InterviewSchüler segeln ein Jahr um die Welt, das Handy bleibt an Land

Nils Theurer

 · 16.10.2026

Interview: Schüler segeln ein Jahr um die Welt, das Handy bleibt an LandFoto: Ocean College GmbH/Johan Kegler
Johan Kegler (46) ist Geschäftsführer der Ocean College GmbH. Seit neun Jahren organisiert er Jugendsegelreisen im Winterhalbjahr auf den Traditionsseglern „Roald Amundsen“ und „Johann Smidt“.
64.500 Euro Reisepreis, kaum Zugriff auf das Smartphone und ein Jahr in einer engen Bordgemeinschaft: Ist dieses Schulmodell eine wertvolle Lebenserfahrung oder ein Angebot für wenige Privilegierte? Schreiben Sie Ihre Meinung in die Kommentare.

​Ab August 2027 soll die „Johann Smidt“ mit 27 Jugendlichen für ein Jahr um die Welt segeln. Ocean-College-Geschäftsführer Johan Kegler spricht über den Reisepreis von 64.500 Euro, Stipendien, niedrige Lehrergehälter und ein strenges Handyregime an Bord.

Im nächsten Sommer geht es mit dem Sail-Training-Schiff „Johann Smidt“ für ein Jahr um die Welt. Die geplante Route führt über den Atlantik und den Panamakanal in den Pazifik, weiter nach Australien, über den Indischen Ozean nach Südafrika und anschließend zurück nach Europa. Jugendliche ab 15 Jahren können sich noch bis zum 10. Januar 2027 um einen der 27 Plätze bewerben.

Herr Kegler, warum geht’s ganz um die Welt?

Weil das noch kein deutsches Schulschiff gemacht hat. Und weil das normale Schulsystem nicht mehr ansatzweise auf die zukünftige Lebens- und Arbeitsrealität der Schülerinnen und Schüler vorbereitet. Wir wollten eine neue Herausforderung haben und einen neuen Standard setzen. Nach neun Jahren Atlantikroute wird es zwar nicht langweilig, aber eingefahren.

Die Route führt um Südafrika herum. Die halbe Besatzung könnte spucken …

Auf jeden Fall, schon in der Biskaya. In diesem Jahr war es ganz brutal. Aber nach dem Losfahren ist die Seekrankheit irgendwann passé.

Die 64.500 Euro Reisekosten fallen nicht unter den Taschengeldparagrafen.

Wie bei den Winterreisen ist das meist privat finanziert. Wobei ich stolz sage, dass wir auf jeder der bisher neun Reisen einen Vollstipendiaten mitgenommen haben. Das waren jeweils Wohngeld- oder Bürgergeldempfänger. Der Preis ist für das, was wir bieten, eigentlich noch viel zu niedrig, aber es ist natürlich viel Geld. Mindestens zwei Drittel der Eltern haben Mühen, die Reisen zu finanzieren. Aber der Kosten-Nutzen-Effekt des normalen Schulsystems ist viel schlechter, Note vier minus.

Warum sind die Kosten höher als zwei Halbjahresreisen zu 28.000 Euro?

Wir haben ein hohes Preisrisiko bei Posten wie Lebensmitteln, Hafengebühren oder Diesel und müssen das puffern.

Wird auch für diese Weltumsegelung wieder ein Stipendium vergeben?

Ich würde am liebsten der halben Crew eins geben. Aber was nichts kostet, ist auch nichts wert, diese Erfahrung habe ich auch gemacht.

Ist es schwierig, Lehrer dafür zu finden?

Wir haben jedes Jahr 160 Bewerbungen auf 8 Plätze. Unser Beuteschema ist 28 bis 32, abgeschlossenes Referendariat, erste Lehrerfahrung.

Beamtensold dürfen die wohl nicht erwarten?

Wir haben richtige Arbeitsverträge mit Sozialversicherung, wir sind ja eine GmbH. Aber die Höhe entspricht nur einem Viertel des normalen Gehalts, wir bezahlen mit dem einmaligen Erlebnis. Und mit freier Kost und Logis.

Drei Jahre waren zu kurz, sagen viele Langfahrtsegler. Die „Johann Smidt“ soll in einem Jahr rum.

Guter Punkt, das wird ein Ritt. Wir haben extra Australien eingebaut, die Schüler reisen von Sydney im Osten über Land nach Westen. Währenddessen fährt das Schiff mit Schülern der deutschen Schule in Australien außenrum.

Fehlendes WLAN wird ein großes Problem?

Nein, das Reinzwingen ins Detox ist das größte Geschenk an die Schüler. Auf der Halbjahresreise bekommen sie ihr Handy nur fünfmal.

Und wer ein Zweithandy unterm Kopfkissen hat?

Das ist ein Grund, rausgeworfen zu werden.


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Nils Theurer

Nils Theurer

Freier Mitarbeiter, Südkorrespondent

Der freie Reporter und Fotograf segelte jahrelang Dreiecksregatten mit Laser, Vaurien, Starboot und 470er, hauptsächlich auf Binnengewässern und dem Bodensee. Später befuhr er diese Reviere mit seiner Familie auf einem 15er-Jollenkreuzer. Als Süd-Korrespondent berichtet Theurer vor allem über kleine Boote und entdeckt dabei immer wieder außergewöhnliche Fahrzeuge genialer oder schrulliger Eigner und Erfinder. Seine Artikel speisen sich aus jahrzehntelanger praktischer Segelerfahrung auf süddeutschen Revieren.

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