EssayHafenkneipen – Auf der Suche nach den letzten Originalen

Marc Bielefeld

 · 04.07.2026

Das „Fährhaus“ in Wischhafen.
Foto: Marc Bielefeld
​Lange waren sie Institutionen, Orte der maritimen Einkehr, hochprozentige Begegnungsstätten der nautischen Art, inzwischen sind die urigen Pinten an unseren Küsten am Verschwinden. Eine Ode an die letzten echten Hafenkneipen.

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​Vor der wohl berühmtesten Hafenkneipe der Geschichte brennt nur eine Funzel. Es ist nicht weit zu den Anlegern, zu den Schiffen. Über dem Eingang ein Schild mit dem Namen des Etablissements: „Gasthaus zum Walfisch“. Der schmale Gang in die Schankstätte hat eine Vertäfelung, die an die „Reling eines alten Schiffs“ erinnert. An der Wand hängt ein riesiges Gemälde, „gründlich verräuchert“ vom Tabak Hunderter Matrosen. Auf dem Ölschinken zu sehen: ein Segelschiff, das in fürchterlichem Sturm Kap Hoorn rundet.


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Beim Betreten der Bar taucht der Gast in eine andere Welt ein. Unter der Decke, neben den Türen, überall baumelt maritime Dekoration. Ein „barbarisches Arsenal alter Keulen und Speere“, Lanzen, Muscheln, Harpunen. Mitten im Lokal stehen Glaskästen, „angefüllt mit staubigen, aus den fernsten Winkeln der Welt zusammengetragenen Raritäten“. Die Dielen knarzen. An den Tischen sitzen bei Kerzenlicht die Seeleute, lehnen am Tresen, über den der Knochen eines Walkiefers genagelt ist. Und, sicher: Das Bier fließt in Strömen, die Gläser voller Rum. Das „Spouter-Inn“ in New Bedford, Massachusetts, geführt von Peter Coffin, hat unsere Vorstellung einer waschechten Hafenpinte geprägt wie kaum ein anderes Lokal an den Ufern der sieben Meere. Allein: Die derbe und vor Salzbuckeln strotzende Bar gibt es in Wirklichkeit gar nicht.

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Ersonnen hat die schummrige Taverne Herman Melville in seinem unsterblichen Roman „Moby-Dick“. In Kapitel 3, noch bevor er seine große Seereise auf der „Pequod“ antritt, landet der Protagonist Ismael in der ominösen Kneipe – und muss die erste Nacht mit dem von oben bis unten tätowierten Harpunier Queequeg in einem der anliegenden Gästezimmer verbringen.

​So weit die Geschichte. Und sie hat Schule gemacht – eine Art Blaupause für unzählige Pubs und Pinten, die sonst wo auf der Welt am Wasser liegen. Lange schien es fast zu einem designtechnischen Imperativ geworden zu sein: Kaum befindet sich ein Lokal in Meeresnähe, folgt seine Ausstattung dem gleichen Muster. Maritimes Gedöns füllt die Schankstuben, an den Wänden Haifischgebisse, Anker, Plastikhummer und alle erdenklichen Devotionalien der Seefahrt. Zu finden sind solche Hafenpinten so ziemlich überall zwischen Hamburg und Hawaii. Und auch an den deutschen Küsten.

Warum das Klischee so gut funktioniert

Kaum steuert der Gast den Tresen an, ist er umwölkt von nautischen Trouvaillen. Leuchttürmchen zieren die Tische, Dreimaster die Fensterbänke, Rettungsringe die Treppe zum WC. Sobald man seinen Kopf für den ersten Aquavit in den Nacken legt, erspäht man das obligatorische Fischernetz mit Seesternen drin. Fein drapiert hängt die Deko unter der Decke, nicht selten bestückt mit Bojen, Treibgut und anderem Tüddelüt.

Es ist das wahr gewordene Klischee der guten alten Hafenkneipe. Samt Freddy-Quinn-Autogrammkarte, Stockanker im Vorgarten und Piratensäbel über dem Zigarettenautomaten. Man fragt sich: Was macht derlei ozeanische Ornamentierung mit einem? Welche tief liegenden Synapsen werden getriggert, wenn wir beim Bier plötzlich auf Reusen und ausgestopfte Tiefseemonster blicken?

