Antonia von Lamezan
· 20.10.2026
Freya Olbrich: Wir hatten Probleme mit dem Netz und haben kein Starlink an Bord. Das bedeutet: Online sind wir nur in Landnähe, nur dann können wir den Tracker verfolgen. Und wir waren so mit Segeln beschäftigt, dass wir ab der zweiten Regattahälfte kaum noch geschaut haben, wo die anderen stehen.
Paul Piendl: Navigation und Wetterrouting laufen über unseren Laptop und das Handy. Man ist schon ziemlich beschäftigt, zwischen Navionics, Wetterrouting und Tracker hin und her zu wechseln und dabei auf dem salzverkrusteten Bildschirm überhaupt etwas zu sehen. Irgendwann wird das nervig. Da konzentriert man sich lieber aufs Segeln.
Freya: Wir sind in La Maddalena in Nordsardinien gestartet, Richtung Genua, italienisches Festland. Rund 30 Knoten Wind waren angesagt, Downwind. Das Boot kommt damit gut klar, es ist für Downwind-Bedingungen gebaut. Wir haben den Kite gezogen und hatten sehr actionreiche erste Stunden. Das hat das Feld auseinandergezogen, weil nicht alle den Kite gesetzt haben.
Paul: Vorne fahrende Boote nehmen manchmal noch ein Windfeld mit, das die anderen verpassen. Auf der anderen Seite fahren die Führenden vielleicht schon in ein Windloch, und die hinteren können aufholen. Da hat uns einiges in die Karten gespielt. Wir haben versucht, mit den Wettervorhersagen schlaue Entscheidungen zu treffen und uns so zu positionieren, dass wir Windwechsel entweder umgehen oder positiv mitnehmen können.
Freya: Zwei Monate vorher hatten wir schon an einer Regatta in Italien teilgenommen und konnten dabei einiges über das Revier lernen. Vor allem, wie man sich bei Nacht positioniert, um Thermik und Landwind mitzunehmen. Das hat sich ausgezahlt.
Paul: Die European Championships sind Teil der Nastro Rosa Tour, ausgetragen vom Club Marina Militare. Zwei Monate vorher gab es schon den Il Giro, eine Etappenregatta um Italien, bei der wir 22 Tagesetappen auf der Figaro gesegelt sind. Da haben wir das Boot kennengelernt. Es bewarben sich 15 Teams, aber es gab nur 10 Boote. Also gab es kurz vor der EM noch eine Qualifikationsserie. Manche Teams waren noch nie auf einer Figaro gesegelt, andere hatten schon deutlich mehr Erfahrung. Jeder musste seinen Weg finden. Was uns vielleicht geholfen hat: Wir haben auf verschiedenen Booten verschiedene Erfahrungen gesammelt und haben ein Gespür dafür entwickelt, an welchen Leinen man ziehen muss.
Freya: Als ich die Figaro zum ersten Mal gesehen habe, hatte ich großen Respekt vor dem Boot. Das erste Mal damit unterwegs zu sein, war aufregend. Am Ende war es schön zu merken: Es ist auch nur ein Boot. Gleiche Physik, gleiche Leinen, vielleicht ein paar mehr. Mit dem Foil muss man sich einarbeiten. Aber man kommt da relativ gut rein.
Freya: Komplett gleichberechtigt, eigentlich alle Rollen. In der Quali waren wir beide die ganze Zeit draußen, niemand hat geschlafen. Da war es meistens so, dass ich steuere und Paul den Bug macht. Offshore wechselt das komplett: Wer Schicht hat, übernimmt alle Aufgaben und ruft den anderen dazu, wenn eine Hand gebraucht wird.
Paul: Man muss auch sagen: Freya steuert besser als ich. In den kurzen Qualifikationsrennen, die waren zwei bis drei Stunden lang, macht es keinen Sinn, denjenigen an die Pinne zu setzen, der da unsicherer ist. Im großen Schichtbetrieb, wenn der andere schläft, ist es sowieso wie Single-handed Sailing.
Freya: Wir haben uns bisher noch nie so richtig gefetzt und würde sagen, wir sind ehrlich miteinander. Wenn es eine unterschiedliche Meinung gibt, diskutieren wir das aus. Eigentlich läuft das super.
