Die schöne neue Segelwelt hört sich zum Beispiel so an: „Hallo ihr alle, mein Name ist Olivia. Ich habe 11.000 nautische Meilen Pazifischen Ozean im Kielwasser, davon 8.000 Meilen solo gesegelt. Ich bin nicht mit dem Segeln groß geworden. Ich bin an Land aufgewachsen, in Little Rock, Arkansas.“
Olivia Owens Wyatt erzählt weiter: Nach dem College zog sie an die Ostküste, wo sie das Segeln entdeckte. Dort schließlich segelte sie, wann immer sie konnte. Sie erwarb die U.S. Coast Guard Captain’s License und kaufte sich bald eine eigene Yacht: die 34 Fuß lange „Juniper“, einen kuttergetakelten Langkieler vom Typ Ta Shing Panda.
Seit vier Jahren ist Olivia unterwegs. Sie startete in San Diego, segelte erst nach Hawaii, weiter nach Französisch-Polynesien, Fidschi, Vanuatu in der Südsee. Vor ihrer Reise hatte sie nur sechs Stunden allein auf einer Yacht verbracht. Ein Segeltraum, man könnte sagen: von null auf hundert.
Olivia Owens Wyatt gefällt das Leben auf See. Und wie sie berichtet, will sie nicht damit aufhören, bevor die Winde sie einmal um die Erde gepustet haben.
Und so kann die schöne neue Segelwelt aussehen. Olivia trägt einen geblümten Badeanzug, eine rosa getönte Sonnenbrille, hängt im Salon an den Handläufen, schaukelt im Seegang. An Bord sieht es gemütlich aus: Basthut, Obstnetz, Blumen in der Kombüse.
Die Clips laufen weiter: Olivia mit Delfinen, Olivia mit Weintrauben. Wie sie die Segel setzt, an den Winschen zerrt, in einsamen Buchten ankert. Wie sie an einem Fall ins blaue Meer saust und mit Tropenfischen taucht. Der Soundtrack: Indie-Rock. Follow the Dreamer.
Zu bestaunen ist eine Frau im Glück. Ein Mensch beim Segeln, beim Surfen, beim Schwimmen, beim Baden, beim Reiten am Strand, beim Schlürfen aus Kokosnüssen. Ein Erdenbürger des 3. Jahrtausends im fortwährenden Reigen elysischer Bilder und federleichter Impressionen. Das Leben als Paradies.
So kann es sich darstellen, das moderne Online-Dasein. Und das ohne dickes Konto, wie Wyatt in einem ihrer Videos beteuert. Inzwischen ist sie, so steht es in ihrem Profil, nicht nur Einhandseglerin, sondern auch Filmemacherin, TV-Produzentin und Autorin. Ihr Auftritt trägt den Namen „Wilderness of Waves“, Untertiel: Segeln auf der Suche nach dem endlosen Sonnenaufgang.
Wyatt, vermutlich in den Dreißigern, hat ihre eigene Website, macht einen Podcast, betreibt einen Blog. Auf Instagram hat sie bis dato 613 Beiträge gepostet, sie hat über 57.000 Follower. Sie ist damit noch kein Star, aber mit mehr als 10.000 Fans schon weit über das Stadium der Nano- und Mikro-Influencer hinaus. Ab 500 bis 1.000 Follower lässt sich auf Instagram erstes Geld verdienen, besonders mit hochwertigem Content, der in einer Nische möglichst viele Likes, Kommentare und Shares generiert und Marken ein attraktives Umfeld bietet.
Der Ozean, der Wind. Schöne Bilder, große Abenteuer. Das Segeln scheint wie geschaffen für die Endlosschleifen in den sozialen Medien. Die Reisen übers Meer können verzaubern. Weite, Freiheit, Natur. Mehr Traum geht kaum. Da schauen selbst Landratten gebannt zu.
Doch vor allem Segler folgen anderen Seglern im Netz. Wo liegt die Yacht des ausgestiegenen IT-Beraters gerade? Ist die lustige Crew aus Kiel gut durch den Panamakanal gekommen? Und hat der verrückte Typ aus Norwegen schon sein Segel genäht, nachdem er 200 Meilen vor den Azoren in einen Sturm gekommen war?
