Im Jahr 1995 spielten die US-Amerikaner John Baur und Mark Summers Racquetball, eine Art Squash. Einer der beiden zog sich dabei offenbar eine Blessur zu und stieß ein gedehntes „Arrr“ aus. Statt nach der Partie wieder normal zu reden, machten die Freunde weiter. Aus guten Schlägen wurden Kanonaden, aus dem Gegenspieler ein Mate.
Baur und Summers beschlossen: Einmal im Jahr solle jeder Mensch Piratensprache sprechen dürfen - oder müssen, wenn der Käpt’n es befiehlt. Die beiden tauften sich Ol’ Chumbucket und Cap’n Slappy. So zumindest die “Legende” zum Ursprung des “Sprich-wie-ein-Pirat-Tag”. Die Wahl fiel auf den 19.9, den Geburtstag von Summers’ damaliger Ex-Frau. Keine weitere Erkärung - einfach leicht zu merken, dachten die beiden. Und damit blieb der Tag im Kalender kleben wie Teer an der Ankerkette.
Zunächst blieb der “Feiertag” eine kleine Privatangelegenheit. Baur und Summers riefen einander an, brüllten „Arrr!“ in den Hörer und legten wieder auf. Erst 2002 schickten sie die Idee an den US-Humorkolumnisten Dave Barry. Der wiederum widmete dem Tag am 14. September 2002 eine Kolumne in der Washington Post und erklärte kurzerhand seine Unterstützung: “talking like a pirate will infuse your everyday conversations with romance and danger.” (”Wie ein Pirat zu sprechen, wird ihre Alltagskommunikation mit Romantik und Gefahr bereichern.”). Seither wird der International Talk Like a Pirate Day jedes Jahr am 19. September gefeiert. Das Internet tat den Rest. Kostüme, Büropartys, Funksprüche und zahllose „Ahoi, ihr Hunde“ machten aus dem Witz einen wiederkehrenden maritimen Popkulturtermin.
Apropos Witz: zum Piratentag gehören nicht nur Augenklappe und Papagei, sondern auch Witze, die meist auf möglichst krummen Seemannsklischees beruhen. Ein Beispiel gefällig?: “Was macht ein Pirat im Büro? - Er drückt die Entertaste.” Oder: “Warum weinen Piraten nicht? - Sie heulen Rum.”
Nun, arrr … eher nicht. Das typische Piratenvokabular mit „Walk the plank“ und „Shiver me timbers“ ist vor allem ein Produkt der Popkultur. Besonders geprägt wurde das Klischee vom Schauspieler Robert Newton, der Long John Silver in der Disney-Verfilmung von Treasure Island (Die Schatzinsel) von 1950 spielte. Seine Darstellung mit starkem West-Country-Akzent wurde zum Vorbild für die Piratensprache, die wir heute aus Filmen und Büchern kennen. Eine Sprachwissenschaftlerin der University of Southampton verweist darauf, dass das stereotype „Arrr“ an englische Dialekte aus dem West Country erinnert.
Wie genau die Seeräuber des 17. und 18. Jahrhunderts tatsächlich miteinander sprachen, lässt sich nur schwer rekonstruieren. Sie kamen aus unterschiedlichen Ländern und sozialen Milieus. Einen einheitlichen Piratendialekt gab es sehr wahrscheinlich nicht.
Wer am 19. September trotzdem ein „Ahoy, matey“ in die Runde wirft, folgt also eher der Tradition von Bühne, Kino und Literatur als der Geschichte der Seefahrt. Auch der berühmte Vers von den fünfzehn Männern und des toten Manns Kiste, den viele sofort mit Freibeutern verbinden, stammt übrigens aus Robert Louis Stevensons „Die Schatzinsel“. Unser Artikel zum Rum und seinen Seefahrermythen erklärt, was es mit der “Buddel voll Rum” auf sich hat.
Wie ist das nun mit der Piratensprache an Bord? Ay, solange Klarheit bleibt. Beim Auslaufen, beim Manöver und erst recht im Notfall haben eindeutige Ansagen selbstverständlich Vorrang. Für den Rest des Tages aber gilt: Ein „Ahoi“ schadet niemandem, ein Papagei auf der Schulter wahrscheinlich auch nicht. Nur beim Rum sollte das Rollenspiel lieber nicht allzu ernst genommen werden.
Übrigens: Der Jolly Roger ist keine amtliche Flagge. Im Hafen gehören sie zwar zum typischen Bild, allerdings nicht anstelle der Nationalflagge und nicht dort, wo sie als amtliches Signal missverstanden werden könnte. Wenn überhaupt, gehört sie an die Backbordsaling. Und auf See hat sie nichts zu suchen. Wer wissen möchte, welche Flaggen wo hingehören und wann aus Spaß sogar ein teurer Fehler werden kann, findet hier die wichtigsten Regeln zur Flaggenführung: „Typische Fehler bei der Flaggenführung“.
Und wer statt eines Säbels in der Hand ein Schwert unterm Rumpf bevorzugt: Die traditionsreiche Jugendjolle „Pirat“ trägt ihren Namen übrigens seit einem YACHT-Preisausschreiben aus den späten 1930er-Jahren.
Seefahrts-Mythen führt zu Geisterschiffen, segelnden Wracks und verschwundenen Mannschaften. Joslan F. Keller verbindet dabei historische Recherchen mit den Legenden, die sich um diese Geschichten ranken. Die 30 Erzählungen und Illustrationen bieten reichlich Stoff für maritimes Seemannsgarn.
Perlen des Pazifiks erzählt von Niccolò Banfís Reisen zu abgelegenen Inseln im Pazifik. Im Mittelpunkt stehen lange Etappen zwischen Stille und Sturm, Begegnungen an Land und die Faszination weiter See. Der Band erscheint am 24. September 2026 und kann bereits vorbestellt werden.
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Redakteurin Reise
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