VorabdruckEinhandweltumsegler Alain Gerbault über seine Reise mit “Firecrest”

YACHT

 · 09.05.2026

Alain Gerbault während seiner Weltumsegelung an Deck des 39-Fuß-Kutters „Firecrest“.
Foto: Kontrabande Verlag
​Alain Gerbault segelte mit dem Kutter „Firecrest“ 1923 bis 1929 als erster Europäer einhand um die Welt. Sein Buch erschien jetzt auf Deutsch. Auszug aus dem Vorwort.

Themen in diesem Artikel

​Ich bin in einem freundlichen Haus nahe New York, es ist ein ruhiger Abend. So ruhig, dass ich mich frage, ob mein außergewöhnliches Abenteuer der letzten Monate wirklich geschehen ist. Durch das Fenster sehe ich die Meerenge von Long Island und den Mast meiner „Firecrest“, nur ein paar Hundert Meter entfernt am Pier von Fort Totten.

Es ist kein Traum. Ich habe den Atlantik allein überquert und bin jetzt in den Vereinigten Staaten. Vor weniger als einem Monat, inmitten von Stürmen und riesigen Wellen, musste ich in jedem Moment um mein Leben kämpfen.


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Hier, griffbereit, liegt mein Logbuch, das ich gewissenhaft geführt habe, selbst bei schwerstem Wetter. Ich blättere da­rin, das Salzwasser ist noch nicht ganz getrocknet, und meine Augen fallen auf diesen Abschnitt meiner Reise:

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„An Bord der Firecrest, am 14. August, auf See bei 34 Grad 45 Minuten nördlicher Breite und 56 Grad 10 Minuten westlicher Länge, starker Westwind. Das Boot wurde die ganze Nacht hindurch heftig durchgeschüttelt und immer wieder schlugen schwere Seen darüber hinweg. Um vier Uhr morgens reißt die Fockschot und ich muss die Schot spleißen. Das Deck ist völlig unter Wasser. Obwohl alle Luken geschlossen sind, ist im Inneren alles durchnässt. Es ist keine Kleinigkeit, mein Frühstück zuzubereiten – ich brauche zwei Stunden akrobatischer Anstrengung, um eine Tasse Tee und ein paar Scheiben gebratenen Speck zustande zu bringen, nicht ohne mir dabei mehrfach den Kopf an den Schotten zu stoßen.

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Um neun Uhr zerreißt die Sturmfock. Das Boot wird so stark durchgeschüttelt und der Wind ist so heftig, dass ich nicht einmal versuchen kann, sie zu reparieren. Alle meine Gläser und Tassen sind zu Bruch gegangen.

Um Mittag bricht eine gewaltige Welle über das Deck und reißt die Luke des Segelschotts fort. Die Wellen werden immer höher, das Meer ist jetzt ungeheuerlich und der Wind tobt. Es bläst so stark, dass meine Segel nicht mehr halten. Ein Loch entsteht in der Sturmfock und das Großsegel reißt entlang der Mittelnaht auf – ein drei Meter langer Riss. Ich muss die Segel bergen, um sie zu retten. Doch das ist kaum möglich bei diesem Wind, dieser See, ohne mich dabei der Gefahr auszusetzen, über Bord gewaschen zu werden!

Auf dem nassen, glitschigen Deck kann ich mich kaum auf den Beinen halten, und es dauert eine volle Stunde, bis ich diese gefährliche Arbeit erledigt habe. Ich denke daran, das Treibsegel zu setzen, aber der Wind nimmt weiter zu. Jetzt ist es ein echter Sturm. Kein Segel kann diesem Wetter standhalten. Die Wanten singen genau die gleiche Tonlage wie ein schnell fahrender Zug – das bedeutet, dass der Wind über 60 Meilen pro Stunde erreicht hat.

Es ist der Moment, meine Treibanker auszuprobieren – ein großer konischer Leinensack, dessen Öffnung von einem Eisenring offen gehalten wird. Ich befestige ein 40-Faden-Seil an meinem Hauptanker und verbinde es mit der Ankerkette. Dann werfe ich den Sack ins Wasser, mit einer kleinen Boje als Schwimmer. Der Sack füllt sich unter Wasser, die Leine spannt sich, und langsam dreht sich der Bug gegen den Wind.

