WeltfrauentagIm Segelsport hat sich viel getan – und doch nicht genug

Lars Bolle

 · 08.03.2026

Weltfrauentag: Im Segelsport hat sich viel getan – und doch nicht genugFoto: KI-generiert
Symbolbild, bei der Abbildung handelt es sich nicht um die Autorin.
​Zum Weltfrauentag veröffentlichen wir einen Text, der uns sprachlos gemacht hat. Nicht wegen seiner Radikalität – sondern wegen seiner Normalität. Eine Seglerin schreibt über Ausgrenzung im Yachtclub, über das Lächeln der Männer, wenn sie das Steuer übernehmen will, über Regatten, bei denen ihre Meldung schlicht nicht gilt. Sie beschreibt eine Welt, die sich manche Seglerin wohl auch sofort vorstellen kann. Der eigentliche Aha-Effekt kommt am Ende.

​Anlässlich des Weltfrauentags haben wir nach Stimmen gesucht, die beschreiben, wie es sich anfühlt, als Frau im Segelsport ernst genommen werden zu wollen. Wir hätten viele aktuelle Seglerinnen fragen können. Wir hätten Clubmitglieder, Regattaseglerinnen oder Trainerinnen interviewen können. Stattdessen sind wir auf diesen Text gestoßen: klarer, pointierter und mutiger als die meisten Texte, die wir heute lesen.

Die Autorin ist Clubmitglied. Sie ist Bootseignerin. Sie hat Regatten gewonnen. Und sie kämpft dennoch darum, dass ihre Stimme im Yachtclub zählt, dass ihre Meldung bei Wettfahrten angenommen wird, dass sie als vollwertige Seglerin gilt – und nicht als dekoratives Beiwerk an Bord.

Lest ihren Text! Und behaltet dabei die Frage im Hinterkopf: Wann könnte das geschrieben worden sein?

von Lisa Holzlechner

Vorbemerkung

Ich möchte eins voransetzen – ich beabsichtige im Nachfolgenden ganz gewiss keine aggressive Tendenz gegen meine männlichen Sportsgenossen, ich habe nämlich durchaus keine Lust, als Frauenrechtlerin angesehen zu werden, und andererseits habe ich mich im Allgemeinen im Kreis meiner Kameraden immer ganz wohl gefühlt und hoffe es als künftige Seemannsfrau noch mehr zu tun.

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Willkommen – aber nicht ernst genommen

Nein, keine Vorwürfe, nur eine sanfte Bitte will ich an Sie richten. Mulier taceat in ecclesia – resp. im Yachtclub. Oft genug bekam ich diese schöne Weisheit wörtlich und sub rosa von meinen Clubkameraden zu hören, wenn ich es wagte, in seglerischen Fragen auch mitreden zu wollen.

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Und ich bin doch Mitglied des DSV, war jahrelang auf allen möglichen und unmöglichen Gewässern herumgegondelt, hatte so manche kleine und große seglerische Dummheit hinter mir, war glückliche Eignerin zweier Boote gewesen – es half alles nichts. „Eine Dame hat im richtigen, echten Segelsport nichts zu suchen" – das ist die allgemeine Meinung. Und warum? Ich möchte es gerne wissen.

Auf allen Gebieten des Sports hat die Frau der Neuzeit sich das Feld erobert, sie bezwingt die kühnsten Gipfel, sie springt und läuft auf ihren Skiern mit den männlichen Genossen um die Wette, sie erwirbt sich das Pilotenzeugnis und lenkt sicher und ruhig ihr Flugzeug durch den Luftozean, sie holt sich anstandslos den Führerschein für das Auto – bloß im Segelsport nimmt man sie niemals für voll.

Die Frau an Bord

Es ist wahr, man lädt uns ein auf die Yacht und freut sich, wenn das junge Mädel an Bord die Rolle des allbekannten süddeutschen ‚Skihaserl' spielt und hilflos mit großen Augen um sich blickt, lacht über seine verkehrten technischen Bezeichnungen und amüsiert sich manchmal in der Flaute recht gern mit ihm als Flirtobjekt.

Hie und da kommt es auch vor, dass wir Messing putzen und Deck scheuern dürfen, ganz gern überlässt man uns das Abspülen und bereits etwas misstrauisch das Kochen. Ist ‚sie' wirklich flott und schneidig und möchte in ehrlicher Begeisterung ihre junge Kraft aktiv betätigen, dann gibt man ihr wohlmeinend eine Vorschot in die Hand oder lässt sie gar zum ‚Backstagsmädel' avancieren.

