihr optimales Verhältnis von Oberfläche zu Volumen hervorragende Wärmeisolierung – essenziell für Temperaturen bis zu minus 52 Grad Celsius. In der Geode befinden sich Küche, Salon, Steuerhaus, Büros, eine Krankenstation und sogar eine Sauna.

Ein 1,6 Meter durchmessender Schacht durchzieht das gesamte Schiff und ermöglicht den Wissenschaftlern direkten Zugang zum Ozean unter dem Eis. Über diesen „Moonpool“ genannten Schacht können Forscher Proben nehmen und Messgeräte einsetzen, ohne die schützende Hülle der Station verlassen zu müssen.

Die Station bietet Platz für 12 Personen im Winter und bis zu 20 im Sommer. Die Energieversorgung stellen Solarpanels und eine Windturbine mit Lithium-Batteriepaket sowie Biodiesel-Generatoren sicher.

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