Vereinsleben hat in Deutschland seit Jahrhunderten Tradition. Unter dem Dach des am 4. März 1888 gegründeten Deutschen Segler-Verbands (DSV) sind aktuell knapp 1.300 Klubs organisiert. Damit vertritt der DSV die Interessen von über 190.000 gemeldeten Mitgliedern. Vielen von ihnen bieten die lokalen Segelvereine überhaupt erst die Heimat, um ihren Sport ausüben zu können. Denn mit der Zugehörigkeit zu einem Verein gehen verschiedene Vorteile einher. Beispielsweise besteht mitunter die Möglichkeit, einen Liegeplatz fürs eigene Schiff am Vereinssteg zu bekommen. Oder man tritt der Jollentrainingsgruppe bei. Für andere wiederum steht die Teilnahme am geselligen Vereinsleben wie auch der regelmäßige Austausch mit Gleichgesinnten im Vordergrund.
Und dennoch: Mit der Mitgliedschaft in einem Verein geht man stets Kompromisse ein. Das ist nicht jedermanns Sache. So treffen beispielsweise viele Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, Erfahrungen, Interessen und Erwartungen aufeinander. Das birgt Potenzial für Reibungen und Diskussionen jeglicher Art. Die muss man im Zweifel aushalten können. Zudem gibt es im Verein oft abzuleistende Arbeitsdienste. Und kostenlos ist eine Mitgliedschaft auch nicht.
Wer also überlegt, einem Verein beizutreten, sollte die Vor- und Nachteile gegeneinander abwägen. Erstere liegen insbesondere für junge Segelanfänger meist auf der Hand. Betreiben doch die meisten Segelvereine eine mal mehr, mal weniger umfassende Jugendarbeit. Sie leisten damit einen wichtigen Beitrag nicht nur zur Segelausbildung von Kindern und Jugendlichen. Sondern sie liefern auch positive Impulse für deren persönliche, soziale Entwicklung.
In vielen Vereinen wird solch eine Jugendförderung erst möglich, weil die ältere Generation sie finanziert. Sei es mittels ihrer Vereinsbeiträge oder sogar in Form privater Sach- und Geldspenden. Nur deshalb verfügen die meisten Klubs über eigene Optis und Jugendjollen. Trainiert werden die Jüngsten häufig von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die mitunter nur unwesentlich älter sind als die ihnen anvertrauten Schützlinge.
Auch das kann als Pluspunkt gelten: Die ehrenamtlichen Trainer erhalten für ihr Engagement bisweilen eine Aufwandsentschädigung. Und sie entwickeln sich infolge ihrer Rolle als Verantwortlicher persönlich weiter. Diese hinzugewonnene Sozialkompetenz macht sich für den einen oder anderen dann vielleicht sogar im Job bemerkbar.
Für ältere Segelanfänger wie auch für erfahrene Skipper gibt es in den Segelvereinen mannigfaltige Angebote zur Aus- und Weiterbildung. Die Angebote können je nach Klub ein breites Spektrum abdecken, sie reichen vom Segelschein-Anfängerkurs über Astro- und Wetterseminare bis hin zu gemeinsamen Sturm- oder gar Überlebens- und Rettungstrainings. Auf das Alter kommt es dabei selten an. Selbst mit einigen Jahrzehnten Segelerfahrung im Kielwasser gilt wie generell im Leben: Man lernt niemals aus.
Das vom Verein organisierte Kurs- und Trainingsangebot hat mehrere Vorteile: Das eigene Wissen und Können wird erweitert. Oft ist die Teilnahme zum Selbstkostenpreis möglich. Und man lernt und übt im Kreis vertrauter Gesichter.
