Liebe Leserinnen und Leser,
am Sonntag sind sechs Monster-Trimarane zur Einhand-Nonstop-Weltumsegelung Arkea Ultim Challenge gestartet (zum Live-Tracker). Gestartet? Losgefahren müsste es wohl besser heißen. Der erste überquerte zehn Sekunden nach dem Startsignal die Linie, die beiden letzten benötigten 48 Sekunden dafür. Bei sechs Booten und einer ewig langen Linie! Schwach, finde ich.
Und es ist kein Einzelfall. Selbst bei anderen, hochkarätigen Regatten wie der Route du Rhum oder dem Transat Jacques Vabre, dem Mini-Transat und selbst beim The Ocean Race oder der Vendée Globe sind die meisten Starts aus meiner Sicht Katastrophen, zeigen eher das oben geschilderte Bild als das, was ich mir unter einem Regattastart vorstelle: Im Idealfall sind alle Boote beim Startschuss an der Linie. Haben die Hochseeprofis richtiges Starten nie gelernt?
Ich erinnere mich noch sehr genau an oft langweilige Trainingseinheiten in meiner Jugend in der OK-Jolle oder im Finn-Dinghy. Dann nämlich, wenn es um das Starttraining ging. Gemäß der Devise, ein guter Start mache 50 Prozent der Wettfahrt aus, wurde entsprechend oft geübt.
Diese Hauptfaktoren kennzeichnen einen guten Start: an der bevorteilten Seite der Linie loszufahren, die Linie mit voller Fahrt genau beim Startsignal zu schneiden und möglichst auch noch über Entscheidungsfreiheit zu verfügen, also nicht von Konkurrenten zu unnötigen Wenden oder sonstigen Manövern gezwungen zu werden.
Der schwierigste zu meisternde Faktor war dabei für mich immer, bei null an der Linie zu sein. Bei einem Start am Startboot (rechts) oder der Startlinienbegrenzungstonne (links) war es noch relativ einfach, weil die Startlinie ja zwischen beiden verläuft. Startet man also dicht am Startboot oder der Tonne, liegt man automatisch auch dicht an der Linie.
Was aber, wenn man, aus welchen Gründen auch immer, in der Mitte der Linie starten möchte. Dann muss man peilen, wo die Linie ungefähr sein könnte. Da dieses Peilen meist ungenau ist, resultiert daraus ein sogenannter Durchhang. Boote in der Mitte starten fast nie genau an der Linie, sondern zwei bis drei Bootslängen hinter ihr.
Um das Gefühl für den Abstand zur Linie zu trainieren, war es eine Übung, mit Wind von Steuerbord und einem Hoch-am-Wind-Kurs auf die Mitte einer ausgelegten Linie zuzusegeln. In dem Moment, wo man glaubte, dass der Bug die Linie schneidet, hob man eine Hand, wendete und segelte zum Startboot, auf dem der Trainer saß, zurück. Dieser schrie dann, wie viele Meter tatsächlich noch fehlten oder ob man schon über der Linie war.
Eine beliebte Winteralternative zu dieser Übung war, durch den Wald zu laufen, sich zwei weit voneinander entfernte Bäume zu suchen und in die Mitte ihrer imaginären Verbindungslinie ein Stöckchen zu stecken. Dann konnte man um einen der Bäume herumlaufen und über das Stöckchen zum anderen Baum peilen und sehen, wie weit das Stöckchen aus der Peilung stand.
Solcherlei Übungen führten nun nicht dazu, dass ich der allerbeste Starter war, schließlich trainierten auch andere dasselbe. Wenn ich mir aber die Starts vieler der Hochseematadore anschaue, frage ich mich, ob sie jemals etwas von solchen Trainingsmethoden gehört haben. Einige zwar offenbar schon, wenn aus ihrer Segelvita hervorgeht, dass sie in Jollenklassen groß geworden sind. Wer dort, im Einheitsklassenbereich, nicht gut startet, wird sich nie auf einer Ergebnisliste weit oben finden.
Aber auch diese Kandidaten starten oft extrem verhalten. Klar, auf einer Tausende Seemeilen langen Regatta möchte sich niemand gleich am Start etwas kaputtfahren. Oder auch keinen Frühstart riskieren, denn die nötigen Manöver zur Rückkehr auf die Vorstartseite können im Einhandmodus viel Zeit kosten. Oder es gibt eine Zeitstrafe im Gesamtklassement, wenn der Frühstart nicht korrigiert wurde.
Ein paar Sekunden nach dem Start erst über die Linie zu gehen ist da sicher verzeihlich, und vielleicht auch noch ein Start außerhalb von Gedränge, auch wenn man dann nicht mehr weitestmöglich an der bevorteilten Seite der Linie die Wettfahrt beginnt.
Aber regelrecht hinter der Konkurrenz hinterherzubummeln, mehrere Bootslängen hinter Konkurrenten zu starten, dann noch nicht mal im freien Wind, sondern gleich in deren Abwinden, warum man so etwas macht, geht mir nicht in den Kopf. Warum gleich zu Beginn viele Hunderte Meter verschenken, egal, ob noch Tausende vorausliegen? Die Meter schleppt man als Handicap mit, und wer weiß, wie knapp es im Ziel wird? Auf mich wirkt das so, als hätten diese Starter gar nicht den Willen, die Wettfahrt zu gewinnen.
Es wurmt mich regelrecht, dass mancher Hochseestart zur Geschwaderfahrt verkommt und oftmals die spannendste Frage bleibt, wie lange es dauert, bis der letzte Teilnehmer hinter dem Horizont verschwindet. Schade um die Zeit.
Chefredakteur Wassersport digital
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