NachrufDerek Kelsall – der Pionier der Mehrrumpfboote

Johannes Erdmann

 · 02.01.2023

Nachruf: Derek Kelsall – der Pionier der MehrrumpfbooteFoto: Colin Forbes / Anchor Films
Derek Kelsall mit seiner Frau Claire an Bord seines Trimarans “Toria”, mit dem er 1966 das Round Britain and Ireland Race gewann

Der Bootsbau-Pionier Derek Kelsall setzte Maßstäbe im Bau von leichten Mehrrumpfbooten – seine in den 60er Jahren entworfenen Renn-Trimarane bahnten den Weg für die heutigen Rekord-Tris. Der Brite starb nun mit 89 Jahren in seiner Wahlheimat Neuseeland. Seine Entwürfe leben weiter

England hat viele gute Segler, Bootsbauer und Konstrukteure hervorgebracht. Derek Kelsall hingegen wurde im Jahr 1933 als Sohn eines Farmarbeiters geboren und wuchs zunächst in einfachsten Verhältnissen und fernab des Segelsports auf. Sein Studium in Maschinenbau konnte er nicht abschließen, weil ihm vorher das Geld ausging. Er wechselte ins Ölbusiness, arbeitete eine Zeit lang für BP in Kenia, bevor es ihn nach Texas verschlug. Dort in den USA und vor allem an der Westküste war der Bau von Mehrrümpfern deutlich populärer als in Europa. Die YACHT porträtierte im Jahr 1967 in einer ganzen Serie die vier wichtigsten Konstrukteure Kaliforniens (Dr. Hugo Myers, Ralph Flood, Norman A. Cross, Rudy Choy). Es war die Blütezeit des Mehrrumpfbootbaus – und in dieser Zeit muss Derek Kelsall den Entschluss gefasst haben, von der Ölbranche in ein Tätigkeitsfeld zu wechseln, das ihn schon immer interessiert hatte: den Bau und die Konstruktion von Mehrrumpfbooten.

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Der Kelsall-Trimaran "FT" von David Palmer bei Testfahrten vor RamsgateFoto: YACHT-Archiv/Jonathan Eastland
Der Kelsall-Trimaran "FT" von David Palmer bei Testfahrten vor Ramsgate

Im Jahr 1964 meldete sich Kelsall zum zweiten Observer Singlehanded Transatlantic Race (OSTAR) an und bestellte kurzerhand einen 35 Fuß langen Arthur Piver Trimaran, den er “Folatre” nannte. Zwei Monate nach der Bestellung des Bootes führte er das Regattafeld bereits aus dem Hafen von Plymouth und segelte fünf Tage lang weit vorn mit, direkt hinter Eric Tabarly, bis ihn eine Kollision mit einem treibenden Gegenstand jedoch zur Aufgabe und Rückkehr zwang. Nach der Reparatur des Bootes setzte Kelsall erneut in Plymouth die Segel und erreichte Newport in Rhode Island problemlos nach 34 Tagen auf See.

Sein Piver-Trimaran war ein ungewöhnliches Boot im OSTAR, völlig aus Sperrholz gebaut, als Ketsch geriggt und mit einer Wind-Selbststeueranlage ausgestattet. Zudem war “Folatre” der erste Mehrrumpfer, der ohne jeglichen Ballast an den Start ging, damals ungewöhnlich. Im selben Rennen waren zwei Katamarane am Start, die über Ballastkiele verfügten.

Die “Toria” setzte Maßstäbe

Während seiner Einhand-Atlantiküberquerung sammelte Kelsall viele Erfahrungen, die er später in die Konstruktion seiner eigenen Trimarane einfließen lassen sollte. Bereits im Jahr 1966 ging der 45-Fuß-Trimaran “Toria” zu Wasser, den Kelsall selbst konstruiert hatte und nach seiner Tochter benannte. Das Schiff setzte Maßstäbe für den Bau von Renntrimaranen, die bis heute Bestand haben. Zudem war “Toria” das erste Boot, das mit der neuen, von Kelsall entwickelten Technologie gefertigt wurde: Mit einem Kern aus Airex-Schaum konnte der Rumpf stabil, aber federleicht gebaut werden. Kelsall benannte die Technologie nach dem Ort, in dem seine Werft lag: dem kleinen Ort “Sandwich” in der Grafschaft Kent.

