MenschenIrrer Törn rund Antarktis: Rekordhalterin Lisa Blair im Interview

Menschen: Irrer Törn rund Antarktis: Rekordhalterin Lisa Blair im InterviewFoto: Corrina Ridgway/LisaBlairSailstheWorld.com

Im zweiten Anlauf hat die Australierin Lisa Blair einen Rekord aufgestellt: Binnen 93 Tagen segelte sie rund um die Antarktis, einhand und nonstop. Einfach war das nicht – im Gegenteil!

Bis zum Schluss wagte sie nicht, daran zu glauben, dass es dieses Mal klappen würde. Die 37-jährige australische Solo-Seglerin Lisa Blair war kurz davor, Fedor Konyukhovs Rekord zu unterbieten. Knapp über 102 Tage hatte der Russe 2008 benötigt, um die Antarktis komplett zu umsegeln. Als Blair nun Ende Mai vom 45. Breitengrad Richtung Norden auf die australische Küste abbog, von wo sie rund drei Monate zuvor gestartet war, lag sie vorn. Doch ausgerechnet jetzt zog eine Sturmfront vom fünften Kontinent gen Südwest, genau auf die Seglerin zu.

Sechs harte Tage lang knüppelte Blair mit ihrer 15-Meter-Regattayacht „Climate Action Now“ gegen Wind und Welle, wechselte endlos Segel, versuchte, nichts zu riskieren. In ihrem Blog notierte sie: „Oh mein Gott, hinter mir liegen die aufregendsten 48 Stunden. Der 91. Tag sollte der letzte volle Tag auf See sein, doch ich hatte immer noch 150 Meilen voraus. Der Wind ließ mich um jede Meile kämpfen, er blies mal mit zehn Knoten und dann plötzlich mit 35 Knoten. Um Mitternacht beschloss ich daher, das Boot langsamer zu machen, um im Morgengrauen zwar später als gehofft, dafür aber sicher anzukommen.“

Geschenkt wurde Lisa Blair auf dieser Reise wahrhaftig nichts.

Am 25. Mai segelte sie schließlich ins Ziel in Albany am Südwestzipfel Australiens. 92 Tage, 18 Stunden und 20 Sekunden war sie unterwegs – ganze zehn Tage weniger als der Russe Konyukhov. Lisa Blair hält nun den Rekord für die schnellste Solofahrt ohne fremde Hilfe und ohne Zwischenstopp um den Südpol. Überhaupt haben diese Route erst zwei andere Segler vor ihr absolviert; sie ist die erste Frau.

  Roaring Forties. Das Leinengewirr und die Schräglage lassen erahnen, wie heraus­fordend das Segeln in den hohen südlichen Breiten istFoto: LisaBlairSailstheWorld.com
Roaring Forties. Das Leinengewirr und die Schräglage lassen erahnen, wie heraus­fordend das Segeln in den hohen südlichen Breiten ist

Blairs Segelkarriere begann mit einem Studentenjob in den australischen Whitsundays, einem traumhaft schönen Archipel vor der Ostküste. 2011/12 nahm sie am Clipper Round the World Race teil, und sie arbeitete für Alex Thomson in dessen von Hugo Boss gesponserter Open-60-Kampagne. Einhandsegler wie Robin Knox-Johnston, Kay Cottee und Jesse Martin hätten sie zu ihrer eigenen Solo-Karriere inspiriert, sagt sie. Sie fing an zu trainieren, Einhand-Erfahrung zu sammeln, Sponsoren zu überzeugen. 2015 kaufte sie ihr Boot, eine Rennyacht, die damals bereits zwölf Jahre alt war.

Als Seglerin liegt ihr die See sehr am Herzen, sie engagiert sich für deren Schutz. „Climate Action Now“ ist daher über und über mit Bürgeranregungen zum Klimaschutz dekoriert.

Ihr erster Antarktis-Rekordversuch im Jahr 2017 endete nach etwa drei Viertel der Strecke an Tag 72 abrupt: Mastbruch im Südpolarmeer. Eine immense Enttäuschung. In ihrem Buch „Facing Fear“ beschreibt sie die gefährliche Situation und das damit verbundene vorläufige Ende ihres Traums: Sie trennte das Rigg vom Boot, stopfte provisorisch ein Leck im Rumpf, übernahm Diesel von einem Containerschiff und legte dann 1.000 Seemeilen unter Notrigg und mit Hilfe der Maschine zurück, bis nach Südafrika. Zwei Monate später war sie zurück auf See und setzte ihren Kurs gen Australien fort. Aber der Rekord blieb bei Konyukhov. Doch Lisa Blair ließ nicht locker.

