Die Mitglieder des Hamburger Segel-Clubs Oevelgönne von 1901 (SCOe) blicken in diesem Jahr auf 125 Jahre Clubgeschichte zurück. Der Deutsche Segler-Verband (DSV) würdigt das Jubiläum mit einem Porträt auf seiner Internetseite. Lesen Sie es im Folgenden auch hier auf YACHT online mit freundlicher Genehmigung des DSV:
Gleich zweimal mussten die Mitglieder des SCOe ihren Club quasi bei Null neu aufbauen. Doch weil Anpacken und Selbermachen seit jeher in der SCOe-DNA stecken, bildet der Elb-Verein vom Köhlfleet auch im 125. Jubiläumsjahr eine lebendige Gemeinschaft für Jung und Alt, Freizeit- und Regattasegelnde.
Am Neujahrstag 1901 kamen Bernhard Schulz, Hermann Pohlmann, Albert Heinze, Georg Löffler, Arthur Weiss, Willi Ludwig und Martin Derner zum Frühschoppen im Lokal „Robert Fischer“ im damals noch zum preußischen Altona gehörenden Oevelgönne zusammen. Die sieben Segelfreunde beschlossen feierlich, einen Verein zu gründen „mit dem einzigen Ziel, sich gegenseitige Freundschaft zu geloben, stets zusammen zu halten und sich gegenseitig behilflich zu sein bei jeder Gelegenheit“ – der Segel-Club Oevelgönne von 1901 e.V. war geboren.
Um die gewünschte Nähe und Kameradschaft zu schützen, beschlossen die Freunde, keine weiteren Mitglieder aufzunehmen. Dieser Vorsatz hielt allerdings nur kurz: Die bald angeschafften Jollen „Elbe“, „Kille“ und „Seemöve“ zogen interessierten Nachwuchs an, 1912 wurde die Aufnahmesperre dann offiziell aufgehoben.
Bereits 1913 zählte der junge Verein am damals noch sehr beschaulichen Elbufer 65 Mitglieder und 24 Boote. 1914 stellte der Club ein volles seglerisches Programm auf: Vereinsregatten auf der Elbe, dazu die Teilnahme an der Bundesregatta. Fünf SCOe-Boote starteten, alle gewannen Preise.
Dann kam der Einschnitt des Ersten Weltkriegs. 17 SCOe-Mitglieder starben an der Front, alle Vereinsboote mussten aus Geldnot verkauft werden. Der Club musste sich neu erfinden – und tat es mit Anpacken, Zusammenhalt und Eigenarbeit. 1922 waren wieder 61 Mitglieder und 15 Boote zusammen, interne Wettfahrten wurden eingeführt.
In diesen Jahren bereisten Mitglieder regelmäßig die Nord- und Ostsee, teils unter widrigsten Bedingungen. Beispielhaft steht die Reise von Arthur Ott, der 1925 mit seiner 5,5-Meter-Jolle „Irmgard“ nach Helgoland segelte.
1926 folgte der nächste große Schritt, der Umzug auf die andere Elbseite: ein eigener Platz am Köhlfleet in Finkenwerder. Sliprampe, Schienen, Pontons, Tidenbrücke, Bojengeschirr, ein 50-Meter-Steg und Bootsschuppen entstanden fast vollständig in Eigenleistung. Zwei Drittel der Mitglieder waren Handwerker, wegen der Wirtschaftskrise größtenteils arbeitslos und motiviert anzupacken. Das erste Clubheim war ein kleines Holzhaus, liebevoll „Wanzenbude“ genannt.
Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler 1933 endeten auch beim SCOe viele Freiheiten. Sportvereine wurden „gleichgeschaltet“, der erste Vorsitzende des Vereins musste Mitglied der NSDAP sein. Kein SCOer war 1933 in der Nazi-Partei, sodass ein Wassersport-Vertrauensmann der NSDAP sich selbst zum „Vereinsführer“ einsetzte. Ein Jahr später wurde der SCOe zwangsweise mit einem anderen Segelverein zusammengeschlossen und bekam eine neue Satzung. Sie sah unter anderem vor, dass Mitglieder unter 35 Jahren am Sonntagvormittag eine Stunde leichtathletische Übungen auf dem Clubgelände absolvieren mussten. Gesegelt wurde weiterhin am Köhlfleet und auf der Unterelbe. 1936 fand erstmals die Regatta „Rund um Pagensand“ statt, die 2026 ihr 90. Jubiläum feiert.
