Vorabdruck “Kurswechsel ins Blaue”Wie ökologisch verträglich ist eine Segelreise?

YACHT

 · 19.06.2026

Katrin Linke beim Verlegen eines Solarpanels auf dem Aufbau ihrer „Ocean Twins“.
Foto: Katrin Linke/Karsten Brensing
​In dem jetzt erschienenen Buch „Kurswechsel ins Blaue“ resümiert ein Paar den ökologischen Fußabdruck seiner Langfahrt mit Kindern. Das Ergebnis überrascht.

Themen in diesem Artikel

​Liebe Leserinnen und Leser, an dieser Stelle meldet sich ganz explizit Ihr Co-Autor zu Wort. Obwohl ich eigentlich sehr gern schreibe, habe ich auf dieses Kapitel wirklich keine Lust. Das liegt nicht daran, dass mir das Thema nicht wichtig wäre. Ich habe zehn Jahre im Umweltschutz gearbeitet, und als wir aus einer Wohnung in Berlin mit Doppelfenstern aus dem Jahre 1930 und einer uralten Ölheizung im Keller in unser Haus in Erfurt gezogen sind, war ich glücklich darüber, meinen CO₂-Fußabdruck drastisch zu reduzieren.

Jeder Deutsche setzt übrigens mehr als 10 Tonnen CO₂e im Jahr frei. Das kleine e steht für Äquivalent und bedeutet, dass auch die Freisetzung anderer schädlicher Treibhausgase mit eingerechnet ist. So entspricht beispielsweise 1 Kilogramm Methan fast 30 Kilogramm CO₂, weil Methan schädlicher für das Klima ist.

Dank der Sanierung ist unser Haus so gut isoliert, dass uns eine Wärmepumpe ausreicht, die gerade mal 2 Kilowatt Leistung hat, genauso viel wie ein Föhn. Es ist also fast so, als würden wir unser Haus mit einem Föhn heizen.

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​Die große Hoffnung: Leben auf dem Boot als Klimavorteil

Von dem Umzug auf unser Boot habe ich mir in Sachen Fußabdruck noch viel mehr versprochen, schließlich würde ich auch den Bereich Mobilität drastisch reduzieren können: Kein Weg zur Arbeit, zur Schule oder in den Urlaub.

Doch mein Traum und die Realität sollten auseinanderdriften, und so wurde das Thema Nachhaltigkeit zur Zerreißprobe. Hoch motiviert wie ich war, holte eine Feststellung von Katrin mich auf den Boden der Tatsachen zurück: Unser Boot besteht aus Plastik, Stahl und Aluminium – alles Materialien, die in ihrer Herstellung besonders energieaufwendig sind. Und so stand die Frage im Raum: Ist Segeln überhaupt so umweltfreundlich, wie man denkt?

​Wie klimafreundlich ist ein Boot wirklich?

Daher habe ich die Materialien mal unter die ökologische Lupe genommen: Die Harze, die die Glasfasern unseres Boots zusammenhalten, schlagen mit bis zu 7 Kilogramm CO₂e pro Kilogramm Harz zu Buche, Polyester mit bis zu 14, und Aluminium kann sogar bei über 20 Kilogramm CO₂e pro Kilogramm liegen. Ich bin ehrlich, ich stecke in der Materie nicht drin und wusste nicht, wie ich diese Werte einordnen sollte, also habe ich zum Vergleich recherchiert, wie viel Kilogramm CO₂e bei der Produktion von 1 Kilogramm Rindfleisch entstehen. Es sind 112 Kilogramm, und ich war einigermaßen geschockt. Eindeutig ein Punkt fürs Boot, die Materialien sind ja alle nicht so schlimm. Ja, ich weiß, was Sie jetzt denken: Ein 10 Tonnen schweres Boot ist kaum mit einem Steak auf einem Teller zu vergleichen.

Also gut, weiter recherchieren: Ein Boot unserer Größe produziert, bis es fertig hergestellt ist, satte 100 Tonnen CO₂e, also so viel wie ein Deutscher in zehn Jahren, das ist schon ein fetter Brummer. Aber ein Haus von 120 Quadratmetern in Massivbau produziert genauso viel, also egal, irgendwo muss man ja wohnen. Nicht ganz, ein Haus steht, wenn es gut gebaut ist, ein paar Hundert Jahre, die ältesten GFK-Boote, die ich kenne, sind aus den 1960er Jahren.

​Die unbequeme Wahrheit

Machen wir es einfach: Wir sind bisher von Griechenland nach Panama gesegelt und haben 4.000 Liter Diesel verbraucht, also 4 Kubikmeter fossilen Brennstoff. Für mich fühlt sich das irrsinnig viel an, immerhin liegt ein Kubikmeter davon schwer auf meinen persönlichen Schultern. Rechnet man Förderung, Transport und Raffinierung mit ein, dann produziert ein Liter Diesel circa 3,2 Kilogramm CO₂e. Meine persönliche Last ist also 3,2 Tonnen schwer.

