PorträtGlobe-40-Skipperin Lisa Berger segelt vom Attersee um die Welt

Tatjana Pokorny

 · 24.02.2026

Fokussiert bei allen Bedingungen: Lisa Berger wuppt, was sie erreichen will. Dem Zweihand-Race soll ein Solo um die Welt folgen.
Foto: Lisa Berger
​Lisa Berger macht, wovon viele nur träumen. Dabei ist die österreichische Globe40-Weltumseglerin vom Attersee nahbar, authentisch, beharrlich und obendrein mutig.

E​s ist ein lauer Frühsommerabend Ende Mai 2019, als eine junge Frau in Chucks dynamisch über die Terrasse des Yacht Club Strande an der Kieler Förde eilt. Sie sucht ihren Skipper für die anstehende Premiere des Zweihand-Ostsee-Rennens Baltic 500.

Lisa Berger lässt sich in einen Stuhl fallen und berichtet, dass sie gerade aus Österreich angereist ist. Der dänische Mini-Skipper Claus Pedersen hatte via Facebook Ersatz für seinen abgesprungenen Mitsegler gesucht. Lisa hatte sich mutig gemeldet – ohne eine Meile Mini-­Erfahrung. 1.000 Kilometer Anfahrtsweg vom Attersee an die Strander Bucht hat die junge Frau mit den lebendigen großen blauen Augen investiert.

„Es war meine erste Mini-Regatta. Oh Mann, war ich aufgeregt!“, erinnert sie sich fast sieben Jahre später während der gerade laufenden Welt-Regatta Globe40 immer noch. „Es war ein so riesiger Traum von mir, endlich einen Mini zu segeln. Ich weiß noch, dass ich Angst hatte, es könnte mir nicht so gut gefallen, wie ich es mir erhofft hatte, obwohl ich genau wusste, dass ich es lieben würde.“


Mehr zum Thema:


Am Ende des Baltic 500 zollte der damals 56 Jahre alte Claus Pedersen seiner jungen Mini-Schülerin viel Respekt, sagte: „Danke, Lisa, dass du eine so in­spi­rierende und hartgesottene Mitseglerin warst.“ Sie hatte ihre Feuertaufe mit Platz vier im Zweihand-Ostsee-Marathon bestanden. Es war der Startschuss zu sehr viel mehr. Vor allem viel Meer.

Meistgelesene Artikel

1

2

3

Sie weiß: „Ich war komplett angefixt. Das Baltic 500, Claus Pedersen und seine Pogo 2 waren der perfekte Einstieg für mich. Da ging alles für mich los. Der Plan, das Mini-Transat 2023 zu segeln, war damit fix für mich.“

Wie gefällt Ihnen dieser Artikel?

Seglerische Anfänge von Lisa Berger

Als Elfjährige hatte Lisa erstmals in Kroatien mit Mutter Ursula Berger auf dem 40-Fuß-Boot eines Familienfreundes das Segeln auf dem Meer erlebt. Schon damals stand sie gerne am Steuer. Es folgten weitere Ferientörns. Den A-Schein erwarb sie als 14-Jährige auf dem Attersee. Auch die Mutter war Feuer und Flamme, hat selbst schon den Nordpazifik von Hawaii nach San Diego überquert und erinnert sich: „Wir sind Meile um Meile gesegelt. Lisa war von Beginn an schlichtweg begeistert. Mir war immer klar: Was dieses Mädchen will, das macht sie.“

23 Jahre alt war Lisa, als sie erstmals dem Mini-Transat begegnete. Ihre Erinnerung: „Die kleinen Minis flogen an den Kanaren vorbei. Ich konnte diese bunten Punkte am Horizont sehen. Ich glaube, das war der Moment, in dem meine Träume begannen. Seitdem hatte ich die Idee vom Überqueren des Atlantiks und sogar einer Weltumseglung im Kopf.“

Nach dem Crashtest im Baltic 500 ging es schnell. Noch im selben Jahr gewann sie mit dem ersten österreichischen Mini-­Transat-Solisten Christian Kargl die Mixed-­Offshore-­EM. Der goldene Triumph der sympathischen Alpenstürmer erregte viel Aufsehen und machte ihr Mut für die Mini-­Transat-Pläne. ­Ihre „Mojo“ dafür bekam sie von Kargl. Sie trainierte in La Rochelle im Centre Excellence Voile, meisterte die Qualifikationsrennen und erlebte trotz vieler Herausforderungen „die beste Zeit meines Lebens“.