1939 kam das Vereinsleben weitgehend zum Erliegen, 1944 wurde das Vereinsgelände durch Bomben schwer beschädigt. Die wenigen Daheimgebliebenen, meist ältere Mitglieder, sicherten so gut sie konnten alles, was nach dem Bombardement übriggeblieben war. Wieder wurde angepackt und in unendlich vielen Arbeitseinsätzen das verwüstete Gelände aufgeräumt, die zerstörte Holzsteganlage durch eine Stahlkonstruktion ersetzt.
Die Mittel waren knapp, Material gab es kaum, aber der Wille zum Konstruieren, Bauen und Segeln war ungebrochen. So entstand in den Nachkriegsjahren eine legendäre Flotte von Blitz-Jollenkreuzern aus Stahl. Vereinsmitglied Georg Sievert, genannt Schöttel, stellte seine Werkstatt, Spanten wurden gebogen, Bleche gedrückt, Teile vernietet. Aus knappen Mitteln wurde mit großem Einfallsreichtum eine legendäre Flotte. „Am Ende wurden die acht Boote unter den Erbauenden verlost“, erzählt der 1. Vorsitzende des SCOe, Sven-Ove Baumgartner.
1948 wurde die Vereinswettfahrt „Rund um Pagensand“ neu ausgeschrieben, später als Pagensand-Regatta eine feste Größe – sportlicher Höhepunkt, aber auch sozialer Treffpunkt.
Die Sechzigerjahre: Hamburgs Hafen boomte und brauchte mehr Platz. So musste der Hamburger Yachthafen am Köhlfleet einer Ölverarbeitungsanlage weichen. Viele Vereine zogen in den neuen Yachthafen im benachbarten Wedel um. Auch die Sommerflotte des SCOe zog 1967 nach Wedel, an den Schlengel K. Das Gelände am Köhlfleet blieb jedoch sozialer Mittelpunkt des Vereins. Neue Hallen kamen hinzu, gleichzeitig wurde die Nachwuchsarbeit gestärkt: Eine Jüngstengruppe im Opti, Kinderfeste auf dem Gelände – Segeln wurde Familien- und Gemeinschaftssport. Mehrere Generationen junger SCOer verbrachten ihre Freizeit auf dem wilden, weitläufigen Gelände, bauten Höhlen und Baumhäuser, bis die Hamburg Port Authority in den Neunzigerjahren größere Teile des Geländes beanspruchte.
In den Achtziger- und Neunzigerjahren hatte der SCOe eine sportliche Blütezeit: der blau-weiß-rote Stander war bei Kieler Woche, Travemünder Woche, Sandhamn-Regatta und internationalen Meisterschaften sichtbar – mit OK-Jollen, FD, Sharpie, Jollenkreuzern und Kielschiffen.
Vielen Mitgliedern noch immer lebhaft im Gedächtnis ist das Kutter-Bauprojekt Anfang der 2000er Jahre. Zu großen Teilen in Eigenarbeit und finanziert durch die großzügige Spende eines Clubmitglieds wurde der Jugendwanderkutter „Möwe“ gebaut. „Alle Masten und Spieren und alle Niro-Teile haben unsere Clubmitglieder selbst hergestellt“, erinnert sich der 1. Vorsitzende Baumgartner, „und vor dem Stapellauf am Köhlfleet war quasi der ganze Club rund um die Uhr bei der Jensen-Werft, um den Kutter fertigzustellen.“ Heute, auch nach Ende des Kutter-Booms auf der Elbe, ist die „Möwe“ ein wichtiges Element der Jugendarbeit. Sie wird nicht nur aktiv gesegelt, auf ihr lernen die Jugendlichen auch, wie Holz repariert, lackiert und in Schuss gehalten wird.
Pünktlich zum Jubiläum erstrahlt das Clubhaus mit neuem Fußboden, hellen Wänden statt dunkler Vertäfelung und modernisierten Sanitäranlagen in neuem Glanz. Den Löwenanteil haben auch hier die Mitglieder gestemmt.
