Liebe Leserinnen und Leser,
nicht nur für Außenstehende völlig überraschend, wurden auf einer außerordentlichen Präsidiumssitzung des Deutschen Segler-Verbandes am vergangenen Montag Pläne für die künftige Neugestaltung des Geschäftsbereichs Fahrten- und Freizeitsegeln präsentiert, zu dem auch die Kreuzer-Abteilung (KA) gehört. Die soll nach den Plänen aufgelöst werden.
Unter dem Titel „Zukunft des Segelsports gemeinsam gestalten“ solle eine Strategie für die nächsten Jahre gestaltet werden. Dazu gehöre auch, die eigenen Leistungen und Services auf den Prüfstand zu stellen. Vor diesem Hintergrund wurde beschlossen, auf der nächsten Seglerratssitzung den Antrag auf Löschung der Arbeitsordnung der KA zu stellen, sie also in ihrer bisherigen Form aufzulösen.
Argument: In den Genuss des Angebots dieser 1911 gegründeten, mit aktuell 14.815 Mitgliedern heute noch größten Organisation für Fahrtensegler komme nur, wer 22 Euro jährlich als Mitgliedsbeitrag bezahlt. Alle anderen Mitglieder des DSV gingen leer aus. Außerdem sinke der Mitgliederbestand der KA seit einigen Jahren kontinuierlich.
Ein Schelm, wer denkt, „dann schafft den Beitrag doch ab!“ – denn das ist de facto ja ohnehin eine Folge des Vorhabens. Offensichtlich gibt es andere Motive für die Aufgabe dieser Institution. Welche das sind, ist reine Spekulation.
Das Ergebnis aber ist tragisch. Die Kreuzer-Abteilung ist im organisierten Segelsport eine anerkannte Größe. Sie steht nicht für „Freizeitsegeln“ oder „Breitensport“, sondern für das Fahrtensegeln als sportliche Disziplin. Und es steht zu befürchten, dass diesem Bereich des Segelns die Lobby abhandenkommt.
Crews, die auf seegehenden Yachten segeln und sich ambitionierte Ziele setzen, die es zu erreichen gilt, lernen, dass sie die nur erreichen können, wenn sie ähnlich funktionieren wie eine Regattacrew. Und dass es körperlich ähnlich anstrengend ist, wenn Tag und Nacht gesegelt wird. Sie erfahren, was es bedeutet, wenn auf See an Bord zusammengelebt wird, mit allem, was dazu gehört. Und sie nehmen diese Erfahrungen mit in ihr Leben, wie es Sportler aller anderen Disziplinen auch tun. Und sie geben diese Erfahrungen weiter.
Die KA ist aus diesem Gedanken heraus entstanden und hat ihn gefördert. Der Chronist des Potsdamer Yacht Clubs berichtet eindrücklich über diese Zeit:
„Auch Mitglieder anderer Yachtklubs machten damals viele Seereisen. Eine richtige Auswertung, ein richtiger Wettbewerb, der die Leistung systematisch höher steigert, bestand aber nicht; der Deutsche Seglerverband wollte mit diesen Dingen nichts zu tun haben. Er sah seine Tätigkeit mit der Pflege des Wettfahrtbetriebes erfüllt. Deshalb wurde später im Jahre 1911 der ‘Deutsche Kreuzer-Yachtverband’ vollständig unabhängig von dem DSV gegründet.“
Der kam sechs Jahre später als Kreuzer-Abteilung dann doch zum DSV. Genau vor hundert Jahren wurde der KA-Fahrtenwettbewerb aus der Taufe gehoben, und es gab einen spürbaren Aufschwung im Fahrtensport. Waren Yachtreisen bis dahin entweder erholsame Urlaubsfahrten mit vielen Hafentagen oder Überführungen zu Regatten, ging es nun mit Ehrgeiz zu immer entlegeneren Zielen.
