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Nachruf: Hein Zenker – der erste Weltumsegler aus Deutschland ist tot

YACHT Online

 · 27.10.2019

Nachruf: Hein Zenker – der erste Weltumsegler aus Deutschland ist totFoto: Johannes Erdmann

Vorige Woche ist einer der großen deutschen Segelpioniere und zugleich der unbekannteste von allen gestorben. Ein persönlicher Nachruf von Johannes Erdmann

Am vergangenen Montag erlag einer der großen deutschen Langfahrtpioniere im Alter von 89 Jahren einer schweren Krankheit. Eberhard "Hein" Zenker, geboren in der Nähe von Dresden, starb in seiner amerikanischen Wahlheimat. Seit vielen Jahrzehnten lebte er mit seiner Frau Sigrid („Siggi“) in einem kleinen, selbstgebauten Holzhaus mitten im Wald Virginias, nahe der Chesapeake Bay und dem Atlantik.

  Die Zenkers auf ihrer winzigen „Thlaloca", die sie um die Welt trugFoto: Privat
Die Zenkers auf ihrer winzigen „Thlaloca", die sie um die Welt trug

Hein und Siggi Zenker waren der deutschen Segelwelt lange Zeit trotz ihrer Erstleistung völlig unbekannt. Dabei hatten sie in den Jahren 1963 bis 66 Großartiges vollbracht: Sie waren mit einem nur 22 Fuß langen Holzboot um die Welt gesegelt. Das hatte mit einer Yacht noch kein Deutscher geschafft. Erst ein Jahr später vollendeten Elga und Ernst-Jürgen Koch mit der „Kairos“ ihre Weltumsegelung, doch sie sind es, denen gemeinhin diese Pionierfahrt zugeschrieben wird. Erst als die YACHT im Jahr 2010 von den Zenkers berichtete, wurden ihre Namen einem größeren Publikum bekannt. Dass sie so in Vergessenheit gerieten, liegt vermutlich daran, dass sie Deutschland zum Zeitpunkt der Reise bereits verlassen und sich in Kanada eine neue Existenz aufgebaut hatten.

Hein und Siggi Zenker waren in den frühen fünfziger Jahren unabhängig voneinander nach Kanada ausgewandert, um dort ihr Glück und ihre Freiheit zu suchen. Beide sprachen noch kein Englisch, aber das Land lockte mit gut bezahlter Arbeit und vielen Möglichkeiten für ein selbstbestimmtes Leben. Hein Zenker fand eine Arbeit als Holzfäller in den Wäldern Kanadas, seine spätere Frau als Krankenschwester. Nachdem Hein sich bei der Arbeit verletzt hatte, lernte er dort im Krankenhaus die junge Deutsche kennen, ein abenteuerlustiges Mädchen aus seinem Heimatland. Und es dauerte nicht lange, bis er sie in seinen größten Traum einweihte: "Siggi, wir müssen uns ein Segelboot bauen und um die Welt segeln."

  Die Route ihrer PionierfahrtFoto: Privat
Die Route ihrer Pionierfahrt

Im Sommer 1963 ging die kleine "Thlaloca" in der San Francisco Bay zu Wasser. Ein wunderbares und hölzernes Design von Laurent Giles, das bereits mit der Weltumsegelung des jungen John Guzzwell und "Trekka" seine Seetüchtigkeit unter Beweis gestellt hatte. Drei Jahre umsegelte das Paar die Welt und nahm am Ende der Reise im Jahr 1966 wieder Kurs auf Kanada. Die "Thlaloca" war nicht nur die erste Yacht deutscher Weltumsegler, sondern auch die erste, die die neue kanadische Flagge mit dem Ahornblatt um die Welt trug.

Das kleine Boot hatte sich auf der langen Reise so gut gemacht, dass das Paar in den Folgejahren sogar ein weiteres Mal über den Atlantik segelte und durch die Nordsee nach Deutschland. Von dort führte die Reise auf dem Binnenwasserweg nach Münster, Siggis Heimat. Der kleine Seagull-Außenborder erwies sich jedoch zu schwach für den Rhein, sodass sie sich die meiste Zeit schleppen ließen. Über die Kanäle gelangte das Paar ins Mittelmeer.

Auf dem Rückweg in die Karibik und über die Bahamas in die USA war die kleine "Thlaloca" schwer beladen. Neben den Bauplänen für ein neues 40-Fuß-Holzschiff fuhren auch viele Beschläge und Wantenspanner auf dem kleinen Boot mit in die USA. Am Rande der Chesapeake Bay wurde das Paar schließlich in einem Segelclub herzlich aufgenommen, fand Arbeit und bald darauf auch einen Bauplatz. Hier sollte ihre "Thlaloca Dos" Form annehmen.

