NachrufDer Visionär von der Schlei

Andreas Fritsch

 · 27.09.2011

Nachruf: Der Visionär von der SchleiFoto: Im Jaich

Ingo Jaich, Gründer und jahrezehntelang treibende Kraft hinter Deutschlands größter Hafenkette "Im Jaich", ist mit 70 Jahren verstorben

An der deutschen Ostseeküste war Jaich das, was man mit Fug und Recht ein Original nennt, und obendrein noch einer der erfolgreichsten Geschäftsmänner der Wassersport-Branche. In den letzten Jahrzehnten hatte er immer in enger Zusammenarbeit mit seiner Familie aus der Keimzelle in Arnis an der Schlei ein kleines Imperium geschaffen. Heute betreibt die Im-Jaich-Gruppe neun eigene Marinas an Ost- und Nordsee, managt die Wasserferienwelt in Lauterbach und ein Hotel in Bremerhaven. Darüber hinaus gehört der Ostseedienst, Ingo Jaichs erste Firma, die auf alles rund um den Hafenbau spezialisiert ist, an der Küste nach wie vor zu einer der ersten Adressen in Sachen Marinabau.

Jaich, der schon als Jugendlicher zur See fuhr und später Kapitän war, bewies in den sechziger und siebziger Jahren, dass er ein Gespür für die Entwicklung der Segelszene hat. Als an der Schlei außer Fischern und einheimischen Seglern noch niemand ein Boot hatte, erkannte er die Attraktivität der Region und begann von seinen ersten Heuern bereits als Jugendlicher, Wasser-Grundstücke aufzukaufen. 1967 errichtete er mit der Marina in Arnis einen der ersten Yachthäfen vor allem für Eigner aus dem Hamburger Raum. 1976 gründete er den auf Hafenbau spezialisierten Ostseedienst und war maßgeblich an der Gestaltung vieler Häfen an der Küste von Flensburg bis Rügen beteiligt.

Dabei zeigte Jaich immer wieder einen untrüglichen Geschäftssinn und originelle Qualitäten als Querdenker. So etwa, als an der Küste vor 15 Jahren allmählich die Bohrwurmplage begann und die Hafenbetreiber reihenweise zerfressene Dalben und Holzkonstruktionen vorfanden. Während andere noch lamentierten und in teure neue Hölzer investierten, kaufte Jaich bereits zu Dumpingpreisen große Mengen alter Bohrgestänge von Bohrplattformen auf, die sich fortan als neue Heckpfähle in der Ostsee bewährten. Als die Preise für die Stahlstangen explodierten, hatte sich der Ostseedienst längst eingedeckt.

Ähnlich visionär waren seine Hafenkonzepte an der Ostsee, die heute schon fast als stilbildend gelten können. Als 1989 die Mauer fiel, reiste Ingo Jaich als einer der ersten in die Ex-DDR, war von der Schönheit der Landschaft fasziniert und kaufte das Gelände der heutigen Marina Lauterbach bei Putbus. Dort entwickelte er in den Neunzigern das Konzept des Hafens, der mit einer Ferienanlage verschmilzt – die Wasserferienwelten: Schwimmhäuser zum Mieten im Hafen, Ferienanlagen an Land, Bootsverleih und Segelschule inklusive. Heute kopieren Dutzende Betreiber die Idee. Aber auch die herkömmlichen Marinas der Jaich-Gruppe gehörten immer zu den Trendsettern der Branche, vor allem, was den Service angeht.

Jaich selbst war leidenschaftlicher Segler, der es sportlich mochte: In den Achtzigern ließ er sich von Georg Nissen den formverleimten Leichtbau-Racer "Concordia" zeichnen, der fortan auf den Regattabahnen für Furore sorgte und noch heute von seinem Sohn Till auf der Ostsee gesegelt wird.

Berühmt war Jaich auch für seine ungewöhnlichen Geistesblitze. Etwa der, als ein wohlhabender Architekt an der Schlei direkt am Wasser ein wunderschönes Fachwerk-Reethaus ohne Baugenehmigung bauen ließ und von den Behörden hinterher gezwungen wurde, es wieder abreißen zu lassen. Jaich bot an, Abriss und Entsorgung kostenlos zu übernehmen und erhielt den Zuschlag. Zum Termin reiste er mit einem Schwimmkran samt Schute an und versetzte kurzerhand das ganze Haus auf ein eigenes Grundstück auf der anderen Seite der Schlei, erzählt sein Sohn Till.

Auf Konventionen habe der Vater schon immer gepfiffen, sein Leben lang habe er keinen Schlips getragen und sich nie von selbsternannten vermeintlichen "Experten" bei der Einschätzung von Hafenprojekten beirren lassen. Meist lag er richtig, wie der Erfolg seiner Firmen bewies.

Stolz sind seine beiden Söhne Till und Hans sowie Jaichs Neffe Nils, die heute in unterschiedlichen Funktionen die Jaich-Gruppe und den Ostseedienst leiten, dass sie die Firmen im Sinne des Vaters weiterführen. Bis wenige Wochen vor seinem Tod hatte Jaich noch an den Geschicken der Geschäftsführung mitgewirkt. Die Branche an der Küste trauert um eine ihrer Gründerfiguren.

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