Restaurierungs-Fonds und NachwuchsSo will Jan-Matthias Westermann die Zukunft der Traditionsschiffe sichern

Jan Zier

 · 28.10.2022

Restaurierungs-Fonds und Nachwuchs: So will Jan-Matthias Westermann die Zukunft der Traditionsschiffe sichernFoto: privat
Jan-Matthias Westermann setzt sich für Traditionsschiffe ein

Viele Traditionssegler sind akut bedroht, immer mehr Betreiber geben auf. Jetzt soll der Nachwuchs helfen – und ein Fonds nach dänischem Vorbild. Jan-Matthias Westermann, der Vorsitzende der Stiftung „European Maritime Heritage“, berichtet über Pläne und Probleme

Die Szene der Traditionsschiffer hat sich am vergangenen Wochenende in Hamburg getroffen: Der Europäische Dachverband für den Erhalt und die Förderung der Traditionsschifffahrt “European Maritime Heritage” (EMH) hatte zu seiner zweitägigen Jahrestagung geladen. Rund 25 Vertreter der nationalen Dachverbände waren gekommen.

Auf der Tagesordnung standen die Konsequenzen der immer schärferen Sicherheitsanforderungen, aber auch die Folgen der knappen Budgets für den Erhalt des maritimen Erbes und die finanziellen Fördermöglichkeiten für die Betreiber der Boote. Der in Amsterdam sitzende EMH hat eine Europäische Stiftung nach deutschem Recht „Maritimes Erbe Europa“ gegründet und will „das Bewusstsein für Sponsoren aus der Industrie sowie die Unterstützung der Bürgerinnen und Bürger und der europäischen und nationalen Verwaltungen wecken und schärfen“, wie er mitteilte.

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Jugendliche sollen sich für Traditionsschiffe interessieren

Auch über grenzüberschreitende Fahrten in Europa wurde diskutiert. Außerdem hat die Vollversammlung gemeinsam vereinbart, den Jugendaustausch weiter zu forcieren und mehr Anreize für Jugendliche zu schaffen, sich auf den Traditionsschiffen zu engagieren. Nun muss der EMH konkrete Modelle ausarbeiten, um das auch in die Praxis umzusetzen.

„Die Traditionsschiffe sind DAS Wahrzeichen auf allen Hafenfesten in Europa und damit ein wichtiger Bestandteil für die Verbindungen von Menschen innerhalb Europas“, heißt es in einer Erklärung. „Damit wird der europäische Zusammenhalt dauerhaft gefördert. Mehr denn je, auch mit Blick auf die aktuelle politische Lage, ist es notwendig, die Traditionsschiffe Europas in jeder nur möglichen Form zu unterstützen. Ohne sie geht unser kulturelles Erbe in diesem Bereich zu einem großen Teil für immer verloren.“

Formell beschlossen wurde, die Mitgliedschaft im EMH für weitere Organisationen zu öffnen, also etwa Vereine, die Traditionsschiffe betreiben. Deutschland ist in dem europäischen Dachverband bisher durch die „Gemeinsame Kommission für Historische Wasserfahrzeuge“ (GSHW) vertreten. Außerdem sollen sich Einzelpersonen künftig als fördernde Mitglieder engagieren können, als sogenannte Friends of EMH.

Zwei Traditionsschiffe in Fahrt: “Thor Heyerdahl” (l.) und “Roald Amundsen”Foto: TZRW / Herbert Böhm
Zwei Traditionsschiffe in Fahrt: “Thor Heyerdahl” (l.) und “Roald Amundsen”

“Wir haben ein tolles maritimes Erbe, das es zu erhalten gilt!”

Wir sprachen mit dem Vorsitzenden des deutschen Dachverbandes und Vorsitzendem der Stiftung „European Maritime Heritage“, Jan-Matthias Westermann, über die Probleme und die Zukunft der Traditionsschiffe.

Wie geht es den deutschen Traditionsschiffen, Herr Westermann?

Jan-Matthias Westermann: Es werden immer weniger! Vor zehn Jahren gab es in Deutschland 120 solcher Schiffe, heute sind es noch rund 100. Es steht zu befürchten, dass es bald nur noch 90 sein werden – weil die Anforderungen durch die neue Schiffssicherheitsverordnung schwer umzusetzen sind.

Wo ist das Problem?

