Manchmal braucht es einen Impuls von außen, einen Quereinsteiger, der Dinge ins rechte Licht rückt. Bei Guillaume Plisson sind es sehr große Dinge. Der gebürtige Bretone bekam die größten und extravagantesten Yachten vor die Linse und etablierte eine neue Bildsprache. Seine Herangehensweise scheint frei zu sein von dieser Ehrfurcht, die einen befällt, wenn sich ein monströses, in sämtlichen Details fein ausgearbeitetes Schiff vor das Auge schiebt. Der Auftritt wirkt oftmals so unwirklich, dass die selektive Wahrnehmung aussetzt und gewaltige Faszination überwiegt.
Plisson aber wirft sich hinein, spielt mit seinen Models aus Stahl und Alu. Als wären sie Objekte, die es mit kindlicher Neugier zu untersuchen gilt. Drehen, wenden und betasten, sich durch den Sucher an der Form erfreuen. An den Kanten, Kurven und Klüsen. Jede Yacht ein neues Spielzeug, der Spaß stets groß, das Ergebnis individuell. Augen und Kamera ersetzen die Hände. Plisson geht auf Entdeckungsreise, platziert Menschen wie Figuren auf Modellbooten und setzt die schiere Größe ins Verhältnis, damit sie für jeden erfassbar wird. Simpel und raffiniert.
Das Ergebnis: Fotos von Oberflächen, die in die Tiefe gehen, Ausschnitte, die mehr sagen über das Objekt als das große Ganze. Guillaume Plissons Erfolg ist nicht an einer Perspektive festzumachen. Einen umfassenden Überblick über seine Arbeit erlaubte die Ausstellung „Tribute to Yachting“ während der Monaco Yacht Show 2025. Die Werkschau zog sich über das gesamte Hafengelände und bis in die Pavillons hinein. Ein dreiseitiges Prisma befand sich auch neben dem Stand von BOOTE EXCLUSIV. Dorthin kam der Fotograf mit einer Leica um den Hals, bestens aufgelegt und in Begleitung seiner beruflichen wie privaten Partnerin Marta. Unsere Fragen beantwortete der Wahlmonegasse auf der
J Craft „Amazon Queen“.
Die Idee existierte schon lange. Ich war überzeugt, dass wir Emotionen auf der Messe brauchen. Es sind nicht nur Aufnahmen von Superyachten. Wir wollten auch etwas anderes transportieren, das Leben auf See, in den Werften oder die Arbeit der Designer würdigen. Insgesamt sind es 143 Bilder.
Ein Albtraum! (Lacht) Es war sehr politisch. Ich wollte auch möglichst viele Werften berücksichtigen, die alle hier sind. Das Ergebnis hat mich sehr viel Zeit gekostet.
Puh, das ist schwierig. Aber das erste muss mit meinem Großvater gewesen sein. Er war kein Fotograf, er war Präsident des französischen Segelverbands FFV. Ich bin am Meer und auf Booten aufgewachsen, meine Familie ist eng verbunden mit Aufnahmen von Leuchttürmen. Mit meinem Vater [Philip] verbrachte ich Jahre, um überall auf der Welt am richtigen Ort mit dem richtigen Seegang zu sein. Häufig waren wir inmitten der Hölle, natürlich in einem Helikopter.
Nein, das weiß ich noch genau, es entstand während des Fastnet Race 1985. Kurz nach dem Start verlor „Drum“ von Duran-Duran-Sänger Simon Le Bon den Kiel und kenterte durch. Ich war zwölf und stand auf dem Leuchtturm von Needles, genau im richtigen Moment und mit dem zu der Zeit längsten Objektiv der Welt. Wir waren mit einem Wohnmobil dort, und mein Vater fotografierte von einem Begleitboot aus. Also schnappte ich mir das 1200er, montierte es auf ein Stativ und hielt drauf. Unser Kühlschrank war voller Filmdosen, die wir sofort ins Labor brachten. Wir fotografierten nur mit Diapositiv, die nach dem E6-Verfahren entwickelt wurden. Meine Fotos von „Drum“ landeten in „Paris Match“.
Meine einzige. Ich arbeitete weiter mit „Paris Match“ zusammen als Freiberufler und tue das immer noch. Nach dem Abitur leistete ich meinen Militärdienst als Fotograf auf Tahiti. Mein Job bestand zunächst darin, alle Militärbasen in Französisch-Polynesien abzubilden. Nach einer Mission verbrachte ich etwa zehn Tage in der Dunkelkammer. Zu der Zeit war die Beziehung zwischen den Menschen aus Tahiti und den Franzosen sehr kompliziert. Es gab Kämpfe um die Unabhängigkeit, die ich fotografisch dokumentierte. Ich musste unglaublich flexibel sein und flog in Falcon-Jets zu Schiffen, die in Seenot geraten waren. Teilweise war ich mit meiner Kamera sechs Stunden in der Luft. Das war harte Arbeit und eine sehr gute Schule.
