Vom Automobil über Uhren bis zum Yachtbau: Der Mailänder Architekt Lucio Micheletti springt galant zwischen den Maßstäben und Disziplinen. Dabei bewahrt er sich stets eine frische Perspektive und kreiert Schönheit, die in Erinnerung bleibt.
Ein Text von Norman Kietzmann
Architekten entwerfen keineswegs nur Gebäude. Nach dem Modell der Mailänder Schule werden angehende Architekten durchaus breiter aufgestellt. Vom Löffel bis zur Stadt, lautet das Credo seit den 1950er-Jahren. Sprich: vom Maßstab des Produktdesigns über einzelne Gebäude bis hin zu den Dimensionen eines ganzen Viertels oder noch darüber hinaus. Was die Objekte vereint, ist ihre Orientierung zum Menschen. Darauf kommt es an, nicht auf die Spezialisierung in einer einzelnen Disziplin. Dass gerade in deren Überschneidungen spannende Dinge entstehen, zeigt die Arbeit von Lucio Micheletti.
Der gebürtige Mailänder hat am dortigen Polytechnikum Architektur studiert – unter Marco Zanuso und Achille Castiglioni, zwei Granden des italienischen Designs. 1987, mit gerade einmal 26 Jahren, eröffnet er sein eigenes Studio, Micheletti + Partners. „Ich hatte ein altes Telefon aus Bakelit, das nicht klingelte. Und so ging ich immer wieder nachsehen, ob es vielleicht kaputt war, weil niemand mich anrief. Doch nach und nach kamen die Aufträge, und ich teilte das Studio in zwei Bereiche auf“, sagt Lucio Micheletti in seinem Büro. Auf dem Gebiet der Architektur ging es Kurs Wohnbauten und Hotellerie. Im Designbereich steuerte er in Richtung Automobilindustrie, wo er Innenausstattungen für Zagato entwarf, jenes legendäre Designstudio, das sich auf visionäre Kleinserien, Einzelstücke und Concept Cars spezialisiert hat. Alles, nur kein Standard, ist hier gefragt. „Doch irgendwann kam der Moment, in dem ich Autos als begrenzend empfand. Es gab noch keine Elektroautos, für die ein neues Design notwendig wäre. Also trat die Gestaltung auf der Stelle“, erklärt Micheletti.
Darum wechselte er die Art der Mobilität und tauchte 2009 in die Yachtwelt ein. Auch hier passierte der Schritt organisch, diesmal klingelte das Telefon tatsächlich. Sein Handy. „Ich war in Sibirien für ein neues Theater und wurde von einem Eigner beauftragt, die Innenausstattung seines Bootes zu gestalten. Das Projekt war bereits angelaufen, und plötzlich fand ich mich in einer Situation wieder, in der ich mit Nauta Design an der Advanced 66 zusammenarbeitete“, sagt der Mailänder. Die 20-Meter-Slup wurde zu seiner nautischen Ausbildung, die Taufe in einer neuen Disziplin. Als die A66 auf dem 50. Salone della Nautica in Genua 2011 als Yacht des Jahres ausgezeichnet wird, ist Micheletti klar, dass es für ihn weiter in diesem Metier geht. Er entwirft sechs Interieurs für Solaris und verschafft seinem Namen in der Branche noch mehr Gehör. Das erste Projekt war die Gestaltung des Innenraums der Solaris 42.
Der Sieg der Solaris 50 bei der Wahl zur European Yacht of the Year im Januar 2016 war ein wichtiger Moment für die Werft – genau wie für das Studio Micheletti + Partners. „Ich habe an dem gearbeitet, was ich vom Automobilbereich her gewohnt war, nämlich der Wahrnehmung. Es geht also nicht nur darum, was wirklich ist, sondern darum, wie sich etwas anfühlt“, sagt Lucio Micheletti. Und da ist er, dieser Transfer zwischen den Disziplinen, der so selbstverständlich erscheint, wenn man sich nicht in eine Schublade stecken lässt. Lucio Micheletti entwickelt ein Boot nicht so, wie es immer gemacht wurde, sondern wie es sein sollte. Aus seiner Sicht – und damit auch der eines Architekten.