Keine Frage, das inszenierte Seefahrerambiente löst ein Lebensgefühl aus. Als würden die Embleme der Seefahrt zu uns sprechen: Nimm den nächsten Kahn, mien Jung, hinterm Horizont lockt die weite Welt – prost auf die Schiffe! Prost auf die Freiheit!

​Wenn die Pinte am Hafen verschwindet

Vor allem die Segler kamen lange in den Genuss, sich nach dem Anlegemanöver in eine entsprechende Lokalität begeben zu können, um dort nach einigen Runden ordentlich Seemannsgarn zu spinnen. Zwischen Kiel und Marstal, Büsum und Boltenhagen: Eine einschlägige Pinte am Hafen war meist nicht weit – der Weg vom Boot zum Bier in der Regel kurz genug, um ihn getrost auch wieder zurücktorkeln zu können. Doch leider schwinden unsere urigen Pinten so langsam dahin – und sind inzwischen selbst zur Rarität geworden.

In Zeiten von Interior Design, Gurken-Smoothies und veganer Food-Tempel hat es die nach Rollmops und Rum duftende Hafenkneipe wahrlich nicht leicht. An den Küsten haben sich stattdessen hippe Beachbars und hochgejazzte Strandcafés eingenistet. Sunset-Lounges mit Panoramafenstern, Cocktail-Spaces mit verchromten Heizpilzen im Outdoor-Bereich. Die Gäste sitzen nicht mehr am Tresen, sie liegen in Deckchairs. Statt Hans Albers aus der Jukebox kommen Remixes aus der Retorte. Und statt klaren Schnäpsen werden Rhabarberschorlen geschlürft. Lokalrunde und Stammtisch mit Herrengedeck gehören einer verqualmten Vergangenheit an.

Tatsächlich ist das Kneipensterben bitterer Ernst. Der NDR schreibt: „Immer mehr Kneipen in Schleswig-Holstein machen dicht.“ Laut Statistikamt sind allein in den zehn Jahren vor 2023 rund 38 Prozent der klassischen Schankwirtschaften eingegangen. Als Hauptgründe gelten hohe Energie- und Personalkosten, die Nachwirkungen der Coronapandemie, überbordende Bürokratie sowie ein neues Freizeitverhalten mit sinkendem Alkoholkonsum. Viele Vereinskneipen, Pubs und klassische Eckkneipen haben geschlossen und schließen weiter. Besonders betroffen ist der ländliche Raum. Und damit sind es auch die Küsten.

​Werden wir bald keinem Haifischgebiss mehr zuprosten dürfen? Nie wieder unter einem zur Lampe umfunktionierten Kugelfisch sitzen, während die Bedienung Brathering, Bier und Korn serviert? Nun, tatsächlich muss heute ziemlich lange suchen, wer noch eine echte alte Hafenwirtschaft finden will.

Wischhafen: Ein Prachtstück an der Elbe

In Wischhafen an der Elbe, beheimatet in einem roten Backsteinhaus, ist so ein Prachtstück noch zu orten. Der Yachtanleger nur Schritte entfernt, ein stilisierter Anker dekoriert das Portal, rundherum der geschwungene Name: „Fährhaus Wischhafen“.

Dann, in der kleinen Passage zum Schankraum, schwappt einem die See schon entgegen. Links ein gerahmter Schoner, rechts ein in die Toppen gemalter Matrose, darüber ein altes Straßenschild: „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“. Wer die Holztür zur Gaststube öffnet, sei gewappnet. Ein polynesisches Auslegerboot segelt da unter der Decke, als wolle es mit all den anderen Fundstücken um die Wette kreuzen: Über den Köpfen der Gäste hängt ein Sammelsurium weit gereister Trophäen: Taucherhelme, Positionslaternen, Sägefische, Schiffsglocken, Bullaugen, Fernrohre, Seekarten, Schildkrötenpanzer, Petroleumlampen. Mittendrin ausgestopfte Krokodile.

