InterviewLea Rambadt über Segelmacherei und Selbstständigkeit

Antonia von Lamezan

 · 13.09.2026

Interview: Lea Rambadt über Segelmacherei und Selbstständigkeit
Mit Mitte 20 gründete Lea Rambadt ihre eigene Segelmacherei: In einer Branche, die noch immer stark von Männern geprägt ist. Sie fertigt Persenninge, repariert Segel und kennt Boote bis auf die letzte Naht. Im Interview mit Timm Kruse erzählt sie, wie sie den Schritt in die Selbstständigkeit geschafft hat, warum ihr eigenes Boot als Testfläche dient und wie Persenninge möglichst lange halten.

Lea Rambadt gründete ihre Segelmacherei in Rendsburg vor zweieinhalb Jahren.
Foto: Catharina Deho Foto und Film

Timm Kruse: Ist die Frage, wie du dich als Frau in dieser Männerdomäne fühlst, schon nervig für dich?

Lea Rambadt: Nein, tatsächlich nicht. Zum Glück hat sich das schon ein bisschen geändert. Am Anfang hatte ich relativ großen Respekt davor, was die Leute wohl sagen würden: Sie ist jung, sie ist weiblich und macht sich auch noch im Handwerk selbstständig. Ich dachte, da kommt bestimmt etwas Gegenwind. Aber ich habe mir wohl zu viele Gedanken gemacht, denn das ist fast gar nicht der Fall. Es gibt ein paar Einzelfälle, aber meistens freuen sich die Leute und sagen: „Mensch, das ist ja toll, dass jemand Junges anfängt.“ Sie unterstützen das und finden es gut.

Es gibt aber noch ein paar vom alten Schlag?

Natürlich, aber ich bin relativ hart und kann gut gegenargumentieren. Das passiert allerdings selten. Die meisten finden es gut, und das ist wirklich schön.

Es könnte sogar passieren, dass Leute sagen: „Toll, dass das endlich eine Frau macht – die arbeiten immer gründlicher als die Männer“.

Viele fragen mich, wie es in der Berufsschule war und ob es dort auch Frauen gab. Früher waren es wohl deutlich mehr Männer. Mittlerweile hat sich das etwas gewandelt, trotzdem gibt es in dem Gewerk noch immer mehr Männer als Frauen. Das eigentliche Thema ist häufig gar nicht, dass ich eine Frau bin. Die Leute sagen eher: „Oh, sie ist ja noch relativ jung.“ Aber das legt sich nach einiger Zeit.

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Gerade in deinem Beruf ist Erfahrung wahnsinnig wichtig. Man muss eine Persenning so anfertigen, dass sie gut sitzt und hält, aber trotzdem nicht reißt.

Genau, es ist alles Maßarbeit. Ich würde sagen, das bringt die Zeit mit sich. Das ist zugleich das Schöne an dem Beruf: Alles ist individuell. Jedes Boot ist anders, jeder Kunde ist anders und jeder möchte es ein wenig anders haben. Nichts ist gleich. Das macht den Job interessant und sorgt dafür, dass das Handwerk wohl niemals aussterben wird. Alles wird individuell an das Boot angepasst. Man fährt zum Boot, misst es aus und muss Schablonen anfertigen.

Wie bist du darauf gekommen, Segelmacherin zu werden? Das ist schließlich ein ungewöhnlicher Berufswunsch.

Eigentlich wusste ich das schon relativ früh. Mit 14 musste ich mein erstes Schulpraktikum machen. Bis dahin dachte ich immer, ich sei die typische Person, die später im Büro sitzt. Mein Hobby war aber schon immer das Segeln. Außerdem habe ich als Kind und Jugendliche ein bisschen genäht. Irgendwann sagten meine Eltern: „Mach doch mal ein Praktikum als Segelmacherin.“

Hatten deine Eltern ein Boot?

Ja, genau. Damit bin ich groß geworden. Zunächst dachte ich trotzdem: Was ist das denn für ein Beruf? Dann habe ich das Praktikum gemacht, und es hat mir so gut gefallen, dass ich nie etwas anderes gemacht habe. Von meinem 14. Lebensjahr an stand fest, dass ich Segelmacherin lernen möchte.

An der Selbstständigkeit hängt aber viel mehr als nur das Handwerk. Du führst ein kleines Unternehmen. Wie hast du das gelernt?