Mit der Zahl seiner Mitglieder wächst meist auch das Ausbildungs- und Trainingsprogramm. Zu den Großen in Deutschland zählt zweifellos der Kieler Yacht-Club (KYC). Er betreibt eigens für seine Schulungsgruppe fünf Schiffe. Zur Flotte für die Erwachsenenbildung gehören eine J/80, eine J/99, eine Elan 31 sowie eine X-35 und eine X-442. Immer donnerstagabends treffen sich hier Segler im Schulungsgruppenraum des KYC. Dann werden Neuigkeiten verkündet, Segeltermine besprochen, Arbeiten verteilt, und es wird sich ausgetauscht. Außerdem gibt es regelmäßig Vorträge. Interessierte treten der Schulungsgruppe über eine Probe-Mitgliedschaft bei. „Bei uns ist jeder willkommen, die Silver Ager genauso wie Studenten“, betont der Leiter der Gruppe, Volker Schmidt.
Daneben betreibt der KYC – wie andere große und manch kleinere Vereine auch – eine ambitionierte Jüngsten- und Segelleistungssportförderung. Last, but not least besteht hier und da die Gelegenheit, mit vereinseigenen Hochseeyachten an Küsten- und Hochseeregatten teilzunehmen oder aber an Fahrtentörns in oft spannende, entfernte Segelreviere.
Ein anderer, nicht minder wichtiger Aspekt des Klublebens betrifft all das, was außerhalb beziehungsweise um das eigentliche Segeln herum passiert: das soziale Miteinander. Man trifft sich auf dem Steg, im Cockpit, im Vereinsheim oder auf dessen Terrasse. Das muss man mögen; in einem kommerziellen Yachthafen geht es in der Regel deutlich distanzierter zu. Andererseits ergibt sich dadurch die Chance für einen unkomplizierten Wissens- und Erfahrungsaustausch. Vor allem Neulinge, die das Segeln gerade erst für sich entdecken, finden in einem Verein schnell Anschluss – und auf dem Steg sicher auch immer eine helfende Hand.
Daneben gibt es jene Bootseigner, denen es nicht allein ums Segeln geht. Sie haben auch Spaß daran, ihre Boote optisch und technisch zu optimieren. Das muss beileibe nicht auf die eigene Jolle oder Yacht beschränkt sein. Nicht selten bastelt man auch am Boot des Nachbarn mit.
Und dann gibt es selbstverständlich zudem das, was es in nahezu jedem anderem Verein auch gibt: Anlässe zum Feiern. Speziell Mitglieder von Segelklubs zelebrieren häufig gemeinsam das alljährliche An- wie auch Absegeln mit dem Hissen beziehungsweise Einholen des Vereinsstanders. Ein Sommerfest steht meist ebenfalls fest im Terminkalender, ebenso die Weihnachtsfeier. Schafft sich ein Klubkollege zwischendurch ein neues Schiff an oder steht ein runder Geburtstag an, wird auch das gebührend gefeiert.
Dies ist zugleich vielleicht eines der schwerwiegendsten Argumente gegen eine Klubmitgliedschaft. Was die einen freut, ist den anderen ein Graus. Denn schnell kann man sich regelrecht verpflichtet fühlen, an den jeweiligen geselligen Zusammenkünften teilzunehmen. Man möchte schließlich nicht als Außenseiter oder gar Sonderling dastehen. Auch wenn man, statt an einer Schiffstaufe teilzunehmen, gerade viel lieber den guten Wind nutzen würde, um die Segel zu setzen.
In diesem Punkt also gilt es ehrlich gegenüber sich selbst zu sein: Ist man eher eingefleischter Individualist oder ist einem am sozialen Miteinander sehr gelegen? Ganz ähnlich die Befindlichkeiten, wenn die nächste Vereinssitzung angesetzt ist. Die wenigsten wollen sich in ihrer Freizeit mitunter langen Debatten um Bootsanschaffungen, Stegsanierungen, ehrenamtliche Tätigkeiten oder die Erhöhung von Mitgliedsbeiträgen widmen.
Zumal auf solchen Versammlungen gern mal die Interessen der verschiedenen im Klub organisierten Gruppen aufeinanderprallen. Häufig sind dies hier die wilden Jungen, da die gemäßigten Alten. Oder hier die Fraktion der Regatta-, da die der Fahrtensegler. Diskussionen muss man gewillt sein auszuhalten. Im besten Fall ist man gar bereit, ein Amt zu übernehmen.
