NachrufJames Wharram gestorben

Philipp Hympendahl

 · 20.12.2021

Nachruf: James Wharram gestorbenFoto: Philipp Hympendahl

Der britische Katamaran-Pionier ist vergangene Woche im Alter von 93 Jahren aus dem Leben geschieden. Ein persönlicher Nachruf von Philipp Hympendahl

Es war im vergangenen Sommer auf dem Ärmelkanal, in Höhe der Isle of Wight, als ich über Funk hörte, dass die Briten coronabedingt die Grenzen dichtgemacht hatten und jeder, der dennoch einen englischen Hafen anläuft, bis zu 10.000 Pfund Strafe zahlen müsse. Verunsichert änderte ich meinen Kurs und segelte die Nacht hindurch nach Cherbourg. Dabei hatte ich doch eigentlich James Wharram und seine Frau Hanneke Boon in Cornwall in Südengland besuchen wollen.

Kennengelernt hatte ich James während der Lapita Voyage Expedition 2008. Wir verstanden und mochten uns damals auf Anhieb. Die Expedition war von meinem Vater organisiert worden. Das Ziel: Mithilfe zweier traditioneller Wharram-Katamarane die Besiedelung des Pazifiks von West nach Ost nachzuweisen.

Als ich damals für eine Etappe dazustieß, war die Stimmung zwischen den beiden Booten auf Meuterei-Niveau. Ein klärendes Gespräch musste her, und James und Hanneke baten nicht meinen Vater, sondern mich als Vermittler an Bord. Wir konnten tatsächlich die Meinungsverschiedenheiten klären, und die Expedition wurde am Ende ein Erfolg.

James war da schon 80 Jahre alt – ein großer, kauziger Mann, der sich etwas Kindliches bewahrt hatte. Er sprach gerne und erzählte viel. Er war jemand, der Liebe und Aufmerksamkeit brauchte, möglichst viel von beidem. Aber er gab es auch zurück.

  Mit dem nach traditioneller Weise gebauten Kat auf den Migrationsrouten der PolynesierFoto: Philipp Hympendahl
Mit dem nach traditioneller Weise gebauten Kat auf den Migrationsrouten der Polynesier

Weil ihm eine Frau nicht genügte, lebte er über Jahre hinweg mit mehreren Frauen gleichzeitig zusammen. Starken Frauen. Neben Hanneke, seiner letzten Ehefrau, waren die wichtigsten in seinem Leben zwei deutsche, Ruth und Jutta. Mit den beiden baute er nach dem Krieg seinen ersten Katamaran, mit ihnen ging er auf abenteuerliche Weise – und oft unbekleidet – auf Langfahrt über den Atlantik. Das Buch „Two girls, two Catamarans“ ist ein Muss für jede Seglerbibliothek.

James war ein Freigeist, der jegliche Konventionen gebrochen hat, im privaten wie im Beruflichen. Ein Pionier und Visionär, der seiner Zeit weit voraus war und der anfangs gegen Spott, Häme und Geldmangel anarbeiten musste.

Später hätte er sein Wissen und seinen Vorsprung gewinnbringender nutzen können. Aber er wollte Seglern mit kleinem Budget ermöglichen, nach seinen Plänen einen „Wharram“ zu bauen und sich ihre Träume zu verwirklichen.

  Katamaran-Modell im Büro von WharramFoto: Philipp Hympendahl
Katamaran-Modell im Büro von Wharram

Die Popularität von Katamaranen wäre heute nicht da, wo sie ist, ohne James. Er hat die Möglichkeiten der Zweirumpfer erkannt, als sie noch fast ausschließlich in Polynesien zu finden waren. Und er hat als Erster den Beweis angetreten, dass diese Boote hochseetauglich sind. Oft wäre er beinahe gescheitert, aber vor allem seine Frauen haben ihm geholfen, Krisen zu überwinden. Sie haben maßgeblichen Anteil an seinem Erfolg – was James auch stets betont hat.

2016 wollte ich schon einmal die Wharrams mit dem Boot besuchen, da ließen mich Wetter und Zeit nur bis in den Solent. Daher beschloss ich nun im letzten Sommer, nach zwei Tagen in Cherbourg: Wenn ich James noch einmal sehen wollte, musste ich es jetzt riskieren. Ich segelte also erneut über den Kanal, zunächst nach Fowey und anschließend nach Falmouth. Ich war genesen und getestet, und den Rest überließ ich dem Schicksal. Es kam zum Glück nur der Hafenmeister zum Abkassieren.

James saß mit Lederhut auf dem Beifahrersitz eines alten VW Bullis, als Hanneke hupend auf mich zu fuhr. Wissend, dass James nicht mehr ganz gesund war, war ich doch positiv überrascht. Er hatte noch immer den klaren Blick, die feste Stimme und diese besondere Aura.

Wir fuhren zu ihrem Cottage inmitten wilder Natur, wo auch Jamie, der Sohn, mit seiner amerikanischen Freundin Liz im selbstgebauten Holzhaus lebt. Ein Esszimmer gibt es nicht, so saßen wir auf Sofas, Kissen und Holzdielen, und James schwärmte von Ruth und Jutta, den deutschen Frauen, ohne die er nie das erreicht hätte, wofür sein Name heute steht. Er blühte noch einmal auf in der Erinnerung an ein bewegtes Leben, in Dankbarkeit und Demut. Ich hörte gebannt zu, fragte nach und genoss jeden Augenblick unserer letzten Begegnung, wissend, einem wirklich besonderen Menschen gegenüber zu sitzen.

Jetzt ist James Wharram gestorben, ein Mann, der seine Träume gelebt und der die Welt inspiriert hat. Und von denen es leider zu wenige gibt.

Ich bin sicher, er ging mit einem Lächeln.

  James Wharram mit seiner Frau Hanneke Boon im Sommer 2021 an ihrem Wohnsitz in Cornwall ...Foto: Philipp Hympendahl
James Wharram mit seiner Frau Hanneke Boon im Sommer 2021 an ihrem Wohnsitz in Cornwall ...

  ... und in ihrer WerkstattFoto: Philipp Hympendahl
... und in ihrer Werkstatt

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