Die ‚Firecrest‘ rollt jetzt weniger stark, auch wenn ich noch immer heftig von der See durchgeschüttelt werde. Ich muss alte Segeltücher über das Segelschott legen, um weiteres Eindringen von Wasser zu verhindern. Ich bin völlig erschöpft, doch es gibt noch viel zu tun. Ich bringe meine zerrissenen Segel in die Kajüte, verriegele die Luken hinter mir und verbringe den Abend und den größten Teil der Nacht damit, sie mit Segelgarn und Nadel notdürftig zu flicken.

Jetzt regnet es in Strömen. Im Salon steht das Wasser bereits über dem Boden. Zu meinem großen Ärger stelle ich fest, dass meine Pumpe nicht funktioniert. Es regnet immer stärker, ich bin bis auf die Haut durchnässt, es gibt kein einziges trockenes Plätzchen an Bord, und ich kann nicht verhindern, dass das Wasser weiter durch die Oberlichter und das Segelschott eindringt.“

Prägende Kindheit in Saint-Malo

Ich schließe mein Logbuch. Das war nur ein gewöhnlicher Tag während des stürmischen Monats, den ich auf halbem Weg meiner Reise ertragen musste. Aber was für ein wunderbares Leben! Obwohl ich erst seit ein paar Tagen wieder an Land bin, sehne ich mich bereits danach, wieder den Anker zu lichten, aufs offene Meer hinauszufahren und das Leben eines Seemanns fortzusetzen. Ich beginne zu träumen. Wie bin ich eigentlich zum Seemann geworden? Woher kam meine Liebe zum Meer?

Den größten Teil meiner Jugend verbrachte ich in Dinard, nahe dem Fischerhafen Saint-Malo, der vor zweihundert Jahren für seine furchtlosen Korsaren berühmt war. Wenn mein Vater mich nicht mit auf seine Yacht nahm, verbrachte ich den Tag auf dem Boot eines Fischers. In Saint-­Malo rüsten die rauen bretonischen Fischer ihre Boote für die gefährlichen Fahrten zu den Neufundlandbänken oder den fischreichen Gewässern Islands aus.

Schon damals träumte ich davon, ein eigenes Boot zu besitzen. Einmal hatten mein Bruder und ich genug Geld gespart, um eines zu kaufen – doch ein anderer kam uns zuvor.

Ich beneidete die bretonischen Fischer um ihr Leben und schauderte bei den Erzählungen ihrer waghalsigen und ausdauernden Taten. Dort, in Saint-Malo und Dinard, lernte ich, das Meer, die Wellen und die tobenden Winde zu lieben.

​Der Traum von El Dorado

Meine Lieblingsbücher waren Abenteuergeschichten. ­Viele handelten von der Suche nach Gold, den Abenteuern der Goldgräber in Alaska und im Klondike. Das Wort „El Dorado“ übte eine magische Faszination auf mich aus. Manchmal dachte ich: Wenn ich erwachsen bin, werde ich mein eigenes El Dorado finden.

Als Kind legte Joseph Conrad einmal seinen Finger auf eine Karte der unerforschten Gebiete Zentral­afrikas und sagte: „Wenn ich groß bin, werde ich dorthin reisen.“ Er erfüllte seinen Traum. Er reiste dorthin. Weniger glücklich als Conrad, werde ich meinen Kindheitstraum wohl nie verwirklichen – mein Schicksal wird eher dem des Helden von Edgar Allan Poe gleichen:

„A gallant knight / Had journeyed long / Singing a song / In search of El Dorado. / But he grew old / This knight so bold / As he found / No spot of ground / That looked like El Dorado.“

„Ein tapf’rer Ritter / War lange gereist / Sang sein Lied / Auf der Suche nach El Dorado. / Doch er wurde alt / Der mutige Ritter! / Und er fand / Kein Fleckchen Erde, / Das aussah wie El Dorado.“

​Internatszeit und Kriegsjahre

Nach meinen glücklichen Kindheitsjahren in Dinard wurde ich zum Studium nach Paris geschickt und als Internatsschüler in Stanislas untergebracht. Dort verbrachte ich die unglücklichsten Jahre meines Lebens – eingesperrt hinter hohen Mauern, träumend von der weiten Welt, von Freiheit und Abenteuern. Doch ich musste studieren, sollte ich doch Ingenieur werden.