In den meisten Vereinen wird sich auch in der Winterpause zu den gewohnten Terminen verabredet. Einige gucken zusammen die klassischen Segelfilme, andere treffen sich für einen Austausch im Klubhaus, und wieder andere organisieren Vorträge. So kommt man gemeinsam über die segellose Zeit.
Außerdem gibt es Vereine, die eine eigene Winterlagerhalle betreiben oder deren Mitglieder sich zusammentun und ihre Boote bei einem kommerziellen Hallenbetreiber gemeinsam einstellen. Dort findet dann auch während der Arbeit an den Schiffen ein Miteinander statt. Vor allem noch unerfahrene Eigner können sich während all des Schleifens, Spachtelns und Polierens jede Menge abgucken.
Im Frühling folgen dann die gemeinsamen Krantermine, aber auch die alljährlichen Arbeitsdienste: Steganlagen reparieren, Grünanlagen pflegen, das Vereinsheim streichen. Das ein oder andere Segelwochenende bleibt dafür auf der Strecke.
Weitere Vor- und Nachteile einer Klubmitgliedschaft sind unten aufgelistet. Gewichten muss sie jeder für sich selbst. Wer danach immer noch unsicher ist: Ausprobieren kostet nichts; vielleicht schnuppern Sie erst mal nur rein.
Christoph Zander ist Vorsitzender des Segler-Verbands Nordrhein-Westfalen (SVNRW) sowie Vorsitzender von gleich zwei Segelvereinen
Christoph Zander: Die DSV-Vereine kümmern sich in der Regel um die Jugendausbildung. Natürlich geschieht das auf unterschiedliche Art. Die einen tun mehr dafür als andere. Ziel muss aber immer sein, Leute für unseren Sport zu gewinnen – und zu halten.
Bei uns in der Segelabteilung des Essener Turn- und Fechtklubs (ETUF) schaue ich zum Beispiel, dass alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen möglichst einen Trainerschein machen oder sich als Wettfahrtleiter beziehungsweise Schiedsrichter ausbilden lassen. Auf diese Weise möchte ich gute Regattasegler, aber auch Breitensportler gewinnen, die Freude daran haben, ihr Wissen weiterzugeben. Kinder, die ich als reine Kadersegler ausbilde, verliere ich irgendwann! Die, die den Sprung an die Spitze nicht schaffen, sind irgendwann übersegelt und verlieren die Lust an unserem schönen Sport.
Ja, das kommt an. Es gibt viele, die nachher sagen, jetzt möchte ich mein Wissen weiter- und etwas zurückgeben. Ich bin auch nicht allein mit meinem Ansinnen. Auf Landesverbandsebene gibt es viele Stimmen, die fordern, dass wir mehr Trainerschein-Ausbildungen anbieten sollen.
Ich würde sehr gern mit unserem Landesverband die Vereine unterstützen. Etwa so, wie es der DSV und die Seglerjugend auf Bundesebene mit ihrer „Roadshow“ tun. Dabei kämen dann Trainer, meist Jugendliche und junge Erwachsene, mit Optimisten im Gepäck zu einem Verein, um dort ein Schnuppersegeln zu organisieren. Das scheitert noch an genügend Jugendlichen, die dort Aufsicht führen und die Einsteiger begleiten müssten. Das Geld läge für so ein Angebot bereit, das Projekt würde auch vom Landessportbund unterstützt. Nur an der Manpower mangelt es.
Ja, ich glaube fest, dass es funktionieren kann. Vor wenigen Tagen etwa hat unsere Jugendwartin für 25 Optikinder, die über ansässige Schulen akquiriert wurden, ein tolles Schnuppersegeln veranstaltet. Die Kinder, die sonst nie aufs Wasser gekommen wären, konnten erste Segelversuche unternehmen.
Natürlich nicht alle. Aber immerhin zehn haben einen Antrag gestellt, um dabeibleiben zu können.
Mögliche Vor- und Nachteile einer Klubmitgliedschaft. Im Einzelfall müssen nicht alle genannten Punkte auf einen bestimmten Verein zutreffen: