Winter an BordAllein im Noor

Jochen Rieker

 · 14.02.2026

Weit weg von allen und Allem, verbringt Adel Moser den Winter an Bord
Foto: Nico Krauss
​Auf der Schlei harrt ein Segler auch im Winter eisern vor Anker aus. Ohne Heizung, ohne Motor, ohne Reue. Porträt eines Grenzgängers.

​Bevor der Schnee kam und das Eis, viel Eis, hatte dieser Winter ihm schon einiges abverlangt. Anfang Januar wütete tagelang ein Sturm aus Südost, der sogar im sonst gut geschützten Noor von Maasholm kurze Wellen aufsteilte. Bei 40, in Böen über 50 Knoten slippte irgendwann in der Nacht der Anker – zu groß war der Winddruck.

Ein unweit neben ihm liegendes Boot war schon zuvor auf Drift gegangen. Es wurde bei Hochwasser ans gegenüberliegende Schleiufer bei Rabel gedrückt. Da liegt es seither auf den Steinen, das Rigg schräg nach Nordwesten gerichtet, der Niedergang offen stehend. Selbst aus der Ferne betrachtet wirkt es wie ein Mahnmal für die Tücken, die mit einer Überwinterung vor Anker verbunden sind.

Der erste Wintersturm - eine schwere Probe

Adel Moser kam glimpflicher davon. Er war an Bord, als seine Finnclipper 35 langsam zu vertreiben begann. Viel auszurichten vermochte er nicht. „Ich hab zwar einen kräftigen Diesel“, erzählt er. „Aber der lässt sich nicht starten, weil dazu erst die Bordelektrik instandgesetzt werden müsste.“ Dafür fehlten ihm im Herbst Geld und Zeit. Und der Außenborder an seinem Dingi hat nur 2,5 PS – viel zu wenig, um die Sieben-Tonnen-Yacht gegen 10 Beaufort zu schleppen.

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So blieb ihm nur, den Zweitanker auszubringen – „und zu hoffen, dass der hält“. Moser hatte Glück: Erst verlangsamte das Eisen die Drift, um dann, kurz vor dem Ufer, im weichen Schlick tatsächlich zu greifen.

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Als am nächsten Tag erst der Wind und dann der Pegel zurückging, saß er zwar doch leicht auf Schiet. Aber der Einhandskipper konnte sich mit Hilfe seines Außenborders, den er an der Badeleiter montierte, und seinem Spi, mit dem er das Boot krängte, am Ende selbst befreien.

„Das war schon knapp“, sagt er. Aber er sagt es so ruhig und nüchtern, als wäre es kaum mehr als eine Episode in einem sonst ganz gewöhnlichen Bordleben.

Ein Zuhause, umgeben von nichts als Natur

Für Adel Moser ist es das auch. Der 42-jährige, der spät zum Segeln gefunden und erst seit drei Jahren ein eigenes Boot hat, setzt sich wie wenig andere der Natur aus. Das Noor, diese Ausbuchtung der Schlei, die Maasholm zur Halbinsel macht, hat er als seinen Vorgarten gewählt. Die Finnclipper begreift er als sein Haus. Nicht nur während der Saison, sondern das ganze Jahr über.

Im November, als die Wassertemperatur ins Einstellige rutschte, war das schon kein Vergnügen. Im Januar, bei bitterem Ostwind und gefühlt minus 15 Grad, wurde es existenziell. Im Februar drohte ihn Eis einzuschließen. Stets harrte der Skipper aus, nur von gelegentlichen Landgängen unterbrochen, um in einem Kanister Wasser zu holen oder zu Fuß nach Kappeln zu marschieren, um Essen einzukaufen.

