Fabian Boerger
· 08.04.2026
Mit der Rente kommt die Zeit. Viele träumen dann vom großen Segelabenteuer, von der Ostseerunde oder gar der Atlantiküberquerung. Den Plänen sind keine Grenzen gesetzt – dem Körper allerdings schon. Denn dieser spielt mit dem Alter immer seltener mit.
So verliert der Mensch bereits ab dem 30. Lebensjahr kontinuierlich an Muskelmasse. Ein ausgiebiges Fitnessprogramm kann diese Entwicklung abfedern; völlig aufhalten kann es das aber nicht. Drei bis acht Prozent, so geht es aus unterschiedlichen Studien hervor, baut der Körper pro Jahrzehnt ab. Die Folge aus dem Muskelschwund: Die Kraft lässt nach, die Beweglichkeit wird zunehmend eingeschränkt, und das Risiko zu stürzen steigt erheblich.
Die Zahl älterer Menschen steigt insgesamt, wie Bevölkerungsprognosen des Statistischen Bundesamtes zeigen – und damit geht auch die Zahl älterer Segler in die Höhe. Senioren an Bord gewinnen an Bedeutung.
Was können diese also tun, um sich trotz schwindender Kräfte die Freude am Segeln zu bewahren? Wilfried Erdmann hatte darauf einst eine pragmatische Antwort. In einem Beitrag des „Hamburger Abendblatts“ riet er älteren Seglern: „Bereiten Sie Hafenmanöver gut vor, dann wird keiner nervös. Und ziehen Sie bei entsprechenden Vorhersagen die Wetterkleidung vor dem Ablegen an. Wenn es draußen angenehmer als angesagt ist, können Sie dicke Jacke und Hose wieder ablegen.“
Das ist die eine Herangehensweise. Doch nicht jedem ist mit guter Segelklamotte geholfen. Stattdessen wächst bei vielen mit dem Alter der Wunsch nach einem Boot, das diesen altersbedingten Ansprüchen auch gerecht wird. Eines, das sicherer, komfortabler und vor allem beherrschbarer ist. Doch was braucht es dafür?
Einer, der sich mit dieser Frage intensiv beschäftig hat, ist Dr. Wolf-Dieter Mell. Der pensionierte Diplomingenieur und promovierte Sozialwissenschaftler forschte in den späten Nullerjahren zum Segeln im Alter. Gemeinsam mit dem Institut für Sportwissenschaften der Universität Kiel untersuchte er, womit sich ältere Segler an Bord schwertun.
Für seine Arbeit gründete Wolf-Dieter Mell das Institut für Boot-Tourismus in Bonn, eine private wissenschaftliche Forschungseinrichtung, und kooperierte mit dem damaligen Bundesverband Wassersportwirtschaft – heute VMWD (Verband Maritime Wirtschaft Deutschland). Mehrere Jahre leitete er dort auch die wissenschaftliche Forschungs- und Beratungseinrichtung.
Heute, fast 20 Jahre später, sind diese Ergebnisse noch immer von Bedeutung, und zwar aus zwei Gründen. Erstens: Anders als andere Analysen liefern sie konkrete Messdaten, aus denen sich präzise Empfehlungen für Yachtbauer ableiten lassen. Die Daten benennen die Knackpunkte klar und ermöglichen technische Lösungen, die gezielt gegensteuern. Zweitens: Mells Untersuchungen zum Segeln im Alter stehen weitgehend allein da. Seit der Veröffentlichung 2009 gab es keine vergleichbaren Studien zu den Belastungen von Seglern im Alter – zumindest keine, die den Beteiligten bekannt sind. Trotz dieses Alleinstellungsmerkmals wurden Mells Forschungen, die der VMWD einst förderte, im Anschluss eingestellt – auch aus finanziellen Gründen, wie es auf Nachfrage heißt. Auch das sportwissenschaftliche Institut in Kiel, mit dem Mell kooperierte, verfolgte das Thema nach eigenen Angaben nicht weiter.