Ich würde sagen, ich lerne immer noch. Das ist nicht ganz einfach. Zum einen lernt man das Handwerk – das ist das Hauptkriterium und auch das Schönste daran. Drumherum ist man aber gefühlt gleichzeitig Buchhalterin, Marketingabteilung und Verkäuferin.

Das Gute war, dass ich von Anfang an Unterstützung von meiner Familie und meinem Partner hatte. Sie standen immer hinter mir und sagten: „Mach das, das ist gut.“ Am Anfang bekommt man außerdem Hilfe von der Handwerkskammer. Man hat die Idee, sich selbstständig zu machen, weiß aber zunächst gar nicht, was man dafür tun muss. Ich bin deshalb auf die Handwerkskammer zugegangen, bei der man sich ohnehin anmelden muss. Dort bekam ich eine Checkliste, die mir Schritt für Schritt zeigte, was zu erledigen war.

Natürlich lerne ich noch immer weiter, und es kommen ständig neue Herausforderungen hinzu. Aber daran wächst man. Man macht vielleicht auch einmal einen kleinen Fehler, lernt daraus und macht weiter. Im Nachhinein war es die beste Entscheidung.

Du hast also wirklich gefunden, was du machen möchtest.

Ja, ich liebe mein Handwerk. Deshalb steht das für mich außer Frage.

Wenn Jugendliche zuhören, die ähnliche Begabungen haben: Welche Tipps kannst du ihnen geben? Wie macht man sich selbstständig, und was ist dabei besonders wichtig?

Das Wichtigste ist, dass man sein Handwerk liebt. Danach sollte man sich Hilfe suchen, etwa bei der Handwerkskammer oder bei anderen Menschen, die einen unterstützen können. Ich habe vor zweieinhalb Jahren mit der Selbstständigkeit angefangen. Zu Beginn hatte ich eine kleine Werkstatt. Darin standen eine Nähmaschine und ein kleiner Tisch, außerdem hatte ich das nötigste Material. Dann ging es los.

Stück für Stück kam immer mehr dazu, bis die Werkstatt zu klein wurde. Mittlerweile habe ich eine relativ große Werkstatt mit mehreren Maschinen und allem, was dazugehört. Da sammelt sich einiges an. Ich würde aber immer empfehlen, klein anzufangen und dann zu schauen, wie es weitergeht. Ein Weg ergibt sich, und das Unternehmen wächst von allein.

Du hast ein eigenes Boot und segelst selbst. Ist dein Boot manchmal eine Art Testfläche für dich?

Auf jeden Fall. Auf dem eigenen Boot wird eigentlich alles getestet. Wenn neue Materialien herauskommen, fertigen wir daraus etwas an. Dann geht es in den Urlaub, und das Material wird bei Regen, Sturm, Wind und Sonne getestet. Auch neue Ideen probieren wir zuerst am eigenen Boot aus. Wir schauen, wie etwas funktioniert, wie praktisch es ist und wie es aussieht. Anschließend bieten wir es häufig auch unseren Kunden an.

Wie kommst du an deine Kunden?

Das funktioniert tatsächlich relativ gut. Wir sind in Rendsburg, also in der Mitte des Nord-Ostsee-Kanals. Die Nordsee ist ungefähr eine Dreiviertelstunde entfernt, die Ostsee ebenfalls. Wir müssen ohnehin zu den Kunden fahren, um Aufmaß zu nehmen und alles zu besprechen.

Am Anfang habe ich mir viele Gedanken darüber gemacht, wie ich Kunden gewinnen kann. Ich habe damals am 1. Mai angefangen und dachte, ich brauche zunächst eine Internetseite, Instagram und Werbung. Tatsächlich hatte ich aber vom 2. Mai an bis heute endlos viel Arbeit und keinen Tag Langeweile.

Das meiste läuft über Mundpropaganda. Es hat sich relativ schnell herumgesprochen. Wenn der Firmenwagen im Hafen steht und ich dort zum Aufmaß bin, komme ich häufig zum Auto zurück und dort warten vier oder fünf Leute, die ebenfalls etwas brauchen. Natürlich kommen auch viele über die Internetseite und über Google. Jüngere Menschen finden uns vor allem über Instagram.

Bist du als relativ junger Mensch digital besser aufgestellt als ältere Segelmacher?

Besser würde ich gar nicht sagen, eher anders. Ich setze mich auf jeden Fall mit dem Thema auseinander und versuche, Instagram so gut wie möglich zu machen. Darin bin ich auch kein Profi. Aber natürlich versuchen wir, das Ganze etwas moderner und vielleicht nicht ganz so „oldschool“ anzugehen, wie das Handwerk einmal war.

