TransatlantikBoris Herrmann bringt Greta Thunberg zum UN-Klimagipfel

Jochen Rieker

 · 28.07.2019

Transatlantik: Boris Herrmann bringt Greta Thunberg zum UN-KlimagipfelFoto: J.M. Liot//F. Florin APP/GettyImages
Boris Herrmann in besonderer Mission – diesmal nicht solo, sondern mit Greta Thunberg an Bord

Selten berühren sich Segelsport und Weltpolitik so direkt. Mitte August segeln der deutsche Hochsee-Profi und die Umweltaktivistin in einem Boot (aktualisiert)

Es ist eine kleine Sensation, welche die 16-jährige Schwedin heute Vormittag über ihre Social-Media-Kanäle angekündigt hat. Um klimaneutral von Europa in die USA zu kommen, heuert Greta Thunberg auf Boris Herrmanns "Malizia" an.

Dabei ist das Boot, mit dem der Hamburger von Sonnabend an das Rolex Fastnet Race bestreiten wird und in einem Jahr die "Vendée Globe", alles andere als eine Fahrtenyacht: "Malizia" ist ein bis zur Schonungslosigkeit optimierter Renner.

Der Imoca 60 mit Tragflügeln zählt zu den derzeit modernsten und leistungsfähigsten Einrumpfyachten weltweit. Konzipiert für den Solo-Betrieb, bietet er unter Deck kaum Platz und null Komfort – eine enge, nackte, düstere Carbon-Höhle, durchzogen von einem kniehohen Gerüst aus Stringern und Spanten.

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Es gibt nur zwei Rohrkojen, kein Klo, keinen Wassertank. Als Pantry steht lediglich ein winziger Gaskocher aus der Expeditionsausrüstung zur Verfügung. Ab 15 Knoten Geschwindigkeit versteht man unter Deck kaum sein eigenes Wort, ab 20 Knoten wird es infernalisch. Und die Schläge und das Rucken im Seegang können einen ohne Vorwarnung von den Füßen holen.

Doch das scheint Greta Thunberg nicht zu schrecken.

  Die einzigen Segler an Bord: Co-Skipper Pierre Casiraghi und Boris HerrmannFoto: Team Malizia
Die einzigen Segler an Bord: Co-Skipper Pierre Casiraghi und Boris Herrmann

Mitte August will sie mit genau diesem Boot über den Nordatlantik, begleitet von ihrem Vater und einem Fotografen. Ein kühner Plan. Außer Boris Herrmann wird nur noch ein weiterer Segler an Bord sein, Co-Skipper Pierre Casiraghi, der Sohn von Prinzessin Caroline von Monaco und Teamchef des "Malizia"-Syndikats.

Schon vor sechs Wochen, am 17. Juni, hatte Greta Thunberg angekündigt, im September der Einladung zum Klimagipfel der Vereinten Nationen in New York zu folgen. Auf Facebook schrieb die Galionsfigur der inzwischen weltweiten Schülerbewegung "Fridays for Future" damals:

"Das Vertrackte ist, dass (der Termin, die Red.) auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans liegt. Es gibt keine Züge, die dahin fahren. Und weil ich wegen der enormen Klimafolgen der Luftfahrt nicht fliege, wird das eine Herausforderung. Ich habe noch keine wirkliche Lösung dafür. Aber ich bin sicher, irgendwie hinzukommen. Wir werden alle das Unmögliche tun müssen."
  Ankündigung einer außergewöhnlichen "Dienstreise": Gretas Facebook-Post Foto: Greta Thunberg
Ankündigung einer außergewöhnlichen "Dienstreise": Gretas Facebook-Post 

Kurz nach dieser Nachricht gingen schon Dutzende Vorschläge von Seglern bei ihr ein, darunter Privateigner, Institutionen und mehrere Hochsee-Syndikate, die Schiffe und Crew anboten. Selbst Skipper von Maxi-Trimaranen der Ultime-Klasse, die eine Ost-West-Passage des Nordatlantiks in weniger als einer Woche schaffen können, sollen ihre Bereitschaft signalisiert haben.