Ich wurde oft für Regatten gebucht. Darunter waren fünf America’s Cups und einige Ausgaben der Route du Rhum, da war ich offizieller Fotograf der Mehrrumpf-Klasse Orma. Segeln war meine Leidenschaft. In die Branche der Superyachten brachte mich ein Anruf von Philippe Starck, der Fotos von „Motor Yacht A“ brauchte. Wir kannten uns nicht, der Fotograf Yann Arthus-Bertrand hatte mich empfohlen. Als dann Espen Øino meine Bilder sah, wollte er mit mir zusammenarbeiten.
In meinem Beruf habe ich die meiste Zeit Kontakt mit Eignern, Designern und Werften. Es ist bizarr. Bevor ich mich in dieser Branche etablierte, waren meine Bilder überall auf der Welt zu sehen. Nun ist vieles vertraulich. Und manchmal ist es wirklich frustrierend. Darum bin ich so glücklich über diese Ausstellung, die keine Klatsch- oder Privataufnahmen zeigt.
Ich liebe diese Bilder aus Rumänien. Unglaubliche Menschen, unglaubliche Werft. Es ist nicht wie auf einer Werft in Nordeuropa. Ich kam mir vor wie in Charlie Chaplins Film „Moderne Zeiten“. Alles war laut und supergrafisch. Und das in einem unfassbaren Maßstab. Die Arbeiter waren sehr stolz und freuten sich über die Anerkennung. Aber einfach war es nicht, einige mochten nicht fotografiert werden. Und ich grenzte mich dadurch ab, dass ich keinen Helm tragen konnte. Sonst hätte ich nicht durch den Sucher schauen können.
Nein, denn ich hatte bereits sehr viele Aufnahmen aus Helikoptern heraus gemacht. Ich habe die Yachten mit anderen Augen angesehen. Die Kamera nicht im 45-Grad-Winkel auf das Heck oder den Bug gehalten. Ich wollte keine langweiligen Bilder und spielte mit meiner Kamera. Das Design sollte anders dargestellt werden, glänzen. Auf diesen neuen Ansatz konzentrierte ich mich. Ich war wohl zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. (Lacht)
Das ist gewaltig. Das kann man sich nicht vorstellen, wie viele Festplatten bei mir im Büro lagern. Wir hatten 2010 ein Feuer in der Bretagne, es traf unser 10.000 Quadratmeter großes Labor. Ich hatte an einem Artikel für „Paris Match“ gearbeitet und hörte auf der Rückfahrt im Radio von einem Großbrand. 150 Feuerwehrleute kämpften gegen 50 Meter hohe Flammen. Ich kam ein wenig zu spät, aber ich sagte zu ihnen: Konzentriert euch auf das Archiv, und sie luden dort 50 Lkw-Ladungen voll mit Wasser ab. Wir verloren etwa 600.000 Bilder. Das war traumatisierend. Ich entschloss mich, die Bretagne zu verlassen, und startete 2013 neu in Monaco.
Wir versuchen alles abzudecken. Es kommt auf die Location an, das Boot und auch die Crew – ihre Mitarbeit ist besonders wichtig. Ohne die Beteiligung der Besatzung am Prozess sind unsere Shootings unmöglich. Meine Partnerin Marta ist ebenso wichtig, sie war selbst Chefköchin auf einer Superyacht und kennt den Kodex an Bord. Sie ist immer auf der Brücke oder bei den Crewmitgliedern und organisiert alles. Ich bin meist im Helikopter. Das ist echte Teamarbeit.
Der Fotograf kündigt an, die DSLR-Kamera nun zur Seite zu legen und einige Interviewsituationen mit dem iPhone festzuhalten. Guillaume Plisson weist darauf hin, dass es das neueste Modell ist. „Das gefällt mir sehr! Es ist so bequem.“
Niemals.
Für Jobs benutze ich welche, aber dann nur für ganz spezielle Einstellungen: von oben, vertikal im Winkel von 90 Grad oder wenn ich supernah an den Rumpf heranmuss. Für alles andere vertraue ich auf Helikopter. Daraus kann ich Objektive von 11 bis 800 Millimeter Brennweite verwenden. Beim Objektivwechsel geht es sicher hektisch zu.
Zu Beginn, als ich noch allein im Heli saß, verlor ich einiges an Equipment. Jetzt habe ich einen Assistenten dabei, der mir aus einem Satz an Kameras die richtige reicht.