Sein größter Luxus an Bord ist der Gasherd und ein Solarpaneel, das mit Mühe den Bordakku auf Spannung hält. Darüber lädt er sein Mobiltelefon und versorgt eine LED-Lampe, wenn er sich etwas kocht oder lesen will. Er hat zwar auch eine Gebläseheizung mit Thermostat und 20 Liter Diesel im Tank, um sie zu betreiben. „Aber ich will nix davon verbrennen“, sagt er. „Ich zieh mich halt warm an.“

Für besonders kalte Tage liegt ein dicker Neoprenanzug im Schrank, mit dem er nachts im Zweifel auch in den Schlafsack und unter mehrere Decken kriecht. „Für mich ist das eine Art, meine Umwelt ganz ungefiltert zu erfahren.“ Selten verrammelt er seinen Niedergang. „Sonst lebt man ja nicht richtig.“ Regnet oder schneit es, dann ist das halt so. „Da denk ich jetzt nicht: Hilfe, Regen!“

Entsagung als Gewinn

Anders als bei vielen Bloggern, die sich nicht annährend so exponieren, ist Adel Mosers Leben keine Instagram-Inszenierung. Im Gegenteil: Er entzieht sich. In seiner Einsiedelei auf engstem Raum gewinnt er Abstand von den Zwängen einer Welt, die ihm zwischenzeitlich fremd geworden ist: kompliziert, normiert, überkommerzialisiert. Die Naturerfahrungen im winterlichen Noor helfen ihm, wie er sagt, „wieder zu mir zu finden.“

In dieser Entsagung, die er als Gewinn erlebt, erinnert er an Thies Matzen und Kicki Ericsson, die auf ihrem Neun-Mater-Holzboot „Wanderer III“ zwei lange, harte Winter in Südgeorgien verbrachten. „Zeit war vielleicht unser wichtigstes Gut“, sagt Matzen, rückblickend.

Mosers selbst gewählte Isolation erinnert auch an Chris McCandless, einen jungen Amerikaner aus wohlhabendem Haus, der Mitte der 90er-Jahre all seinem Besitz abgeschworen hatte, um in der Wildnis Alaskas Sinn zu suchen.

Das Buch über ihn, „Into the Wild“, bewegte eine ganze Generation, als es noch keine Smartphones gab, keine Sozialen Netze, keine KI. Es wurde in 30 Sprachen übersetzt, mehr als 170mal neu aufgelegt und 2007 auch verfilmt. Noch heute steht es auf den Lehrplänen vieler Schulen und Universitäten, weil es Ausdruck einer Suche nach Wahrhaftigkeit ist.

Darin heißt es: „So viele Menschen leben unter unglücklichen Umständen und ergreifen dennoch nicht die Initiative, ihre Situation zu ändern, weil sie an ein Leben in Sicherheit, Konformität und Konservativismus gewöhnt sind, das ihnen nur scheinbar Seelenfrieden verschafft. In Wirklichkeit aber schädigt nichts den Abenteuergeist so sehr wie eine sichere Zukunft. Der grundlegende Kern des lebendigen Geistes eines Menschen ist seine Leidenschaft für Abenteuer. Daher gibt es keine größere Freude als einen sich endlos verändernden Horizont.“

In Chris McCandless‘ Tagebucheinträgen spiegeln sich die Erzählungen von Autoren wie Jack London und Henry David Thoreau, die ein Jahrhundert zuvor gleichfalls Frieden und Erfüllung in der rauhen Natur suchten.

Sein Boot ist der Ort, an dem er endlich ankommen kann

Aber Adel Moser, der einen ganz ähnlichen Weg geht, kennt ihre Bücher nicht. Er strebt keinen Vorbildern nach, keiner Philosophie. Er macht, so gut er es vermag, einfach sein Ding.

Wenn er erzählt, dann ruhig, überlegt. So bewegt er sich auch an Bord oder vom Steg aufs Dingi: ohne jede Hast, mit Bedacht. Rudert er an Land, vier Lagen Kleider am Leib und einen großen Rucksack auf dem Rücken, trägt er keine Rettungsweste. „Brauch ich nicht“, sagt er. „Bevor ich einen Schritt mache, hab ich den gründlich durchdacht. Deshalb hab ich keine Angst, auch nicht bei Schnee und Eis. Ich fühl ich mich auf dem Wasser total sicher.“

Sein Boot heißt „Finally“, „Endlich“. Am Bug steht zwar noch der alte Name, „Aniara“, aber der neue passt besser. Darin drückt sich ein Angekommensein aus, das in Adel Mosers Leben lange fehlte.