Dass es am Ende Boris Herrmann, Pierre Casiraghi und ihre vom Yacht Club de Monaco unterstützte "Malizia" wurden, hat mehrere Gründe. Einer davon, und wohl nicht der unwesentlichste: Der Open 60 ist nach dem Refit im vergangenen Winter zu 100 Prozent unabhängig von fossilen Brennstoffen.

Er hat zwar noch einen kleinen Dieselmotor als Hilfsantrieb an Bord, der nach den Klassenregeln aus Sicherheitsgründen vorgeschrieben ist. Doch die Energieversorgung erfolgt über mehr als ein Dutzend hochmoderne Solarzellen von Solbian und, falls nötig, über zwei absenkbare Hydrogeneratoren am Heck. Wird fürs Ein- und Ausdocken ein Beiboot mit E-Antrieb eingesetzt, was geplant ist, kann "Malizia" die rund 3000 Seemeilen von Europa nach New York ohne einen einzigen Tropfen Kraftstoff zurücklegen.

Aber da ist noch mehr: Boris Herrmann hat schon seit Längerem ein geschärftes Bewusstsein für den Klimawandel. Spätestens bei seiner Rekordfahrt durch die Nordostpassage 2015 hat der 37-jährige die Folgen der Klimaerwärmung aus erster Hand erfahren. Auch deshalb hat er als erster Imoca-Skipper ein Messgerät einbauen lassen, das permanent Wasserproben nimmt und die Werte über Satellit an das Max-Planck-Institut in Hamburg und an Geomar in Kiel übermittelt. Die Daten helfen, die Erwärmung der Atmosphäre und die Übersäuerung der Ozeane durch CO2 auch in Revieren zu erheben, in die kaum Forschungsschiffe gelangen.

Die Bedeutung der Meere für das Weltklima versucht Herrmann seit einem Jahr noch anderweitig, spielerisch zu vermitteln – im Rahmen des Schülerprogramms "MyOceanChallenge", das seine Partnerin Birte Lorenzen entwickelt hat. Im ersten Jahr haben 4500 Kinder weltweit daran teilgenommen, viele im Rahmen von eigens dafür initiierten Schulprojekten. Für ihre Arbeit haben Lorenzen und Herrmann im Januar auf der boot Düsseldorf den Ocean Tribute Award erhalten.

Nicht zuletzt dieses Engagement wird für Greta Thunberg, bis vor wenigen Wochen noch selbst Schülerin, am Ende den Ausschlag gegeben haben, sich für ihre Fahrt nach New York in die Hände von Boris Herrmann und Pierre Casiraghi zu begeben.

  Nass und schnell. "Malizia" zu segeln ist ebenso faszinierend wie herausforderndFoto: Jean-Marie Liot
Nass und schnell. "Malizia" zu segeln ist ebenso faszinierend wie herausfordernd

Ein Spaziergang wird das freilich nicht, auch nicht im Hochsommer. Dazu ist der Nordatlantik zu launisch und "Malizia" zu kompromisslos auf Speed getrimmt. Es wird eher eine zehn- bis zwölftägige Grenzerfahrung.

Andererseits unterstreicht die junge Schwedin, die mit ihrem "Skolstrejk" zum bekanntesten und meistgeachteten Teenager der Welt wurde, genau damit ihre Entschlossenheit. Es wird, davon kann man fast sicher ausgehen, wohl der Törn des Jahrzehnts für den Segelsport. Allenfalls ein Sieg Boris Herrmanns bei der Vendée Globe könnte der öffentlichen Aufmerksamkeit nahekommen, die er von jetzt an erfahren wird.

"A race we must win", so heißt es in einem Bericht der Uno zur Erderwärmung und deren absehbar katastrophalen Folgen – "ein Rennen, das wir gewinnen müssen." Die gleiche Botschaft hat Boris Herrmann auf die Segel von "Malizia" drucken lassen. Ein passendes Motto für seine Kampagne – und für das bevorstehende Greta-Thunberg-Transat.