Das ist aber schon sehr viel, und der angstgequälte Steuermann bekommt Sorgenfalten auf der Stirn und hört im Geiste bereits den Mast krachen, denn ‚sie' wird beim Wenden natürlich vergessen, die neue Luvpardune zu belegen.

Das Argument der körperlichen Kraft

Fragt man die männlichen Kameraden, warum sie uns gar so gering einschätzen, zucken sie mitleidig ironisch die Schultern, und wenn sie recht höflich sein wollen, heißt's bedauernd: „Ach nein, das strengt eine Dame zu sehr an, sie taugt zum Segeln nicht, weil die körperliche Kraft fehlt."

Meine lieben Herren Sportskameraden, das ist nicht wahr. Die Mittelmaßleistung, was Kraft anbelangt, ist bei der Frau dem Manne gegenüber meist ebenbürtig, wenn freilich nicht zu große Anforderungen gestellt werden.

Als ich heuer mich mit einer Gruppe alter Segler herumstritt, hieß es: „Führen Sie allein eine 8 m-R-Yacht bei 6 m Brise, dann wollen wir Sie als ebenbürtig ansehen." Ich habe ja allen Respekt vor solchen Rekordleistungen, aber von meinen Bekannten machte jeder ein bedenkliches Gesicht – versucht hat's keiner.

Dagegen habe ich auf einem 7 Sl.-Boot erlebt, dass bei einer stürmischen Regatta der Großschotmann vom beständigen Holen und Fieren hart am Wind erschöpft und bleich plötzlich seine Großschot im Stich ließ und sie aufatmend in die Hände – des Backstagsmädels legte, das denn auch seine Pflicht tat bis zum Schluss.

Nervosität und Geistesgegenwart

Man macht uns oft den Vorwurf starker Nervosität und fehlender Geistesgegenwart bei schwierigen Situationen. Ich sah schon so manchen Yachteigner oft wegen Kleinigkeiten fluchend und jammernd mit seiner unglücklichen Mannschaft an Deck herumwettern; sprach man ihm dann von Nervosität, gab's große Augen. „Ich nervös – niemals, das sind nur Damen beim Segeln."

Und die Geistesgegenwart? Das ist natürlich individuell. Es ist wahr, ich habe schon auf meinem Boot weibliche Gäste gehabt, die bei jeder Bö in Todesangst um Hilfe flehten und bei Havarien gewiss erst nach einer halben Stunde zu einer richtigen Überlegung reif gewesen wären. Doch so sind sie nicht alle.

Das echte, geschulte und trainierte Sportgirl wird seine fünf Sinne auch in gefährlichen Situationen beisammen behalten und in der Gefahr ruhig und kaltblütig seine Anordnungen treffen.

Mathematik und technisches Wissen

Ein anderer Einwurf ist, dass einer Dame die nötigen mathematischen Grundregeln fehlen, dass sie von Technik, Bootsbau und Nautik keinen blassen Schimmer zu haben pflegt usw. Es stimmt nicht ganz. Die moderne Frau hat in der Regel in ihrer Schulzeit schon so viel von der gefürchteten Mathematik gelernt als sie braucht, wenn sie auch nicht in zwei Minuten das Besteck aufzumachen versteht oder aus dem Kopf die verzwicktesten nautischen Berechnungen lösen kann.

Zu einfachem Touren- und Regattasegeln ist das nicht nötig, und – Hand aufs Herz, meine Herren Kameraden – ich glaube, dass unter sonst tüchtigen Herrenseglern weitaus der größte Teil bei nautischen Aufgaben recht kleinlaut würde und die wenigen anderen schleunigst nach Logarithmentafeln riefen.

Schiffsbau und Schiffbautechnik? Naja, es gibt so viele wunderschöne Werke in der Fachliteratur, die leicht fasslich geschrieben sind – ich erinnere nur an ‚Yachtbau und Yachtsegeln' –, dass dieser Lücke der seglerischen Bildung auch bei einer Dame schnell abgeholfen ist. Und die Frau der Moderne, die die komplizierte Mechanik von Flugzeug und Auto beherrscht, wird auch mit der einfacheren Handhabung einer Yacht noch fertig werden.

Regattasegeln: Die letzte Bastion

Nun kommt noch ein wunder Punkt: Regattasegeln – die hohe Schule des Segelsports. Da hat die böse Intoleranz unserer männlichen Kameraden eine wahre Chinesische Mauer geschaffen – wehe der Dame, die es wagt, ins Allerheiligste vorzudringen! In der Regel lässt man ihre Meldung nicht gelten – sie darf einfach nicht starten. Gründe? Sie ist kein Mann, das muss genügen.

