HistorieÄrchäologe segelt wie die Wikinger – und gelangt zu neuen Erkenntnissen

Ursula Meer

 · 20.01.2026

Lange vor Kompass und Seekarte fanden die Wikinger ihre Routen auf See, mit Inseln und Bergen als Landmarken.
Foto: Greer Jarrett
Ein Archäologe erkundet jahrhundertealte Routen bei zeitgenössischer Navigation – und kommt zu überraschenden Erkenntnissen.

​Dass Abenteuer und Wissenschaft keine Gegensätze sein müssen, bewies jüngst der Archäologe Greer Jarrett von der Universität Lund. Er wollte wissen, wie die Nordmänner vor über tausend Jahren navigierten, welche Routen sie nutzten und wo sie festmachten. Von Haus aus Segler, verlegte er seine Forschung kurzerhand aufs Wasser, denn, so Jarrett: „Die Wikinger waren nun einmal eine Seefahrerkultur.“

Fast 2.800 Seemeilen ließ er dafür an skandinavischen Küsten im Kielwasser – unter weitestgehendem Verzicht auf Komfort und moderne Technik, in offenen nordischen Klinkerbooten mit Rahsegeln, deren Vorfahren schon die Wikinger nutzten.


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Die Boote vom Typ Fyring oder Fembøring krängen wenig, sind leicht und flexibel. So tauchen sie kaum in die Wellen ein, aber „so ein Boot liegt tief im Wasser und es gibt kein Deck“, sagt Jarrett. „Man sitzt also sehr nah am Wasser und die einfache Takelage macht die Kräfte direkt spürbar“, beschreibt der Forscher die erste Annäherung an das Wikinger-Segelgefühl. Komfort bieten die Boote kaum. Keinen Plotter, Radar und AIS, keine Pantry, WC oder Heizung, die Fyrings haben nicht einmal eine Kajüte.

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Für die Datensammlung hat Jarrett Kameras und ein GPS an Bord. Navigiert wird zunächst mit Seekarten und Kompass, und auch Tonnen oder Leuchtfeuer lassen sich nicht aus dem Sichtfeld ausblenden. Jarrett und seine Crew nutzen sie aber nach Möglichkeit nicht – sie wollen möglichst authentisch nachempfinden, wie Seefahrt funktionierte, als es noch nicht einmal Seekarten gab.

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Das tun sie zunächst auf Tages­törns. Jarrett bezweifelt, dass die alten Wikingerboote nicht aufkreuzen konnten. Tatsächlich erweisen sich Wenden als Teamsport, wenn das Segel killt und die Schoten in wildem Tanz schlagen. Dann ziehen vier Crewmitglieder mit aller Kraft an Leeschot, Großschotblock, Vor- und Achterliek, bis die Schoten wieder an den Belegnägeln fest sind. Dennoch kreuzen sie durch einen ­etwa sechs Meilen langen Sund – mit maximal 59 Grad zum Wind. „Vier Stunden und 60 Wenden später wussten wir, dass es möglich, aber eine Menge Arbeit ist!“, erzählt Jarrett heute lachend.


​2.790 Seemeilen für die Forschung

Archäologe Dr. Greer Jarrett segelte über 20 Kurztörns und vier Expeditionen: zu den Lofoten jenseits des Polarkreises und nach Bergen. Im Kattegat forschte er zwischen dem Festland, Læsø, Anholt und Seeland. Das Ziel Haithabu an der Schlei erreichte er nicht. Von Stensund an der schwedischen Ostküste aus ging es schließlich ins finnische Hanko.Foto: YACHTArchäologe Dr. Greer Jarrett segelte über 20 Kurztörns und vier Expeditionen: zu den Lofoten jenseits des Polarkreises und nach Bergen. Im Kattegat forschte er zwischen dem Festland, Læsø, Anholt und Seeland. Das Ziel Haithabu an der Schlei erreichte er nicht. Von Stensund an der schwedischen Ostküste aus ging es schließlich ins finnische Hanko.

Es ist Herbst am Trondheim Fjord und das Wetter nasskalt, als sie sich zum ersten Mal nicht mehr fragen, wie viele Meilen es noch bis zum Hafen sein mögen, sondern wie viele Stunden. Wind, Wetter und Gezeiten werden über den Daumen kalkuliert, die Vorstellung von absoluter Entfernung verblasst. Zur Orientierung auf See teilten schon die Wikinger den Horizont in mindestens acht Bögen um ihr Schiff und gaben ihnen Namen.

Innerhalb dieser eher grob definierten Sektoren orientierten sie sich mit „mentalen Landkarten“, die über Generationen ausschließlich in Form von Geschichten und Sagen weitergegeben wurden. Sie erzählen von charakteristischen Küsten, Bergen oder Inseln, von Strömungen, typischen Wetterbedingungen und von Seevögeln, Robben oder Walen, die bei ihren Wanderungen zu Wegweisern wurden.

Auch die Forscher entwickeln eine solche Art mentales Logbuch und segeln intuitiv auf Basis von Erfahrung anstelle von Kurslinien oder Kompasskursen. Dabei wird das Boot zur einzigen festen Orientierungsachse, wenn es vor der erhabenen Kulisse der norwegischen Westküste schaukelt, sich Land und See ringsum heben und senken, erscheinen und verschwinden hinter Vorhängen aus Wetter und rollenden Wellen. Kompass und Karte sind obsolet, ein fester Törnplan auch.