Sein Anteil an den Fotos liegt bei 50 oder sogar 60 Prozent. Am wichtigsten ist, dass die Piloten viel Erfahrung mitbringen. Häufig fliege ich mit Michel de Rohozinski, er ist ein Künstler und der Gründer von Green Bees Helico. Jetzt bietet er Flüge rund um Cannes und Monaco an, arbeitet auch als Ausbilder. Wenn wir mit seinem Robinson R44 unterwegs sind, lachen wir viel. Wir fliegen seit 20 Jahren zusammen. Und jedes Mal wenn wir ein Shooting beendet haben, schaltet er den Motor aus und trudelt per Autorotation herunter, um im letzten Moment den Motor einzuschalten und weich aufzusetzen. Meinen Assistenten gefällt das gar nicht. (Lacht)
Das kann bis zu einer Woche dauern, je nachdem was gefordert ist. Wenn wir großen Aufwand mit Filmern, Models und Visagisten treiben, sind wir bis zu 14 Personen. An einem Tag entstehen zwischen 2.000 und 6.000 Bilder. Bei Fotoshootings stehen wir um vier Uhr auf und machen um Mitternacht Schluss. Es ist sehr anstrengend.
Innen arbeiten wir nach Architektur-Standards. Dann kann die Vorbereitungszeit für einen Raum drei Stunden betragen, und für den einen Schuss benötigen wir bis zu 65 Aufnahmen. Wir haben ein spezielles Objektiv, das einen großen Bereich abbildet, aber ohne Verzerrung. Um dem Raum Leben einzuhauchen, stellen wir überall Lichtquellen auf. Es ist eine andere Welt. Ich liebe Exterieurs, da kann ich mit natürlichem Licht spielen und die tatsächliche Größe ins Verhältnis setzen. Das versuche ich immer einzubauen. Und sei es nur ein kleiner Punkt.
Wir verlassen den Port Hercule und fahren auf das offene Meer hinaus. Plisson übernimmt das Steuer und manövriert das Runabout routiniert durch beachtlichen Schwell. In Monaco besitzt er kein eigenes Boot, chartert aber häufiger mit seiner Partnerin.
Ja, natürlich, meine Familie lebt dort. Vor beinahe 40 Jahren gründete mein Vater den Verlag Pêcheurs d’Images [Fischer von Bildern], und unsere Plakate und Kunstdrucke verkauften wir ab 1995 auch in der eigenen Galerie in La Trinité-sur-Mer. Die musste er leider vor einigen Wochen schließen. Meine Augen haben sich mit der Erfahrung verändert, die Landschaft dort sehe ich jetzt anders. In meinen Bildern bin ich viel minimalistischer geworden.
Ich liebe Sturm. Und ich liebe Flaute, also die wirkliche Ruhe, wenn das Meer spiegelglatt ist. Wie beim Fotoshooting letzte Woche, da gab es zwar Wellen, aber das Meer war wie ein Spiegel. Die Atmosphäre ist unglaublich. Ich liebe Wolken. Ich meine, blauer Himmel und Sonnenschein sind so …
Plisson führt es nicht weiter aus. Beim Blättern im Ausstellungskatalog zeigt er auf eine Aufnahme von „Ahpo“, in der die starke Marmorierung des Meeres die Yacht beinahe in den Schatten stellt. Der Fotograf berichtet mit leuchtenden Augen und gestikulierend vom Fototermin und wie er und sein Team von der Familie des Eigners auf Jamaika willkommen geheißen wurden.
Ich bin immer noch begeistert, weil das nächste Bild das ist, das ich unbedingt machen möchte. Deshalb behalte ich diesen Druck und diese Leidenschaft bei. Zur Vorbereitung verbringe ich viel Zeit mit 3D-Renderings. So bekomme ich schon eine perfekte Sicht auf das Boot, ohne Verzerrungen. Vor einem Shooting lege ich mich ins Bett, setze mich in einen Helikopter und träume meine Bilder in 3D. Dann weiß ich schon vorab, aus welchem Winkel die Bilder gut aussehen.
Sören Gehlhaus wurde 1981 in Berlin geboren und besegelte auf Jollen die Unterhavel, in den Ferien den Ratzeburger See und die Ostsee auf „Dickschiffen“. Zeitgleich mit dem Beginn des Studiums in Lübeck trat 2001 das Kitesurfen auf den Plan, und die intensive Ausübung des neuen Sports sorgte für den beruflichen Schwenk zum Journalismus. Nach Volontariat beim b&d Verlag in Hamburg folgten viele Jahre der redaktionellen Arbeit für ein Kitesurf-Magazin und 2018 der Wechsel zu BOOTE EXCLUSIV.