So stehen Mells Erkenntnisse bis heute weitgehend allein da und bieten deshalb weiterhin Orientierung. Mell selbst ist zum Zeitpunkt der Untersuchungen in seinen 60ern, kurz vor der Rente. Da richte sich der Blick auf die Veränderungen, die mit dem Alter einhergehen, sagt er. „Ich dachte, es ist wirklich wert, untersucht zu werden. Vor allem zwischen 60 und 80 Jahren sind die Veränderungen tatsächlich dramatisch.“ Am eigenen Leib erlebt, weckten diese Veränderungen seinen Forschergeist. In der Studie untersuchte er deshalb, wie stark die Kraft im Alter schwindet und was das für das Segeln bedeutet. Konkret: Wie lange kann ein älterer Segler mit welcher Kraft einen Festmacher oder eine Schot dichtholen?
Das Ergebnis: Ein 60-Jähriger hat weniger Power, sowohl wenn schnell viel Kraft gebraucht wird als auch bei längeren Anstrengungen. Dauert die Belastung länger als zwei Minuten, können Ältere nur etwa halb so viel Kraft abrufen wie ein 20- oder 30-Jähriger.
Ähnlich verhalte es sich beim Gleichgewicht. Der sichere Gang über Deck, um bei Wind und Welle auf dem Vorschiff zu arbeiten, falle ab 60 Jahren immer schwerer. Allerdings spiele die sportliche Fitness hier eine große Rolle, so die Studie. Sie könne das Alter in weiten Teilen egalisieren.
Allerdings lassen sich die Anforderungen an Bord nicht nur auf die Kraft und das Gleichgewicht reduzieren. Auch die geistigen Fähigkeiten spielen eine Rolle, etwa wenn Segler mehrere Dinge gleichzeitig im Blick behalten müssen. Beim Anlegemanöver beispielsweise, wenn Festmacher über Pfähle gelegt werden müssen, dabei gesteuert und gleichzeitig die Fahrt gedrosselt werden muss. Oder beim Navigieren in anspruchsvollen Gewässern: Neben dem Echolot fordern andere Segler, Berufsschifffahrt und Fahrwassertonnen die Aufmerksamkeit.
Die Studie zeigt: Eine Tätigkeit bewältigen Junge wie Alte problemlos, etwa das Steuern am Wind entlang der Windkante oder das Navigieren mit dem Kompass. Doch je mehr Tätigkeiten parallel hinzukommen, desto deutlicher werden die Unterschiede. Mit dem Alter verzögert sich die Reaktionszeit zunehmend.
Besonders belastend sind Manöver wie das Segelsetzen oder das Manövrieren im Hafen. Das belegen Langzeitmessungen der Herzfrequenz bei 42 Probanden. Bei diesen Manövern arbeitete der Körper besonders stark, die Messwerte waren entsprechend hoch. Zusätzlich wiesen die Forscher ein deutlich erhöhtes Stresspotenzial nach. Hinzu kommt: Mit wachsender Windstärke steigt auch die Belastung. Das gilt sowohl für körperliche als auch für mentale Anstrengungen. In einem nächsten Schritt wurden aus diesen Einblicken technische Ansätze entwickelt, die Antworten auf die jeweiligen Alterseinschränkungen liefern sollten.
Einer, der diese Weiterentwicklung bis in die Praxis begleitete, ist Hans-Peter Glück. Der pensionierte Schweizer Zahnarzt ist heute 70 Jahre alt. 2018 ließ er sich in Greifswald seine Idealvorstellung einer altersgerechten Yacht bauen. Eine Hanse 455, optimiert mit diversen smarten Lösungen. Viele davon gehen direkt auf Mells Untersuchungen zurück. Während der Bauphase und auch danach standen die beiden in engem Austausch und optimierten die Systeme gemeinsam.
Eine dieser Lösungen ist der sogenannte Comfo Drive. Er soll die hohe Stressbelastung bei Hafenmanövern reduzieren, vor allem bei Seitenwind oder Strömung. Kernstück ist ein Joystick-Konzept, mit dem die Motoren, also der Bootsdiesel sowie Bug- und Heckstrahler, mit nur einer Hand gesteuert werden können.