Die Themen sind vielfältig. Es geht um Ausrüstung, Material, allerlei Tipps und Tricks. Andere teilen Revierwissen, geben Erfahrungen mit Orcas weiter.
Vor allem eine Frage aber treibt um: Wie machen die das? Wie kriegen all die Seglerinnen und Segler es hin, derart vergnügt durch die Weltgeschichte zu kreuzen? Woher nehmen sie die Zeit, das Geld? Ja, wie funktioniert dieser alternative Lebensentwurf? Und: Was könnte ich mir davon abschauen?
Inzwischen ist auch Olivia Owens Wyatt weitergesegelt: über Indonesien und Thailand bis nach Madagaskar. In diesem Jahr will sie am Golden Globe Race teilnehmen, 30.000 Seemeilen um alle großen Kaps, einhand und nonstop um die Welt. Sie braucht noch Support, auch das wird online kundgetan.
Ihr letzter Post zeigt sie sechs Meter hoch über dem Meer fliegend, in einem pinken Badeanzug, eingeklinkt unterm Spinnaker. Caption: „Das ist mein Leben um 8:30 Uhr am Morgen.“
Das Phänomen zu verstehen, geschweige denn einzugrenzen, ist nicht leicht. Wer in die Suchfelder von Instagram, Tiktok, Youtube, Facebook und Co. „sailing adventure“ eingibt, verliert umgehend den Überblick. Inzwischen branden den Usern binnen Sekunden Millionen Ergebnisse entgegen. Die Zahl der Bilder und Filme, in denen private Segler mit ihren Yachten über die sieben Meere rauschen, ist in der Tat nicht mehr bezifferbar. Algorithmen, immer neue Posts und Feeds sorgen dafür, dass das Scrollen nach unten buchstäblich kein Ende findet.
Alte Muster der Berichterstattung haben die sozialen Netze pulverisiert, ordnende Strukturen wie Seglerverbände und -vereine zu verquasten Konzepten degradiert. Die Online-Communitys sind zwar volatiler und anonymer, gleichzeitig jedoch weitaus größer, schneller, hipper, leichter, bunter, fröhlicher – und zudem auf dem Smartphone 24/7 abrufbar, wann immer Divertissement gefragt ist.
Im Netz bilden sich Segelvereinigungen nach ganz neuen Mustern. Der Reel-Creator Max Campbell zum Beispiel hat den Untide Sailing Club gegründet, wo sich junge Leute aus aller Welt mit wenig Geld versammeln. Motto: „Mach aus deinem Segeltraum Realität – wie man in seinen 20ern und 30ern auch ohne Treuhandfonds um die Welt segelt.“
Die Beiträge lesen sich märchenhaft. „Mit 21 bin ich solo über den Atlantik gesegelt, auf einem kleinen Boot, das mich weniger als ein iPhone gekostet hat.“ Der Nächste schreibt: „Ich habe mit 23 eine Yacht aus den 1970er-Jahren restauriert und segele damit nun um die Welt.“ Auf den Punkt bringt es dieser Post: „Starlink hat alles verändert, man hat mitten auf dem Ozean Internet und kann remote arbeiten, wo immer auf der Erde man ist“.
Zu sehen sind zwei junge Leute in Shorts, die vor einsamer Insel ankern und im Cockpit vor dem Laptop sitzen. Im Off spielt Pink Floyd. Titel: „Breathe“.
Möglich gemacht haben die maritimen Bilderfluten vor allem Elon Musk und sein Unternehmen SpaceX. Um die 10.000 Starlink-Satelliten sollen in den Orbits schweben, um möglichst viele Menschen auf dem Planeten mit schnellem und günstigem Internet zu versorgen. Die Losung: „Konnektivität überall“.