Dann brach der Krieg aus. Ich trat in die Luftwaffe bei. Nachdem ich auf meinem Jagdflugzeug durch die Wolken die berauschende Freiheit des Raumes erlebt hatte, wusste ich, dass ich niemals ein sesshaftes Leben in einer Stadt würde führen können. Der Krieg hatte mich aus der Zivilisation herausgerissen. Ich verspürte keinen Wunsch mehr, dorthin zurückzukehren.

Ein junger amerikanischer Flugstaffelkamerad lieh mir eines Tages ein Buch von Jack London: „Die Reise mit der Snark“. Dieses Buch lehrte mich, dass es möglich war, die Welt mit einem relativ kleinen Boot zu bereisen. Es war eine Offenbarung, und ich beschloss in diesem Moment, das Abenteuer zu wagen – falls ich den Krieg überleben würde.

Später tat ich mich mit zwei Freunden zusammen. Wir wollten ein Boot ausrüsten und gemeinsam in die Inselwelt des Pazifiks segeln. Doch diese beiden Freunde fielen im Luftkampf. Da fasste ich den Entschluss, allein aufzubrechen. Ich gab meine Ingenieurskarriere auf und suchte ein Jahr lang in allen französischen Häfen nach einem Boot, das ich allein segeln konnte.

​Die Entdeckung der „Firecrest"

Vor zweieinhalb Jahren, als ich meinen Freund Ralph Stock, den Autor von „Die Reise der Dream Ship“, auf seiner Yacht besuchte, entdeckte ich in einem englischen Hafen ein kleines Boot. Es war die „Firecrest“. Bevor ich mit dem Bericht meiner Reise beginne, möchte ich Ihnen meine „Firecrest“ vorstellen. Es ist ein Kutter, der von dem verstorbenen Dixon Kemp entworfen und 1892 von P. T. Harris in Rowhedge, Essex (England) gebaut wurde. Wenn er noch lebte, wäre Herr Kemp sicherlich sehr überrascht zu erfahren, dass sein Rennboot, das unter den Längen- und Segelflächenbestimmungen des Britischen Yachtclubs entworfen wurde, den Atlantik überquert und sich als eines der besten Schiffe aller Zeiten erwiesen hat.

Es ist ein typisch englischer Kutter, schmal und tief, wenn man seine Länge bedenkt. Er ist elf Meter lang und neun Meter in der Wasserlinie. Seine größte Breite beträgt zwei Meter sechzig. Es ist wahrscheinlich das schmalste Boot, das jemals den Ozean überquert hat. Ein Meter achtzig Tiefgang ist für seine Größe eine außergewöhnliche Tiefe. Sein Tiefgang und die dreieinhalb Tonnen Blei, die er in seinem Kiel trägt, sorgen dafür, dass er unmöglich kentern kann. Das Deck hat nur zwei Oberlichter und zwei Luken und kann dem Druck der Wellen standhalten, die an Bord brechen.

​Ein Kutter gegen alle Ratschläge

Er ist als Kutter getakelt, das heißt, er hat nur einen Mast. Und ich höre die große Armee der theoretischen Yachtmänner ausrufen: „Ein Kutter ist zu schwierig, um ihn alleine zu handhaben. Warum nicht eine Yawl oder eine Ketsch!“ Das ist Geschmackssache. Ich persönlich ziehe es vor, Reffs einzuziehen, anstatt Segel zu wechseln. Ich halte den Kutter für die beste Takelung, weil er mit einer auf ein Minimum reduzierten Segelfläche das Maximum an Geschwin­dig­keit erreicht.

Es ist nicht genug Platz an Deck für ein richtiges Rettungsboot. Außerdem liebe ich mein Boot so sehr, dass ich glaube, ich würde mich nicht darum kümmern, gerettet zu werden, wenn es sinken sollte.

Aber um mich an die Konventionen zu halten und es mir zu ermöglichen, an Land zu gehen, wenn ich in einem Hafen vor Anker liege, transportiere ich das kleinstmögliche Kanu. Es ist 1,80 Meter lang, ein Berthon, ähnlich denen, die auf U-Booten verwendet werden. Einmal zusammengefaltet, nimmt es keinen Platz entlang der Oberlichter ein.

