Jochen Schümann feiert einen großen Geburtstag, obwohl ihm selbst gar nicht so viel daran liegt. Statt den Ehrentag im heimischen Penzberg zu zelebrieren, ist der dreimalige Olympiasieger bei der Superyacht-Regatta Loro Piana als Taktiker auf Sir Lindsay Owen Jones' "Magic Carpet 3" im Einsatz und segelt am heutigen Finaltag nach bislang ausschließlich ersten Plätzen einem ungefährdeten Sieg entgegen. Den 65. Geburtstag wird er am Sonntag zu Hause mit Familie und Freunden nachfeiern.
Vom kindlichen Bootsbauer zum Weltsegler des Jahres, von Ost nach West, von Olympia-Gold auf den America’s-Cup-Gipfel: Deutschlands erfolgreichster Segler Jochen Schümann feiert am 8. Juni seinen 65. Geburtstag. Der Ehemann, Vater und Großvater blickt zurück auf ein halbes Jahrhundert erfolgreichen Leistungssport unter Segeln. Ans Aufhören denkt der Modellathlet im Rentenalter aber noch lange nicht. Der dreimalige Olympiasieger und zweimalige Cup-Gewinner ist als Profi weiter rund 100 Tage im Jahr auf dem Wasser.
Der letzte Olympiasieger des deutschen Segelsports hatte 1996 in Savannah seine dritte und finale Goldmedaille gewonnen. Begonnen hatte der Aufstieg des ehemaligen DDR-Sportstars aber eher zufällig, denn eigentlich wäre er gern Rennradfahrer geworden – was die Mutter aufgrund der drohenden Gefahren aber nicht erlaubte. Weil Schümann als Zwölfjähriger aus technischem Interesse in seiner Köpenicker Schule an einer Bootsbau-AG teilgenommen hatte, baten ihn die Lehrer am Ende zum Segeln des selbst gebauten Sperrholz-Optimisten auf dem heimischen Müggelsee. Daraus entwickelte sich eine Weltkarriere, die auch Mauerfall und Wiedervereinigung nicht stoppen konnten.
EIN LEBEN MIT VIELEN WENDEN
Für den damals 35-jährigen Schümann und seine beiden Soling-Mitsegler Bernd Jäkel und Thomas Flach bedeuteten die historischen Ereignisse eine extremere Wende im Leben, als sie jemals in einem Boot absolviert hatten. "Für uns war es ein Kulturschock. Ich war zwar damals der, der immer interviewt wurde, aber unsere Soling-Crew bestand ja aus drei Familienvätern mit Kindern. Das alles zusammenzuhalten war kompliziert. Wir fühlten uns nicht akzeptiert und gingen Klinkenputzen", beschreibt Schümann den Neustart im wiedervereinigten Deutschland inklusive Umweg über den Job in einer dänischen Segelmacherei.
Wie viele DDR-Sportler war auch Schümann vor der Wende als "Staatsprofi" zwar nicht reich geworden, aber abgesichert. Dieses Netz zerriss mit dem Ende der DDR. Schümann und seine Wegbegleiter mussten lernen, allein zurechtzukommen. Hilfreich waren die bereits errungenen Olympiasiege im Finn-Dinghy 1976 und im Dreimann-Kielboot 1988 sowie die Tatsache, dass der Segelsport frei von Doping-Skandalen war und blieb.
Die Wiedervereinigung selbst betrachtet Schümann bis heute pragmatisch: "Das Vaterland wurde ein bisschen größer, war ja aber immer noch das gleiche Vaterland." Seine schwärzeste Segelsport-Stunde erlebte der 1,89 Meter große Steuermann bei der bitteren olympischen Final-Niederlage gegen seinen ehemaligen dänischen Arbeitgeber und Soling-Rivalen Jesper Bank vor dem Opernhaus in Sydney 2000; für Schümann bedeutete Silber eine Enttäuschung. Trotzdem wurde er noch in Sydney vom Schweizer America’s-Cup-Team Alinghi und dessen Lenker Russell Coutts als Sportdirektor angeheuert – für den Berliner der Durchstart in die Profikarriere.
MIT ALINGHI AUF DEN AMERICA'S-CUP-GIPFEL
Als Sportdirektor gewann Schümann mit Alinghi 2003 und 2007 als erster und einziger deutscher Segler zweimal die berühmteste Silberkanne des internationalen Segelsports. "Insgesamt zehn Jahre als Schweizer bedeuteten für mich eine günstige Fügung für meine gesamte Karriere", weiß Schümann. Das später von Schümann mit der Hamburger Konzeptwerft und ihrem Gründer Oliver Schwall initiierte ehrgeizige Segelförderprojekt Sailing Team Germany, das für den deutschen olympischen Segelleistungssport Millionen Euro einwarb, scheiterte nach sieben Jahren am Dauer-Ringen mit dem Deutschen Segler-Verband im Kampf um Entscheidungshoheiten, die Art der Förderung und die Mittelverwendung. Weshalb sich Schümann für seine Zukunft keine tragende Rolle im organisierten Segelsport vorstellen kann: "Mein Enthusiasmus, meine Erfahrungen zu teilen, hat durch die Auseinandersetzungen einen ordentlichen Knick bekommen."
Dennoch hat er mit Geschäftspartner Schwall und dem ehemaligen Beiersdorf-Chef Stefan Heidenreich eine neue Förderinitiative namens OneTeam angeschoben, plant mit einem deutschen Team für den neuen Nationen-Wettbewerb Star Sailors League Gold Cup 2021 und beobachtet die Segelnationalmannschaft. Seine Einschätzung der Medaillenchancen ein Jahr vor Olympia 2020: "Wir haben keine zwingenden Medaillenkandidaten, aber ein paar gute Crews wie die 49er-Segler oder Philipp Buhl im Laser. Die haben eine Chance."
Seinen 65. Geburtstag wird Schümann mit einem Tag Verspätung im heimischen Penzberg mit Ehefrau Cordula und Freunden feiern. Penzberg war 1992 zur Wahlheimat des Berliners geworden, als er die sportliche Leitung des Daimler-Benz-Förderprojekts AeroSail übernommen hatte. Als begeisterter Bergwanderer lebt Schümann gern in Bayern, wo sich auch die drei Goldmedaillen befinden. "Sie liegen als nettes Ensemble in einer von einem Freund gebauten Holzkiste bei den Socken." Die Silbermedaille ist nicht dabei, "die liegt in einer anderen Schublade bei Sonstigem."
Hinweis: In der kommenden Ausgabe der YACHT lesen Sie ein Interview mit Jochen Schümann.

Freie Reporterin Sport