Das neue Schiff bot viel mehr Wohnraum und eröffnete ganz neue Möglichkeiten. Wieder lag Europa als Ziel vor dem Bug, von Schottland bis weit hinein ins Mittelmeer. Erst im Jahr 1990 wurde das Paar häuslich und warf in den USA endgültig den Anker. Doch des Reisens wurden sie nie müde. Immer wieder führte sie ihr Kurs die Ostküste der USA hoch und runter, und mit ihrem Campingbus bereisten sie das Innenland von USA und Kanada.

Als ich im Herbst 2009 bei der YACHT begann, stolperte ich in der Recherche für eine ganz andere Geschichte über die Erwähnung einer Weltumsegelung von den USA aus mit der kleinen, 22 Fuß langen "Thlaloca". Sofort fielen mir die deutschen Namen auf, und ich begann weiter zu graben. Und ich fand die Adresse von Hein Zenker, schickte ihm eine E-Mail und bekam bald darauf Antwort auf Englisch. Aber ja, sie sind vor langer Zeit mit ihrem Boot um die Welt gesegelt, aber kommen eigentlich aus Deutschland. Hein erzählte mir ihre ganze Geschichte, aus der ich schließlich den YACHT-Artikel mit dem Titel "Die vergessenen Weltumsegler" verfasste. Aber getroffen haben wir uns damals leider noch nicht.

  Die „Thlaloca“ auf dem Indischen OzeanFoto: Privat
Die „Thlaloca“ auf dem Indischen Ozean

Bis zum Sommer 2015. Wir waren damals mit unserem Segelboot über den Atlantik gesegelt und wollten die Hurrikansaison im geschützten Norden der USA verbringen. Und so kam es, dass wir nur eine gute Autostunde Fahrt von Siggi und Hein Zenker einen festen Liegeplatz fanden. Die E-Mail-Adresse hatte ich noch, und die beiden freuten sich riesig, von uns zu lesen. Wir sollten vorbeikommen und am besten gleich über Nacht bleiben.

Einige Tage später klopften wir an die Tür eines wunderbaren kleinen und typisch amerikanischen weißen Holzhauses. Hein und Siggi begrüßten uns auf Deutsch und hießen uns herzlich willkommen. Während Hein sich über die vielen Jahrzehnte in den USA angewöhnt hatte, das "R" sehr weich und amerikanisch zu rollen, konnte man Siggi selbst nach so vielen Jahren ihren deutschen Akzent noch deutlich anhören. "Wir haben früher selbst untereinander fast nur englisch gesprochen", erklärte uns Hein, "doch jetzt im Alter reden wir häufig wieder deutsch. Irgendwie wird unser Ursprung wieder wach."

Ihr Haus war für mich ein faszinierendes Museum an Nautiquitäten. Hein führte mich durch alle Räume, erklärte mir Bilder, Bücher, Mitbringsel aus aller Welt. Ich konnte mich kaum sattsehen und -hören an all den Gegenständen und Erinnerungen aus ihrem Leben. Nebenbei griff Siggi dann beim Abendessen ins Regal und holte ein Gästebuch von ihrer Weltumsegelung hervor. Ich wollte mir am liebsten Baumwollhandschuhe anziehen, wie man es bei wertvollen Büchern macht, denn das Buch war eigentlich ein zweckentfremdeter Kalender aus dem Jahr 1943 und gefüllt mit Dutzenden Unterschriften und netten Worten von Segelpionieren aus aller Welt – Menschen, die ich nur aus den Geschichtsbüchern des Segelns kannte. Zu jedem Eintrag wussten Hein und Siggi eine Anekdote zu erzählen. Und immer endeten sie mit einem leicht resignierten "Den haben wir damals getroffen. Nun ist er auch schon tot."

Ja, eines merkten wir: Hein und Siggi waren die letzten einer Generation von Seglern und Abenteurern, die heute rar werden. Menschen, die voller Abenteuerlust und ohne die Sicherheit von GPS, Vollkasko und Satellitentelefon zu Reisen aufbrachen, die vor ihnen höchstens eine Handvoll gewagt und noch weniger überstanden hatten. Menschen, die Großes geleistet haben und gerade durch ihre Erlebnisse und Abenteuer zu dem geworden sind, wie wir sie heute erleben dürfen. Wertvolle Bekanntschaften.