Nach dem gescheiterten Antarktisrekordversuch umrundete sie zunächst als erste Frau ohne fremde Hilfe den gesamten australischen Kontinent. 2017 nahm sie zudem am berüchtigten Sydney to Hobart Race mit einer Frauencrew teil. Es war das erste weibliche Team in dieser Regatta seit 16 Jahren. Doch die Antarktis blieb unfinished business für sie. Bis zum 25. Mai dieses Jahres.

YACHT: Lisa, Sie sind ganze zehn Tage schneller gewesen als der vorherige Rekordhalter. Wann wussten Sie, dass Ihr Vorsprung halten würde?

Lisa Blair: Nach dem unerwarteten Mastbruch beim letzten Mal habe ich bis zur Ziellinie nicht zu hoffen gewagt, dass ich es schaffen würde. Es ist immer ein bisschen Glück nötig, auch bei sehr guter Vorbereitung.

  Halbzeit vorm Horn. Blair im April vor dem berüchtig­ten Kap an der Spitze Süd­amerikas. Das Wetter ist ausnahmsweise ruhigFoto: LisaBlairSailstheWorld.com
Halbzeit vorm Horn. Blair im April vor dem berüchtig­ten Kap an der Spitze Süd­amerikas. Das Wetter ist ausnahmsweise ruhig

Was haben Sie am Boot verändert nach der katastrophalen Havarie 2017?

Wir haben einen kompletten Rumpf-Check vorgenommen und insbesondere die Reparaturen nachgebessert, die in Südafrika nach der Havarie vorgenommen worden waren. Ferner kam ein neuer Mast aufs Boot. Zudem hatte ich schon immer das Gefühl, dass das Ruder unterdimensioniert war. Bei einer Prüfung entdeckten wir tatsächlich einen gravierenden Riss im Ruderblatt. Wäre ich damit in den neuen Rekordversuch gestartet, wäre es garantiert unterwegs gebrochen! Also haben wir ein komplett neues Ruder installiert.

Noch mehr?

Ja. Ich habe auch ein neues Batterie-Managementsystem angeschafft und neue Solarpaneele. Und Volvo Penta hat mir einen 50-PS-Biodieselmotor gesponsert. Ich hatte 800 Liter recyceltes Gemüseöl aus einem Fish-and-Chips-Laden als Treibstoff dabei. Wann immer ich den Motor zum Laden der Batterien angeworfen habe, roch es nach frittiertem Fisch und Pommes im Schiff. Das größere Problem war jedoch, dass sich der Bio-Treibstoff verdickt, sobald die Außentemperaturen sinken. Also musste ein System her, um den Diesel vorzuwärmen.

Haben Sie nie einen Elektromotor in Betracht gezogen?

Wenn man bedenkt, wie abgelegen mein Kurs verlief, erschien mir das zu riskant; die Technologie ist noch nicht ganz ausgereift. Ich würde es aber in Zukunft sicherlich in Betracht ziehen.

Das Budget für den ersten Rekordversuch zusammenzubekommen war ein Kraftakt. Wie lief es diesmal?

Ich hatte Glück, dass ich den Tech-Konzern Canva als Hauptsponsor gewinnen konnte. Das Unternehmen will sich für die Umwelt engagieren und benennt Botschafter wie mich. Darüber hinaus konnte ich auf die Unterstützung von zwei weiteren größeren Firmen zählen. Das hätte aber alles nicht gereicht. Daher habe ich Längengrade für 1.200 Austral-Dollar ausgelobt, die man sponsern konnte. Auf diese Weise ist viel Geld zusammengekommen. Am Ende hat es knapp gereicht. Das Schwierigste ist immer, es an die Startlinie zu schaffen.

Beim ersten Versuch vor fünf Jahren hatten Sie viel schweres Wetter. Auch der Mast ist im Sturm heruntergekommen. Wie schwer waren die Bedingungen diesmal?

Sie waren noch aggressiver! Viel kälter, mehr Schnee, mehr Blizzards. Und fünfstöckige Wellenberge! Ich habe diesmal in der Spitze zwar nur 60 Knoten Windspeed gemessen im Gegensatz zu den über 80 Knoten während des vorherigen Versuchs. Aber die eisige Kälte hat Segel und Rigg viel stärker belastet. Ich habe drei gewaltige Stürme überstanden, in denen das Boot wie ein Spielzeug von den Wellen hochgehoben und wieder heruntergeworfen wurde. Es schlug 160 Grad auf die Seite, das Wasser aus der Bilge rann hoch bis zur Kabinendecke!

Wie schützen Sie das Schiff, aber vor allem auch sich selbst in solchen Situationen vor Schäden beziehungsweise vor Verletzungen?

