Als 1926 das Buch „Segelfahrt ins Wunderland“ erscheint, ist die Begeisterung in Deutschland darüber groß. Der ehemalige Marineoffizier Gunther Plüschow beschreibt darin seine Reise nach Feuerland und die Rundung Kap Hoorns mit der Viermastbark „Parma“. Für Plüschow war dies die Erfüllung eines Kindheitstraums und ein weiterer Ausdruck seines ausgeprägten Abenteurer- und Pioniergeistes.
Seine lebendigen Schilderungen der spektakulären und windzerzausten Landschaften treffen den Nerv der Zeit. Das Buch wird zum Bestseller in einem Deutschland, das während der Goldenen Zwanziger eine kulturelle und wissenschaftliche Blütezeit erlebt. Der Erfolg ermöglicht es dem gebürtigen Münchner, ausgangs des Jahres 1927 mit einer eigenen Expedition erneut zum Ende der Welt aufzubrechen.
Zu diesem Zeitpunkt kann Plüschow bereits auf einen atemberaubenden Lebenslauf zurückblicken, der ihm Heldenstatus eingebracht hat. Ein auffälliges Drachentattoo auf seinem linken Oberarm erinnert an seine zwei Einsätze im ostchinesischen Tsingtau im Dienste der Kaiserlichen Marine.
Während der Belagerung der deutschen Kolonie durch japanische und britische Truppen im Ersten Weltkrieg unternahm der junge Marinepilot riskante Aufklärungsflüge mit einer zusammengeflickten Rumpler Taube, die ihm den Beinamen „Flieger von Tsingtau“ einbrachten. 1914, kurz vor der Einnahme der Stadt, entkam Plüschow, ausgestattet mit wichtigen Dokumenten und deutsch-chinesischen Papieren, mit seinem Flugzeug und musste 155 Meilen entfernt notlanden.
Es folgte eine neunmonatige Odyssee, die ihn zunächst über Shanghai und San Francisco nach New York führte. Dort ging er unter schweizerischer Identität an Bord eines italienischen Dampfers in Richtung Europa. Bei einem Zwischenstopp in Gibraltar wurde er entdeckt und geriet in britische Kriegsgefangenschaft, die ihn durch mehrere Stationen nach Donington Hall im Norden Englands führte.
Dort gelang ihm erneut die Flucht, und er schlug sich bis nach London durch, wo er es schaffte, sich an Bord eines holländischen Schiffs zu schmuggeln, das den Ärmelkanal überquerte und im neutralen Vlissingen festmachte. Schließlich erreichte er als gefeierter Kriegsheld wieder Deutschland. Bis heute gilt er als der einzige Kriegsgefangene, dem die Flucht von der Britischen Insel gelang.
Auf seiner zweiten Reise nach Feuerland möchte Plüschow die spärlich kartierte Gletscherwelt an der Südspitze Südamerikas erforschen und dokumentieren. Dafür erhält er namenhafte Unterstützung: Neben Motorenhersteller Deutz und Flugzeugkonstrukteur Ernst Heinkel ist auch der Verleger Dr. Karl Ullstein angetan von den ehrgeizigen Plänen, der naturgemäß auf einen neuen Bestseller setzt.
Eigens für diese Expedition wird auf der Büsumer Werft Krämer, Vagt & Beckmann ein 52-Fuß-Segelkutter gebaut. Das ketschgetakelte Schiff läuft im Oktober 1927 vom Stapel und wird auf den Namen „Feuerland“ getauft. Sechs Wochen später verlässt sie die deutsche Nordseeküste in Richtung Ärmelkanal und Südatlantik. Zur Crew gehört neben dem 23-jährigen Paul Christiansen, der später als Kapitän fungieren wird, auch ein Bordhund namens Schnauff. Auf einem zweiten Schiff, dem Frachter „Planet“ der Hamburger Reederei Laeisz, reist mit Ingenieur Ernst Dreblow ein weiteres wichtiges Expeditionsmitglied an. Mit im Gepäck: eine Heinkel HD 24 mit dem Namen „Tsingtau“, die aber bald den Spitznamen „Silberkondor“ erhalten wird.
Mit diesem zweisitzigen Wasserflugzeug will Plüschow erstmalig Feuerland und das angrenzende Patagonien überfliegen. Der Segelkutter soll dabei als schwimmende Operationsbasis dienen, da es noch an jeglicher Infrastruktur in der unwegsamen Region fehlt.