“Toria” gewann spielend das Zweihand-Rennen Round Britain and Ireland im Jahr 1966, und Kelsalls Erfolgsgeschichte begann. Im folgenden Jahr führte Kelsall die französische Segellegende Eric Tabarly auf einer Überführung von “Toria” ins Trimaransegeln ein. Doch statt Kelsall den Auftrag für einen neuen Tri zu geben, ließ der seinen Landsmann André Allègre einen 68-Fuß-Trimaran (“Pen Duick IV”) aus Aluminium zeichnen, der jedoch viel zu schwer war und zu allem Überfluss während des OSTAR-Rennens 1968 bei einer Kollision beschädigt wurde. Doch Kelsall hatte keinen Grund zur Trauer um den verlorenen Auftrag, denn stattdessen bekam er die Aufgabe, den 57-Fuß-Einrumpfer “Sir Thomas Lipton” für Geoffrey Williams zu bauen. In Sandwich. Aus Sandwich. Das Boot gewann das Rennen mit 17 Stunden Vorsprung.

Der Kelsall-Katamaran “KatManDu” vom Typ Tango 52 PerformanceFoto: Burkhard Bader
Der Kelsall-Katamaran “KatManDu” vom Typ Tango 52 Performance

Nach vielen weiteren Regattabooten und -erfolgen begann Derek Kelsall ab Anfang der 80er Jahre vorwiegend schnelle Fahrtenkatamarane zu konstruieren, die sich nach dem KSS-System (Kelsall Swiftsure Sandwich) auch von Bootsbau-Amateuren selbst fertigen ließen. Er entwickelte eine Unterdruck-Technik, die es selbst Eigenbauern ermöglichte, mit einfachsten Mitteln steife und leichte Rümpfe zu fertigen.

“Derek Kelsall hat mir den Einstieg in den modernen Bootsbau ermöglicht”, sagt Burkhard Bader. Seit 1985 ist er hierzulande DER Ansprechpartner, wenn es um den Bau eines Kelsall-Katamarans ging. “Ich habe bis 2006 über 100 Baupläne von ihm an deutsche Selbstbauer vermittelt und etwa 35 Neubauten in meinen Werkstätten gebaut und betreut.”

Viele Kelsall-Boote sind heute noch auf dem Wasser

Fast alle Boote segeln heute noch. “Wie etwa die ‘Matangi’ von Paul Maier”, sagt Bader. Er war der Erste, mit dem Bader im Jahr 1985 zusammenarbeitete. “Er hat seine Tonga 40 mit und bei mir in Kiel gebaut, sie dann im Dezember als Kasko auf eigenen Kielen an die Mosel überführt, um den Innenausbau zu machen.” Anschließend ist Maier mit seiner Familie jahrelang um die Welt gesegelt und nach vielen Jahren in der Heimat nun gerade wieder auf Weltumsegelung. “Sein Boot ist inzwischen 37 Jahre alt und sogar 2022 von Deutschland über Grönland in die Südsee gesegelt, meist einhand.”

Der 80 Fuß lange Kelsall-Trimaran “William Saurin” nahm 1982 an der Route du Rhum teilFoto: YACHT-Archiv/Jonathan Eastland/AJAX NEWS PHOTO
Der 80 Fuß lange Kelsall-Trimaran “William Saurin” nahm 1982 an der Route du Rhum teil

Laut Bader liegt der Erfolg der Kelsall-Schiffe nicht zuletzt an den verständlichen Bauplänen. “Obwohl er Engländer war, nutzte Kelsall das metrische System”, sagt er. Auch die leichte Bauweise galt damals als revolutionär: “Die Vakuumverklebung war eine Idee Derek Kelsalls”, sagt Bader, “im deutschen Bootsbau kannte damals noch niemand die Technik.” Mangels professioneller Systeme genügten dem Bootsbauer jahrelang mehrere Staubsauger als Werkzeug zur Erzeugung des Vakuums. “Genauer: des Unterdrucks”, präzisiert Bader, “denn ein vollständiges Vakuum wird nicht erreicht. Später nutzte ich eine Weidemelkpumpe, das funktionierte auch.”

Mitte der 90er Jahre wanderte Derek Kelsall nach Neuseeland aus und fand dort seine neue Heimat, in der er bis zum Ende seines Lebens weiter an Booten zeichnete.


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