Natürlich verfolge ich den Wetterverlauf sehr genau, ich analysiere die Vorhersagen und Barometerstände. Ich trage zudem Tag und Nacht spezielle Schutzkleidung, die Stürze oder Schläge abfängt. Und bei besonders schlimmen Bedingungen setze ich einen Helm auf. In der Koje binde ich mich fest, um nicht herausgeschleudert zu werden. In der Naviecke oder anderswo versuche ich, mich einzukeilen – etwa, wenn ich beigedreht einen Sturm abwettere.

Bleibt dafür während einer solchen Rekordfahrt denn überhaupt Zeit?

Da waren natürlich immer taktische Überlegungen im Spiel. Je nachdem, wie groß oder klein mein Vorsprung gegenüber Fedor war. Grundsätzlich aber gilt für mich: Anzukommen ist das Wichtigste, und Sicherheit und Überleben haben absolute Priorität über Geschwindigkeit. Ich habe mich auf der Reise nicht verletzt, ich war sehr vorsichtig angesichts der Tatsache, dass ich ganz allein in extrem abgelegenen Gegenden gesegelt bin. Ich habe bei herannahenden Fronten viele Segelwechsel durchgeführt und dann abgewartet.

Hat am Boot denn auch alles gehalten?

Nein, ich habe eine Menge Rotorblätter für den Windgenerator zerbrochen. Die haben der Stärke des Windes schlicht nicht standgehalten. Und ich hatte einen substanziellen Riss im Baum. Als ich den entdeckte, habe ich vorsichtshalber den Baumniederholer nicht mehr angesetzt. Ferner gab es Probleme mit der Steueranlage. Deren Befestigung löste sich vom Rumpf. Ich musste eine provisorische Halterung bauen und alles festlaschen. Dazu kamen noch kaputte Segellatten und gebrochene Leinen.

Was hätten Sie gemacht, wenn sich die Steuerung ganz verabschiedet hätte?

Ich hatte eine Flex und Glasfasermatten dabei, ich hätte ein paar Tage beidrehen müssen und versucht, das zu reparieren. Unter den gegebenen Wind- und Wellenbedingungen wäre das aber bestimmt sehr schwierig geworden.

  Im Dienst der Wissenschaft. Blair setzt unterwegs Messbojen aus­, sie sammelt Wasserproben und nimmt an einer medizinischen Studie teilFoto: LisaBlairSailstheWorld.com
Im Dienst der Wissenschaft. Blair setzt unterwegs Messbojen aus­, sie sammelt Wasserproben und nimmt an einer medizinischen Studie teil

Ihr Boot heißt „Climate Change Now“. Sie haben unterwegs Proben für wissenschaftliche Zwecke gesammelt?

Ja, ich hatte ein Mikrolabor vom Ocean Race dabei, das automatisch Proben nahm. 180-mal hat es das Wasser unterwegs analysiert. Außerdem habe ich Wetterbojen ausgesetzt und eine Argo-Forschungsboje, die unterschiedlichste Meeresdaten aufzeichnet. Und ich habe am „Seebett 2030“-Projekt teilgenommen, bei dem Yachten auf der ganzen Welt den Seeboden loggen, um einen Atlas des Meeresbodens zu erstellen. Last, but not least war mein Törn sogar für medizinische Studienzwecke gut: Konkret ging es darum, Anzeichen von Antriebslosigkeit zu dokumentieren und die Aufzeichnungen für eine wissenschaftliche Forschungsarbeit über chronische Erschöpfungszustände zur Verfügung zu stellen.

Nun, da Sie den Antarktis-rund-Rekord aufgestellt haben: Was kommt als Nächstes?

Ich habe ständig Ideen zu neuen Rekorden. Ich könnte beispielsweise einhand westwärts um die Erde segeln, gegen die vorherrschende Windrichtung. Oder mich erneut auf den Weg um den Südpol machen, diesmal aber zu Fuß. Doch zuerst möchte ich versuchen, den 2020 aufgestellten Rekord von Sydney nach Auckland in Neuseeland zu brechen. Und was ich irgendwann einmal wahnsinnig gern machen würde, wäre, bei der Vendée Globe nonstop und einhand um die ganze Welt zu segeln.

  Zwischen 45 und 60 Grad südlicher Breite führte Blairs Kurs rund um die komplette Antarktis. Start und Ziel war Albany im Südwes­ten Aus­traliens. Knapp 93 Tage benötigte sie für die Strecke – zehn Tage weniger als vor ihr der Russe Fedor KonyukhovFoto: YACHT
Zwischen 45 und 60 Grad südlicher Breite führte Blairs Kurs rund um die komplette Antarktis. Start und Ziel war Albany im Südwes­ten Aus­traliens. Knapp 93 Tage benötigte sie für die Strecke – zehn Tage weniger als vor ihr der Russe Fedor Konyukhov

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