Interview“Walross”-Skipper über die Teilnahme an der Parade in New York

Lasse Johannsen

 · 08.09.2026

Interview: “Walross”-Skipper über die Teilnahme an der Parade in New YorkFoto: Bjoern Kils; New York Media Boat
Die Hochsee-Ausbildungsyacht des Akademischen Segler-Vereins Berlin unter dem großen Berlin-Spinnaker vor der Freiheitsstatue.
Die Hochsee-Ausbildungsyacht “Walross IV” des Akademischen Segler-Vereins Berlin war ​neben dem Segelschulschiff “Gorch Fock” die einzige deutsche Teilnehmerin bei der Parade anlässlich der 250-Jahr-Feier der Vereinigten Staaten vor New York. Nun ist sie zurück von ihrer bemerkenswerten Reise. Skipper Oliver Krist über die offizielle Rolle der “Walross IV” als Botschafterin Berlins in den USA.

YACHT: Wie wurde der ASV Botschafter Berlins?

Oliver Krist: Es war nicht das erste Mal, dass wir als ASV mit unserem Seeschiff als Botschafter Berlins international auftraten. 1988 waren wir nach unserem eigenen 100-jährigen Geburtstag 1986 Botschafter des in 1987 750-jährigen Berlins in Australien zu dessen 200-Jahr-Feier. 2010 überbrachten wir die Grußbotschaft des damaligen Regierenden Bürgermeisters von Berlin nach Buenos Aires und Rio de Janeiro. Darum haben wir gesagt, wir können wieder als Botschafter Berlins agieren und nach der Teilnahme an der 200-Jahr-Feier der USA diese auch zur 250-Jahr Feier wieder für Berlin besuchen und unserer Stadt Sichtbarkeit verleihen. Lasst uns doch mal beim Regierenden Bürgermeister anklopfen. Also schrieben wir ihn an.

Wie hat der Berliner Senat auf Ihre Idee reagiert?

Wir bekamen umgehend Antwort. Man habe unseren Brief erhalten. Ob man einmal vorbeikommen könne. Zwei Tage später besuchte uns ein Mitarbeiter der Senatskanzlei. Das „Walross“ war zu dieser Zeit noch vor Ort, sodass wir ihm auch das Schiff zeigen konnten. Er war völlig begeistert und ging mit den Worten: „Wir wären ja verrückt, wenn wir das nicht für Berlin nutzen würden.“

Und diese Worte wurden offenbar in die Tat umgesetzt...

Ja, daraus entwickelte sich alles Weitere. Die Senatskanzlei schlug vor, dass der Regierenden Bürgermeisters die Schirmherrschaft für unser Projekt „Atlantic Connections“ übernehmen würde. Wir sagten natürlich „Ja“. Ein paar Woche später besuchte er uns mit seinem Büroleiter im ASV. Wir saßen in kleinem Kreis zusammen und sprachen über verschiedene Ideen.

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Der Seeschifftakelmeister des Akademischen Segler-Vereins Berlin, Oliver Krist (62).Foto: ASV/O.KristDer Seeschifftakelmeister des Akademischen Segler-Vereins Berlin, Oliver Krist (62).

Welche waren das noch?

Eine davon war, nicht nur für Berlin zu werben, sondern auch der Bewerbung der Stadt um die Olympischen und Paralympischen Spiele früh internationale Sichtbarkeit zu geben.

Was wurde dann konkret vereinbart?

So kurz vor den Berliner Wahlen im September 2026 würde es vermutlich keine persönlichen Engagements und Termine der Berliner Politik im Juli in New York geben. Aber mit dem Berlin Business Office, der Berliner Wirtschaftsvertretung in New York waren wir seit Dezember 2025 in engem Austausch. Wir haben wir Co-Posts veröffentlicht und uns vor Ort getroffen. Die Leiterin Franziska Ehrhardt durften wir zu einem Segelausflug vor New York begrüßen, umgekehrt wurden wir zu einem Sundowner in deren Büro eingeladen. Dort haben wir weitere Ideen gemeinsamer Aktivitäten besprochen.

Was geschah mit der Grußbotschaft des regierenden Bürgermeisters von Berlin?

Die erhielten wir rechtzeitig vor dem 4. Juli in zweisprachig und in einer repräsentativen Mappe des Landes Berlin. Als Schiffsführer hatte ich die Ehre sie dann an Sebastian Sharma, Director of Economic Development beim NYC Mayor’s Office for International Affairs zu übergeben. Das Treffen im Rahmen einer Frühstückseinladung beim deutschen Generalkonsul Carsten Rüpke in New York statt.

Und was war Ihre Rolle bei der Parade?

Da durfte „Walross 4“ nicht nur Deutschland, sondern auch Berlin vertreten. Bei solchen Tall-Ship-Veranstaltungen gibt es regelmäßig Paraden, an denen neben den großen Schiffen auch kleinere Schiffe teilnehmen. Wir waren offizielles Escort-Schiff zur „Gorch Fock“ und mit dieser die einzigen deutschen Schiffe bei der Sail4th Parade.

