Schon die Lage ist vielversprechend. Auf der U-Bahn-Brücke zwischen Baumwall und Rödingsmarkt weist ein Verkehrsschild den Weg: Links geht es Richtung Fischmarkt, Landungsbrücken, HafenCity und Speicherstadt. Rechts ins Zentrum, zum Rathaus, zur Alster. Berühmtes Hamburg – gleich um die Ecke. Zum Hafen hin muss der Besucher den Rödingsmarkt nur bis zum Fleet hinunterspazieren, schon schwappt ihm die Elbe entgegen. Die „Rickmer Rickmers“ liegt dort. Dahinter dümpeln Barkassen, laufen Frachter die Terminals an.
Die Adresse könnte kaum attraktiver sein. Hier schmeckt die Hansestadt mächtig nach Seeluft. Kein Wunder, dass just in diesem Viertel einst ein nautisches Shoppingparadies heranwuchs und über Jahrzehnte florierte. Denn genau das war der Rödingsmarkt: die vielleicht schönste und üppigste Segelmeile der Welt.
Weit über ein Dutzend maritime Läden reihten sich zwischen Baumwall, Kajen und Großer Burstah aneinander. Yachtausrüster, Bootsausstatter, Segelmacher. Dazu diverse Spezialgeschäfte für Segelbekleidung, Tauwerk, Lacke, Seekarten, Navigation und Ausrüstung aller Art. Die Käufer kamen aus ganz Deutschland. Am Rödingsmarkt leuchteten allen die Augen. Gingen sie aus einem Geschäft heraus, stolperten sie ins nächste hinein.
Nichts, was es hier nicht gab für die geliebte Passion. Von Anker bis Dyneema-Fall, von Petroleumlampe bis Schwanenhalsklinge, von Kompass bis Rettungsweste, vom Violinblock bis zum Südwester. Dazu seemännisch fundierte Beratung. Wer seine Yacht ausrüsten oder nur stöbern wollte – am Rödingsmarkt landete er im siebten Himmel für Segelbedarf.
Die Kunden standen persönlich in den Läden, konnten riechen, schauen und die begehrte Ware mit den eigenen Händen ertasten. Die Finger strichen über Schäkel, Tampen, Marlspieker. Zum Saisonende kramte man in den Kisten, in denen die Schnäppchen auslagen. Aufgeschossene Leinenreste, Dochte, Flaggen, Radarreflektoren. Zeit für ein Schwätzchen blieb darüber hinaus immer. Mit dem Ladenbesitzer, mit anderen Seglern. Manch einer kam überhaupt nur zum Reden. Beim Rausgehen klimperte die Ladentür.
Wer sich heute zum Rödingsmarkt aufmacht, findet von alldem nichts mehr. Besser: fast nichts mehr. Das Ladensterben hat auch hier längst eingesetzt. Laut Schätzungen sollen in den letzten zehn Jahren deutschlandweit bis zu 70.000 Einzelhandelsgeschäfte dichtgemacht haben. Auch bei den Seglern regieren mittlerweile die Preiscomputer und Suchmaschinen. Wer einen Kompass oder neues Antifouling braucht, surft durch die Online-Shops und kann im Internet ordern. Einkaufen per Mausklick, Return-Taste und Versand.
Auf der nautischen Meile sind die Bootsgeschäfte mehr oder weniger komplett verschwunden – bis auf einen einzigen Segelladen, der überlebt hat und einsam die Stellung hält. Auf halber Höhe der Straße, Hausnummer 39, blitzen große Schaufenster, hinter denen sich die maritimen Waren türmen. Ölzeug hängt dort aus, Schaufensterpuppen tragen Wollmützen, Südwester und Rettungswesten. In der Vitrine stehen Petroleumlampen, Flaggenstöcke und Funkbaken, drapiert neben Offshore-Stiefeln und Barometern.
Was für eine Schatzkammer hier wartet, erkennt, wer die Nase an die Scheibe drückt. Unter der Decke hängen Fender, Rettungsringe, Bootsmannsstühle. In den Regalen lagern Klampen, Signalhörner, Winschkurbeln, Bootsbatterien und Verklicker. Hinten im Laden: Rollen mit Tampen und Schoten, die Wände voller Schäkel, Wantenspanner und Beschläge. Ein Füllhorn voller Bootszeug.
Der Kunde kennt dieses Gefühl kaum noch. Durch den Laden wandern. In Ruhe schauen und entdecken. Im Geiste die Listen fürs Boot durchgehen. Ah, das könnte ich noch gut gebrauchen! Ah, diese Kettenkralle hat genau die richtige Größe! Und dann: In Gedanken schon mal lossegeln. Genau das nämlich geschieht, betritt man noch einmal solch einen richtigen Segelladen. Der Alltag schmeckt auf einmal nach Wind und Wasser.