Paul: Es ist vielleicht auch ganz gut, dass man sich nicht zurückhalten muss. Wenn mir etwas nicht gefällt, was Freya macht, oder andersrum, können wir das direkt ansprechen, ohne dass es sich negativ auf eine Beziehung auswirkt. Wir nehmen Ansagen nicht zu persönlich und sprechen einfach drüber. Das funktioniert gut.
Paul: Der Auslöser war ein Buch, das ich als Kind gelesen habe, mit vielleicht zehn Jahren: von Rollo Gebhardt, „Ein Mann und sein Boot in 4 Jahren um die Welt". Die Geschichten über Segeln, aber auch die Bekanntschaften mit Menschen und Kulturen auf abgelegenen Inseln haben mich so fasziniert, dass das so ein Traum bei mir geblieben ist. Eine Zeit lang hatte ich den Anschluss daran verloren, dann am Ende meiner Lehre erinnerte ich mich daran. Ich habe auf eBay Kleinanzeigen nach etwas Günstigem gesucht, das Boot gefunden und den Arbeitsaufwand, es herzurichten, komplett unterschätzt. Glücklicherweise fiel das in die Coronazeit. Ich war auf einem Bootyard in Portugal, es gab wenig Ablenkung. So fing es an.
Paul: Dem bin ich bisher vielleicht ein bisschen entwischt, weil ich direkt wieder weiter gesegelt bin. Ich hatte überlegt, zu studieren, bin aber auf keinen grünen Zweig gekommen. Ich hatte Probleme, mich für vier Jahre an einen Ort zu binden. Also habe ich mich für verschiedene Jobs beworben, unter anderem als Eventmanager beim World Cruising Club, dem Organisator der ARC. Dann bin ich mehr oder weniger direkt im Anschluss an meine Segelreise nochmals als Eventbegleiter für ein Jahr bis nach Australien mitgereist. Die Rückkehr hat sich also ein bisschen verzögert. Vielleicht rede ich mir ein, dass ich ein geregeltes Leben führen will. Bis jetzt hat es noch nicht so richtig geklappt.
Freya: Ich war immer schon gerne segeln, vor allem als Kind, und ich habe immer gerne genäht. Während Corona habe ich zunächst ein Studium begonnen, aber schnell gemerkt, dass ich etwas Praktischeres brauche. Irgendwann saß ich mit der Nähmaschine in der Online-Vorlesung und bin stattdessen segeln gegangen. Da habe ich den Entschluss gefasst, ein Praktikum gemacht, und das war bombastisch. Es gibt mittlerweile mehr Frauen in der Ausbildung, aber in den meisten Betrieben ist es noch sehr männergeprägt.
Freya: Ich habe mein Studium für die Lehre unterbrochen, bin anschließend eine Weile gesegelt und gereist und habe jetzt einen ganz guten Kompromiss gefunden: Studium fertigmachen, das ist noch knapp ein Jahr, nebenbei als Segelmacherin arbeiten und segeln. Die Regatten fielen glücklicherweise in die Semesterferien.
Paul: Das Treffen war auf Bora Bora, nahe Papeete. Ich habe da gerade für den World Cruising Club gearbeitet.
Freya: Ich habe direkt nach meiner Lehre ein paar Monate in Tahiti in einer Segelmacherei gearbeitet. Anschließend ergab sich die Möglichkeit, auf einem deutschen Boot ein paar Etappen der World ARC mitzusegeln, und da habe ich Paul kennengelernt.
Paul: Wir sind in Kontakt geblieben. Ich habe mitgekriegt, dass Freya das Silverrudder gesegelt ist, wir haben uns drüber ausgetauscht. Als ich dann von dem Griffin-Projekt gehört habe, brauchte ich eine Segelpartnerin. Die einzige Person, die mir direkt eingefallen ist, war Freya: von der Ausstrahlung her, und wegen der Motivation und Begeisterung fürs Offshore-Segeln. Ich habe einfach angerufen und gefragt.
Freya: Ich habe nicht lange nachgedacht. Ich habe mich riesig über den Anruf gefreut und wusste sofort, dass das eine gute Sache ist.
Freya: Bei Mittwochsregatten und Club Races übt man viel: Starts, auf Kontakt fahren, taktisches Steuern. Das bringe ich mit. Bei Paul ist es vor allem die Ruhe in Krisensituationen. Beim Offshore-Segeln läuft immer mal etwas schief, und da ist das Gold wert. Dazu bringt er einen riesigen Erfahrungsschatz mit.