Über den Mini zur Class 40

Beim Blick zurück auf ihr Mini-Solo über den Atlantik weiß sie heute aber auch um die Fehler, die sie damals machte: „Ich habe mich viel zu sehr mit den anderen verglichen, meist Top-Seglern. Was blöd war, denn ich hatte im Vergleich so gut wie keine Erfahrung. Dafür habe ich bei der finalen
Regatta, dem Mini-Transat 2023, die Rechnung bekommen.“ Platz 45 war nicht, was die Aufsteigerin wollte. Sie haderte mit dem Ergebnis und mit sich, war im Rennen frustriert, „weil es nicht so lief, wie ich wollte“.

Heute weiß sie: „Hätte ich mich nicht so viel mit anderen verglichen, hätte ich das Transat viel mehr genießen können, wäre eventuell auch besser gesegelt.“ Inzwischen schaut sie dankbar zurück: „Das Mini-Segeln war die perfekte Offshore-Grundschule für mich. Ich bin so froh, dass ich ins kalte Wasser gesprungen bin und es durchge­zogen habe.“

Damit hat sich Lisa Berger mit privaten Unterstützern, Partnern und dem sehr engagierten Verein Trans-Ocean ein starkes Karrierefundament geschaffen. Jetzt klebt auf ihrer Class40 „Wilson“ im Globe40 ein rot-weißer Sticker mit der Aufschrift „Born in 6.50 Classe Mini“ – geboren im Mini. „Ich bin superfroh, dass ich über meine Mini-Kampagne den nächsten logischen Schritt gewagt und mir eine Class40 zugelegt habe, damit um die Welt segle und alles, was ich gelernt ­habe, auch umsetzen kann!“

Die Entscheidung, die Zweihand-Weltumseglung anzugehen, hatte sie direkt nach dem Mini-Transat-Zieldurchgang im November 2023 vor ­Guadeloupe getroffen. „Da habe ich sofort gewusst, dass ich um die Welt segeln will.“

Das intensiv empfundene Glück ist hart erarbeitet

Wie brutal die folgenden 21 Monate bis zum Globe40-Startschuss waren, wird Lisa nie vergessen. „Das Jahr vom Bootskauf bis zum Globe40-Start war bis jetzt das härteste für mich. Mit tiefen Tiefs, aber auch mit dem höchsten Hoch der erfolgreichen Teilnahme als Belohnung. Es ist immer noch schwer zu begreifen, dass wir gerade wirklich um die Welt segeln.“

Das intensiv empfundene Glück ist hart erarbeitet: von der Suche nach Finan­zierungsmöglichkeiten über den Kauf der betagten Lombard-Akilaria RC2 von 2010 bis hin zum aufwendigen Refit in Eigenarbeit.

Lisa erzählt: „Ich habe Glück gehabt, dass ich die richtigen Leute getroffen habe, die mir das Geld für den Bootskauf liehen. Im Juli 2024 habe ich ‚Wilson‘ gekauft. Danach haben wir bis zur Überführung in den Globe40-Start­hafen Lorient fast nur auf dem Trockenen am Boot gebastelt. Wir haben es komplett umgebaut, alles rausgenommen und wieder neu eingebaut, die ganze Elektronik neu gemacht. Es war mega viel Arbeit mit wenig Budget. Wir hatten das Boot in Nordwales draußen stehen. Es war sehr kalt im Winter. Aber wir haben es durchgezogen.“

Gebrochene Kielbolzen im Nordatlantik

Mit dieser Mammutaufgabe war sie nicht allein. An ihrer Seite stand Partner Jade Edwards-­Leaney. Kennengelernt haben sich der Waliser und die gebürtige Innsbruckerin 2022 in Les Sables ­d’Olonne. Er arbeitete als Team-Manager für GGR-Starter Ian Herbert-­Jones am „Puffin“-Mast. Sie war gerade zurück vom Mini-Klassiker SAS, machte ihre „Mojo“ zum Transport klar. Lisa sagt: „Wir vertrauen uns auf dem Boot zu tausend Prozent, ergänzen uns so gut: Er hat das technische Know-how, von dem ich viel lerne, hat für jedes Problem an Bord eine Lösung. Ich bringe die Regattaerfahrung mit. Globe40 mit ihm ist der perfekte Schritt für alles, was noch kommt.“