Fast die gesamte Erde deckt Starlink inzwischen ab – seither kann der Mensch sogar in der Antarktis und auf hoher See bequem ins Internet. Für Segler und andere Weltenbummler sind längst spezielle Tarife zu haben. „Highspeed-Internet für unterwegs“ heißt eines der Pakete, buchbar zum Mini-Tarif „Reise“ ab 28 Euro für die ersten sechs Monate. Das Versprechen des Anbieters: „Arbeiten und Spielen an entlegenen Standorten.“
I mmer mehr Yachten haben die entsprechenden Gerätschaften an Bord. Antenne, Router, wetterfeste Kabel. Segelausstatter bieten das passende Zubehör. Inverter, Kabeldurchführungen, Halterungen aus marinetauglichem Aluminium – schon kann es losgehen.
„Früher haben wir noch hohe Stückzahlen an TV-Antennen für Yachten verkauft“, sagt Julian Knauer von SVB. „Dieses Geschäft ist extrem zurückgegangen.“ Der Grund: Internetantennen, vor allem Starlink, haben quasi übernommen. Knauer: „Die Segler streamen heute alles, auch auf See.“
Alte Technologien wie Langwelle, Navtex oder knarzende Weltempfänger haben damit ebenfalls Museumsreife erlangt. Das Resultat dieses Fortschritts ließe sich so zusammenfassen: Schietegal, wo ich bin, ich bin online.
Dass im Zuge dessen vor allem die sozialen Medien zu hyperproduktiven Plattformen des Infotainments angeschwollen sind, weiß jeder. Kaum jemand kann sich dem Sog entziehen. Weltweit gibt es derzeit über 5,6 Milliarden User – 69 Prozent der Weltbevölkerung, die durch die sozialen Galaxien surfen. Tendenz steigend.
Die Inhalte sind so vielfältig wie das Leben selbst. Katzenvideos, Politik-News, Heimwerkerwitze oder der Gipfelsturm am Everest. Nichts, was nicht gepostet wird – und dies vermehrt nun auch von den Seglern. Man fragt sich, wie viele Skipper inzwischen zu Content-Schaffenden avanciert sind, wie viele Törns heute in mediale Darbietungen verwandelt werden. Die Zahl der Seglerprofile auf den einschlägigen Kanälen ist nicht mehr zu überblicken.
Sailing Supernova, Sailing Magic Carpet, Adventure Crew, Old Seadog, Hippie Sailor, Saling Nakama, The Good Pirate, Groovy Sailors, Salty Brothers oder einfach nur Lauren Landers, die unter dem Motto durchs Internet gleitet: „Bootstour auf meinem 30 Jahre alten 50-Fuß-Segelboot, ich segle allein!“
Zu verfolgen auf den digitalen Weltmeeren ist so ziemlich alles. Vom Naturistensegeln vor der Algarve bis hin zum Round-the-World-Trip mit Hund und Katze. Hashtags: #auswandern, #weltumsegelung. Untertitel: „Echt chaotisch, voller Herz, Delfine am Bug und eine Portion Wahnsinn an Bord.“
Dass in Zeiten grenzenlosen Datenausstoßes auch die Segler vermehrt mitmischen, verwundert einerseits nicht. Angesichts mancher dem Sport inhärenten Eigenarten allerdings stellen sich irgendwann doch einige Fragen: Suchten nicht gerade die Segler auf dem Wasser stets das Weite – schon von Natur aus? War das Meer nicht kürzlich noch Raum der Selbsterfahrung anstatt Bühne der Selbstdarstellung? Und steckte nicht besonders im Blauwassersegeln immer eine Portion Eskapismus? Offline statt online? Das Lebensgefühl „Gone fishing“ ist gefühlt auf den Kopf gestellt worden. Auch beim Segeln gilt neuerdings: „Fishing for likes“.
Erstaunlich ist dabei vor allem: Die mediale Mitteilungswut entlädt sich nicht mehr nur in Häfen und in Landnähe – inzwischen wird auch von hoher See gepostet, was das Zeug hält. Und das gilt längst nicht mehr nur für Profis, die schon früh auf teure Technologien wie Iridium-Handys und Satellitentelefone setzen konnten. Mit Musks Starlink beamen ganz normale Segler ihre Posts in die Welt – oft während sie Hunderte Seemeilen vom Land entfernt sind.