Du hast gerade „wir“ gesagt. Arbeiten mittlerweile mehr Leute in der Segelmacherei?

Wir sind zu zweit. Das ist schön, gerade wenn größere Aufträge anstehen. Außerdem ist so immer jemand in der Werkstatt, wenn ich selbst zum Aufmaß unterwegs bin. Und manchmal hat man ja auch Urlaub – das kommt selten vor, aber es kommt vor.

Gibt es Fälle, die du ablehnst, weil sie eine Nummer zu groß oder zu kompliziert für dich sind? Oder sagst du dann: „Jetzt erst recht“?

Dass etwas zu groß oder zu kompliziert ist, kommt selten vor. Das macht den Beruf schließlich so schön: Man denkt sich in eine Aufgabe hinein. Jeder Kunde und jedes Boot sind anders. Man nimmt die Herausforderung an und versucht, das Ganze umzusetzen.

Manchmal haben Kunden allerdings sehr spezielle Vorstellungen. In solchen Fällen sage ich gelegentlich, dass wir etwas nicht machen, weil es nicht praktikabel ist oder im Nachhinein zu Problemen führen kann.

Meistens erkläre ich das den Kunden, und sie sagen: „Da haben Sie recht. Dann machen wir es so, wie die Segelmacherin es empfiehlt.“ Einige bestehen trotzdem auf ihrer Vorstellung. Dann sagen wir, dass wir es so nicht machen, weil es beispielsweise zu Wassersäcken oder anderen Schäden führen kann. Solche Aufträge lehnen wir ab. Aber nicht, weil etwas zu groß wäre – Herausforderungen sind immer schön.

Erlebst du auch Kunden, bei denen du sofort weißt, dass es Probleme geben könnte – egal, wie gut du arbeitest?

Ja, solche Fälle gibt es. Mit der Zeit bekommt man ein Gespür dafür. Es sind allerdings wenige. Ich habe das Gefühl, dass auch die Kunden moderner werden, mit der Zeit gehen und auf das Fachpersonal hören. Das ist schön. Es gibt aber natürlich Einzelfälle, bei denen wir sagen: „Machen wir nicht, können wir nicht, wollen wir nicht.“

Gerade als Selbstständige muss man lernen, auch einmal Nein zu sagen. Hast du dich in dieser Hinsicht in den vergangenen zweieinhalb Jahren stark entwickelt?

Ich selbst sehe das wahrscheinlich gar nicht so sehr. Menschen von außerhalb sagen mir aber häufig, dass ich mich entwickelt habe. Gerade am Anfang sagt man oft: „Ja, machen wir.“ Mit der Zeit lernt man, auch einmal zu sagen: „Nein, so nicht.“ Stück für Stück geht es weiter. Ich glaube, man härtet etwas ab und muss lernen, sich durchzusetzen. Darin wurde ich aber ganz gut erzogen. Das kann ich ganz gut.

Wie bekommst du dein Privatleben hin? Ist es durch die Selbstständigkeit stark in den Hintergrund gerückt?

Es ist auf jeden Fall anders, aber es ist schön. Wir haben durchgängig viel Arbeit. Während der Sommerferien klingelt das Telefon allerdings nicht so häufig, weil die Kunden dann selbst unterwegs sind. Dann sage ich auch einmal: „Wir gehen jetzt segeln und machen Urlaub.“

Wenn man sein Hobby zum Beruf macht und durch die Gegend segelt, sieht man allerdings manchmal die Arbeit an sich vorbeifahren und denkt doch darüber nach. Aber das ist in Ordnung. Ich liebe meinen Beruf, deshalb fühlt es sich nicht so an, als wäre es Arbeit. Natürlich muss man aufpassen, dass man es nicht übertreibt. Es ist wichtig, einen geregelten Alltag zu haben und irgendwann Feierabend zu machen. Das gelingt mir mittlerweile besser als am Anfang.

Während der Saison ist es trotzdem extrem. Im Frühjahr wird am Wochenende oft durchgearbeitet, das ist ganz normal. Dafür ist es in den Sommerferien etwas ruhiger. Danach geht es wieder mit Vollgas weiter.

Für viele Bootsbesitzer sind Persenninge ein wichtiges Thema. Welches Tuch braucht man, wie schont und pflegt man es am besten?

Beim Tuch kommt es immer darauf an, was man hat und wofür die Persenning gedacht ist. Das lässt sich allgemein nicht beantworten. Wichtig ist, ordentliche Qualität zu kaufen und gut damit umzugehen.