Ende Juli 1928 legt die „Feuerland“ im brasilianischen Bahia an, wo Plüschow ins Landesinnere reist, um die Botokuden aufzusuchen – jene Ureinwohner, die Holzscheiben in ihren Lippen und Ohren tragen. Dieser Zwischenstopp kommt wahrscheinlich auf Geheiß des Ullstein Verlags zustande, der sehnsüchtig auf exotische Geschichten wartet. Am 21. Oktober 1928 erreicht das deutsche Expeditionsschiff „Feuerland“ schließlich die Magellanstraße und zwei Tage später Punta Arenas in Chile, wo es bereits von Ernst Dreblow mit dem zerlegten Doppeldecker „Tsingtau“ erwartet wird.
Osvaldo Torres, ehemaliger Leuchtturmwächter von Kap Hoorn und erfahrener Berufsskipper in der Region, hat sich zum Ziel gesetzt, die Route der „Feuerland“ durch die Fjorde Feuerlands nachzufahren, um an das Pionierwerk Plüschows zu erinnern. Pünktlich zum 100. Jahrestag der Ankunft des deutschen Forschungsreisenden in Punta Arenas soll das ambitionierte Projekt abgeschlossen sein. Doch neben den oft erbarmungslosen Wetterbedingungen mit bis zu 90 Knoten Windgeschwindigkeit gibt es eine weitere Schwierigkeit zu meistern, wie Torres berichtet:
„Seit der damaligen Ankunft der ‚Feuerland‘ existieren keine Logbucheintragungen mehr, dafür jedoch umfangreiches Fotomaterial, mit dem wir die Route Stück für Stück rekonstruieren und Ankerplätze identifizieren können.“
So wie die Caleta Olla in der Gletscherregion des Beagle-Kanals. Anfang Februar 2026 entdeckt die Crew um Torres die historische Ankerbucht inmitten der zahlreichen Seitenarme und Inseln wieder. Das ikonische Foto der „Feuerland“ und ihrer Crew im geruderten Beiboot von damals wird stolz nachgestellt. Passenderweise heißt die moderne Jeanneau 50 DS, die an gleicher Stelle ankert, auch „Feuerland“.
„Dieses Revier ist nautisch gesehen genauso anspruchsvoll wie damals“, erklärt Torres, „doch heute haben wir funktionale Segelkleidung, mehrere Heizungen, vernünftige Wetterprognosen und Starlink, was das Bordleben erheblich komfortabler macht. Und nebenbei segle ich seit über 25 Jahren hier und kenne mich daher ziemlich gut aus. Für Plüschow und seine Mannen war dagegen alles Neuland. Das verdient höchsten Respekt!“
Nach der Ankunft in Punta Arenas machen sich Plüschow und Dreblow gleich daran, das Flugzeug wieder zusammenzubauen. Eine Dampfschiff-Gesellschaft stellt dafür ihre Reparaturwerft zur Verfügung. Am 3. Dezember 1928 ist die Heinkel mit der Kennung D-1313 startklar und beide Männer starten voller Enthusiasmus ihren ersten Erkundungsflug. Sie fliegen über den Monte Darwin, den höchsten Berg des Feuerland-Archipels, und dann entlang des Beagle-Kanals nach Ushuaia. Nach der erfolgreichen Landung auf dem Wasser eilen unzählige Einheimische herbei, um das erste Fluggerät zu bestaunen, das sie jemals gesehen haben. In der Aufregung geht fast das Bündel Briefe unter, das der deutsche Flugpionier einem Beamten übergeben will – die erste Luftpost, die an diesem entlegenen Außenposten der Zivilisation ausgeliefert wurde.
Zurück an der Magellanstraße werden die Flieger wie Helden empfangen. In den folgenden Monaten setzen die beiden ihre Erkundungsflüge fort und dokumentieren die Landschaften mit Hunderten von Fotos und ebenso vielen Metern an Film. So entstehen die ersten Luftaufnahmen des Feuerland-Archipels, die Glaziologen bis heute nutzen, um Klimaveränderungen anhand der geschrumpften Gletscher zu belegen. Am Ende vieler Tage der Luftvermessungsarbeiten landet die „Silberkondor“ vor der Küste, um auf die Ankunft des Mutterschiffs zu warten.
Die „Feuerland“ liefert nicht nur Treibstoff, Vorräte und Ersatzteile, sondern verfügt auch über eine Dunkelkammer, in der das Filmmaterial entwickelt werden kann. Außerdem befindet sich eine Remington-Schreibmaschine an Bord, auf der Plüschow seine Erlebnisse zu Papier bringt. Kap Hoorn als südlichster Punkt des amerikanischen Kontinents wird ebenso überflogen wie die Torres del Paine in Patagonien – Plüschow könnte ewig in seinem Sehnsuchtsrevier umherfliegen.