Hier die offizielle Pressemitteilung von Boris Herrmann und Team Malizia mit weiteren Details zur Reise und Zitaten

Klimaaktivistin Greta Thunberg wird Mitte August von Europa nach Nordamerika segeln, um eine mehrmonatige Klimatour in Amerika zu starten. Dazu nutzt die 16-jährige Schwedin die vollkommen emissionsfreie Hochseeyacht "Malizia" unter Skipper Boris Herrmann (Hamburg), die mit Solarpaneelen und Hydrogeneratoren zur Energieerzeugung ausgestattet ist.

Ziel der Reise sind zunächst die Vereinigten Staaten von Amerika, gab Greta Thunberg am Montagvormittag (29. Juli) bekann. Die Tour soll später auch nach Mittel- und Südamerika führen und bis weit ins Jahr 2020 hinein andauern. Nach der Ankunft in Nordamerika wird Greta an zwei großangelegten Klimademonstrationen am 20. und 27. September teilnehmen und auf dem United Nations Climate Action Summit am 23. September sprechen, zu dem UN-Generalsekretär António Guterres nach New York City geladen hat.

Greta Thunberg nimmt ein Sabbatjahr von der Schule, um einer ganzen Reihe von Veranstaltungen in Nordamerika beizuwohnen und Menschen zu treffen, die vom Klimawandel und den ökologischen Folgen besonders bedroht sind, aber auch Klimaaktivisten und Entscheidungsträger. Sie plant zudem Besuche in Kanada und Mexiko. Außerdem wird Greta zur jährlichen UN-Klimakonferenz (COP25) nach Santiago de Chile reisen, die vom 2. bis 13. Dezember stattfindet. Damit verbunden werden Besuche an anderen Orten in Südamerika, die eine besondere Bedeutung beim Kampf gegen die Klimakrise haben.

Greta Thunberg fliegt nicht, weil durch den Flugverkehr enorme Mengen von Emissionen ausgestoßen werden – Emissionen, die sich stark verbreiten, weil sie weit oben in der Erdatmosphäre ausgestoßen werden. Deshalb wird sie ihre Transportwege und -vehikel auch in Amerika nach der geringstmöglichen CO2-Belastung auswählen.

Nach monatelanger Suche und Abwägung verschiedener Optionen für ihre Reise wird Greta Thunberg nunmehr auf der völlig emissionsfreien Rennyacht "Malizia II" über den Atlantik segeln. Das 2015 gebaute 18-Meter-Boot der IMOCA-Klasse erzeugt die notwendige elektrische Energie an Bord für Navigation und Kommunikation mit Solarpaneelen und Unterwasserturbinen, Propellern am Heck.

Greta wird auf dem Törn von ihrem Vater Svante Thunberg und Filmemacher Nathan Grossman von der Firma B-Reel Filmsbegleitet, der die Reise dokumentiert. Die Yacht wird von Profiskipper Boris Herrmann und dem Gründer vom Team Malizia, dem Monegassen Pierre Casiraghi, geführt. Beide helfen mit ihrer Zeit und ihrem Know-how, um Greta eine Atlantiküberquerung ohne Flug zu ermöglichen. Die Reise wird von Greta Thunberg, Team Malizia und B-Reel Films gemeinsam organisiert.

Das Team Malizia hat auch die Malizia Ocean Challenge entwickelt, ein Projekt, das Schülerinnen und Schülern für den Meeres- und Klimaschutz sensibilisiert und die Wissenschaft durch An-Bord-Messungen des CO2- und Salz-gehalts der Ozeane auf allen Routen der Hochseeyacht unterstützt. Die Daten werden vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg und dem Kieler Helmholtz-Zentrum für Meeresforschung, Geomar, ausgewertet, um die Bedeutung für den Klimawandel besser zu verstehen. Dieses Projekt steht der Prinz Albert II. von Monaco Stiftung nahe, eine nicht-kommerzielle Organisation, die Umweltinitiativen und Arbeiten zum Klimawandel unterstützt.

Die "Malizia" wird Mitte August in Südengland ablegen und ohne Stopp etwa zwei Wochen später in New York City festmachen. Der genaue Abfahrtszeitpunkt wird je nach Wetter- und Windvorhersage festgelegt.