Man sollte die Dinge nicht feucht wegpacken – weder im Winter noch im Sommer. Persenninge sollten ordentlich verstaut und gereinigt werden, allerdings nicht zu intensiv und nicht mit zu scharfen Mitteln.

Außerdem finde ich es wichtig, die Sachen regelmäßig zur Wartung zu geben. Das sage ich nicht nur, weil es mein Beruf ist. Viele Kunden geben ihre Sachen im Herbst bei uns ab und holen sie im Frühjahr wieder ab. So können wir alles überprüfen und kleine Schäden frühzeitig reparieren.

Eine solche Reparatur ist meist noch relativ günstig. Wenn man vier Jahre wartet, können die Schäden deutlich größer werden und weitere Schäden verursacht haben. Dann wird es teuer, und die Sachen gehen schneller kaputt.

Deshalb würde ich raten, die Dinge regelmäßig zu kontrollieren. Der Herbst bietet sich dafür an, wenn das Boot ins Winterlager geht. Man kann auch selbst drüber gucken: Ist eine Naht auffällig? Gibt es Scheuerstellen? Wie sehen die Knöpfe aus? Viele bringen ihre Sachen im Herbst zu uns. Über den Winter wird alles erledigt, und im Frühjahr kann die Saison weitergehen.

Hast du genug Platz, um alle Persenninge ordentlich zu lagern?

Wir haben ein Winterlager. Das war im ersten Jahr viel zu klein und wurde deshalb angebaut. Jetzt ist es größer, und alles wird trocken in unserer Halle gelagert. Die Sachen liegen in Regalfächern.

Wenn die Persenninge bei uns ankommen, sind sie oft noch etwas feucht und klamm. Wir trocknen sie meist über das Wochenende auf unseren Tischen. Danach werden sie ordentlich verstaut und repariert, damit sie im Frühjahr wieder einsatzbereit sind.

Wie hast du die passende Werkstatt und das Lager gefunden?

Ich habe zuvor in einer Segelmacherei gelernt und später noch in einem anderen Betrieb gearbeitet. Dort gab es natürlich ähnliche Abläufe.

Im ersten Jahr waren meine Werkstatt und das Lager viel zu klein. Dann haben wir gesehen, dass es größer werden muss, und alles Stück für Stück erweitert. Wenn sich eine bestimmte Nähmaschine als gut erweist, wird eine weitere gekauft.

Im ersten Winter kann man noch nicht wissen, wie viele Menschen ihre Sachen zur Reparatur bringen und einlagern lassen. Man schaut einfach, wie es sich entwickelt. Von Jahr zu Jahr wird es mehr. Ich glaube, dass wir im nächsten Jahr wieder ein größeres Lager brauchen werden, aber im Moment haben wir noch Kapazitäten.

Wenn der Betrieb weiter wächst, brauchst du irgendwann mehr Mitarbeiter. Gibt es auf dem Arbeitsmarkt Menschen, die Segel und Persenninge anfertigen können?

Das ist schwierig. Die Branche ist sehr klein. Wenn man sich die Berufsschule ansieht, werden es von Jahr zu Jahr weniger Menschen, die diesen Beruf lernen. Das ist schade, denn es ist ein sehr schöner Beruf. Man muss ein wenig zwischen Menschen unterscheiden, die Segel bauen, und solchen, die Persenninge bauen. In der Ausbildung soll man zwar beides lernen, aber man kann nicht beides gleichermaßen intensiv lernen. Häufig entscheidet man sich für eine Richtung.

Es ist schwierig, gute Leute zu finden, die in unserem Fall Persenninge bauen können. Dazu gehört nicht nur das Nähen, sondern auch das Aufmaß, die Anfertigung des Musters und später die Montage. Eine Person zu finden, die alles zusammen beherrscht, ist nicht einfach. Die Alternative ist, selbst auszubilden und den Menschen zu zeigen, wie wir es machen möchten.

Hast du die Erfahrung gemacht, dass Menschen unglaublich viel Geld in Technik und Boote stecken, aber ausgerechnet an der Persenning sparen?

Ja. Viele haben zum Glück Verständnis dafür und sagen, dass sie ordentliche Qualität möchten, die lange hält. Andere sagen aber: „Wir haben gerade ein Segel für sehr viel Geld gekauft“ oder: „Unser Boot wurde komplett neu lackiert. Das war so teuer, dass wir jetzt an der Persenning sparen.“

Viele kommen dann ein zweites Mal. Wenn man für viel Geld ein Boot und Segel gekauft oder restauriert hat, ist es wichtig, eine Persenning zu haben, die das Ganze schützt. Wer dort spart, zahlt später doppelt. Die Einsicht kommt häufig etwas später.

