Auf Trauerfeiern geht man üblicherweise nicht gern. Aber ich sag immer, dass diese Feiern ja nicht für den Verstorbenen abgehalten werden, sondern für dessen Angehörige. Die Anwesenheit eines jeden Einzelnen zeigt, wie sehr man den Verblichenen geschätzt hat. So wie heute. Eine Trauerfeier in Eckernförde. Ein langjähriger Segelfreund meines Mannes. Man trägt Schwarz, tritt gesittet auf, singt folgsam alle Lieder mit und betet das Vaterunser. Der Pastor redet in den höchsten Tönen von Hans. Er war ohne Fehl und Tadel, mit seiner ruhigen, besonnenen Art immer für alle da. Gerade beim Segeln.
Ich weiß allerdings, dass er auch ein bisschen schusselig war. So brachte Hans 1984 mal einen Anker aus, ohne die Leine am Boot zu befestigen. Oder er verwechselte nach drei Bier gern mal Steuer- mit Backbord. Da gibt es einige Geschichten. Eigentlich hätte ich es schön gefunden, wenn eine von ihnen hier zum Besten gegeben würde. So was lockert doch die Atmosphäre auf. Aber das sehen andere vielleicht nicht so locker.
Es geht weiter. Der Pastor beschreibt Hans in seiner Ansprache als guten Ehemann und sagt, dass er seiner Frau Grete jeden Wunsch erfüllt hat. „Jeden Wunsch ist gut“, flüstert mein Mann mir zu. „Er hat alles für Grete gemacht. Ihr sogar jeden Morgen Kaffee ans Bett gebracht und so.“ – „Pssst.“ – „Ist doch wahr. Außerdem hat er …“ – „Pssst!“ Diskretion war noch nie seine Stärke. Außerdem sollte er sich an seinem Segelfreund Hans ruhig mal ein Beispiel nehmen.
Irgendwann singen wir das letzte Lied, stehen auf, und dann begeben wir uns in eine Gaststätte am Hafen. Ernst blickende Angestellte empfangen uns dort und schenken Tote Tanten aus. „Ruhig und besonnen“, sagt York und grinst. „Ohne Fehl und Tadel. Könnt ihr euch an Gotland Runt erinnern? Als Hans gekübelt hatte und wir alles alleine machen konnten, obwohl er so beschissen navigiert hatte, aber natürlich trotzdem immer noch alles besser wusste?“ Gruppendynamisches Nicken und „hahaha“, „hohoho“. Belegte Brötchen werden serviert.
Erwin schaut auf die Brötchen. „Das hat Hans extra gemacht, dieser Sack“, sagt er dann. Ich runzele die Stirn. Was ist an belegten Brötchen schlimm? „Er wusste ganz genau, dass ich Zwiebelmett liebe.“ Nun hat Erwin Tränen in den Augen. „Und er wusste genau, dass eine reichhaltige Bezwiebelung für mich das A und O ist. Nun schaut euch diese Brötchen an.“ Seine Unterlippe zittert. Die Brötchen sind wirklich reich belegt. „Ach Hans“, sagt Erwin. „Alde Mütz! Werd dich nich vergessen!“ Jetzt kommen sogar mir die Tränen. Alle gucken. „Aber kein Gouda mit Cornichons.“ Ludwig. „Na ja, wir waren ja nicht die dicksten Freunde. Wenigstens gibt es auch Camembert.“
„Nur weil er dir mal diese Karina ausgespannt hat. In Sandhamn war das, da waren wir mit der ‚Forever together‘ unterwegs.“ – „Die hieß Kaja. Und das war in Mariehamn.“ Bier kommt in großen Gläsern. Man stößt an. Und dann geht’s los mit „Wisst ihr noch …?“ Selbstverständlich hat „Wisst ihr noch …?“ seine Daseinsberechtigung. Aber es ist mühsam für Menschen, die bei „Wisst ihr noch …?“ nicht dabei waren. In diesem Fall waren das sämtliche Frauen der Wisst-ihr-noch-Erzähler. Aber wir sind Kummer gewohnt.
Nun sitzen alle Kameraden beisammen und johlen wiehernd ob der Tatsache, dass Manni mal beim Spi-Fliegen gegen den Mast geknallt ist. Weiterhin kreischt man in der Erinnerung, die eine Carlotta und eine Jacqueline betrifft, die man in Frankreich … nun ja … beglückt hat. „Da waren Grete und Hans schon zusammen!“, brüllt Norbi, der, so weiß ich aus Erzählungen, der indiskreteste Mensch ist, den man sich vorstellen kann. Gerade macht er dem alle Ehre. Aber dann, wie aus dem Nichts, Grete: „Du musst es aber auch korrekt erzählen, Norbi. Nämlich dass wir da auch was miteinander hatten.“ Norbi wird rot. „Aber nur kurz.“ Oha.