„Ich bin selbst ein wenig überrascht“, sagt er, aber mit der Steuerung habe er bislang keinerlei Störungen gehabt. Seit sieben Jahren testet er das System an Bord seiner „Rubberduck“, die er ein Jahr nach dem Bau ins Mittelmeer überführt hat. Noch heute ist er begeistert. „Was dort entwickelt wurde, ist wirklich beeindruckend“, sagt Glück. Jeder, den er mit dem System fahren ließ, sei begeistert. Es sei bedienerfreundlich, ob bei Seitenwinden, beim Rückwärts- oder Vorwärtseinlaufen in den Hafen. „Das ist wesentlich einfacher, wenn ich alles mit einer Hand machen kann.“
Glück betont, dass das System redundant ausgebaut ist. Sollte das Joystick-System also mal versagen, kann er über den Standardweg die Motoren direkt ansteuern. „Das war mir sehr wichtig, dass ich keine Probleme kriege, sollte es mal ausfallen.“
Auch die anderen Anpassungen haben sich bewährt, vor allem mit kleiner Crew an Bord. „Hinsichtlich der Segelleistung spürt man das deutlich“, sagt Glück. Ein Beispiel ist der elektrisch stufenlos verstellbare Traveller, den er ebenfalls über einen Joystick bedient und der auf einem mächtigen Targabügel achtern montiert ist. Früher charterte Glück oft, und auf vielen Schiffen verzichteten die Eigner gänzlich auf Traveller. Zu umständlich die Bedienung, vor allem auf größeren Booten. Die Joystick-Steuerung löse das Problem, wodurch man ein wichtiges Trimminstrument zurückgewinne.
Am Bug hat Glück eine Ankerwaschanlage eingebaut. Weniger wegen der Ermüdung des Körpers, eher wegen der des Materials. Die Kette wird beim Einholen mit Süßwasser gespült, bevor sie ins Kettenfach geht. „Das hat sich bewährt, die Kette sieht noch immer recht ansehnlich aus.“ Außerdem erspart die Anlage kräftezehrendes Aufholen der Kette. Als Wasser nutzt er das Grauwasser, das er zusätzlich sammelt.
Hilfreich ist auch eine mobile Gegensprechanlage an Bord, ein System, das Glück in der Pferdezucht beobachtete und für sein Boot umwidmete. Fünf Sprechstationen hat er installiert. Der Bootsführer steuert die Kommunikation: Er wählt einzelne Crew-Mitglieder direkt an und spricht sie an, während die anderen mithören. Es ist ideal bei Hafenmanövern, wenn etwas mehr Wind weht und der Vorschiffsmann oft nicht versteht, was der Skipper sagt. So geht es ohne Geschrei, mit Stöpsel im Ohr und Mikro.
Allerdings gibt es auch Dinge, die Glück noch nicht vollends befriedigen. Ein Beispiel: die Gangway am Heck des Bootes. Hier sei die Bedienbarkeit noch nicht optimal, vor allem dann, wenn der Abstand zwischen Heck und Steg groß ist. Viele andere Anpassungen haben sich hingegen bewährt, resümiert Glück. Es gab sogar Versuche, die Ideen zu kommerzialisieren. Zweimal wurde das System bei der boot Düsseldorf vorgestellt, sowohl der Comfo Drive als auch die Edelstahl-Konfiguration. Ein deutscher Charterbetrieb baute die Steuerung in eines seiner Boote ein. Das sollte einen Werbeeffekt bringen, dachte Mell. Auch ein Betrieb, der Hausboote baute, nutzte das Konzept.
Der große Wurf gelang allerdings nicht. „Aus irgendeinem Grund hat sich das nie durchgesetzt“, sagt Mell. Dennoch ist er überzeugt, dass die Werften die Ergebnisse der Studie zur Kenntnis genommen haben. Einige Anregungen finden sich heute auf modernen Yachten wieder: Handläufe, der Neigungswinkel der Treppenstufen oder kombinierte Querstrahlruder. Die dritte Ebene, die den Comfo Drive besonders macht, hat die Branche bislang ausgespart: die Einbindung des Hauptantriebs. Der kombiniert neben den Querstrahlrudern auch die Vor- und Rückwärtsbewegung in einem System.