Paul: Freya hat das gut auf den Punkt gebracht. Ich habe vor diesem Projekt wahnsinnig wenig Regatten gesegelt, in der Jugend nie wirklich den Einstieg ins Dinghy-Racing gefunden. Freya hat da deutlich mehr Erfahrung. Dem stimme ich hundertprozentig zu.
Freya: Man bewirbt sich. Die Bewerbungsfrist für das nächste Jahr ist gerade noch offen. Man schickt seinen Segellebenslauf und ein paar Infos zu sich und bekommt dann eventuell eine Zusage für die Qualiregatten.
Paul: Griffin hat zwei Sparten: eine in England, die Jugendliche ans Offshore-Segeln heranführt, und das internationale Double-Handed-Projekt, das vom Club Marina Militare ausgetragen wird. Griffin übernimmt unter anderem die Startgebühren. Und allein die Hinführung zu diesen Events ist wertvoll. Im Segelsport ist oft nicht so durchsichtig, welche Möglichkeiten es gibt und was machbar ist. Wir haben neben Anfängern gesegelt, aber auch neben Olympiaseglern und Leuten, die Offshore-Racing hauptberuflich machen. Das mitzuerleben ist richtig cool.
Freya: Würde ich sagen, schon. In Deutschland läuft vieles über Kontakte. Man muss jemanden kennen, der ein Boot hat, oder empfohlen werden. Ein Programm, bei dem man sich aus dem Nichts bewerben kann, gibt es so nicht. Das wird vielen Leuten eine Tür öffnen.
Paul: Die Hürde des Bootes ist genommen. Beim DSV gibt es Academy-Programme, aber die setzen meistens voraus, dass man mit dem eigenen Schiff ankommt. Das ist für junge Leute wahnsinnig schwierig. Da ist auf jeden Fall Luft nach oben.
Paul: Durch Spenden von RORC-Mitgliedern und allgemein durch Spenden. Die internationale Sparte wird über den Club Marina Militare und weitere Sponsoren finanziert.
Paul: Was uns von den Briten unterscheidet: Die sind eine Seefahrernation, England ist von Wasser umschlossen. In Deutschland gibt es Wasser an Nord- und Ostsee, aber der Zugang zum Offshore-Segeln ist vom eigenen Land aus einfach viel schwerer. Das macht die Zahl der Leute, die überhaupt dazu kommen, geringer. Boris Herrmann ist ein großartiger Segler und muss als Businessman vieles richtig machen, um so erfolgreich zu sein. Aber die meisten, die professionelle Kampagnen segeln wollen, enden in einem riesigen Schuldenloch. Das ist für viele eine zu große Hürde.
Freya: Offshore-Segeln hat in Deutschland durch den geringen Wasserzugang einen anderen Stellenwert als in Frankreich oder England. Das beeinflusst auch das Sponsoring-Interesse großer Firmen, weil die Sichtbarkeit geringer ist.
Paul: Mit Boris Herrmann war Segeln, glaube ich, zum ersten Mal wirklich in den Tagesthemen. In anderen Nationen ist das Alltag.
Freya: Ich mache nächstes Jahr mein Studium fertig und schreibe bis zum Sommer meine Bachelorarbeit. Danach möchte ich mich mehr aufs Segeln konzentrieren. Es gibt erste lose Pläne, aber nichts Genaues steht fest. Ich nehme jetzt am Magenta Project teil, einem Mentoring-Programm für Frauen im Segelsport über neun Monate. Ich bin offen für alles, was sich da ergibt.
Paul: Wir hatten beide eigene Pläne für das nächste Jahr, bevor wir zusammen gesegelt sind. Jetzt kommen sie uns ein bisschen in die Quere. Viele fragen, was unser nächstes gemeinsames Projekt ist. Ich habe ein paar andere Projekte im Blick, die ich gerne verfolgen würde. Vielleicht ist es erst mal ein Jahr Pause, jeder segelt seine eigenen Projekte. Wir würden uns beide wünschen, danach wieder zusammenzufinden und mit neuen Erfahrungen nochmals gemeinsam zu starten.
Das Interview führte Timm Kruse.
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