Hinter dem Verkaufstresen, in Jeanshemd und blauer Weste, steht Marko Metzger. Der letzte Mohikaner am Rödingsmarkt. Der Siebzigjährige sagt: „Wir sind so eine Art Fossil, das letzte seiner Art.“ Über dem Geschäft steht der Name des verbliebenen Unikums: Yachtausrüstung Hamburg.
Marko Metzger hat Einzelhandelskaufmann gelernt, da war er gerade siebzehn. Er arbeitete danach bei verschiedenen Betrieben im nautischen Bereich, war eine Zeit lang im Außendienst tätig. Anfang der 2000er-Jahre ergab sich die Gelegenheit, die Filiale eines Segelgeschäfts zu übernehmen. Metzger stieg ein, machte den Laden bald auf eigene Kappe und erlebte noch die guten Zeiten. Vor 30 Jahren boomte der Rödingsmarkt in Sachen Segeln.
Mindestens 14 maritime Geschäfte existierten im Viertel. „Die Läden ergänzten sich gegenseitig“, erinnert sich Metzger. „Wir kannten uns untereinander, alle kamen gut miteinander aus. Wenn etwas fehlte, rief man einen Kollegen nebenan an oder empfahl den Kunden weiter.“
Dank der vielen Segelläden am Hafen war Hamburg nicht nur als Hochburg der Schifffahrt bekannt, sondern auch als Zentrum für Ausrüstung. „Die Kunden kamen aus ganz Europa“, sagt Metzger. „Skandinavien, Mittelmeer, Polen, Russland.“ Manche Segler seien sogar aus Südamerika angereist, um Equipment am Rödingsmarkt zu kaufen. Metzger: „Die nautische Meile hier war einzigartig, so etwas gab es vermutlich nicht noch einmal auf der Welt.“
Um all die Geschäfte aufzuzählen, die über die Jahre verschwanden, muss Metzger überlegen. Ein bekannter Name war der Yachtausrüster Schmeding, eine echte Hamburgensie unweit der Landungsbrücken. Der Laden gehörte zum Hafenbild, stammte aus der Zeit, als hier noch schiefe Häuser, kleine Kneipen und Kramläden standen. 2007 strich man die Segel.
Auch der Eckladen Canel mit Blick auf die Speicherstadt war eine Institution. Nach dem Aus übernahm ein Antiquitätenhändler die Ladenfläche, doch auch der ist lange gewichen. Die Liste setzt sich fort: Yachtausrüstung Schefferling – verschwunden. Steinmetz & Hehl, spezialisiert auf maritime Bekleidung – geschlossen. Gronau & Sohn, Gründer der Marke Jeantex – passé. Yachtelektrik Mörer – umgezogen an einen anderen Standort. Yachtfarben Waage – ebenfalls schon lange zu.
Auch der bekannte Versandhändler A. W. Niemeyer, der am Rödingsmarkt früher ein zweigeschossiges Outlet betrieb, verließ den Hafen. In Bahrenfeld eröffnete das Unternehmen dann einen Flagship Store, bis auch der 2023 dichtmachte.
Das Geschäft Hartmann erwischte es gleichfalls. 1925 in Hamburg gegründet, belieferte die Firma früher die Schiffswerften an Nord- und Ostsee. Der Laden am Rödingsmarkt wurde zu einer Fundgrube für Skipper, die selbst an ihren Schiffen arbeiteten. Schleifmaschinen, Schleifpapier, dazu ein unerschöpfliches Sortiment an Schrauben. Die Bronze- und Messingteile von Hartmann dürften in Hunderten von Yachten stecken. Doch auch dieses Paradies ist vom Rödingsmarkt verschwunden.
Marko Metzger sitzt hinten im Aufenthaltsraum seines Geschäfts. Eine Wanduhr tickt, die Kaffeemaschine läuft. An der Wand ein Bild mit Segelschiffen. Im Laufe des Gesprächs fallen ihm noch mehr Läden ein, die mit der Zeit von der Bildfläche verschwanden.