Die Verlockung, sich von weit draußen auf dem Meer mitzuteilen, ist groß, der Reiz verständlich. Mal eben sagen: Hey, mir geht es gut! Mal eben zeigen: Seht mal, was für ein irrer Sonnenuntergang! Und mal eben vermelden: Das Großfall funktioniert übrigens wieder, Leute – noch vier Tage bis Barbados!
Die schiere Masse, mit der uns solche Bilder und Botschaften erreichen, zeigen ein Phänomen. Denn in der Welt der sozialen Medien nimmt das Segeln eine Sonderstellung ein. Ein Foto im Nagelstudio ist schließlich schnell gemacht, der tobende Hund im Italienurlaub kurzerhand gepostet. Den Sunset über Tahiti aber, den geblähten Spinnaker in der Karibik oder Albatrosse im Südpolarmeer – da muss man erst mal hinkommen!
Doch selbst solche Impressionen haben ihren Exotenstatus fast schon wieder verloren. Die sozialen Netze sind voll damit. Bleibt man bei bestimmten Bildern hängen, schaut man sich das Ankermanöver vor Bora Bora länger als zwei Sekunden an – Nachschub ist garantiert! Famose Segelszenen, tropische Nächte an Bord, Sprünge vom Bugkorb in türkise Lagunen am Ende aller Sehnsüchte: Was einst abendfüllender Stoff zum Träumen war, wird uns heute im Endlosmodus serviert, während wir bei Aldi an der Kasse stehen.
Segeln als Discount-Erlebnis? Das Meer und der Wind als Dauerrauschen, während wir als Rezipienten kaum mehr staunen, sondern von einem Schuss zum nächsten wischen?
Was die sozialen Medien mit uns machen, wird seit Längerem erforscht. Einige Effekte sind bekannt. Neben der FOMO (Fear of missing out) gibt es derweil auch die JOMO (Joy of missing out).
Hinzu kommen diverse andere Nebenwirkungen: Konzentrationsstörungen, verzerrte Selbstwahrnehmung, sozialer Druck, Fake News, Reizüberflutung, idealisierte Realitäten. Am Ende können sich angeblich sogar Denkmuster verändern.
Das Außergewöhnliche wird zum Standard. Extreme Reisen und selbst besondere Erlebnisse wie das Segeln schrumpfen durch die neuen Sehgewohnheiten zur Alltäglichkeit. Das hat längst zu einer Sucht nach ständiger Überhöhung geführt.
Gerade mit dem Einzug des Segelns in die digitalen Parallelwelten kommt es zu erstaunlichen Paradoxien. Wind, Wellen und Meer stehen eigentlich für elementare Erlebnisse schlechthin – letztlich des Seglers Ziel und Elixier. Inzwischen aber dürfte selbst so manch weit gereister Skipper öfter und länger auf die bunten Abbilder der Natur starren als auf den echten Horizont.
Die Welt klebt am Handy. Die Segelwelt natürlich auch. Die moderne Freizeit- und Erlebnisindustrie beschreibend hat der deutsche Intellektuelle Hans Magnus Enzensberger einmal gesagt: „Die Reise aus der Warenwelt ist ihrerseits zur Ware geworden.“
Und so ist heute fast alles käuflich und buchbar. Törns in die Arktis, Kojencharter in Thailand, Singlereisen auf Traditionsschiffen – you name it, you get it.
Neu ist, dass nicht mehr nur Veranstalter und professionelle Reiseagenturen die abenteuerlichen Erlebnisse als profitables Gut verkaufen. Inzwischen machen sich die Konsumenten selbst zu Akteuren und transformieren auch so ursprüngliche Erlebnisse wie das Segeln zu neuen Konsumsphären.
Speziell hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Typischerweise will man den schönen Scheinwelten durch das elementare Bordleben ja gerade entkommen, doch nicht wenige Segler landen beim exakten Gegenteil. Mit ihren Social-Media-Profilen deuten sie ihr eigenes Leben zu Werbeflächen um.