2018 wurde sie nach langen Diskussionen mit unserem Segen verabschiedet. Dann gab es die Vereinbarung, dass wir für die Umrüstung der Schiffe 20 Millionen Euro vom Bund erhalten sollen, also etwa 200.000 Euro pro Schiff. Wegen der EU-Vorschriften soll es das Geld dann aber nur geben, wenn man „zuschussbedürftig“ ist, obwohl wir als gemeinnützige Organisationen sowieso keine Gewinne machen dürfen. Da muss man nachweisen, dass man im Grunde pleite ist – dann kann man ja aber auch das Schiff nicht mehr fahren! Bisher kam rund ein Drittel der Schiffe nicht in den Genuss der Förderung, bis heute ist das Problem nicht gelöst. Wir werden es jetzt bei der EU vortragen.

Der Unterhalt der Schiffe wird auch immer teurer. Wie wirkt sich das aus?

Viele Traditionsschiffe sind nun über 70 Jahre alt – sie wurden aber gar nicht dafür gebaut, so lange zu fahren. Nun müssen sie öfter, als es schön ist, von Grund auf instand gesetzt werden. Bei dem Kieler Marstal-Schoner „Zuversicht“ etwa kommen da auch bei viel Eigenarbeit am Ende Kosten von 2,5 Millionen Euro zusammen. Das kann kein ehrenamtlicher Verein aus seinen laufenden Einnahmen bezahlen.

Muss man ehrlich zugeben: Wir können nicht all diese Schiffe retten?

Gute Frage. In Europa gab es vor zehn Jahren noch circa 6.000 Traditionsschiffe, heute sind es 5.000. Wir müssen deshalb unbedingt die Jugend so für diese Schiffe begeistern, dass sie dafür sorgt, dass es in 20 oder 30 Jahren noch welche gibt. Wir haben ein so tolles maritimes Erbe, das es zu erhalten gilt! Und diese Schiffe geben der Jugend in vielen Bereichen auch etwas zurück. Dafür werden wir jetzt eine Initiative starten: Der internationale Austausch soll gezielt gefördert, auch die Qualifizierung an Bord soll besser anerkannt werden, ähnlich wie bei einem Freiwilligen Sozialen oder Kulturellen Jahr.

Viele Traditionsschiffe klagen heute schon über Nachwuchsmangel.

Ja, weil sich oft keiner darum gekümmert hat. Wenn man der Jugend keine Chance gibt, dann kommt sie auch nicht. Wir müssen uns ihr öffnen, anders mit ihr umgehen. Viele Jugendliche sind heute viel bewusster in der Welt unterwegs, jetzt müssen wir ein Bewusstsein für Traditionsschiffe schaffen, etwa in Zusammenarbeit mit der Sail Training Association Germany (S.T.A.G.), in der 3.000 Jugendliche das traditionelle Segeln lernen. Wir müssen uns also nicht nur öffnen, sondern sollten auch offizielle Qualifizierungen schaffen, die im Lebenslauf der jungen Erwachsenen weiterhelfen. Dies muss alles noch über die sozialen Medien verbreitet werden.

Wie gut sind die Traditionsschiffe bisher durch die Pandemie gekommen?

Die Flotte ist leicht angeschlagen, aber im wesentlichen durchgekommen. Einige Schiffe haben Überbrückungshilfen bekommen, andere haben ihre Reserven aufgebraucht und einige sagen: Wir schaffen das jetzt nicht mehr und suchen händeringend nach einem Käufer. Wenn man die laufenden Kosten nicht mehr durch laufende Einnahmen decken kann, leiden auch die Schiffe, und die müssen jedes Jahr intensiv gepflegt werden.

Haben Sie heute mehr Probleme, Spenden zu bekommen?

Die politische Lage, in der wir uns befinden, macht es nicht leichter.

Geht es den Traditionsschiffen etwa in Dänemark besser?

Ja! Dort gibt es einen Fonds, mit dessen Hilfe jedes Jahr ein Schiff von Grund auf instand gesetzt werden kann. Das streben wir für Deutschland auch an. Welches Schiff hier gefördert wird, hängt heute oft noch von Zufälligkeiten und guten Kontakten in die Politik ab. Das sollte nicht sein.

Jan-Matthias Westermann, 69, ist Steuerberater, seit 2016 Vorsitzender des Dachverbands der deutschen Traditionsschiffe und Vorsitzender der Stiftung „European Maritime Heritage“. Er engagiert sich auf dem 1948 gebauten Zweimast-Schoner „Freddy“ (www.segeln-mit-freddy.de).

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