Um mich zu trösten, berechne ich den Fußabdruck einer Person bei einem Flug von Griechenland nach Panama. Es sind nur 2,2 Tonnen. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Natürlich haben wir auf unserer Reise ein paar sehr schöne Umwege gemacht, aber geschockt bin ich trotzdem.

Also schaue ich mir an, wie sich die CO₂e-Freisetzung eines durchschnittlichen Deutschen verteilt und wo wir auf unserem Boot vielleicht weniger oder auch mehr verbrauchen. Legt man die oben genannten 10 Tonnen pro Jahr zugrunde, dann sieht die Verteilung folgendermaßen aus:

  • 28 % Konsum = 2,8 t CO₂e
  • 22 % Wohnen = 2,2 t CO₂e
  • 19 % Mobilität = 1,9 t CO₂e
  • 15 % Ernährung = 1,5 t CO₂e
  • 11 % Öffentl. Infrastruktur = 1,1 t CO₂e
  • 5 % Strom = 0,5 t CO₂e

​Die Bordbilanz: Wo das Leben unterwegs CO₂ spart

Am Konsum kann ich nicht viel ändern, der ist auf dem Boot ähnlich wie an Land, vielleicht ein bisschen weniger, weil man einfach weniger shoppen geht, also reduziere ich mal auf 2,5 Tonnen. Beim Thema Wohnen sind wir spitze, denn alles, was wir verbrauchen, erzeugen wir selbst, also 0 Tonnen.

Zwar haben wir den Generator im Notfall genutzt, doch dessen Diesel kommt mit in die Mobilität. Ich hatte oben schon vorgerechnet, dass auf mein persönliches Konto 3,2 Tonnen für unsere Segelreise gehen, mehr als wenn ich geflogen wäre. Auf vier Jahre Reise gerechnet sind das 0,8 Tonnen pro Jahr. Puh, denke ich, Schwein gehabt, denn in Deutschland hätte ich 1,9 Tonnen produziert.

Nun zum Punkt Ernährung: Als Vegetarier erzeuge ich circa 40 Prozent weniger CO₂e für meine Lebensmittel und darf mir 0,6 Tonnen abziehen. Bleiben also 0,9 Tonnen für Ernährung.

Der Punkt Öffentliche Infrastruktur ist schwer abzuschätzen. Wenn wir vor Anker liegen oder von A nach B segeln, brauchen wir sie nicht. Manchmal liegen wir aber auch vor einem großen Hafen, mieten uns ein Auto und bummeln in einer Stadt. Sagen wir also 0,5 anstelle von 1,1 Tonnen.

Strom haben wir über Solar selbst erzeugt, und der Dieselverbrauch des Generators steckt schon in der Mobilität drin. Hier also auch 0 Tonnen. In Summe ergeben 2,5 + 0,8 + 0,9 + 0,5 also 4,7 Tonnen. Das ist nur die Hälfte von dem, was ich in Deutschland produziert hätte!

​Wenn Nachhaltigkeit zum teuren Frustprojekt wird

Zufrieden lehne ich mich zurück, doch ein kleines Teufelchen flüstert süffisant in mein Ohr: „Du weißt, dass das gelogen ist!“ Zähneknirschend rechne ich weiter, denn ich komme zu dem eigentlichen Grund, warum es mir überhaupt keinen Spaß macht, dieses Kapitel zu schreiben. Ich fühle mich nämlich betrogen. Betrogen um 10.000 Euro Solarinvestitionen, betrogen um 10.000 Euro Investitionen in Elektromotoren und betrogen um insgesamt mindestens drei Monate Lebenszeit mit Reparaturarbeiten und frustriertem E-Mail-Verkehr.

Solar auf dem Dach: Für die Strom­erzeugung entschieden wir uns für flexible Solarmodule für 7.500 Euro. Die Module wurden für ihre Einsetzbarkeit im marinen Bereich beworben und schienen ideal für die leichten Rundungen unserer Dachform. Um Überhitzung zu vermeiden, baute ich eine Unterkonstruktion. Material und Kleber schlugen mit zusätzlichen 2.000 Euro zu Buche. Durch die Unterlüftung konnte die Temperatur auch bei starkem Sonnenschein unter 50 Grad Celsius gehalten werden – das erhöht den Wirkungsgrad und lässt die Module weniger schnell altern.

Die Leistung der Module betrug insgesamt 7 Kilowatt, eine Energiemenge, die genügt, um unser Boot durchs Wasser zu schieben. Pro Kilowatt Solar muss man zur Herstellung unserer Module ungefähr 45 Kilogramm CO₂e in Kauf nehmen – für uns also etwas über 300 Kilogramm CO₂e. Wenn man für die Unterkonstruktion noch mal 200 Kilogramm dazurechnet, ist man bei 500 Kilogramm CO₂e. Leider war jedoch gleich die erste Lieferung von so schlechter Qualität, dass sie ersetzt werden musste. So waren es schon zwei mal 500 Kilogramm, also eine ganze Tonne – kein gutes Vorzeichen für unsere nachhaltige Weltumseglung.

