Steffi von Wolff
· 18.02.2026
”Nein. Bei diesem Wind legen wir nicht ab.“ Wir Frauen sind alle einer Meinung. Wie so oft bei diesem Wind-Thema. Es ist völlig indiskutabel. Wir hatten bei schönstem Sonnenschein einen wunderbaren Törn von Sønderborg nach Ærøskøbing, die Boote segelten aufrecht und liegen nun seit zwei Tagen hier. Eigentlich hätten wir heute Nachmittag wieder in Sønderborg sein müssen, um abzureisen – weil am Montag natürlich die Arbeit wartet. Es ist immer dasselbe, wenn es um Wind geht. Verflixt noch mal, viele Frauen sind halt ängstlicher, aber das müssen unsere Männer nun mal respektieren. Warum, warum nur kommt es immer wieder zum Streit deswegen?
Es geht los: „Ich bitte euch.“ Mein Mann ist giftig. „Das ist so was von weich, sich bei so ein bisschen Wind in die Jacke zu machen. Da kann einem ja nur die Pumpe gehen.“
„Entschuldigung …“, kommt es da vom Steg. Da steht ein freundlicher älterer Herr und will sich offenbar einbringen, wird aber von uns ignoriert.
„Ein bisschen Wind?“ Ja, ich sage das hysterisch und bin kurz davor, loszukreischen, dass er ja wohl nicht mehr alle Pflaster im Erste-Hilfe-Kasten hat. Ein bisschen Wind.
Unsere Schiffe legen sich zur Seite, dass die Kaffeetassen durchs Cockpit scheppern, die Leinen ächzen, der Wind pfeift zum Gotterbarmen, und auf dem Steg sichern die Leute ihre Mützen und halten sich aneinander fest. „Meine Güte, es ist doch hell, was wollt ihr denn?“, sagt Hanno. „Im Ernst, das ist noch nicht mal Starkwind.“
„Meine Güte, es sind gerade mal 20 Knoten.“ Mein Mann versteht das alles nicht. So wie viele Männer es einfach nicht verstehen, dass man bei jaulendem Wind und einsetzendem Hagel einfach nicht auslaufen will. Hanno doziert: „Sturm geht erst bei Windstärke 9 los, also ab 41 Knoten, das sind mehr als 20 Meter pro Sekunde, für die Landeier: 75 bis 88 Stundenkilometer. Und wenn es kälter ist, wird der Winddruck größer. Im Winter musst du eher reffen als im Sommer.“
Mein Mann wittert seine Chance: „Seht ihr, wie viel Rücksicht wir schon nehmen? Im Winter segeln wir ja gar nicht!“ Er erntet zustimmendes Geraune bei den anderen Männern, aber böse Blicke und Unverständnis bei den Frauen. „Nur über meine Leiche fahre ich raus“, flüstert Claudi mir zu, und ich nicke. „Ich fahre auch nicht raus.“
„Ah, sie wollen im Hafen bleiben?“, fragt nun der nette Herr auf dem Steg. Wir drehen die Köpfe. „Die Damen der Schöpfung wollen nicht los, denen ist das Wetter zu heftig“, nörgelt Heiner. „Es sind immer die Frauen“, knottert mein Mann. „Denen ist nie was recht. Beim kleinsten Windhauch wird gezetert und sich verweigert. Eine Zumutung ist das.“
„Bei diesem Wind lege ich nicht ab. Ich lebe nämlich gern“, wird er von Birte zurechtgewiesen. „Ihr habt sie doch nicht mehr alle.“ Mir fällt noch was ein: „Außerdem versucht ihr uns in die Irre zu führen! Dauernd bekommt man andere Infos. Mal Knoten, mal Beaufort, mal dies, mal das. Und wisst ihr, warum? Damit wir denken, alles ist in Ordnung. Jetzt sagen Sie doch auch mal was!“, herrsche ich den Herrn an, der vom Wind etwas zurückgedrückt worden ist. Er lächelt gütig. „Ich …“
Frank mischt sich ein: „So ein bisschen Wind hat noch keinem geschadet.“ Wir starren ihn wütend an. „Was habt ihr eigentlich davon, bei so einem Wetter abzulegen?“, fragt Mel. „Das macht doch keinen Spaß, bei Starkwind zu segeln. Davon abgesehen ist es gefährlich.“
„Wisst ihr, was euer Problem ist?“, fragt Michi. „Eure Angst ist das Problem. Sonst würde euch der Wind auch nichts ausmachen.“
„Wenn ich …“, beginnt der Mann auf dem Steg, wird aber von Heiner unterbrochen: „So ein Blödsinn. Ihr bringt euch bloß nicht genug ein beim Segeln.“
Glaubt ihr, es macht Spaß, mit euch zu segeln, wenn ihr euch vor Panik in die Hose macht?