Kurze Zeit später verlegten wir unser Boot nicht weit von ihrem Haus und schauten fast täglich bei Hein und Siggi vorbei. Die beiden wurden für uns wie die zweiten Großeltern. Während meine Frau Cati mit Siggi Hausarbeiten erledigte oder kulturelle Veranstaltungen im Dorf besuchte, saßen Hein und ich häufig über alten Seekarten, träumten und schwärmten, wo sie mit ihrem Boot geankert haben, wie sich die Welt verändert hat und wo man noch überall hinsegeln müsste. Oder wir versuchten, im Garten seine alten Autos zu reparieren. Immer wieder erstaunte mich Hein, wie neugierig und interessiert er trotz seines hohen Alters noch war. "Kannst du mir mal helfen? Ich würde gern den Fehlerspeicher am Auto auslesen, aber seit ich Windows 8 installiert habe, erkennt er die Schnittstelle nicht mehr." Und das mit Ende 80! Aber wahrscheinlich war es auch das Reisen, die ihn die Freude am Leben und die Neugier bis ins hohe Alter behalten ließen.

  Gastlandsflaggen aus aller Welt zieren das VorstagFoto: Privat
Gastlandsflaggen aus aller Welt zieren das Vorstag

Jedes Jahr im Sommer setzten wir unseren Kurs aus den Bahamas ab in die Chesapeake Bay, weit über 1000 Meilen bis ins Sommerlager. Es hätte auch nähere Ziele außerhalb der Hurrikanzone gegeben … Doch wir freuten uns immer wieder, hinauf zu Siggi und Hein zu segeln, sie endlich wiederzusehen. Und die beiden ebenso. Wahrscheinlich, wie sie einmal sagten, weil sie sich selbst häufig in uns wiedersahen – sich selbst vor 60 Jahren, jung und abenteuerlustig.

Und ging es ähnlich. Wir hingegen sahen in den beiden Vorbilder, wie wir selbst in 60 Jahren einmal gern sein würden. Seglerisch satt und an Erfahrung reich. Und menschlich: beeindruckend, aber bescheiden.

Immer wieder redeten die beiden in den letzten Jahren von neuen Reisen mit ihrer "Thlaloca Dos", die sie immer noch am Steg liegen hatten. "Eine kleine Reise würde ich gern noch machen", sagte Siggi im Sommer 2015. Doch beiden war auch bewusst, dass eine neue Reise beschwerlich werden würde. Und gefährlich, denn Siggi hatte ein schwaches Herz. Und so begann Hein schon vor einigen Jahren langsam mit dem Abverkauf seiner Bootsausrüstung. Er inserierte bei Ebay, aber beschränkte sich oft nicht allein auf die Produktbeschreibung, sondern erzählte zu jedem Gegenstand eine Geschichte. Zu seinem Sextanten beispielsweise, wie er vor vielen Jahrzehnten im Mittelmeer von einem Ende 80-Jährigen einen Satz Seekarten gekauft hat. "Der sagte mir: Wenn du deine Seekarten verkaufst, ist deine Reise vorbei. Und so fühle ich mich auch, wenn ich meinen Sextanten verkaufe."

  Siggi Zenker auf dem 22-FußerFoto: Privat
Siggi Zenker auf dem 22-Fußer

Als wir vor zwei Jahren mit unserem Boot in die Chesapeake Bay segelten, ging es Siggi immer schlechter, und ehe wir uns versahen, saßen wir an ihrem Sterbebett. Bis zum Ende blieb sie klar und glücklich, auch wenn ihr bewusst war, das sie bald sterben würde. Und dann geschah etwas, das wir nie vergessen werden. Ihre letzten Worte zu uns waren ein Rückblick: "Es war ein gutes Leben. Reich an Erfahrungen. Voller Abenteuer." Und dann leuchteten ihre müden Augen für einen kurzen Augenblick noch einmal auf, und sie ergänzte mit einem glücklichen Lächeln: "Und voller Gefahren."

Auf den Tag genau zwei Jahre später ist nun auch Hein einem schweren Leiden erlegen. Der letzte Pionier einer weit zurückliegenden Generation von Seglern und Abenteurern ist von uns gegangen, ein beeindruckender Mensch und ein guter Freund. Wir sind froh, dass wir die letzten Jahre mit ihm verbringen und jedes Jahr ein paar Monate mit unserem Schiff in seiner Nähe wohnen durften.

Eine Freundschaft, die unser Leben bereichert hat – und es auch weiterhin für immer tun wird. Hein, du wirst für immer in unserem Herzen sein. Und wir hoffen, dass wir ein Leben lang genauso glücklich sein werden wie du und Siggi. Und vor allem, dass wir am Ende das gleiche Leuchten in den Augen haben. Wir werden euch beide vermissen.

Ein Porträt über Hein Zenker aus der YACHT können Sie hier kostenlos downloaden...

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