„Ansgar, mach mal ’ne Runde Aquavit für alle!“, fordert Grete nun und haut auf den Tisch. „Ich will, dass wir das Glas auf meinen Mann erheben!“ Alle jubeln. Grete ist wirklich eine coole Socke. Dann kommt Ansgar mit den Klaren. „Wisst ihr noch, diese eine Bedienung in Enkhuizen, wo wir mit alle Mann waren, die, die uns die gebratenen Schollen einfach zugeworfen hat? Und die dann später mitgesoffen hat!“ – „Ansgar, noch ’ne Runde!“ Und wisst ihr noch dies und wisst ihr noch das.
„Ach, das hätte Hans gefallen!“, kommt es dann. „Schade, dass er das nicht mehr mitkriegt.“ Die Gläser werden gehoben: „Auf Hans! Komm gut rüber!“
„Wisst ihr noch, wie wir alle die roten Klamotten anhatten und Hand in Hand über die Straße gelaufen sind?“, sagt Bernward. „Wir haben immer zusammengehalten, sogar an Land!“
„Oh ja!“ Alle nicken und lächeln ein bisschen wehmütig. „Das waren tolle Zeiten. Als wir die Zahnbürsten abgeschnitten haben, um Gewicht zu sparen!“
„Stimmt! Das war Hans’ Idee!“
„Der gute Hans!“
Nun sind sie ganz ruhig und gucken auf die Tischplatte, und plötzlich spüre ich, dass da immer noch ein ganz großer Zusammenhalt und eine Art Liebe ist, die wohl durchs Segeln entstanden sind. Es ist schön, die Jungs so zu sehen, auch wenn sie traurig sind. Die Erinnerungen schweißen wohl zusammen, auf immer und ewig. So ein Miteinander auf dem Boot kann ja auch sehr herausfordernd sein. Aber sie haben es immer alle miteinander gewuppt.
Walter seufzt. „Oder als Hans im Mast oben hing, um den Verklicker zu reparieren, da hatten wir sieben Windstärken!“ – „Nein, neun!“ – „Quatsch, elf!“– „Alles Unfug, da war Flaute.“
„Jedenfalls war es immer total klasse, dass wir unterwegs waren, jede einzelne Fahrt mit euch war ein Ereignis, Jungs!“, ruft Per.
Dann rückt man noch enger zusammen, obwohl das kaum mehr möglich ist. Bier und Klarer werden erneut serviert. Man hebt zum zwölften Mal die Gläser. „Auf Hans! Alles Gute auf deiner letzten Langfahrt!“
Dann schauen sie sich an, die alten Kameraden, die, die noch da sind. Erinnern sich an schöne Zeiten, als sie jung waren und zusammen älter wurden. Für die das Segeln ein Lebensinhalt war und es noch ist.
Ja. Trauerfeiern haben auch ihr Gutes. Man hebt die Gläser, man sinniert, und man ist dankbar für das, was gewesen ist. Und man hofft, dass das noch nicht alles war. Dass man noch ein bisschen bleiben kann hier, bei den Kollegen, die über die Jahrzehnte Brüder geworden sind. Und wenn wieder einer geht, dann rückt man eben noch näher zusammen. Und denkt daran, wie schön das alles war!
Wellenberge verbindet Segelerlebnisse auf Ostsee und Skagerrak mit persönlichen Betrachtungen über das Leben. Menso Heyl erzählt von Nachtfahrten, Ankerplätzen und Begegnungen in Häfen, aus denen Freundschaften entstehen.
Segelzeit versammelt Reiseaufzeichnungen, Erinnerungen und Betrachtungen Wilfried Erdmanns aus mehr als vier Jahrzehnten auf dem Wasser. Das Spektrum reicht von kurzen Fahrten bis zu großen Seereisen, vom Jollen- und Chartersegeln bis zum Sturmsegeln. Der Band macht nachvollziehbar, wie eng persönliche Lebensgeschichte und Segeln verbunden sein können – und warum Erlebnisse mit Freunden und Crew weit über einen einzelnen Törn hinauswirken.
Manche Crews teilen nicht nur Törns, sondern ein ganzes Leben. Was hat eure älteste Segelfreundschaft über all die Jahre zusammengehalten? Erzählen Sie uns davon in den Kommentaren.

Freie Autorin
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.