MeinungNationalpark Ostsee – Goldschmidts Alleingang

YACHT-Redaktion

 · 04.11.2023

Meinung: Nationalpark Ostsee – Goldschmidts Alleingang
YACHT-Woche – Der Rückblick

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Liebe Leserinnen und Leser,

war es lediglich eine unbedachte Äußerung des schleswig-holsteinischen Landesumweltministers oder doch ein versteckter Hinweis auf einen perfiden Plan, seinen eigentlich schon gescheiterten Ostsee-Nationalpark doch noch durch die Hintertür durchzudrücken – zumindest Teile davon? Eine Passage eines Interviews mit Tobias Goldschmidt, das die “Kieler Nachrichten” vergangene Woche veröffentlicht hatten, ließ jedenfalls aufhorchen. Darin war der Minister unter anderem mit folgendem Satz wiedergegeben worden: „Wir müssen also die Frage beantworten, (…) ob man nicht klare Vorgaben machen sollte, wann die Boote aus dem Wasser kommen. So kann es jedenfalls nicht weitergehen. Klimakrise bedeutet Veränderungen für alle, Klimafolgenanpassung ebenso.“

Klare Vorgaben, wann Boote aus dem Wasser zu nehmen sind? Auf Nachfrage der YACHT führte Goldschmidt dazu aus: „Die Jahrhundertsturmflut der Ostsee war ein Vorbote dessen, was uns im Zuge der Klimakrise erwarten wird. Bei einem Meeresspiegelanstieg von etwa 50 Zentimetern müssen wir davon ausgehen, dass sich derartige Ereignisse statistisch alle zehn Jahre ereignen werden. Bund und Länder rechnen bis zum Ende des Jahrhunderts mit knapp 80 Zentimeter Anstieg. Mit dieser Entwicklung werden sich auch die Segelhäfen auseinandersetzen müssen, sei es durch bauliche oder organisatorische Maßnahmen, wie zum Beispiel feste Zeiten, bis zu denen Boote aus dem Wasser geholt werden müssen. Gesunkene Segelboote sind ein großes Ärgernis für die Besitzer, und Gewässerverunreinigungen – etwa durch austretende Treibstoffe – müssen unter allen Umständen verhindert werden.“

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Selbstverständlich dürfen wir unsere Reviere nicht durch austretende Treibstoffe verunreinigen. Und selbstverständlich sind auch neue Hafenkonzepte gefragt. Aber: Vorgaben, wann Boote aus dem Wasser zu nehmen sind, gibt es in der Regel schon. In vielen Häfen ist hierzulande meist Mitte oder Ende Oktober Schluss, und eingekrant wird ab Anfang/Mitte April. Fraglich ist daher nun, welche Termine dem Minister vorschweben. Die gegenwärtigen scheinen ihm ja offenbar nicht zuzusagen, sonst hätte er den Vorschlag nicht in den Raum gestellt.

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Vermutlich dürfte ein Zeitpunkt vor dem Herbst und seinen Stürmen im Sinn Goldschmidts sein. Die Aussage fiel schließlich in Zusammenhang mit der verheerenden Sturmflut, die am 20. und 21. Oktober die deutsche Ostseeküste heimgesucht und ein Bild der Zerstörung in vielen Häfen hinterlassen hatte.

Angenommen, es wäre so, dann müssten sich Segler künftig vielleicht darauf einstellen, ihre Boote spätestens bis 31. August eines Jahres ausgekrant zu haben. Am 1. September ist schließlich meteorologischer Herbstbeginn. 31. August, da ist gefühlt für viele Segler aber gerade erst der Sommertörn beendet. Gute sechs Wochen – oder zumindest sechs Segelwochenenden – würden dem ministeriellen Ansinnen zum Opfer fallen. Absurd!

Und damit nicht genug: Konsequenterweise würde es dann wahrscheinlich auch einen Termin zu Beginn der Saison geben, vor dem nicht eingewassert werden darf. Wegen der Frühjahrsstürme, ist ja klar. Immerhin, der meteorologische Sommer fängt „schon“ am 1. Juni an. Blieben mithin ganze drei Monate zum Segeln. Im Rest der Zeit hätte die Natur ihre Ruhe, auch ganz ohne offiziellen Nationalpark. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Zieht dann noch ein heftiger Gewittersturm während der Sommermonate über die Ostsee – ja, auch die kommen durchaus vor, Herr Minister –, könnten weitere segelfreie Zeiten angeordnet werden. Wie wäre es beispielsweise mit dem Zeitraum der Arietiden Anfang Juni oder dem der Perseiden Mitte August? Schließlich könnten ja auch solch starke Sternschnuppenstürme Booten und Häfen gefährlich werden.

Doch genug der Ironie. Tatsächlich scheint Tobias Goldschmidt an seinen Nationalpark-Plänen festzuhalten. Und das, obwohl Ministerpräsident Daniel Günther bereits abgewunken hat und auch die schleswig-holsteinische CDU unlängst signalisierte, die für einen entsprechenden Mehrheitsbeschluss erforderlichen Stimmen zu verweigern.

Mitte der Woche hatte der Umweltminister alle in den Monaten zuvor beteiligten Verbände und Interessengruppen aus Wirtschaft, Tourismus und Sport zur Abschlussveranstaltung der vorangegangenen Nationalpark-Konsultationen geladen. Eigentlich hätten hier nach dem Willen Goldschmidts Ergebnisse „verzahnt“, sprich vorgetragen und konkrete Handlungsempfehlungen zur Ausgestaltung eines Nationalparks zusammengetragen werden sollen. Blöd nur, dass in fast allen Gesprächen zuvor seinen Plänen konsequent eine Absage erteilt worden war.

Der Minister reagierte und änderte kurzerhand den Themenschwerpunkt. Plötzlich sahen sich die Eingeladenen aufgefordert, Vorschläge zu liefern, wie sich auch ohne Nationalpark die bereits entlang der Küste bestehenden Schutzgebiete ausweiten lassen könnten. Die Aufregung war groß, die Beteiligten fühlten sich vom Minister überrumpelt, wollten dessen Spiel nicht mitspielen.

„Hoch her“ sei es bei dem Treffen dann gegangen, berichtet der Flensburger Rechtsanwalt Hans Köster, der als Vorstandsmitglied für Umweltfragen für den Landesseglerverband Schleswig-Holstein an den Konsultationen beteiligt war. Schon zuvor hatte Köster gegenüber der YACHT geäußert: „Wir sind ziemlich ratlos, wie es weitergeht. Unsere große Sorge ist, dass es künftig einseitig um Befahrensregelungen bis hin zu Befahrensverboten an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste gehen wird.“

Behielte er Recht, wäre dies einmal mehr ein Beispiel dafür, wie sehr sich die Politik vom Willen der Bürger abgekoppelt hat und wie sehr Politiker wie ein Tobias Goldschmidt in ihrem eigenen Ego gefangen sind. Denen, in deren Leben er eingreift, hilft er damit nicht. Und der Umwelt auch nicht.

Pascal Schürmann,

YACHT-Textchef

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