Studie zu SeekrankheitSeekrank auf See und an Land? Seglerin forscht zu Vitamin C

Kristina Müller

 · 12.05.2022

Studie zu Seekrankheit: Seekrank auf See und an Land? Seglerin forscht zu Vitamin CFoto: YACHT/K. Müller

Lina Rixgens kennen viele als Mini-Skipperin. Nun promoviert die junge Ärztin zum Thema Seekrankheit, präsentiert erste Ergebnisse – und sucht noch Probanden

Mini-Transat-Skipperin Lina Rixgens hat sich einem neuen Ziel verschrieben. Das findet nicht auf dem Wasser statt – sondern an der Universität. Dennoch dreht sich alles um das Thema Segeln. Die 27-Jährige promoviert aktuell zum Thema Seekrankheit. Im Rahmen dieser Promotion an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel hat die junge Ärztin, die parallel zu ihren Mini-Transat-Kampagnen 2017 und 2021 ein Medizinstudium in Belgien absolviert hat, eine Studie entwickelt, die kurz vor dem Abschluss steht. Unterstützt wird sie vom Schifffahrtsmedizinischen Institut der Marine in Kronshagen.

Auch wenn dies durchaus schon in früheren Studien Thema war, will Rixgens in ihrer Arbeit "Vitamin C und Seekrankheit" vor allem drei Fragestellungen auf den Grund gehen (siehe auch Interview in YACHT 11/2021):

Hilft Vitamin C gegen Seekrankheit auf See?

Hilft Vitamin C gegen die Simulatorkrankheit beim Tragen einer Virtual-Reality-Brille an Land?

Sind zu Seekrankheit neigende Segler auch im Simulator anfälliger?

Die Datenerhebung hat sie in zwei Teile gesplittet: einen auf See, einen an Land. Im Studienteil auf dem Wasser haben bisher 30 Segler und Seglerinnen ein hoch dosiertes Vitamin-C-Kaugummi mit 250 Milligramm Vitamin C bei einer Langstreckenregatta von über 24 Stunden Dauer gekaut. Alle drei Stunden haben sie währenddessen mit einem Kreuz auf einer Skala dokumentiert, wie sie sich fühlen.

Zurück an Land, musste ein weiterer Fragebogen ausgefüllt werden. "Von etwa 90 Prozent kam die Rückmeldung, dass das Kaugummi hilft", berichtet Rixgens im Gespräch mit YACHT online. "Noch sind es jedoch zu wenige Teilnehmer, um genaue Aussagen treffen zu können." Mindestens 20 weitere will die segelnde Jung-Medizinerin daher in die Forschungsarbeit einbeziehen. Sie hofft auf rege Teilnahme von zu Seekrankheit neigenden Seglern während der Regatten Rund Skagen und Baltic 500.

  In Action. Rixgens auf ihrem zweiten Mini 6.50, einer Wevo 650. Die Kampagne lief aufgrund zahlreicher Probleme mit dem werftneuen Boot jedoch nicht gutFoto: YACHT/B. Scheurer
In Action. Rixgens auf ihrem zweiten Mini 6.50, einer Wevo 650. Die Kampagne lief aufgrund zahlreicher Probleme mit dem werftneuen Boot jedoch nicht gut

Im Studienteil an Land geht es Rixgens darum, herauszufinden, ob Vitamin C auch gegen die sogenannte Simulatorkrankheit wirkt. "Sie zählt auch zu den Bewegungskrankheiten und wirkt genau anders herum als die Seekrankheit: Dem Auge wird trotz fester Umgebung eine schwankende Welt vorgetäuscht", erklärt Rixgens.

Grundsätzlich werden die Symptome der Bewegungskrankheiten insbesondere durch den körpereigenen Botenstoff Histamin ausgeprägt. Ein hoher Vitamin-C-Spiegel im Blut senkt jedoch den Histaminspiegel, und soll somit auch die Symptome der Bewegungskrankheiten lindern.

Ob das auch im Simulator gilt, sollten bisher 90 Segler und Seglerinnen der Studie zeigen. Sie haben in den vergangenen Monaten jeweils 30 Minuten lang in Segelvereinen in Nord- und Westdeutschland einen Film mit Wellenbewegungen durch eine Virtual-Reality-Brille angeschaut. Zuvor haben sie ein Vitamin-C-Kaugummi gekaut – oder ein Placebo.

  Studienteilnehmer mit Virtual-Reality-Brille, durch die Wellenbewegungen zu sehen sindFoto: Lina Rixgens
Studienteilnehmer mit Virtual-Reality-Brille, durch die Wellenbewegungen zu sehen sind

Aus ihren ersten Ergebnissen zieht Rixgens den – durchaus naheliegenden – Schluss, dass zu Seekrankheit neigenden Seglern auch im Simulator schneller schlecht wird, sie also insgesamt anfälliger für Bewegungskrankheiten sind. Im Simulator scheint das Vitamin-C-Kaugummi jedoch wenig zu wirken, oder – wie Rixgens es formuliert: "Die benutzte Dosierung bringt keinen statistisch signifikanten Vorteil gegenüber dem Placebo. Andere Studien, zum Beispiel, eine die vor Jahren in der Rettungsinsel im Wellenbad in Neustadt durchgeführt wurde, legen aber nahe, dass das mit einer höheren Dosierung der Fall ist." Damals kamen Vitamin-C-Kaugummis mit jeweils 2.000 Milligramm zum Einsatz.

90 Prozent der geforderten hundert Teilnehmer für die Simulatorstudie haben Rixgens bisher bei der Datenerhebung unterstützt. Nun fehlen nur noch zehn. Für die gibt es noch einen Termin in diesem Frühjahr: Am 21. und 22. Mai im Clubhaus der Segler-Vereinigung Altona-Oevelgönne in Hamburg, jeweils zwischen 10 und 19 Uhr. Noch werden Seglerinnen und Segler gesucht, die Interesse haben, mitzumachen. Sie sollten seefest sein und zirka zwei Stunden Zeit mitbringen. Die Anmeldung erfolgt direkt per Mail an Lina Rixgens: lina.rixgens@stu.uni-kiel.de.

Übrigens: Einen Eindruck davon, was die Probanden durch die VR-Brille sehen, gibt es bereits hier:

Auf und ab durch eine kurze Welle. Lina Rixgens hat die Aufnahmen am Bug ihres Minis gemacht. 30 Minuten darauf zu starren heißt: durchhalten!

Selbst ist Lina Rixgens in letzter Zeit eher selten auf dem Wasser anzutreffen. Ihre Mini-Karriere hat sie – zumindest vorerst – beendet, um sich ganz der Medizin zu widmen. Seit Anfang des Jahres arbeitet sie als Assistenzärztin in Hamburg und absolviert die Ausbildung zur Fachärztin für Anästhesie und Intensivmedizin.

Auf der Regattabahn ist sie dennoch unterwegs, jedoch nur noch am Wochenende oder im Urlaub. Und statt solo segelt sie nun double-handed oder mit Crew auf einer Dehler 30 OD auf der Ostsee statt auf dem offenen Atlantik.

Mehr zum Thema: Ein Porträt über Lina Rixgens ist in YACHT 21/2016 erschienen. Und wie es sich anfühlt, mit der Offshore-Seglerin auf ihrem Mini 6.50 über die Kieler Förde zu rasen, kann in YACHT 21/2020 nachgelesen werden.

Meistgelesene Artikel