Früher mussten Bounty und Bacardi noch selbst nach Jamaika, um filmreife Piratenbuchten für ihre Produkte einzufangen. Heute werden ihnen diese Umfelder millionenfach fremdgeliefert. Und die Zielgruppen gleich dazu.
Über Vor- und Nachteile dieser neumedialen Selbstausstellung lässt sich lange streiten. Eine seiner schönen und stillen Qualitäten allerdings droht das Segeln einzubüßen. Seit der Mensch die Tücher setzt, war er nach dem Ablegen eben weg. Damit ist nun Schluss.
Auf der anderen Seite können das Internet und die sozialen Medien auch helfen. Können motivieren, informieren, inspirieren. Viele Segler holen sich Anregungen, vernetzen sich mit Gleichgesinnten. Sie schauen sich andere Boote an, erfahren, was in anderen Häfen los ist, entdecken neue Reviere.
Einem wie dem US-Amerikaner Luke Hartley eröffnete das Internet gar ein neues Leben. Der junge Musiklehrer aus Seattle entdeckte das Segeln auf Youtube. Er war absoluter Novize. Doch Hartley sah sich schlau, lernte das Segeln quasi online. Dann kaufte er sich eine alte 27-Fuß-Yacht und brach mit 25 Jahren auf: über den Pazifik, dann um die Welt. Nebenbei postete er sein Abenteuer: „Hey Leute, ich segle dann mal los!“
Seinen Account auf Instagram hatte er eigentlich nur für Familie und Freunde eingerichtet. Dachte er. Doch die Klickzahlen schossen nach oben. Die Leute folgten, likten und sendeten scharenweise Herzen. Der ausgebildete junge Opernsänger – Schnauzbart und Stirnband, gut aussehend, freundlich, offen, smart, nicht reich, nicht dick auftragend, aber voller Energie – traf einen Nerv. Heute, zwei Jahre später, hat er an die zwei Millionen Follower.
Mit seiner Yacht „Songbird“ segelte er nicht nur in die Südsee, nach Neuseeland und Mikronesien, sondern auch in ein Zeitalter gänzlich neuer Perspektiven. Gelandet ist Hartley in einer Welt, deren Globalisierung sich gerade neu schreibt, deren Verbindungsstrukturen sich anders definieren und deren tiefer liegende Wirkmuster niemand mehr in Gänze nachvollziehen kann.
„Als ich sah, dass über 10.000 Leute mir folgten, erschrak ich. Ich sprach auf einmal zu einer Menge Menschen und musste mir überlegen, was ich sagte. Man trägt auf einmal eine Verantwortung“, so Hartley.
Zuerst fotografierte, filmte und postete er nur mit dem Handy. Inzwischen nutzt er diverse Actioncams und 360-
Grad-Optiken, um immersive Rundgänge auf seinem Boot zu ermöglichen. Er hat Laptops an Bord, professionelle Kopfhörer, Software zum Schneiden und Editieren des Materials.
Ähnlich dürfte es auf den anderen Yachten aussehen, auf denen der Übergang von Privatvergnügen zu öffentlich ausgestelltem Dasein fließend ist. Kajüten wie Filmwerkstätten, die Schapps vollgestopft mit Kameras, Drohnen, Antennen, Akkus und Ladekabeln.
Früher oder später kann das zu Stress führen. Es entsteht der Druck, zu filmen, zu posten, zu kommentieren – auch noch auf hoher See.
Beim Posten und Streamen von Bord fiel Hartley irgendwann in ein Loch. Er haderte damit, ständig Neues liefern zu müssen. Zwar zwang ihn niemand dazu, auf Sendung zu bleiben. Doch das digitale Schneeballsyndrom war ins Rollen gekommen.