Geboren in Thüringen, aufgewachsen in Berlin, muss er eine schwierige Kindheit im Kielwasser lassen. Er spricht nicht gern darüber, erwähnt nur einen brutalen Überfall, der ihn ins Krankenhaus gebracht hat. Der Rest liegt hinter den Mauern einer dissoziativen Amnesie, die es ihm noch heute schwer macht, sich in der Welt außerhalb seiner Finnclipper zurechtzufinden.

Er hat keine Berufsausbildung absolviert, kein Studium. Zu lang waren die Schatten seiner frühen Jahre. Aufgrund seiner Amnesie hat er Anspruch auf eine Versorgungsrente: 700 Euro im Monat. Ein Jahr lang hat er nicht mal die in Anspruch genommen, weil er ablehnt, was er „diesen ganzen Geld-Irrsinn“ nennt – dass alles einen Preis hat, selbst ein paar Wattstunden, die er braucht, um seinen Akku zu laden, wenn im grauen norddeutschen Winter mal nicht genug Licht bleibt für die Solarzelle.

Sein Boot hat er geschenkt bekommen. Es stand jahrelang an Land, das Wasser so hoch in der Bilge, dass die Bodenbretter aufschwammen. Aber er hat es flottbekommen, irgendwie, „finally“. Dies ist schon ihr zweiter gemeinsamer Winter zusammen.

„Das Boot, das Segeln – das ist für mich was ganz Besonderes“, sagt Adel. „Ich werde wach! Da ist niemand, der mir ne Tür versperrt. An Bord kann alles andere Schlimme gar nicht passieren.“ Vielleicht verlieren Kälte und Stürme deshalb auch ihre Bedrohlichkeit, weil er die Finnclipper als safe Space erlebt. Im Winter womöglich noch mehr als sonst, weil niemand auch nur in seine Nähe kommt.

Dass die Ausgesetztheit beschwerlich sei, bestreitet er nicht. „Aber es gibt auch wirklich sehr viel Kraft.“ Er freue sich über jeden Moment, sagt er: „Wenn ich mir mein Fahrrad schnappe, an Land rudere, und einfach drauflosfahre, durch die Wälder. Das ist unbezahlbar schön. Oder wenn im Schneefall alles ganz still wird. Wenn es bald wieder warm wird und die Blumen blühen. Da kriege ich riesige Augen!“

Das Boot in all seiner Einfachheit und Unvollkommenheit eröffne ihm eine ganz eigene Welt. „Das ist, wie wenn du ein Buch aufschlägst, und das packt dich einfach.“

Mit dem Rückhalt der Gemeinde

Als starker Ostwind Anfang Februar die Zufahrt zum Noor mit einem dicken Eispanzer verriegelte, der nach und nach auch seine „Finally“ einzuschließen drohte, legte sich Adel einen Fluchtplan mit dem Dingi zurecht, das er notfalls übers Eis ziehen wollte. Doch die Dorfgemeinschaft von Maasholm kam ihm zuvor.

Im Gemeinderat hatten sie die Lage erörtert: Hilfe anbieten oder hoffen, dass der junge Mann schon klarkommen würde? Die Ortsvertreter entschieden sich mit großer Mehrheit für Solidarität.

Bürgermeister Kay-Uwe Andresen trommelte daraufhin sofort ein halbes Dutzend Fischer zusammen, die bereitwillig zusagten. Einer fuhr mit seinem großen stählernen Kutter ins Noor, um das Eis zu brechen. Dann machte sich in einem kleineren Kutter das Bergekommando auf, um den Eremiten von seinem Finnclipper zu evakuieren.

Es war eine zutiefst bewegende Aktion. Adel Moser hatte nicht um Rettung gebeten, stieg aber dennoch dankbar über. Als sie im Gemeindehafen lagen, mit dem Dingi im Schlepp, der Bürgermeister, die Fischer, der Ankerlieger vom Noor, tranken sie gemeinsam eine Tasse Grog, wie das in Maasholm selbst im Sommer Usus ist.

Wer weiß, vielleicht hat der Mann mit der wundersamen Liebe zur Natur ohne es zu wissen längst eine zweite Heimat gefunden. Nicht nur auf dem Wasser, auch im Ort.

​Manchmal bin ich vier, fünf Tage am Stück an Bord. Das Ausgesetztsein gibt wirklich sehr viel Kraft. Angst hab ich keine, auch nicht bei Schnee und Eis.«

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