Will heißen: An Bord einer Yacht geht es um mehr als Platz. Es geht um Raum. Und der möchte erfahren werden. Blickpunkte sind entscheidend. Ebenso Ruhepausen, Freiräume, die den Augen ein wenig Verschnaufpause gönnen, bevor sie wieder in Opulenz schwelgen dürfen. „Wenn wir über Luxus reden, dann über ruhigen Luxus“, so der Architekt. Es geht ihm nicht um Bling-Bling, sondern um Raffinesse. Ruhe ist der Schlüssel dazu. Doch noch viel mehr: Es braucht ein anderes, noch kostbareres Gut – Anmut.
Eine geradezu überschwängliche Portion davon zeigt der 2019 gebaute 43-Meter-Einzelbau „Canova“ für Baltic Yachts. Vier Jahre zuvor setzte sich Micheletti in einem Wettbewerb unter vielen Yachtdesignern durch. Das Ergebnis: Ein Segler mit Grazie. Ein Luxus, der nicht schreit. Ein Komfort, der einen willkommen heißt. Unter Deck niedrige Möbel, um ein Gefühl von Tiefe zu geben. Die Blicke wandern durch die großen Fenster nach draußen, holen die See visuell ins Interieur herein. Die Idee zur Transparenz hat ihre Wurzeln in der modernen Architektur, bei Mies van der Rohe oder Le Corbusier. Um die anfangs etwas skeptischen Konstrukteure der Werft zu überzeugen, wählte Micheletti ein anderes Beispiel: Er nahm das Modell eines Chryslers aus den Fünfzigerjahren mit in die Besprechung.
„Es hatte niedrige Fenster und hohen Türen. Dieses Prinzip haben wir auf die Yacht übertragen, nur dass die Autotüren nun die Bordwand sind. Und die niedrigen Fenster entsprechen dem Deckshaus. Ich weiß, dass das segeltechnisch nicht korrekt ist. Aber genau diese schmalen Augen sind es, die ‚Canova‘ ihr unverwechselbares Profil geben“, macht Lucio Micheletti deutlich. Doch es geht nicht nur um den Look von außen, sondern um die Wahrnehmung von innen. „Sichtlinien, damit man von einem Punkt aus den entferntesten Punkt des Bootes sehen kann, vermitteln ein Raumgefühl. Auch holen wir Licht in Ecken, wodurch wir das Volumen vergrößern. Das alles sind Dinge, die in der Architektur normal, aber in der nautischen Welt Neuland sind.“
Die größte Herausforderung dabei? „Jedes Boot hat eine geheime Seele. Wenn man gut darin ist, diese Seele zum Vorschein zu bringen, dann sticht dieses Boot unter allen anderen hervor – mit seinem eigenen Herzen“, ist Lucio Micheletti überzeugt. Das bedeutet aber auch, mit jedem Projekt eine andere Perspektive aufzubauen. „Bevor ich Architektur studiert habe, wollte ich Maler werden. Aber irgendwann sagte mir mein Vater, ich solle das vergessen, weil ich es nicht schaffen würde. Aber ich ließ mich nicht beirren und ging zu einem Meister namens Eduardo Cruma, der mir die Malerei beibrachte. Er sagte mir: Du kannst ein schönes Bild malen – das Problem ist nicht, es einmal zu machen, sondern es zu wiederholen. Nach ‚Canova‘ hatten wir wirklich ein Problem. Wie sollten wir uns da wiederholen können? Das Boot war wie verdammte Poesie.“
Wie er sich aus der Zwickmühle befreit hat? Ganz einfach: Er setzte eines obendrauf. 2020 beauftragte Nautor Swan ihn, das Außendesign der Maxi-Linie zu übernehmen. Diese Zusammenarbeit umfasst Projekte wie die 108, 88 und 80. Doch es ist vor allem die 2025 zu Wasser gelassene Swan 128, die mit ihren markant-fließenden Konturen die Sinne betört. Die Inspiration dazu lieferte das Streamline-Design der 1930er-Jahre. Selbst alltägliche Produkte wie Telefone wurden seinerzeit aerodynamisch optimiert, als müssten sie mit hoher Geschwindigkeit die Luft durchbrechen.