Hartley erlitt eines Tages eine „mentale Blockade“, einen „editor’s block“, wie er es nennt. „Ich habe zwei Monate lang kein einziges Video veröffentlicht, während ich durch den Südpazifik segelte, obwohl ich weiterhin alles filmte.“
Luke Hartley berichtet in seinen Contents viel über fremde Länder, übers Segeln, über Details und Lösungen an Bord. Er trifft neue Freunde, entdeckt ferne Welten: Korallenriffe, Vulkaninseln, tropische Ufer. Er wird zum Essen eingeladen, musiziert mit Polynesiern und segelt irgendwann wieder davon.
Ohne es je studiert oder geplant zu haben, ist er mit dem Segeln zu einem neuen Typus von Medienprofi geworden. Publizist, Protagonist und Produzent in einer Person, Salzbuckel und Super-Influencer aus einem Guss. Ein spätmoderner Jacques Cousteau, der die Meere des 3. Millenniums auf seine Weise erkundet.
V iele sagen, die sozialen Medien kämen einem Paradigmenwechsel gleich. Doch vielleicht hat sich – auch und gerade beim Segeln – am Ende gar nicht so viel verändert. Das Reisen und die Berichterstattung stehen seit je in einer engen Beziehung. Wer die Welt sieht, will davon erzählen und sucht ein Publikum.
Charles Darwin tat es, nachdem er 1831 mit der „Beagle“ gestartet war und um die Welt segelte. Die Aufzeichnungen seiner fünfjährigen Fahrt zählen zu den berühmtesten Reisebeschreibungen der Geschichte.
Auch James Cook veröffentliche nach seinen Reisen Tagebücher, Ernest Shackleton verfasste nach seiner legendären Fahrt in die Antarktis den berühmten Bericht mit dem Titel „South. The ‚Endurance‘ Expedition“. Fast alle großen Entdecker hielten fest, was sie erlebten – und berichteten darüber.
So ging es weiter. Der frühe Einhandsegler Joshua Slocum verfasste nach seiner Weltumsegelung 1899 das Buch „Sailing Alone Around the World“. Auch ein Moitessier segelte – und schrieb auf. Ein Wilfried Erdmann segelte – und schrieb auf. Heute rauschen die Segler bei der Vendée Globe um die Erde – und senden live.
Vermutlich haben Ähnliches bereits die Steinzeitmenschen am Lagerfeuer gemacht. Sie kamen von der Jagd – und erzählten. Der Mensch will nun einmal berichten. Er hat die Sprache erfunden, die Fotografie. Der Mensch ist zum Senden gemacht. Ein Kommunikationstier.
I nzwischen jedoch haben sich die Verhältnisse verschoben. Das Internet und die sozialen Medien haben zu einer Demokratisierung des Berichtens geführt. Es sind nicht mehr nur bekannte Abenteurer, Hochleistungssportler oder verdiente Autoren, die von sich und ihren Eskapaden in ausgewählten Medien erzählen dürfen.
In einer redaktionellen Gesellschaft kann jeder publizieren – so ziemlich was er will. Und ja: Fast jeder tut es. Sogar beim Segeln auf weitem Ozean –was aber macht das mit uns?
Einen Effekt vermag ein Zitat des Zeithistorikers Michael Richter zu greifen. Er sagte einmal: „Vervielfältigung bedeutet das Ende von Vielfalt.“ Beim Konsum der sozialen Medien könnte demnach der Eindruck der Beliebigkeit entstehen. Die Inflation des Abenteuers, die Entwertung des Besonderen. Am Ende womöglich sogar die Banalisierung einer so schönen Sache wie des Segelns?
Vor psychischen Problemen warnen andere: Angst, Depressionen, ein kollabierendes Selbstwertgefühl durch ständigen Vergleich.
Nicht ganz so schlimm dürften sich Schlafstörungen auswirken, Fettsucht und Kopfschmerzen durch permanentes Posten und Starren aufs Handy.
Weltweit besitzen rund 5,3 Milliarden Menschen ein Smartphone, über zwei Drittel der Weltbevölkerung. Und jeder kann draufdrücken und online gehen. Wann und wo er will.
Beim Segeln immerhin ist zum Glück mit Abwechslung zu rechnen. Denn zwischendurch muss man ja wenigstens mal an einer Schot ziehen.

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