Auch die zweite Lieferung stellte sich als Elektroschrott heraus. Schlussendlich entschlossen wir uns, auf den Kanaren ganz normale Solarmodule zu installieren, wie man sie von Hausdächern kennt. Die sind nicht flexibel, sechsmal so schwer und schlugen mit einer Leistung von 3 Kilowattpeak mit 1.500 Kilogramm CO₂e in unsere Ökobilanz. So waren es schon 2,5 Tonnen.

​Vom Hoffnungsträger zum Totalschaden

Elektrischer Antrieb für unseren Katamaran und das Beiboot: Nach viel Recherche hatte mich ein besonders vielversprechendes und leistungsstarkes Modell mit über 10 Kilowatt überzeugt. Dies entspricht in etwa einem 20-PS-Außenmotor – ideal für unser Beiboot. Seit Langem träumte ich davon, die Motoren meines zukünftigen Katamarans mithilfe von Sonnenenergie zu betreiben. Und so überlegte ich anfangs, sogar fünf E-Motoren zu bestellen: einen fürs Beiboot und vier für unseren Katamaran – für jeden Rumpf zwei. Dieses Setting wollte ich ein paar Jahre ausprobieren, und dann wären die alten Dieselstinker von Bord geflogen.

Zum Glück legte Katrin Veto ein, und wir fanden zu einem, wie ich fand, faulen Kompromiss: Wir würden nur zwei Motoren bestellen – einen fürs Beiboot und einen als Flautenschieber für unseren Katamaran. Für mich war das ein Schlag ins Gesicht, denn damit hatte es sich ausgeträumt, unser Boot elektrisch zu betreiben. Ein Motor würde zwar reichen, um unseren Katamaran bei Windstille auf spiegelglatter See mit 3 oder 4 Knoten voranzutreiben, aber zum Manövrieren oder gar zum Einfahren des Ankers ist das einfach zu wenig Power. Heute bin ich Katrin für ihre Vorsicht unendlich dankbar, denn das, was ich absolut nicht für möglich gehalten habe, trat ein: Die Motoren waren Schrott am Fließband. Unsere ersten zwei hielten jeweils circa vier Wochen, dann rosteten sie von innen und der Rost fraß die wasserdichte Isolierung auf.

Motor Nummer drei hielt auch vier Wochen und sah danach genauso verrostet aus wie seine Vorgänger. Die letzten beiden Ersatzmotoren wurden uns bis in die Karibik geliefert, wo sie etwas länger hielten, aber aufgrund anderer Konstruktionsmängel auch bald ihre Funktion einstellten. Frustriert kauften wir uns entgegen meiner Überzeugung einen 25-PS-Zweitakt-Benziner. Zwei­takter sind eine Umweltkatastrophe, aber sehr einfach gebaut, und man kann sie leicht selbst reparieren.

Ökobilanz des Motorenfiaskos

Ein E-Motor erzeugt bei seiner Herstellung circa 200 Kilogramm CO₂e, immerhin weniger als ein fast doppelt so schwerer Benzinmotor, der mit 300 Kilogramm CO₂e zu Buche schlägt.

Nun kommt aber noch der Transport von circa 50 Kilogramm Luftfracht hinzu, der verursacht etwa 400 Kilogramm CO₂e. Wir rechnen also mit 600 Kilogramm pro Motor, was bei fünf Motoren 3 Tonnen CO₂e für unseren Elektroschrott ergibt. Gemeinsam mit der Tonne für die funktionsuntüchtigen Solarmodule sind das 4 Tonnen nur für Abfall.

Am Ende muss ich gestehen, dass ich mich von der Welt verschaukelt gefühlt habe. Das vom Zoll beschlagnahmte Beiboot, die zwei Lieferungen nicht funktionierender Solarmodule und die fünf kaputten Elektromotoren haben über Monate für Ärger gesorgt.

​Am Ende bleibt ein Plus – aber kein gutes Gefühl

Fassen wir unsere Ökobilanz am Ende grob zusammen: Jeder Deutsche produziert im Durchschnitt pro Jahr 10 Tonnen CO₂e. Unsere kleine Familie hätte statistisch gesehen in den vier Jahren unserer Reise 160 Tonnen CO₂e produziert. Trotz unserer Fehlinvestitionen lagen wir vermutlich ungefähr bei der Hälfte und haben 80 Tonnen gespart. Wenn wir allerdings unsere Flüge (Deutschland–Griechenland, Portugal–Deutschland, Deutschland–Portugal und Panama–Deutschland) mit einrechnen, dann kommen wieder 40 Tonnen drauf. Alles in allem bleiben wir mit großer Wahrscheinlichkeit in einem dicken Plus … Doch ich hatte mir das anders vorgestellt.


​Über das Buch “Kurswechsel ins Blaue”

yacht/100215414_8da433b8c2b9bd1f62fa8953498ac528Foto: Katrin Linke/Karsten Brensing

In „Kurswechsel ins Blaue“ schildern Katrin Linke und Karsten Brensing ihre zweieinhalb Jahre lange Reise mit Kindern und Katamaran vom Mittelmeer in die Karibik (Malik, 22 Euro).

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