Erkennst du bei bestimmten Booten, dass eine Sprayhood oder Persenning schlecht verarbeitet ist und nicht das leistet, was du erwartest?

Das kommt schon öfter vor. Allerdings weiß man nicht immer, was der Kunde ursprünglich haben wollte. Auf den ersten Blick sieht man es an der Optik und an der Passform. Wir als Segelmacher erkennen außerdem Details in der Verarbeitung, die Segler vielleicht nicht wahrnehmen. Im Großen und Ganzen zeigt sich die Qualität aber an der Langlebigkeit. Wenn eine Sprayhood beispielsweise nach zwei Jahren komplett kaputtgeht, kann das kein ordentliches Material gewesen sein. Nach einer gewissen Zeit erkennt man, wie gut etwas verarbeitet wurde.

Wie wichtig sind die Fäden, mit denen du nähst? Sind sie vielleicht sogar wichtiger als das Ausgangsmaterial?

Beides ist sehr wichtig: der Faden und das Material. Die Sonne wird immer intensiver, und der Faden soll das Ganze möglichst gut zusammenhalten. Deshalb ist es wichtig, ordentliche Materialien zu verarbeiten. Wenn etwas gut verarbeitet wurde, das Material aber nicht hochwertig ist, geht es trotzdem schneller kaputt. Dann muss man früher reparieren oder schneller etwas Neues kaufen. Das ist schade.

Nach welchen Kriterien entscheidest du, ob sich etwas noch reparieren lässt oder neu angefertigt werden muss? Können Bootsbesitzer das selbst erkennen?

Das selbst zu erkennen, ist manchmal schwierig. Man kann die Dinge durchaus mehrfach reparieren. Scheuerstellen sind meist gut sichtbar und lassen sich häufig ausbessern. Wenn etwas schon einmal nachgenäht wurde, kann man es unter Umständen noch einmal nachnähen.

Man sollte eine Persenning allerdings nicht „totreparieren“. Wenn durch viele Reparaturen immer neue Stichlöcher entstehen, am Gewebe gezogen wird und es bereits auseinanderreißt, lohnt es sich nicht mehr. Oft sagen wir den Kunden schon ein Jahr vorher Bescheid, wenn wir ahnen, dass sich die Lebensdauer einer Persenning dem Ende nähert. Auch nach einer Reparatur kann dann erneut etwas reißen, weil das Gewebe langsam morsch und porös wird. Irgendwann ist der Zeitpunkt gekommen, an dem etwas neu angefertigt werden muss.

Was sind die drei häufigsten Fehler, die Bootsbesitzer im Umgang mit Persenningen oder Segeln machen?

Ein wichtiger Punkt ist die Feuchtigkeit. Die Dinge sollten trocken gelagert werden. Natürlich kann man nach einem extremen Regenschauer nicht immer warten, bis das Segel vollständig trocken ist. Man sollte aber alles dafür tun, es später noch einmal auszubreiten und trocknen zu lassen.

Das gilt auch für die Kuchenbude, die viele Menschen nass wegpacken. Sie sollte später noch einmal ausgebreitet und möglichst in der Sonne getrocknet werden. Auch wenn das zunächst nervig erscheint, ist es sehr wichtig.

Der zweite Punkt ist die regelmäßige Kontrolle. Man sollte immer wieder prüfen, ob noch alles in Ordnung ist. Wenn etwas gerissen oder beschädigt ist, sollte man es rechtzeitig reparieren lassen.

Außerdem sollte man insgesamt gut mit den Dingen umgehen und sie regelmäßig reinigen – aber nicht mit scharfen Chemikalien. Diese greifen die Nähte und das Material an. Meist reicht es, einen Schwamm zu nehmen und schmutzige Stellen vorsichtig abzuwischen.

Ich habe eine alte Segeltasche von einem befreundeten Segelmacher, die ich sehr liebe. Stellst du solche Dinge auch her? Aus alten Segeln könnte man schließlich Taschen, Jacken oder Hosen machen.

Ja, es stellt sich immer die Frage: Was macht man mit Segeln, die nicht mehr genutzt werden können? Können sie ein zweites Leben bekommen? Je nach Zustand ist das auf jeden Fall möglich.