Unbekannte Häfen der Wikinger werden entdeckt

Mit der „Durchführung experimenteller Versuche unter suboptimalen Bedingungen“, wie Jarrett die Trainings augenzwinkernd nennt, verabschiedet sich die Crew vom Schönwettersegeln und gelangt dicht an die Realität und Wahrnehmung der alten Wikinger.

Gefährlich sieht es aus, wenn Wellen an Steilküsten brechen und Gischt meterhoch aufsteigt, aber „die Routen waren okay, solange wir weiter weg von der Küste fuhren. Dort ist die See tief, die Wellen sind nicht so steil, und es gibt keine Fallwinde und starken Strömungen“, erzählt Jarrett – ganz im Gegensatz zu den Fjorden, die für die Rahsegler zur Falle werden können, wenn die Bedingungen nicht optimal sind. Daraus schließt er, dass die Wikinger eher vorgelagerte Inseln oder Schären ansteuerten, die damals noch mehr als 2,50 Meter tiefer lagen als heute. Dort sucht er - und entdeckt tatsächlich einige bisher unbekannte Wikingerhäfen.

“Bei gutem Wetterfenster ist die Welt kein so großer Ort.“

Einmal mit dem Boot und der intuitiven Form des Segelns vertraut, macht sich die Crew auf zu den Lofoten. Tag und Nacht kämpfen sie sich hinter den Polarkreis. „Wir segelten im Frühling, aber dennoch hat es an 13 von 17 Tagen durchgehend geregnet und geschneit“, berichtet Jarrett.

Die damit einhergehende Laune wird zu einer größeren Herausforderung als die Kälte. Vier Stunden Wache sind gerade kurz genug, um nicht vollständig durchzufrieren und sich anschließend dicht an dicht in der engen Koje wieder zu wärmen. Belohnt werden sie auf dem Rückweg mit Nordostwind und Sonne. „Wir sind in weniger als drei Tagen in einer geraden Linie zurückgesegelt“, schwärmt der Schotte. „Das zeigt: Wenn du dein Wetterfenster gut wählst, ist die Welt kein so großer Ort.“

So erkundet er im Anschluss die Küste gen Bergen und eine alte Route von Schweden nach Finnland, ehe er sich mit einer Fyring zum Kattegat aufmacht, einer alten Wikinger-Handelsroute von Südnorwegen nach Hai­thabu an der Schlei auf der Spur.

Routen der Wikinger per Sichtnavigation

Das Skagerrak mit starken Westwinden und hohen Wellen verweist die kleine Fyring dabei erstmals in ihre Grenzen. Die angenommene Route soll sich dicht an der schwedischen Westküste entlanghangeln, doch das erweist sich auch hier als keine gute Idee: Der Strom setzt in Landnähe stark nordwärts und an der felsigen Küste droht bei Westwind Legerwall. „Die Ostsee ist im Vergleich zur norwegischen Küste flach, sodass sich die Seebedingungen viel schneller ändern können“, schildert er seine Erfahrung. „Eine morgens noch ruhige See kann sich in wenigen Stunden in hohe Wellen verwandeln.“

Den Kurs weisen Inseln und Landspitzen oder die Wolken über ihnen – aber Skagen, Læsø, Anholt, Djursland oder Sjællands Odde kommen schon kurz nach dem Ablegen in Sicht und lassen sich auch ohne Kompass in relativ geraden Linien ansteuern. Jarrett schließt daraus, dass die Routen zwischen Westschweden und dem Oslofjord wahrscheinlich über Læsø – das als Hléysey schon in nordischer Dichtung und Sagas erwähnt wird –, Anholt und auch Samsø verliefen. Zur Wikingerzeit waren diese Inseln nicht viel mehr als größere Sandbänke. Wer sie aber heute ansteuert, kann das mit dem Gefühl tun, den Wikingern auf der Spur zu sein – und dabei vielleicht mal für einen Moment Plotter, Seekarte und Kompass außer Acht lassen.


​Traditionsreiche Forschungsboote

yacht/100183496-1600jpg_c6bf324c85e3bbd30b6b50be66d5ccd2Foto: Greer Jarrett

Greer Jarrett segelt Boote wie die vom Typ Fembøring – „Fünfruderer“ und Fyring – „Vierruderer“. Die Fembøring misst um die dreizehn, die Fyring etwa neun Meter. Gebaut werden sie in Klinkerbauweise vom Kiel aufwärts, wobei sich die Planken überlappen. Die Bootsbauer verwenden teilweise noch alte Techniken wie das Aufspalten von Planken aus dem Stamm, um der Holzfaser zu folgen. Die Planken werden mit Eisennieten verbunden und die Spanten nachträglich eingesetzt. Dadurch erhält das Boot seine charakteristische Form. Die Bauweise entwickelte sich in Skandinavien vor mehr als tausend Jahren und hatte in der Wikingerzeit von circa 800 bis 1050 Hochkonjunktur.

Die Nachfahren der Wikingerboote wurden bis weit ins 20. Jahrhundert für Fischerei und Transport genutzt. In Norwegen werden sie auch heute noch von Liebhabern oder Fischern gesegelt. Seit der Wikingerzeit gleich geblieben sind neben der Bauweise ein flexibler, „arbeitender“ Rumpf, wenig Gewicht im Verhältnis zur Größe, gute Seegängigkeit und eine Kombination aus Ruder- und Segelfähigkeit – optimale Eigenschaften für die zerklüftete Küsten mit Fjorden, Schären und wechselhaften Bedingungen.

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