Es ist wahr, Regattasegeln ist gar nicht so einfach, ich hab's selbst erfahren, als ich vor Jahren als blutjunge grüne Seglerin in meiner ersten Regatta stolz am Ruder saß und von Regattengesetzen, Ausweichregeln usw. keine Ahnung hatte. Unter großem Jubel ward die Boje falsch gerundet und eine unvorsichtige Sonderklasse, die nicht gleich weit genug abfiel, an der Außenhaut schnöde misshandelt. „Ja, wenn Damen Regatten fahren wollen…!!!"

Aber Ausweichregeln und ähnliche schöne Dinge prägen sich mit der Zeit ein, und die geheimsten Regattenkniffe lernt man von der Konkurrenz auch nach und nach, und eine Dame, das behaupte ich fest, kann, falls sie Talent, Übung, ein gutes Boot und richtig getrimmte Mannschaft besitzt, ebenso gute Erfolge in Wettfahrten haben wie ihr männlicher Sportskamerad.

Aber sie darf's eben nicht, sie ist von vornherein verurteilt, nichts, radikal nichts zu können, und unsere lieben Genossen, mögen sie sonst noch so nett und liebenswürdig sein, in der Regatta verwandeln sie sich in wahre Musterexemplare männlicher Intoleranz. Aller Konkurrenzneid wird vergessen, man gönnt gern dem lachenden Dritten den Vorsprung, wenn man nur ‚sie' durch einen endlosen Luvingmatch hinausbringt, man guckt mit Augen und Feldstecher, ob sie nicht doch eine Boje berührt, oder überlegt, wie man den Eindringling sonst ein bisschen ärgern kann – während alldem sitzt an den Wanten schon feierlich einer von der Crew und hält krampfhaft eine ominöse Nationale in der Hand – vielleicht gibt ‚sie' doch noch Anlass zu einem ordentlichen Protest….

Und wenn's nicht gelingt, gibt's lange Gesichter. Als ich in meiner ersten Regatta vor Jahren vergnügt eine Dummheit nach der anderen machte, nickten die Kameraden – als ich bei meiner letzten heuer zwei Preise heimholte, schüttelten sie ungläubig die Köpfe: „So ein Dusel – unerhört!" Dass Erfolge aber eine ehrliche Anstrengung und eine wirkliche Arbeit bedeuten, das bedenken sie nicht.

Appell an die Kameraden

Ich wende mich an meine Kameraden und spreche im Namen vieler Segelschwestern zu ihnen: „Lasst es anders werden, sorgt dafür, dass die ungerechten Bestimmungen, die in den meisten Clubs uns als ordentliche Mitglieder ausschließen, aufgehoben werden, und dass Paragraphen, die uns auf offenen Regatten die Führung einer Yacht verbieten, aus den Gesetzen des D.S.V. verschwinden.

Unser schöner Sport ist sonst so fortschrittlich, bringt so viel Neues Jahr für Jahr – weshalb ist man uns gegenüber so reaktionär gesinnt? Wir wollen ganz gewiss nicht als Suffragetten des Segelsports auftreten und uns in alles Mögliche und Unmögliche einmischen – nein, wir wünschen uns nur das Recht ehrlicher Mitarbeit und auch das nur auf Grund vorher in einem Führer- oder Steuermannsexamen nachgewiesener Befähigung; wir wollen nicht eine Konkurrenz mehr bedeuten für unsere männlichen Sportsgenossen, sondern gute Kameradschaft halten, um in gemeinsamem Wetteifer beizutragen zur Hebung und Förderung unseres schönen deutschen Segelsports."


Dieser Text erschien erstmals in der YACHT – im Jahr 1914! Er ist also 111 Jahre alt. Doch sind nicht manche seiner Passagen heute noch aktuell?


Lars Bolle

Lars Bolle

Chefredakteur Digital

Lars Bolle ist Chefredakteur Digital und Gründer von YACHT-Online. Viele Jahre war der Diplom-Sportwissenschaftler als Redakteur der YACHT in den Bereichen Sport und Seemannschaft tätig und hat die größten Segelsport-Veranstaltungen der Welt begleitet, vom America's Cup bis zu Olympischen Spielen. Seine persönliche Segel-Vita reicht vom Leistungssport in der Jolle (Deutscher Meister 1992 im Finn Dinghi) über historische und moderne Jollenkreuzer bis hin zu europaweiten Charter-Törns.

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