Oft lohnt es sich, aus alten Segeln oder Persenningen Taschen anzufertigen. Wir stellen selbst Taschen her oder verschenken alte Segel an eine Werkstatt in der Umgebung. Dort nähen Menschen mit Beeinträchtigungen daraus Taschen, Kulturtaschen, Federtaschen, Lampenschirme und Umhängebeutel. Das ist total schön.

Wenn du einen Wunsch an Bootshersteller hättest: Was könnten sie künftig anders machen, um das Leben der Eigner und auch dein Leben leichter zu machen?

Qualität ist sehr wichtig. Die Dinge sollten ordentlich verarbeitet sein, damit wir gut darauf aufbauen können.

Was wir auf keinen Fall wollen, ist, dass jedes Boot gleich ist. Gerade die Unterschiede machen unseren Job interessant. Es gibt immer neue Formen, Herausforderungen und Bauarten. Trotzdem ist es schön, wenn wir auf vernünftiger Qualität aufbauen können – wenn beispielsweise das GFK ordentlich verarbeitet ist, sodass wir unsere Knöpfe setzen und unsere Bügel befestigen können.

Ansonsten bekommen wir eigentlich jede Abdeckung auf ein Boot. Das ist kein Problem.

Die Welt ist wegen künstlicher Intelligenz im Umbruch. KI hält auch im Handwerk Einzug. Ist das bei euch bereits ein Thema?

Von einigen anderen Segelmachereien habe ich gehört, dass es dort schon ein Thema ist. Ich glaube aber nicht, dass KI unseren Beruf zum Aussterben bringt.

Buchhaltung und ähnliche Aufgaben können vielleicht teilweise durch KI ersetzt oder vereinfacht werden. Auch bei Dingen, die in Massenproduktion hergestellt werden, beispielsweise Taschen, kann KI möglicherweise Prozesse vereinfachen.

Unser Handwerk besteht aber fast immer aus Sonderanfertigungen. Wir müssen zu jedem Schiff fahren. Wenn eine Hanse 31 neben einer anderen Hanse 31 liegt, sind selbst diese beiden Boote nicht vollkommen gleich, obwohl sie es eigentlich sein sollten. Deshalb müssen wir immer ein eigenes Aufmaß nehmen. Alles wird individuell ausgemessen. Das kann KI meiner Meinung nach nicht ersetzen.

Wo siehst du dich in fünf oder zehn Jahren? Genau dort, wo du heute bist, nur ein bisschen größer?

Genau dort, wo ich bin – aber gar nicht unbedingt viel größer. Ich finde es schön, dass wir nur zu zweit sind. Vielleicht sind wir irgendwann zu dritt. Ich möchte meinem Handwerk aber treu bleiben.

Ich möchte weiterhin selbst hinausfahren und Aufmaß nehmen. Ich möchte die Dinge auch selbst bauen. Deshalb soll der Betrieb gar nicht zu groß werden.

Mein Wunsch ist, dass die Kunden mit einem glücklichen Gesicht vom Hof fahren und sich an den Persenningen erfreuen, die wir bauen. Unsere Segelmacherei soll mit Qualität und Langlebigkeit verbunden werden – und vielleicht auch mit einem modernen Team.

Vorne an unserer Halle hängt beispielsweise ein leuchtend pinkes Firmenschild. Im ersten Moment dachte ich: „Oh Gott, was denken die Kunden? War Pink wirklich die richtige Farbe?“ Aber viele kommen herein und sagen: „Wie cool ist das denn? Endlich jemand Junges, jemand Modernes.“

Genau das wollen wir nach außen ausstrahlen. Im besten Fall geht es so weiter. Das wäre mein Wunsch.



​Hier könnt ihr den Segelpodcast der YACHT mit Lea Rambadt hören:

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Antonia von Lamezan ist gebürtige Hamburgerin und studierte Kultur- sowie Sozialwissenschaftlerin (Lüneburg/Kopenhagen). Obwohl die Seefahrt zur Familiengeschichte gehört, fand sie den eigenen Weg aufs Wasser erst als Erwachsene – dann jedoch mit voller Begeisterung und Konsequenz: Innerhalb eines Jahres absolvierte sie alle für die Langfahrt erforderlichen Scheine, tauschte das geregelte Stadtleben gegen das eigene Boot und segelte zwei Jahre lang auf eigenem Kiel durch Europa. Als Volontärin in der Redaktion verbindet sie nun fachlichen Hintergrund mit ihrer Leidenschaft für das Meer, Boote und das Schreiben.

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