„Es gibt keine sterilen Linien. Vielmehr vermitteln die Dinge das Gefühl, für den Windkanal optimiert zu sein. Auch hier geht es um den Aspekt der Wahrnehmung – in extremer Dimension“, ist Lucio Micheletti überzeugt. Ein Boot muss in seinen Konturen erkennbar sein. Deswegen arbeitet er an der Rumpfform ganz in Weiß. Er neigt dazu, Details wegzunehmen und das zu lassen, was vom Objekt übrig bleibt. Es geht um die Kunst der Subtraktion. Wenn die Form perfekt ist, kann auch Farbe als Unterscheidungsmerkmal hinzukommen. Muss sie allerdings auch nicht, weil die Konturen bereits als Erkennungszeichen dienen. „Das sind alles Spielereien, die die wahrgenommene Qualität erhöhen und eine Erinnerung schaffen. Es ist also ein ganzes System, eine ästhetische Sprache, die einem dabei hilft, das Produkt zu identifizieren: nicht als Micheletti + Partners, sondern als Nautor Swan oder Baltic. Das heißt, wir dringen wirklich in die Seele des Produkts ein“, erklärt der Architekt.
Wie das gelingt? Einmal ist das Dach des Kajütaufbaus leicht schräg gestellt, wie ein Akzent, der im Italienischen die richtige Aussprache eines Vokals anzeigt. Bei einem anderen Boot, das für Seen in der Schweiz und Norditalien konzipiert wurde, erinnert der Rumpf an eine stilisierte Welle. „Selbst wenn das Boot stillsteht, soll es ein Gefühl von Speed vermitteln. Es ist wie bei den aufgeblasenen Stoßstangen eines Mercedes oder Porsche, die aerodynamisch gesehen nichts bringen, aber Leistung suggerieren. Das gilt in diesem Fall selbst dann, wenn das Boot festgemacht ist. Daher haben wir diesen Aspekt ‚Kai-Geschwindigkeit‘ genannt“, betont Micheletti.
Was für ihn Schönheit bedeutet? „Für mich ist es Wohlbefinden. Alles hängt zusammen. Darum ist es wichtig, ein Gleichgewicht zu erreichen. Wohlbefinden ist hochindividuell, genau wie die Wahrnehmung von Schönheit.“ Für ihn geht dieser Aspekt über die sichtbare Ebene weit hinaus. Einmal hat er die Motoren einer Yacht auf sogenannte Silentblöcke gestellt. Diese werden normalerweise unter Lautsprecherboxen platziert, damit diese weniger Lärm an die darunterliegende Etage abgeben. Hier sorgen sie für Ruhe an Bord. „Das sind Details von Dingen, die oft nicht sichtbar sind. Doch für den Komfort an Bord sind sie essenziell. Und Komfort ist das, was Wohlbefinden und damit in meinen Augen auch Schönheit ausmacht“, erklärt Lucio Micheletti.
Die Kunst ist für ihn immer noch präsent. 2012 hat ihn Michele Sofisti, CEO des Schweizer Uhrenherstellers Girard-Perregaux, zum Art Director berufen und ihn in allen Bereichen arbeiten lassen, vom Verkauf bis zu den Zifferblättern. Für Girard-Perregaux hat er eine Serie von Zeichnungen angefertigt, die während der Kunstbiennale in Venedig 2013 gezeigt wurde. Darauf ist er stolz, genauso wie auf seine Autos sowie auf seine zahlreichen Yachten oder Gebäude. Dinge, die so unterschiedlich sind und sich doch harmonisch zusammenfügen. Als wir nach unserem Gespräch im Mailänder Studio aus dem Konferenzraum treten, erscheint ein bekanntes Gesicht. Es ist kein Geringerer als Wally-Gründer Luca Bassani. „Wir machen gerade ein Haus für ihn“, sagt Lucio Micheletti im Vorbeigehen und verabschiedet sich. Und so kommt wieder alles zusammen: das Land, das Meer – und die Schönheit mittendrin.