Eigenarbeit ist bis heute nicht nur Mittel zum Zweck, sondern Kitt für das Miteinander. Auf dem Clubgelände in der Antwerpenstraße arbeiten die Mitglieder im Winter an ihren Booten, halten das Clubgelände instand, trinken Kaffee oder schauen einfach zusammen über die Flutschutzmauer auf das lebendige Köhlfleet. Um den Winterlagerbetrieb, das Auf- und Abslippen zu organisieren, treffen sich die Mitglieder in den Wintermonaten einmal im Monat.
Wirtschaften mit Augenmaß bleibt gelebte Praxis. Ein Beispiel: Jeder Winterlagerplatz hat einen eigenen Stromzähler, abgerechnet wird pro Mitglied. Damit alles gerecht zugeht, gibt es einen „Zählerwart“. Außerdem hat der SCOe einen Treckerwart, einen Windenwart und mehrere Hallenwart*innen, um nur einige Ehrenämter zu nennen.
Heute zählt der SCOe rund 250 Seglerinnen und Segler, Kinder und Jugendliche. Der Club setzt bewusst auf eine überschaubare Mitgliederzahl. „Der Verein funktioniert, weil alle mitmachen“, fasst der 1. Vorsitzende Sven-Ove Baumgartner, besser bekannt als „Petrus“, zusammen. Er steht dem Club seit 2002 vor und übt das Amt „dank guter Vorstandscrew“ noch immer mit viel Freude aus.
Der Vorstand bemüht sich, Ältere wie Jüngere gleichermaßen anzusprechen – die Älteren mit dem siebenmal jährlich erscheinenden „Blinkfüer“ und Senioren-Kaffeetrinken, die Jungen mit Opti- und 420er-Training auf der Elbe. Hier liegt der Fokus auf einer ganzheitlichen seglerischen Ausbildung. „Wir bilden keine Kader-Qualität aus, das können andere besser“, sagt Sven-Ove Baumgartner.
Wobei auch ambitioniertes Regattasegeln in der DNA des Vereins steckt. So segeln SCOe-Mitglieder regelmäßig internationale Meisterschaften in Jolle und Kielboot, mit der „Edelweiss“ von Thomas Reinecke trat ein SCOe-Schiff sogar bei der Neuauflage des Admiral´s Cups an.
Das Jubiläumsjahr im SCOe beginnt am 1. Januar 2026 um 11 Uhr mit einem Jubiläumsempfang in der Antwerpenstraße. Im Sommer ist ein großes Fest für alle Mitglieder, Freundinnen und Freunde des Clubs geplant. Im Herbst feiert die Pagensand-Regatta ihr 90. Jubiläum – mit großer Party in Wedel.
Das Regattasegeln auf der Elbe wieder zu beleben, hat sich der SCOe mit anderen Elbvereinen auf die Fahnen geschrieben. Und erste Erfolge sind da: Die „Elbe Super Sailing Tour“ als neu geschaffene Regattaserie schafft Begegnungen und einen Anreiz, mit anderen um die Wette zu segeln. Auch wenn das Segelrevier „nicht immer der reine Spaß“ ist (Baumgartner), so soll an die großen Zeiten der Achtziger- und Neunzigerjahre auf der Elbe angeknüpft werden.
„Durch Eigenarbeit kompromisslos günstig“ bleibt auch in Zukunft Credo des SCOe. Die Hallen in der Antwerpenstraße bleiben Dreh- und Angelpunkt des Vereins. Dafür muss der Geist des Anpackens und eigenverantwortlichen Handelns erhalten bleiben.
Eigentümerin des Clubgeländes am Köhlfleet ist die Hamburg Port Authority, der SCOe nutzt das Gelände dank eines Sport-Rahmen-Vertrags kostenlos. Sollte der Hafen noch einmal erweitert und die Fläche gebraucht werden, muss der Verein binnen sechs Monaten den Platz räumen. Doch dieses Szenario scheint aktuell sehr unwahrscheinlich – „zumal die Stadt uns eine vergleichbare Ausgleichsfläche stellen müsste“, so Sven-Ove Baumgartner.
Der Segel-Club Oevelgönne von 1901 e.V. hat 250 Mitglieder, ein Winterlager am Hamburger Köhlfleet und Sommerliegeplätze im Hamburger Yachthafen in Wedel. Die Vereinsmitglieder segeln vorwiegend Touren, aber auch Regatten in verschiedenen Klassen. Neue Mitglieder sind herzlich willkommen. Kontakt: Segel-Club Oevelgönne von 1901 e.V., E-Mail: vorstand@scoe.de, www.scoe.de
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