Um eine faire Bewertung zu ermöglichen, wurde von der KA eine Formel erstellt, mittels der die eingereichten Reisen fortan bewertet wurden. Da wurden Seemeilen, Hafentage, Nachtfahrten, Motorleistung und Hilfe durch Lotsen einbezogen, die Mannschaftsstärke und die Art des Fahrzeugs. Wie im Regattasport wurde auch diese Formel heftig kritisiert, Änderungen diskutiert und durchgeführt, und sie wirkte sich auf die Art und Weise aus, wie Boote gebaut und ausgerüstet und wie sie gesegelt wurden.
In den Jahrbüchern der Clubs wurden die Yachten der Mitglieder mit gesegelten Seemeilen und auf See verbrachten Nächten aufgeführt, Segler drückten auf den Seefahrtsschulen die Schulbank, die Kontakte ins Ausland stiegen.
Fahrtensegeln war fortan eine sportliche Disziplin. Die KA kümmerte sich um alles, was damit zusammenhing. Auch um das Ausbildungswesen, den Informationsaustausch und die Sichtbarkeit der Leistungen als solche. „Die See hat keine Galerie“ sagt ein altes Sprichwort, und das meint, dass die Mannschaft auf See allein ist. Sie kann hinterher keine Medaille in die Kamera halten und ihre sportliche Leistung belegen. Die Idee der KA war, das zu ändern. Eine zeitlose Idee, eine, die sich niemals überleben wird.
Zugegeben, das ist lange her. Die Zeiten haben sich geändert. Heute ist handfeste Lobbyarbeit erforderlich, um den Seglern ihren Lebensraum zu erhalten. Es gibt Wind- und Nationalparks, den Umweltschutz und eine immer größer werdende Regelungswut, die auch vor uns Seglern nicht Halt macht. Daneben zählen Lehrgänge und Ausbildungsliteratur, individuelle Törnberatung und ein weltweites Stützpunktnetz zum Angebot der KA. Vier Haupt- und sechs Ehrenamtler sind damit beschäftigt, es aufrechtzuerhalten.
Doch es ist auch ein Teil der Geschichte, dass die KA sich verändert hat. Über das Warum können Insider gehaltvoller sinnieren als ich. Fragt man sie, bekommt man Antworten, die nicht schön sind. Dass die KA stiefmütterlich behandelt worden sei, das gedruckte Mitgliedermagazin „Nautische Nachrichten“ eingestellt und das Ausbildungsangebot in die DSV-Akademie überführt wurde, der Fahrtenseglertag und die KA als solche nicht mehr mit der Intensität beworben wurde, wie das früher üblich war.
Vielleicht hätte es auch der KA selbst gutgetan, wenn man ihr eine Zukunfts-Strategie spendiert hätte. Eine zeitgemäße „CI“, hochwertige Preise mit Partnern aus der Wasserbranche für den Fahrtenwettbewerb, andere Formate der eingereichten Reiseberichte, einen ansprechenden Internetauftritt, auf dem die Erfahrungsberichte in den zeitgemäßen Darstellungsformen nachzuvollziehen gewesen wären, eine App, über die man unkompliziert auf die Informationen hätte zugreifen können, die ja alle noch da sind, und vor allem: immer noch wirklich gut sind.
Ob eine Abteilung „Freizeitsegeln“, die den Fahrtensport mitbetreut, künftig ersetzen kann, was bisher unter dem Dach der KA mit eigenem ehrenamtlichen Vorstand und entsprechenden Verantwortungsbereichen geleistet wurde, ist zu bezweifeln.
Es steht zu befürchten, dass dem Fahrtensport mit dem Wegfall der KA auch eine deutlich sichtbare Lobby abhandenkommt. Und dass den Fahrtenseglern eine Heimat verloren geht. Aus meiner Sicht wäre das mehr als traurig – und für die Mitglieder des Deutschen Segler-Verbandes ein falsches Signal.
stellv. Chefredakteur YACHT
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