Wilfried Erdmann nimmt Abschied„Den richtigen Zeitpunkt habe ich verpasst“

Johannes Erdmann

 · 01.09.2022

Wilfried Erdmann nimmt Abschied: „Den richtigen Zeitpunkt habe ich verpasst“Foto: YACHT/N. Krauss

Fast sechs Jahrzehnte war Segeln sein Leben. In einem bewegenden Post auf seiner Website nimmt der bekannteste deutsche Segler Wilfried Erdmann Abschied von seiner großen Leidenschaft

„Die See ist weiß. Wind hart aus West. Der Atem Gottes begleitet mich auch hinter Kap Hoorn. Kurz nach Mitternacht gibt es noch mal einen Knock-down, aber ich bin nicht mehr so empfindlich, wie eine Seeanemone, die, wenn man sie anpikt, sich sofort zitternd zusammenrollt. Beim Frühstück denke ich gar: ,Was nur 7? Schönwettersegeln, da muss ich an Deck und ausreffen.‘ Kurz darauf überrascht mich ein Brecher von achtern im Cockpit. Er füllt das gesamte Cockpit und schwemmt übers Deck bis Mitte Aufbau. ,Das lasst ihr jetzt mal!‘, schreie ich die Wellen an. Meine Strümpfe sind doch nass geworden.“

Ein Logbucheintrag von Wilfried Erdmann aus „Die Magische Route“ über einen Sturm am 2. März 1985. In dem Buch beschreibt er seine größte Reise: einhand und nonstop um die Welt auf einem nur zehneinhalb Meter langen Boot. Als erster Deutscher. Anschließend sollte es 35 Jahre dauern, bis Boris Herrmann als zweitem Deutschen solch eine Nonstop-Fahrt gelingt. Allerdings mit einem fast doppelt so langen Boot.

Kaum ein Mann hat den Segelsport in Deutschland nachhaltiger geprägt als Wilfried Erdmann. Bereits mit Mitte 20 segelte er auf seiner hölzernen und nur 7,60 Meter langen „Kathena“ als erster Deutscher einhand um die Welt. Sein erstes Buch „Mein Schicksal heißt Kathena“ erschien Ende der sechziger Jahre als Jugendbuch bei Oetinger und DTV Junior, lag in vielen Schulbibliotheken und eröffnete vielen Jugendlichen nicht nur einen Weg aufs Wasser, sondern auch ein Themenfeld, das sie mit einem Jollensegelbuch wohl niemals für sich entdeckt hatten: die Möglichkeit, mit einem Boot die Welt zu entdecken.

Wilfried und Astrid Erdmann während ihrer Hochzeitsreise rund um die WeltFoto: YACHT-Archiv/W. Erdmann
Wilfried und Astrid Erdmann während ihrer Hochzeitsreise rund um die Welt

Es folgten weitere, spektakuläre und in gut bebilderten Büchern dokumentierte Reisen, wie die Weltumsegelung als Hochzeitsreise mit seiner Frau Astrid (1969–1972), drei Jahre „Gegenwind im Paradies“ auf einer Fahrt mit Astrid und Sohn Kym von Neuseeland nach Frankreich (1976–1979) und dann sein größtes Abenteuer, zugleich für Erdmann der nächste logische Schritt: nonstop um die Welt zu segeln (1984–1985). Eine Reise, die er viele Jahre später sogar mit demselben Boot wiederholte. Allerdings dann als erneute Steigerung, gegen die vorherrschenden Windrichtung, von Ost nach West durchs Südpolarmeer (2000–2001). Eine sportliche Leistung, die nur wenige Menschen zuvor oder seitdem vollbracht haben.

„Kathena Nui“ macht im Sommer 2001 nach 343 Tagen auf See in Cuxhaven festFoto: YACHT/H. Kiesel
„Kathena Nui“ macht im Sommer 2001 nach 343 Tagen auf See in Cuxhaven fest

Fast sechs Jahrzehnte war Segeln und darüber zu schreiben sein größter Lebensinhalt. Unzählige Stürme hat Wilfried Erdmann mit seinen 82 Jahren überstanden und weit über 150.000 Seemeilen geloggt. Vor einigen Jahren reaktivierte er seine motorlose „Kathena Nui“ nach jahrelanger Standzeit noch einmal und ließ einen Dieselmotor installieren, um seinen Ruhestand von den Hochseeabenteuern mit ein paar Reisen auf Nord- und Ostsee zu verbringen. Doch nun hat er in einem Post mit dem Titel „Segeln müssen wir aufgeben“ auf seiner Website offiziell Abschied vom Segeln genommen.

„Aus Boot zu Wasser mit Reparaturen, mit Segeln allgemein wurde es nix“, schreibt er im Rückblick auf den vergangenen Sommer und nennt als Grund seine Gesundheit. „Mir ging es schlecht. Und in der Tat, ich bin immer noch krank.“ Ein längerer Krankenhausaufenthalt und eine Operation liegen bereits hinter ihm. Ein weiterer, sehr persönlicher Sturm.

Wilfried Erdmann in seinem Haus in Goltoft an der SchleiFoto: YACHT/N. Krauss
Wilfried Erdmann in seinem Haus in Goltoft an der Schlei

„Wie es weitergeht, ist noch nicht entschieden“, fasst er in seinem Blogeintrag zusammen und resümiert selbstkritisch, dass er wohl zu lange mit der Entscheidung, mit dem Segeln aufzuhören, gewartet hat. „Den richtigen Zeitpunkt habe ich leider verpasst“, schreibt er.

Seine Fans und Leser rührte dieser Post zu unzähligen Kommentaren und Reaktionen auf Facebook. Allesamt mutmachende, aber auch sorgenvolle Worte und Respektbekundungen. Viele nutzten die Gelegenheit, dem Segelhelden ihrer Kindheit und Lieblingsautoren einfach einmal Danke zu sagen. Für die Leistungen, die er vollbracht hat – und vor allem für das Feuer, das er durch seine Vorbildfunktion in ihnen entfacht hat: selbst einmal die Segel zu setzen. „Du und deine Reisen haben mein Leben bereichert“, ist da zu lesen, „Du hast uns Träume geschenkt“ und „Durch dich bin ich zum Segeln gekommen“. Seine Bücher lehrten und prägten viele. Der Tenor der Kommentare lautet: „Auch wenn du nun nicht mehr selbst segeln kannst, so wirst du doch immer bei uns an Bord sein.“

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