Noch bevor das erste Bier auf dem Tisch steht, entdecken die Augen immer mehr Exponate. Man ist umzingelt von Seefahrt, Fischerei und ozeanischen Heldensagen. Hier strotzt das aufgerissene Maul eines Seeteufels, da thront ein alter Maschinentelegraf, während den Gast vom Tresen aus eine barbusige Galionsfigur anglotzt. Daneben, auf einem Schild, der schnöde Spruch: „Im Falle eines Atomangriffs – Ruhe bewahren, Zeche zahlen, laufen.“

​Auf einer Holzplanke über dem Ecktisch steht das ausgewachsene Modell der Viermastbark „Pamir“, während nebenan der Stammtisch wartet, lederbeschlagen und mit eingelassenem Steuerkompass. In diesem Duktus geht es weiter: Buddelschiffe, Fischkutter, modellierte Schrumpfköpfe und Ölgemälde mit besegelten Kähnen jeder Größe – im „Fährhaus“ hat die See ihr kulturhistorisches Kielwasser hinterlassen, wohin das Auge blickt.

Marc und Nicole Grünberg betreiben das Lokal in fünfter Generation, samt Gästezimmern und großem Saal, in dem früher die Kapitäne und Matrosen tanzten. Seit 1844, womöglich noch viel länger, steht die Hafenwirtschaft an der Wischhafener Süderelbe, wo früher die Ewer und Obstkähne lagen, wo Werften florierten und noch immer die Fähre nach Glückstadt ablegt. „Heute ist das Publikum gemischt“, sagt Nicole Grünberg. „Einheimische, Touristen, Radfahrer und natürlich die Segler, die vor der Haustür festmachen.“ Die Küche ist deutsch, Schwerpunkt Fisch, von der Hummercremesuppe bis zum gebratenen Dorschfilet mit Senfsauce. Marc Grünberg, Koch, Chef und Bootsführer in einer Person, betreibt zudem den kleinen Imbiss auf der Fähre nach Glückstadt.

Wie viele nautische Andenken im Lokal verstreut sind, können die Grünbergs nicht sagen. „Zu viele zum Zählen.“ Die meisten Stücke stammen von seinem Vater und Marc Grünberg selbst, zusammengetragen über die letzten sechs Jahrzehnte. „Früher kamen Trödelhändler vorbei und haben uns Teile verkauft“, sagt er. „Vieles haben wir auch von unseren Reisen mitgebracht.“ ​Er zeigt auf die Wand mit den Kapitänsmützen. „Die haben Berufsschiffer hiergelassen, als sie bei uns zu Gast waren.“ So auch die blaue Mütze von der USS „Iowa“, einem ehemaligen Schlachtschiff der U.S. Navy. Dessen Kapitän saß auch schon hier. Nach dem letzten Helbing drückte er Grünberg die Mütze einfach in die Hand.

Überall schweben Segelschiffe durch die Räume, stehen Fregatten in Vitrinen, hängen Halbmodelle alter America’s-Cupper an den Wänden. Das „Fährhaus“ zählt ohne Frage zu den letzten Originalen: ein Prachtexemplar von Hafenlokal.

Glückstadt: Alte Oper mit viel Salzwasser

Gegenüber in Glückstadt ist eine weitere Gaststätte zu finden, in der alles mächtig nach See und Salzwasser anmutet. Direkt am Binnenhafen, wo die Yachten liegen, steht ein altes weißes Haus. Ein kapitaler Anker ziert die Fassade, ein massives Bullauge die Tür zur Wirtschaft. „Zur Alten Oper“ heißt das Lokal, hinter dessen Mauern seit 1657 getagt, gegessen, getrunken und gefeiert wird.

Ein Teil des Gebäudes wurde einst als Ball- und Komödienhaus genutzt, später als Clubhaus einer vornehmen Bürgergesellschaft. Seit dem 19. Jahrhundert jedoch wurden hier Kapitäne, Fischer und Seeleute bewirtet, weshalb sich die historische Gaststätte als „eine der ältesten Hafenkneipen Norddeutschlands“ versteht. Über 40 Jahre führte das Ehepaar Menssen das Lokal und machte es zu einer Glückstädter Kultkneipe. Dies mit ausgeprägtem Hang zum Meer: Von ihren Reisen brachten die Menssens zahllose maritime Fundstücke mit, die heute kreuz und quer im Lokal hängen.

​Eine Sammlung Segelschiffe schmückt die Räume, vom Dreimaster in der Buddel bis zum eleganten Klassiker über der Ballsaaltür. Nicht weit: Rettungsringe, Pricken, Schifferklaviere. Dazu Harpunen, drapiert neben dem Fanggeschirr alter Walfänger. Über der Bar hängen Schiffsschrauben und massive Blöcke großer Segelschiffe. Im Gastraum nebenan, inmitten von Seestiefeln und Rumfässern, sind riesige Walknochen zu bestaunen, verknotet an dicken Trossen. Alles noch Originale von den Menssens.