Greta Thunberg: "Die Wissenschaft ist klar. Wir müssen spätestens 2020 beginnen, die Emissionskurve steil nach unten zu biegen, wenn wir überhaupt noch eine Chance haben wollen, die globale Erwärmung der Erdatmosphäre unter 1,5 Grad zu halten. Wir haben immer noch ein Zeitfenster, wenn wir die Dinge anpacken. Aber das Fenster schließt sich schnell. Das ist der Grund, warum ich mich jetzt zu dieser Tour entschieden habe. Während des zurückliegenden Jahres haben Millionen junge Menschen ihre Stimme erhoben, um die führenden Köpfe der Welt aufzuwecken und auf die Klima- und Umweltkatastrophe hinzuweisen. In den kommenden Monaten werden die Events in New York und Santiago de Chile zeigen, ob sie zugehört haben. Zusammen mit vielen anderen jungen Menschen aus Amerika und der Welt werde ich dort sein, auch wenn die Reise lang und herausfordernd sein wird. Wir werden dafür sorgen, dass unsere Stimmen gehört werden. Es ist unsere Zukunft, die auf dem Spiel steht, und wir müssen zumindest ein Wort mitreden dürfen darüber. Die Wissenschaft ist klar, und alles, was wir Kinder tun, ist auf Basis der anerkannten Wissenschaft zu kommunizieren und zu agieren. Und unsere Herausforderung für die Welt ist, uns einig hinter die Wissenschaft zu stellen."
Boris Herrmann: "Greta steht erstaunlich couragiert auf gegen Ignoranz und Ungerechtigkeit in Bezug auf die Klimakrise. Es überrascht mich nicht, dass sie diesen Trip für sich als absolut machbar in Betracht gezogen hat – bei dem Mut, mit dem sie laut und klar auch gegenüber den mächtigsten Menschen spricht."
"Pierre und ich sind uns unserer Verantwortung bewusst. Wir werden alles tun, damit sie New York auf dem sichersten Weg erreicht, der möglich ist. Ich bin begeistert, dass unsere sportlichen Ambitionen und unser Segelprojekt eine kleine, aber hoffentlich wichtige Rolle darin spielen können, die Aufmerksamkeit für die größte Herausforderung, der die Menschheit gegenübersteht, zu erhöhen. Ich fühle Demut, dass Greta unser Angebot angenommen hat, mit ihr als sauberste, umweltschonendste Möglichkeit den Atlantik zu überqueren – trotz des fehlenden Komforts für sie."
Pierre Casiraghi: "Ich glaube an die Sensibilisierung der Menschen in punkto des Anstiegs der globalen Treibhausgasemissionen und der Umweltverschmutzung aufgrund menschlicher Aktivitäten. Regierungen sowie internationale Institutionen davon zu überzeugen, den Schritt zu gehen und Gesetze zu verschärfen, um die Menschen und Artenvielfalt zu schützen, ist von größter Wichtigkeit für die Zukunft der Menschheit. Greta ist eine Botschafterin, die eine zentrale Nachricht, sowohl für unsere Gesellschaft als auch für das Überleben zukünftiger Generationen, übermittelt."
Das Team Malizia und ich sind stolz, Greta mit dieser herausfordernden Überführung über den Atlantik zu bringen, heutzutage leider die einzige Möglichkeit ohne Emissionen aus fossilen Brennstoffen. Hoffentlich wird sich dies in naher Zukunft ändern. Respekt vor Gretas Mut, dieses Abenteuer anzunehmen und sich uneingeschränkt zu engagieren, zu opfern und für die wohl größte Herausforderung, die die Menschheit betrifft, zu kämpfen."
Nathan Grossman: "Wie viele andere hat mich Greta schwer beeindruckt mit ihrem Kampf um mehr Aufmerksamkeit für die Klimakrise. In der Dokumentation wollen wir den Weg darstellen, den Greta seit Anfang an geht, als sie allein draußen vor dem schwedischen Parlament saß, bis sie eine weltbekannte Aktivistin wurde. Auf diesem Trip werden wir festhalten, wie unermüdlich Greta und ihr Team sich anstrengen, mit so wenig Kohlenstoffemissionen wie möglich nach Amerika zu gelangen. Dabei soll das Publikum sowohl die Härten als auch die Schönheit dieser Fortbewegung erleben."

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