Drei Monate vor dem Globe40-Startschuss am 4. September 2025 hatte das Duo noch einen Last-Minute-Schock wegzustecken: Anfang Juni brachen im Nordatlantik plötzlich „Wilsons“ Kielbolzen. Erst nach 500 bangen Seemeilen des Ablaufens vor dem Wind, in denen nur das Sinken ausgeschlossen war, weil für das Globe40 viel Auftrieb im Rumpf hatte verbaut werden müssen, erreichten sie A Coruña. Im Nachhinein betrachten sie den Rückschlag als Glück im Unglück, weil sie eine Schwachstelle beseitigen konnten. „Wir hatten das Gefühl, dass ‚Wilson‘ mit uns gesprochen hat: ‚Hey, da ist noch was, das ihr unbedingt vor dem Start richten müsst“, sagt Lisa.

Nach Rang vier auf Etappe vier nun Platz vier gesamt

Inzwischen sind der Prolog von Lorient nach Cádiz und vier Etappen via Kapverden, La Réunion und Sydney nach Valparaiso gesegelt. Den Valparaiso-Sieg teilten sich nach ihrem für die Wettfahrtleitung nicht auflösbaren Fotofinish Team Belgium Ocean Racing-Curium und „Crédit Mutuel“. Lennart Burke und Melwin Fink werden nach ihrem Aus auf Etappe drei und nach der Kap-Hoorn-Passage der anderen mit Etappe fünf erst zur sechsten und letzten Etappe noch einmal antreten. Sie wollen das Rennen würdig zu Ende bringen. Bis zum Bumerang-Bruch hatten die jungen Deutschen in der Spitze der drei überlegenen Scow-Bug-Boote mitgemischt und jedes der beiden führenden Teams schon geschlagen. „Wir wollen sie noch einmal richtig fordern“, kündigte Burke an.

Bis dahin bleibt die Flotte auf sieben Boote reduziert, von denen mit der französischen „Free Dom“ eines die vierte Etappe nach Ruderproblemen hatte unterbrechen müssen. Nach der Reparatur in Sydney konnte die Crew am 15. Januar die Verfolgung aufnehmen, will Valparaiso bis zum 18. Februar erreichen. Dann fällt dort der Startschuss zu Etappe fünf. Lisa Berger und Jade Edwards-Leaney haben sich mit Rang vier auf Etappe vier auf Platz vier in der Gesamtwertung katapultiert. Der Aufstieg ist der eigenen Leistung und den Rückschlägen bei der Konkurrenz geschuldet.

Traum vom nächsten Schritt “Global Solo Challenge”

Für die ehrgeizige Berger und Edwards-Leaney gibt es aber wichtige Ziele über das sportliche Ergebnis hinaus. „Natürlich wollen wir am liebsten jede Etappe gewinnen, aber für mich ist das Globe40 auch ein weiterer Schritt auf dem Weg zum großen Traum: Ich will 2027 die Global Solo Challenge nonstop um die Welt segeln. Es macht Spaß, einen Schritt nach dem anderen zu gehen und über sich hinauszuwachsen.“

Das mussten Lisa und Jade auch, als auf Etappe vier tief im Südmeer plötzlich ein Want frei umherschwang. In stockdunkler Nacht stieg Jade in den Mast und konnte das Stag wieder festschrauben. Weiter ging es knapp über der Eisgrenze beim 50. Breitengrad Süd, wo die Belgier Benoît Hantzperg und Djemila Tassin mit 459,78 Seemeilen einen neuen 24-Stunden-Class40-Rekord aufgestellt haben. Dieses Tempo können die Spitzbug-­Boote nicht halten. Berger und Edwards-Leaney kommen auf Top-24-Stunden-Distanzen von 300 Seemeilen. Sie werden dennoch im siebten Himmel sein, wenn sie den Zielhafen Lorient erreichen.

Tatjana Pokorny

Tatjana Pokorny

Freie Reporterin Sport

Tatjana „tati“ Pokorny ist Autorin von neun Büchern. Sie arbeitet als Reporterin für die YACHT, berichtete unter anderem von neun Olympischen Spielen, als Korrespondentin für die Deutsche Presse-Agentur (DPA), das Hamburger Abendblatt sowie weitere nationale und internationale Medien. Kernthemen sind der America's Cup, das Ocean Race, die Vendée Globe, SailGP und weitere nationale und internationale Regatten und ihre Protagonisten. Lieblingsdisziplin: Portraits von und Interviews mit Segelsportpersönlichkeiten.

Meistgelesen in der Rubrik Special