Hinzu komme, dass der Zeitpunkt ungünstig gewesen sei, das Produkt zu vermarkten, ergänzt Hans-Peter Glück. 2020 kam Corona. „Dann hat der Kick gefehlt. Es wurde sehr schwierig, die verlorenen Jahre aufzuholen.“
Nichtsdestotrotz ziehen beide nach Jahren des Testens ein durchweg positives Fazit: Das Projekt altersgerechte Yacht funktioniert bei Hans-Peter Glück. Natürlich handelt es sich um individuelle Lösungen, die von Segler zu Segler unterschiedlich ausfallen. Doch sie liefern reichlich Ideen für alle, die ein sicheres, komfortables, langfahrttaugliches und vor allem beherrschbares Boot suchen.
Hans-Peter Glück fasst zusammen: Das System macht das Boot nahezu einhandtauglich, selbst bei größeren Yachten. Das erhöht die Sicherheit an Bord erheblich, gerade wenn die körperlichen Kräfte mit dem Alter nachlassen. „Ich denke, mit dem System lässt sich die Altersgrenze ein gutes Stück nach hinten verschieben. Ich schätze, so 15 Jahre gewinnt man dadurch bestimmt.“
Enge Boxengassen und nachlassende Beweglichkeit sorgen schnell für Stress. Ein Bug- oder gar ein Heckstrahlruder senkt in solchen Situationen den Pulsschlag deutlich. Per Knopfdruck bleibt das Boot in der Spur oder biegt in die Box ab, unabhängig vom Wind. Das wirkt sich auf den ganzen Törn aus: Wer sich übers Anlegen weniger Sorgen macht, fährt öfter los, gewinnt Übung und reagiert souveräner. Die gute Nachricht: Querstrahlruder lassen sich nachrüsten. Allerdings wird es schnell teuer – Werften verlangen für Einbau samt GFK- und Elektroarbeiten leicht 1.500 bis 2.000 Euro. Der Selbsteinbau ist möglich, erfordert aber Überwindung: Man muss ein Loch in den eigenen Rumpf schneiden.
Wer noch weiter gehen möchte, für den sind Systeme wie der Comfo Drive oder ähnliche Alternativen interessant. Sie kombinieren Dieselmotor sowie Bug- und Heckstrahlruder über einen Joystick.
Auch für das Segelhandling bietet der Markt viele Lösungen. Oft reichen kleinere Umrüstungen wie Lazy-Jacks und -Bags, bei denen die Segel zwischen Leinen gehalten und in einer Tasche am Baum verstaut werden. Noch einfacher zu bedienen sind Rollsegel. Rollfocks sind längst Standard; Rollgroßsegel, ob im Mast oder in den Baum gerollt, setzen sich immer mehr durch. Moderne Varianten mit besseren Materialien sowie senkrechten bzw. waagerechten Latten stehen herkömmlichen Segeln kaum nach. Der Vorteil: Niemand muss das Cockpit verlassen. Elektrische Winschen erleichtern die Arbeit zusätzlich. Statt kräftezehrendem Kurbeln genügt ein Tastendruck. Empfehlenswert ist die Elektrifizierung der Fallwinschen. Mit den richtigen Umlenkern lassen sich Fallen, Niederholer und Strecker ins Cockpit führen. Sie lassen sich auch im Nachhinein elektrifizieren.
Mit leichten Anpassungen wird auch das Bewegen an Bord sicherer. So helfen etwa Haltegriffe an den richtigen Stellen immens. Wird der oberste Relingdraht durch ein solides Relingsrohr ersetzt, bietet er beim Gang aufs Vordeck festen Halt. Ein Gestänge an der Sprayhood erhöht die Sicherheit zusätzlich, ebenso wie Handläufe unter Deck. Auch der Gang von Bord lässt sich erleichtern. An Nord- und Ostsee eher unüblich, am Mittelmeer Standard: Gangways vereinfachen den Einstieg erheblich. Es gibt sie in diversen Ausführungen, sogar aufblasbar. Wer mit dem Heck anlegt, kommt so bequem an und von Bord. Auch mit dem Bug am Steg gibt es Lösungen: Strickleitern, angeschraubte Bleche, absenkbare Bugspriete oder klappbare Edelstahlkonstruktionen. Zusätzlich hilfreich: ein Griff mit Klettgurt am Vorstag.

Redakteur News & Panorama