Vor vier Jahren jedoch hat die Familie Lindemann das Lokal übernommen, die alte Wirtschaft fein säuberlich restauriert – und das schiffige Interieur mit feinem Händchen erhalten. Betreiberin Anke Lindemann ist heute Herz und Seele der „Alten Oper“ und steht persönlich am Zapfhahn, bis der letzte Gast geht. Obendrein gibt es gute Küche, deutsche und italienische Speisen.

Nach Törns und Regatten auf der Elbe kommen regelmäßig Segler, ansonsten die Glückstädter, dazu Gäste aus aller Welt. Und bei Neptun: Das Meer wird ihnen hier nicht nur auf den Tellern serviert. Am Niedergang zu den Toiletten hängt ein Steuerrad, oben blickt ein Pfeife rauchender Hans Albers in die Speiseräume, während über den Barhockern ein zwei Meter langer Thunfisch durch den Schankraum gleitet. Sogar der rote Maschinentelegraf funktioniert noch. Er steht unten an der Treppe, Anke Lindemann lässt ihn jedes Mal bimmeln, wenn jemand eine Lokalrunde schmeißt.

Die Seefahrt als Narrativ, Wind und Wellen als unermüdliche Storyteller. Stumm umgarnt die Gäste der Sog des Meeres, während sie schnatternd vor ihren Bieren sitzen. Auch die „Alte Oper“ an der Elbe ist zum Glück geblieben, was sie seit über 300 Jahren ist: eine echte alte Hafenpinte.

​Wo die letzten Originale noch stehen

Allzu viele solcher Lokale scheint es indes nicht mehr zu geben. Das allgemeine Kneipensterben wischt die meereslustigen Stuben an unseren Küsten allmählich davon. Hier und da aber öffnen sich noch immer wahre Schatzkisten, schreitet man durch die Türen in die Schankräume.

Der „Treffpunkt Kaiserhafen“ am Alten Bananenpier ist so ein seliger Ort, bekannt als „die letzte Kneipe vor New York“. In dem Bremerhavener Seemannslokal zieren Taucheranzüge die gute Stube, Echolote, Funkgeräte, Positionslampen und Radargeräte. Auf dem Tresen arbeiten mehrere Maschinentelegrafen, aus denen das Bier fließt.

In Cuxhaven, gelegen an den Piers der Berufsschiffer, gilt die „Die kleine Kneipe“ als einer der ältesten Seefahrertreffs der Nordsee. In Stralsund an der Ostsee hält derweil das Lokal „Zur Fähre“ Kurs. Laut Betreiber ist dies nicht nur die älteste Schankstätte der Stadt, sondern eine der ältesten Hafenkneipen Europas. Urkundlich erwähnt wurde die Pinte erstmals 1332, damals noch als „Taberna opud passagium“.

Und, Poseidon sei Dank, auch in diesen Lokalen weht bis heute eine steife Brise. Schmucke Pötte in den Regalen, Keramikseebären hinter den Gardinen. An den Wänden hängen U-Boot-Fotos, stampfen Trawler durch meterhohe Seen. An den Tresen derweil das übliche Szenario: über alten Rumflaschen zerflossene Kerzen, Netze, Bojen. Nach dem letzten Korn muss man nur aufpassen, keine der Schönheiten in den Hafenkneipen abzuräumen. Die Segelschiffe, die mit vollen Segeln durch die späten Nächte kreuzen.


Sterben mit den alten Hafenkneipen nur Kneipen oder verschwindet damit ein Stück Küstenkultur? Schreiben Sie Ihre Meinung gern in die Kommentare.

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Marc Bielefeld

Marc Bielefeld

Freier Autor

Geboren in Genf, mit fünf nach Deutschland gekommen. Studium der Literatur und Linguistik in Hamburg und an der afroamerikanischen Howard University in Washington D.C. Bielefelds Texte und Reportagen sind in den letzten 30 Jahren in bekannten Zeitungen und Magazinen erschienen. Zudem hat er mehrere Bücher veröffentlicht. Darunter viele auch übers Segeln und das Meer. Marc Bielefeld lebt an der Elbe und immer wieder auf seinem alten Segelschiff.

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