​Schwimmendes Heim

Die „Firecrest“ ist solide aus Eiche und Teakholz gebaut. Obwohl sie schon zweiunddreißig Jahre alt ist, ist sie in perfektem Zustand, und ich könnte mich lange über ihre Widerstandsfähigkeit auslassen. Aber es ist besser, sich zurückzuhalten und das Innere meines schwimmenden Heims zu beschreiben. Es besteht aus drei Abteilen.

Achtern meine Kabine mit zwei Kojen, unter denen sich zwei Truhen befinden. Ein Waschbecken erhält Wasser aus einem 50-Liter-Tank unter Deck. Die Holzarbeiten der Kabine sind aus Mahagoni und Vogel­augen­ahorn. Auf beiden Seiten sind die Schränke voller Bücher. Vor der Kabine und in der Mitte des Bootes befindet sich ein Salon, auch mit Mahagoni- und Ahornholzverkleidung. Auf beiden Seiten befinden sich Schränke und Schaps, in denen ich meine Tennispokale aufbewahre. In der Mitte ist ein Klapptisch.

Im Vorschiff befindet sich die Mannschaftsunterkunft mit zwei Klappkojen und der Küche. Hier bereite ich meine Mahlzeiten auf einem norwegischen Petroleumofen zu, der kardanisch aufgehängt ist, um auch bei Rollbewegungen des Bootes senkrecht zu bleiben. Zahlreiche Truhen sind mit Proviant gefüllt: Zwieback, Reis, Kartoffeln. An Backbord befindet sich eine Pumpe, die mit den zwei Süßwassertanks verbunden ist. Als Beleuchtung habe ich eine Petroleumlampe und Kerzen, die kardanisch aufgehängt sind. Mein Boot ist mein einziger Wohnsitz. Ich habe an Bord alle vertrauten Gegenstände, die ich liebe, meine Tennis­preise und meine Bücher. Was macht es, wenn kein Wind weht! Ich habe keine Eile.

Bibliothek auf See

Ich habe nicht viel Platz an Bord, aber ich kann vier Meter Literatur transportieren, was etwa zweihundert Bänden entspricht. Meine Bibliothek ist daher zwangsläufig begrenzt, weshalb alle meine Bücher Abenteuerbücher oder Gedichtbände sind.

Schließlich befinden sich in einem Regal über meiner Koje einige Lieblingsbücher. Es sind alles meine Lieblingsbücher: Gedichte und Balladen. Die Ballade ist in der Tat die poetische Form, die sich am besten eignet, um das Leben der Seeleute darzustellen. Dort befinden sich alle alten Klagen der Matrosen und die alten Lieder der hölzernen Marine, die zur Begleitung der Segelmanöver dienten.

Dort ist die Ballade vom alten Seemann von Samuel Taylor Coleridge, die in der englischen Sprache für die Schönheit der Komposition und die Perfektion des Rhythmus ihresgleichen sucht, außerdem das Gedicht des Raben von Edgar Allan Poe. Dann ist da schließlich John Masefield, der Dichter, den ich über alles liebe, mit seinen Gedichten und Balladen vom Salzwasser, unter denen ich „Seekrankheit“ und die „Klage von Kap Hoorn“ nennen muss. Masefield, der lange Zeit an Bord von Segelschiffen gelebt hat, verstand es besser als jeder andere, das Meer und das Leben der Seeleute zu beschreiben.


Über Alain Gerbault

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​Der französische Schriftsteller lebte von 1893 bis 1941 und segelte von 1923 bis 1929 als erster Europäer einhand um die Welt. Das Segeln lernte er von seinem Vater, seinen Kutter „Firecrest“ erwarb er in England. Das Buch über seine Reise erschien jetzt als Reprint in deutscher Sprache. Mehr Informationen: Kontrabande.de


Technische Daten “Firecrest”

Der englische Lotsenkutter entsprach in seiner Zeit dem Ideal von einem seegängigen und dabei schnellen Boot. Als einhandtauglich galt er hingegen nicht.Foto: Kontrabande VerlagDer englische Lotsenkutter entsprach in seiner Zeit dem Ideal von einem seegängigen und dabei schnellen Boot. Als einhandtauglich galt er hingegen nicht.
  • ​Konstrukteur: Dixon Kemp
  • Werft: P. T. Harris
  • Baujahr: 1892
  • Rumpflänge: 11,00 m
  • Wasserlinienlänge: 9,00 m
  • Breite: 2,60 m
  • Tiefgang: 1,80 m

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