„Ich könnte …“, beginnt der Mann auf dem Steg noch einmal höflich und wird von Frank unterbrochen: „Jetzt sagen Sie doch auch mal was!“
„Das ist ja lächerlich“, sagt Mel. „Ihr reißt doch ganz oft alles an euch. Um dann wie die Helden dazustehen, während wir vor Angst schlottern.“ Da scheint sie einen Nerv getroffen zu haben, denn alle anwesenden Herren – der vom Steg ausgenommen – fangen nun gleichzeitig mit ihrer Verteidigung an: Wir Frauen sind natürlich unmöglich und haben grundlos Angst, man versucht es uns immer recht zu machen, aber nichts ist genug, und man kann ja wohl verstehen, dass ein Mann bei Wind segeln will. Schließlich ist es ja ein Segelboot. „Glaubt ihr, es macht Spaß, mit euch zu segeln, wenn ihr euch vor Panik in die Hose macht?“ Hanno ist giftig.
„Man nennt das Überlebenswillen“, bekommt er von mir erklärt. „Ihr habt halt immer Angst“, kommt es dann, und nun fangen wir tatsächlich an, uns zu streiten. Passend dazu ertönt Donnergrollen. Der Regen klatscht auf die Kuchenbude, als würde Charlie Watts von den Rolling Stones zeigen, was er trommelmäßig so draufhat.
“Stopp!“, ruft da der Herr auf dem Steg und hebt beide Hände. „Stopp! Bitte hören sie mir mal kurz zu.“ Wir gucken ihn an, tatsächlich sagt keiner mehr was. „Ich habe mich ausgiebig mit diesem Thema beschäftigt. Vielleicht interessiert sie ja meine Erfahrung.“ Nicken. Sogar die Männer.
„Also um es kurz zu machen: Biologisch gesehen haben Frauen zwar kein anderes Windempfinden als Männer – aber beim Segeln bewerten sie den wahrgenommenen Wind oft anders. Windempfinden ist ja ein Zusammenspiel aus Erfahrung und Psychologie. Und das funktioniert bei Männern und Frauen unterschiedlich: Im Ergebnis ordnen Frauen den Wind oft früher als relevant oder kritisch ein. Männer wiederum neigen dazu, Wind länger als ‚noch gut segelbar‘ zu sehen. Das ist kein Unterschied im Windempfinden, sondern in der Risikobewertung. Aber woran liegt das?“
„Woran liegt das?“, wiederholen wir.
„Es ist eigentlich simpel erklärt: Wer häufig steuert, trimmt oder Manöver fährt, erlebt Wind als kontrollierbare Größe. Aber wer weniger Einfluss hat, erlebt ihn eher als äußere Bedrohung. Und das – jetzt kommen wir zum springenden Punkt – betrifft auf vielen Booten traditionell eher Frauen. Nicht wegen unterschiedlicher Fähigkeiten, sondern wegen der klassischen Rollenverteilung. Aber warum erzähle ich euch das alles?“ Er macht eine Kunstpause und wir sagen nichts. „Ganz einfach: Ich habe ihre Diskussion hier ja mitbekommen und sie kam mir doch sehr bekannt vor. Mit meiner Frau war es genau dasselbe wie hier mit den Damen, und ich habe ähnlich argumentiert wie die Herren. Nun …“
Er schaut in den Himmel. Oh Gott. Ist die Frau über Bord gegangen? „Und?“, fragen wir neugierig.
„Nun, sie hat das eine Zeit lang mitgemacht, aber als ich immer unvorsichtiger wurde … Um es kurz zu machen: Sie hat mich verlassen, mittlerweile sind wir geschieden. Ich dachte, es ist möglicherweise ganz hilfreich, wenn Sie das in Ihren Diskussionen berücksichtigen. Was ist denn schon dabei, auf die Frauen Rücksicht zu nehmen?“
„Das tut mir sehr leid, das mit Ihrer Frau“, sage ich, denn entweder hat er Tränen in den Augen oder aber es ist der Regen. Ich vermute Ersteres. „Aber das Schlimmste ist …“ Er stockt, und wir sitzen und stehen mit angehaltenem Atem da. „Am meisten demütigt es mich, dass sie jetzt … Sie ist jetzt mit einem Motorbooteigner zusammen. So kann es gehen.“ Er sieht die Männer nacheinander an. „Das möchte ich euch nur sagen.“
Damit dreht er sich um und geht. „Du meine Güte“, sagt Hanno völlig panisch. „Der arme Mann.“
„Wir bleiben heute hier“, sagen unsere Männer gleichzeitig. „Ist viel zu viel Wind. Haben wir doch gleich gesagt.“