Im Alter von 92 Jahren verstarb am vergangenen Freitag, den 10. April, der Kapitän, Elblotse, Extremsegler und Buchautor Gerd Engel in seiner Wahlheimat Kiel.
Der am 2. Juni 1934 in Osterode im Harz geborene Engel war leidenschaftlicher Segler und veröffentlichte schon während seiner aktiven Zeit als Elblotse (1967-1997) überaus unterhaltsam erzählte Reiseberichte über seine ambitionierten Einhandreisen mit seinem Hanseaten in der YACHT und in Büchern.
Anfang der 1990er Jahre ließ Engel sich seinen ersten von zwei Katamaranen bauen, die er „Sposmoker“ (Plattdeutsch für Clown) nannte und mit denen er in immer schwieriger zu befahrende Gewässer aufbrach. Eine der ersten Reisen führte ihn zu einer Zeit, als das offiziell noch gar nicht erlaubt war, hinter den eisernen Vorhang - auf russischen Binnenwasserstraßen steuerte er seinen auf einen russischen Namen umgetauften Kat von St. Petersburg bis nach Jalta. Diese Reise beschrieb Engel anschließend in seinem Buch „Weiße Nächte, Schwarzes Meer“ (erschienen 1995).
Nach nur wenigen Jahren baute Engel in einer von der Öffentlichkeit aufmerksam begleiteten Aktion den 18 x 9 Meter messenden Katamaran „Sposmoker II“. Das Selbstbau-Projek erregte Aufsehen, weil Engel sich von zahlreichen Freiwilligen unterstützen ließ, denen er Segelzeit im Tausch gegen Arbeitszeit offerierte. Trotz finanzieller Schwierigkeiten wurde der Katamaran fertiggestellt und Engel ging damit auf Törn.
Für die teils extremen Fahrten mit „Sposmoker I“ und „Sposmoker II“ wurde der ehemalige Berufsseemann mehrfach mit renommierten Hochseeseglerpreisen ausgezeichnet. So segelte Engel 1992 einhand ins Packeis nördlich von Spitzbergen, 1998 steuerte er sowohl Feuerland, als auch Spitzbergen an.
Das Ende der Ära „Sposmoker“ begann 1999 mit dem Versuch, einhand und nonstop die Welt zu umrunden. Das Vorhaben stad unter keinem guten Stern. Es sei von Anfang an der Wurm drin gewesen, beschrieb es Engel anschließend mit seinen Worten. Gleichwohl lief der damals Mitte Sechzig-Jährige zu Höchstleistungen auf und baute unterwegs einen neuen Mast, nachdem das Rigg von oben gekommen war und nach Ausfall des Autopiloten steuerte Engel den großen Kat die letzten Tage ununterbrochen von Hand.
Anschließend fuhr Engel mit dem Kat noch Tagescharter in Kiel, 2003 segelte Engel mit einem TV-Kamerateam zu den Kerguelen. Doch das Schiff zu halten, gelang ihm nicht. Es wurde schließlich, sehr zum Leidwesen des Eigners, versteigert. Engel nutzte die neue Freiheit und erfüllte sich einen Lebenstraum - er machte den Pilotenschein. Viele Jahre lang beschaute er sich die heimatlichen Segelreviere nun aus der Luft.
Gerd Engel stand zeitlebens früh auf und begann seinen Tag, wenn er nicht auf See war, am Schreibtisch. Hier schrieb er Bücher und Texte, und bereitete Lesungen und Vorträge vor. Seine Bibliografie ist lang. Mehr als zwanzig Buchveröffentlichungen kamen im Laufe seines Lebens zusammen. Unterhaltsame Reiseberichte („Törn ins ewige Eis“), fantasievoll erdachte Segelgeschichten („Münchhausen im Ölzeug“) und daneben mehrere Fachbücher („Die ungleichen Partner. Was Berufs- und Sportschiffahrt nicht voneinander wissen“).
Bis zuletzt bezeichnete Engel sich selbst als „Worcaholic“, denn ohne Arbeit ging es für ihn nicht. Als er sich von seinem Katamaran „Sposmoker II“ trennen musste, begann für den damals 80-Jährigen über 60 Jahre nach seinem Berufseinstieg in die christliche Seefahrt eine Karriere als Kapitän des Kieler Raddampfers „Freya“, auf dem er fuhr, bis ihm vor nur wenigen Jahren ein Unfall an Bord gesundheitlich so zusetzte, dass er diesen Beruf nicht mehr ausüben konnte.
Doch das Stehaufmännchen (Engel über Engel) kam wieder auf die Seebeine und schmiedete neue Pläne. Mit einem GfK-Klassiker von acht Metern Länge machte sich Engel noch vor drei Jahren auf den Weg, die Heimatnahen Gewässer der Ostsee zu erkunden. Er wollte ohne ambitionierte Ziele „gammelsegeln“, wie er es sich während seiner Extremreisen für das hohe Alter vorgenommen hatte. Doch die Fahrt dauerte nur kurz. Gesundheitliche Schwierigkeiten ließen den alten Fahrensmann endgültig an Land gehen – mit 90 Jahren.
Engel wohnte zuletzt im Olympiazentrum in Kiel-Schilksee, einen Steinwurf von den Stegen entfernt, die sein tägliches Ziel blieben, wenn er ausgedehnte Spaziergänge unternahm und alten Bekannten, die er dabei traf, von seinen Erlebnissen erzählte – und von seinen stets präsenten Plänen für die Zukunft.
Fair Winds, lieber Gerd!

Stellvertretender Chefredakteur YACHT