Von wem?

Vor Ort gibt es ein Organisationskomitee, das sich um die gesamte Sail-Organisation kümmert. Dieses Komitee legt fest, welche Tall Ships in welcher Reihenfolge fahren und welche Schiffe als Escorts eingesetzt werden.

Und da hat man bemerkt, dass ihr die einzige Yacht aus Deutschland seid und daher gut zum Segelschulschiff der deutschen Marine passt?

Nein, wir hatten uns bei der Sail4th Organisation beworben. Wir haben erklärt, dass wir nach New York mit einer Mission für Berlin nach New York kommen und gerne gemeinsam mit der Gorch Fock unter ihre organisatorische Betreuung genommen werden möchten.

Wusste die Marine davon?

Klar, das war abgesprochen. Ich stehe seit Beginn des Projektes in regelmäßigem Austausch mit dem Kommandanten Kapitän zur See Elmar Bornkessel. Per E-Mail, WhatsApp und telefonisch.

Und was haben Sie besprochen?

Wir haben uns über seemännische Fragen ausgetauscht: Wann fahrt ihr los? Wie fahrt ihr? Wann treffen wir uns? Können wir vielleicht einen Crew-Austausch organisieren?

War Politik bei Ihrem USA-Besuch ein Thema?

Natürlich haben wir uns auch über die politische Situation unterhalten. Schon seit vor Beginn des Projektes gab es in unserem Verein die wichtige Diskussion: Können und wollen wir in der schwierigen diplomatischen Lage zwischen der Bundesrepublik und den Vereinigten Staaten unseren Verein überhaupt noch in New York sichtbar präsentieren? Natürlich waren wir nach Übernahme der Schirmherrschaft durch den Regierenden eh nicht mehr frei, eine alleinige Entscheidung darüber zu treffen. Aber auch ganz grundsätzlich vertreten viele Vereinsmitglieder den Standpunkt, dass man eine jahrzehntelange Freundschaft nicht einer einzelnen Administration opfern darf. Berlin, die Bundesrepublik und die westlichen Demokratien verdanken ihre Freiheit der langjährigen Verbundenheit der ehemaligen Alliierten. Viele Menschen in den USA haben uns bei unseren verschiedenen Treffen ein sehr positives Feedback gegeben. Sie sagten, sie rechneten es uns hoch an, dass wir in einer politisch so schwierigen Situation trotzdem zu ihnen stehen.

Und die „Gorch Fock“ ist auch gefahren…

… Elmar Bornkessel sagte mir dazu: Wenn die diplomatische Situation zwischen zwei Staaten schwierig ist, ist die „Gorch Fock“ das letzte Schiff, das nicht mehr fährt. Sie hat einen diplomatischen Auftrag. Das war für mich eine weitere Begründung, an unserem Plan festzuhalten.

Wenn man das alles am grünen Tisch mit dem Regierenden Bürgermeister von Berlin bespricht und vorbereitet, ist das schon aufregend genug. Wie war es dann vor Ort?

Es war klar, dass der Aufenthalt in New York ein besonderer Teil der Reise sein würde. Wir sind bereits eine Woche vor der Veranstaltung dort eingelaufen. Wir setzten selbstverständlich unseren großen Berlin-Spinnaker, unmittelbar als die Freiheitsstatue in Sicht kam. Und als wir sie damit passierten, hatten mehrere Crewmitglieder Tränen in den Augen, ob Einzigartigkeit der Situation. Das war einer der vielen, sehr emotionalen Momente.

Wurde es bei der Parade ähnlich emotional?

Ja. Als wir am 3. Juli im Rahmen der Class B Parade uns insbesondere am 4. Juli gemeinsam mit der „Gorch Fock“ an den begeisterten Menschenmengen an Land vorbeisegelten, teilweise hörbar begeistert, als deutsches Schiff bejubelt wurden, löste auch das bei der Crew das Gefühl aus, gerade etwas ganz Besonderes erleben zu dürfen.


Was waren Eure emotionalsten Segelerlebnisse? Schreibt sie uns in die Kommentare!

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Lasse Johannsen

Lasse Johannsen

Stellvertretender Chefredakteur YACHT

Geboren in Kiel, aufgewachsen am Wasser und an Bord, seglerisch ausgebildet im Verein und beim Segeln auf Nord- und Ostsee. Nach Schule, Marine und juristischer Ausbildung 2007-2009 Volontariat bei der YACHT im Ressort Panorama, welches er heute leitet. Daneben verantwortet er die Sonderausgabe YACHT classic, veröffentlichte mehrere Bücher im Verlag Delius-Klasing und ist stellvertretender Chefredakteur der YACHT. Johannsen ist begeisterter Fahrtensegler auf eigenem Kiel und aktiver Begleiter der deutschen Klassiker-Szene.

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