Doch im April 1929 bittet der Ullstein Verlag um seine Rückkehr nach Deutschland, um das nächste Buch zu vollenden. Da auch die finanziellen Mittel zur Neige gehen, verkauft er die „Feuerland“ an einen Schotten. Das Schiff wird in „Penelope“ umbenannt und transportiert in den nächsten Jahren Vieh zwischen den Falklandinseln und dem südamerikanischen Festland. Später wird sie während des Falklandkrieges von der argentinischen Marine in Besitz genommen.
Zurück in der Heimat sieht Plüschow nach zwanzig Monaten seine Frau und seinen Sohn wieder. Im selben Jahr erscheint sein Buch „Silberkondor über Feuerland“ das wie der zeitgleich in den Kinos präsentierte Dokumentarfilm mit großem Beifall aufgenommen wird. Auch wird das Buch ins Spanische übersetzt, um es der südamerikanischen Bevölkerung zugänglich zu machen. Doch im Schoß der Familie zu rasten liegt dem fernwehgetriebenen Abenteurer nicht.
Bereits im Sommer 1930 bricht Plüschow wieder nach Südamerika auf – der Erfolg von Buch und Film hat wieder genügend Geld in die Kasse gespült. Die ersten Monate verbringt er mit Filmvorführungen in Argentinien und Chile sowie mit dem Einholen neuer Fluggenehmigungen. Die dritte Expedition ins chilenisch-argentinische Patagonien steht von Anfang an unter keinem guten Stern. Als Gunther Plüschow und sein Kompagnon Ernst Dreblow im November 1930 voller Erwartung den eingelagerten „Silberkondor“ inspizieren, stellen sie entsetzt fest, dass ihr Fluggerät von Ratten zerfressen wurde. Die Flügel mitsamt den Querstreben sind besonders betroffen und bedürfen umfangreicher Reparaturen.
Davon wollen sich die unerschütterlichen Abenteurer natürlich nicht aufhalten lassen. Nach langen Nachtschichten bringen sie den Doppeldecker kurz vor Weihnachten wieder in einen flugtauglichen Zustand. Aufgrund von Schwierigkeiten mit der chilenischen Bürokratie und Gerüchten über Spionage verlegen sie ihre Basis nach Argentinien.
Das Jahr beginnt mit intensiven Dreharbeiten, doch heftige Winde und ein Mangel an Ersatzteilen erschweren die Flüge zunehmend. Am 26. Januar 1931 zwingt ein heftiger Sturm die „Silberkondor“ zu einer Notwasserung auf einem kleinen, mit hohen Felswänden eingefassten See. Das Flugzeug wird dabei stark beschädigt. Mit größten Mühen gelingt eine notdürftige Reparatur im eisigen Wasser und nach mehreren Versuchen auch der Start aus dem trichterähnlichen Gefängnis.
Es ist der Morgen des 28. Januar, und mit der Euphorie, dem Schicksal vermeintlich erneut ein Schnippchen geschlagen zu haben, nehmen die Männer Kurs auf ihre Basis in El Calafate am Lago Argentino. Gegen Mittag stürzt die Heinkel dann unweit ihres Ziels aus unbekannten Gründen ab. Beide Männer werden dabei aus dem Flieger geschleudert und überleben nicht. Die Leichen von Plüschow und Dreblow werden nach Deutschland überführt und mit allen Ehren bestattet.
Die Kurbelwelle der „Silberkondor“ wird im Nationalen Luftfahrtmuseum Argentiniens aufbewahrt, und auch für den Segelkutter „Feuerland“ gab es Hoffnung, als Kulturdenkmal in der Flensburger Museumswerft weiter bestehen zu können. Leider war er nicht mehr zu retten und wurde im Sommer 2025 abgewrackt.
Die Erinnerungen an den Segler, Piloten und Entdecker Plüschow sind mit den Jahren weitestgehend verblasst, in Deutschland wie auch am anderen Ende der Welt. Doch das möchte Osvaldo Torres mit seinem Jubiläumsprojekt ändern. Denn auch dafür geht die neue „Feuerland“ vor Anker: um den Einheimischen Vorträge über den deutschen Pionier und seinen Einfluss auf diese einzigartige Region zu halten.
Der Chilene und Wahldeutsche Osvaldo Torres kennt das Revier wie kein anderer. Seit vielen Jahren bietet er geskipperte Segeltörns in Feuerland und zum legendären Kap Hoorn an. Auch auf seinen Recherchetörns zu Gunther Plüschow kann angeheuert werden. Mehr Informationen: polarwind-expeditions.com

Redakteur News & Panorama