Bade & Hornig, eine Spezialbuchhandlung für Seekarten und nautische Literatur, fusionierte mit einem anderen Geschäft und zog fort. Der Hamburger Hafenbedarf Wilhelm Kelle, gegründet 1932 im Zippelhaus, am Ende um die Ecke Bei den Mühren ansässig, ist ebenfalls Geschichte. „Ein Original, das seit je zum Hafen gehörte“, sagt Metzger. „Die hatten alles, vom Sackhaken bis zur eisernen Schlagpütz.“
Dann, 2010, verlor die Speicherstadt auch dieses Geschäft, das zuletzt einem museumsreifen Zeitzeugen glich. Am Ende kamen Touristen in den Laden, standen ehrfürchtig zwischen den Schiffsglocken und Stockankern. Nach dem Tod des Mitinhabers musste der kleine Händler schließen. Das „Hamburger Abendblatt“ schrieb: „Das Traditionsgeschäft für Schiffszubehör war eines der letzten seiner Art, ein wehmütiger Abschied nach 78 Jahren.“
Schon am Vormittag kommen Kunden in Metzgers Laden. Sie holen bestellte Ware ab, schauen sich zwischen den Regalen um, schwatzen mit dem Chef. „Die Segler haben sich in all den Jahren kaum verändert“, sagt Metzger. „Die gab es schon immer, ob von Alster, Ostsee, Nordsee oder Elbe.“
Noch heute kämen viele Stammkunden, darunter durchaus auch junge Leute. An mangelndem Nachwuchs oder fehlender Nachfrage kann es also nicht liegen, dass so viele seiner Kollegen aufgeben mussten. Metzger nennt andere Gründe, die zum Aussterben der Segelläden führten: Bereits Mitte der 1980er-Jahre veränderte sich der Markt. Lange vor dem Internet begannen damals die ersten mit dem Versand von Yachtartikeln. Kataloge wurden gedruckt und europaweit an Kunden verschickt.
„Damit ging es los“, sagt Marko Metzger. „Ein brutaler Wettbewerb, bei dem sich einige die Preise um die Ohren schlugen.“ Neben dem rigorosen Versandhandel kamen weitere Faktoren hinzu. Manche der Ladenbesitzer fanden keine Nachfolger mehr, als sie mit weit über siebzig in Rente gehen wollten oder mussten. Metzger: „Einzelhandel bedeutet viel Arbeit, du hast eine Sechstagewoche, sonntags wartet die Buchführung. Das muss man wollen.“
Dann explodierten in Hamburg die Mieten und andere Kosten, was besonders den Einzelhändlern zusetzte. Die großen Versandhäuser hatten im Vergleich weniger Lagerkosten und konnten effizienter wirtschaften. Metzger: „Da können die Kleinen irgendwann nicht mehr mithalten.“
Damit nicht genug. Auch Baumärkte richteten bald darauf nautische Abteilungen ein, die Waren dort gab es einmal mehr zu Kampfpreisen. Schließlich schlugen das Internet und der Onlinehandel zu. Die Segler mussten nirgends mehr hin, mussten nicht einmal mehr telefonieren. Ein paar Mausklicks genügten, schon kamen die Kartons mit den neuen Bootsschuhen nach Hause. Zu Superniedrig-Preisen.
Heute ist das digital abgewickelte Geschäft allgegenwärtig. Wer als Kleinunternehmer nicht mitmacht, hat so gut wie verloren. Für manche der Segelläden folgten weitere Todesstöße: Konkurrenz aus dem Ausland, Kunden, die nach zahllosen Krisen das Geld zusammenhalten. Und dann kam: Corona.
„Am Ende greift alles ineinander“, sagt Marko Metzger. Und heute komme noch die politische und wirtschaftliche Großwetterlage hinzu, die überall für miese Stimmung sorge. Die Leute segeln zwar noch immer, während Corona setzte sogar ein kurzer Boom ein. Den kleinen Läden aber helfe das alles kaum. „Insgesamt sind zu viele Faktoren zusammengekommen, im Einzelhandel überleben das nur wenige“, führt Metzger aus.
Gut fühle sich das nicht an, sagt der Chef, auch wenn er als letzter Mann am Rödingsmarkt nicht klagen kann. Metzger hat drei festangestellte Mitarbeiter, in der Saison kommen Aushilfen dazu. Zu den anderen Geschäften am Rödingsmarkt habe er allerdings keinen Kontakt mehr. „Die haben mit Segeln und Wassersport nichts mehr zu tun, da fehlen einfach die Berührungspunkte.“
Metzger aber will weitermachen. Er hängt an seinem Laden, spürt die Verantwortung, eines der wenigen verbliebenen Segelgeschäfte am Leben zu halten. Viele seiner Kunden wären enttäuscht, würde auch er hinschmeißen. So langsam allerdings hält er Ausschau nach einem Nachfolger. „Ich könnte mir gut einen fließenden Übergang vorstellen. So einen Laden muss man ja erst mal kennenlernen.“
Die Segler können nur hoffen, dass es so kommt. Echte Yachtshops sind zu absoluten Raritäten geworden. Nicht nur in Hamburg am Rödingsmarkt, sondern auch an den Küsten und im Rest des Landes. Gehen die letzten, gehen die Lichter aus. Kein duftendes Teak mehr, keine Schäkel in den Vitrinen, keine Puppen mit blauen Troyern. Es bleibt der Bildschirm. Doch der riecht nicht nach See.

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