InterviewPensionär umrundet Kap Hoorn trotz Ruderverlust

Morten Strauch

 · 15.01.2026

Der 81-jährige Herwig Paretzke, Professor für Strahlenphysik an der TU München, ging nach seiner Pensionierung auf Weltumsegelung. Insgesamt kann er auf über 110.000 Seemeilen in seinem Kielwasser verweisen.
Foto: Privat
Ein Professor ging nach seiner Pensionierung auf Weltumsegelung. Mit seinem 55-Fuß-Hochseekat vom Typ Shangri La Nova rundete er Kap Hoorn – dabei fehlt ein Ruder. Insgesamt kann er auf über 110.000 Seemeilen in seinem Kielwasser verweisen.

Herr Paretzke, wie segelten Sie ohne Ruder ums Hoorn?

Ich hatte ja keine Ahnung, dass ich ein Ruder verloren hatte. Aber da ich meine Weltumsegelung auf einem Katamaran gesegelt bin, war glücklicherweise noch ein „Reserveruder“ in Gebrauch. Das Malheur kam erst zutage, als das Schiff im chilenischen Valdivia für Wartungsarbeiten aus dem Wasser gekrant wurde. Da wurde mir dann auch klar, warum „Jonathan“ vorm Wind so geigte und nicht vom Autopiloten gesteuert werden konnte. Aber ich kann wohl behaupten, das einzige Schiff mit abgefallenem Ruder problemlos um das Kap Hoorn gesteuert zu haben.

Und das auch noch gegen die vorherrschende Windrichtung. Wollten Sie es einfach wissen?

Es gehört sich so, die Welt von Bremerhaven aus von Ost nach West zu umsegeln. Wilfried Erdmann, den ich auch persönlich gut kannte, hatte mir vorab bestätigt, dass man ohne Weiteres da rumfahren kann.

Laut seinem Buch „Allein gegen den Wind“ hat er dabei aber auch gelitten …

Ja freilich. Große Wellen hatten wir auch, aber nie Angst oder Probleme. Bobby Schenk war davon überzeugt, dass man mit einem Kat höchstens am Äquator beziehungsweise bis zu 30 Grad Nord oder Süd davon fahren sollte. Ich habe ihn vom Gegenteil überzeugt, weshalb er mir vor Kurzem sogar seinen Kap-Hoorn-Pin verliehen hat. Wobei ich Cape Farewell im Süden Grönlands für weit anspruchsvoller halte.

Das liegt aber nicht auf der klassischen Weltumsegelungsroute …

Nein, im Zuge einer späteren Atlantikrunde bin ich über Halifax nach Nuuk in Grönland gesegelt, wo meine Crew kältebedingt von Bord ging. Ich bin dann einhand ums Cape Farewell weiter nach Island gesegelt. Die Islandtiefs sind genauso heftig wie die Stürme am Hoorn, dazu kommen aber noch Eisberge, Growler und ganz viel Nebel. Katabatische Winde mit 300 km/h entstehen quasi aus dem Nichts.

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Segeln Sie auch Monohulls oder prinzipiell nur Mehrrumpfer?

Bevor ich „Jonathan“ erwarb, bin ich viele Jahre auf der 12mR „Anita“ geskippert. Damals ohne Motor, Elektrik oder Radar. Nur mit Kreuzpeilung sind wir mal bis nach Spitzbergen gesegelt. Dort war jedoch so eine dicke Suppe, dass wir, ohne an Land gehen zu können, wieder umdrehen mussten. Das war schon abenteuerlich!

Sie haben eine beeindruckende Segel-Vita. Geht es demnächst für immer an Land?

Meinen verdienten Hochseekat habe ich zwar an einen Meeresbiologen verkauft, aber am Starnberger See habe ich noch einen Drachen von 1979 liegen, den ich im Sommer auch regelmäßig nutze. An Land wartet ein ganz anderer Schatz auf mich: ein 97 Jahre altes Automobil. Ein wunderschöner Buick mit Holzradspeichen, der auch viel Liebe und Pflege bedarf.

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