Neben uns legt ein Motorsegler an, und natürlich gehe ich auf den Steg, um zu helfen. Die Frau steht schon vorne am Bug mit den Festmachern in Händen. „Hochwanner!“, höre ich sie rufen. Ich bin ein wenig irritiert, lächle sie aber dennoch mit willkommensfrohem Gesicht an. Das Boot kommt zentimeterweise näher. Die Frau ruft erneut zu ihrem Mann nach hinten, diesmal: „Leutascher Dreitorspitze!“ Nun runzle ich die Stirn. Was soll das?
Die Frau schaut weiterhin konzentriert Richtung Steg. „Biberkopf, Biberkopf!“ Irgendwie ist das merkwürdig. Aber die beiden sehen ganz normal aus. Dann kommt schnell hintereinander: „Großer Hundstod! Hochkalter! Östliche Karwendelspitze!“ Beim letzten Ausruf wirft sie mir die Leine zu.
„Vielen Dank!“, sagt die Frau freundlich. „Gern“, erwidere ich. Ob ich fragen soll? Ich meine: Hundstod würde mich schon mal interessieren. Östliche Karwendelspitze sagt mir irgendwas, aber ich komme nicht drauf, was.
Der Mann kommt nun nach vorn und grüßt ebenfalls höflich. „Du hast die Zugspitze ausgelassen“, rügt er dann aber seine Frau vorwurfsvoll. Die wehrt sich: „Wir waren ja schon quasi in der Box. Da hab ich gleich den Hochwanner genommen. Oder Hochvogel. Ach, egal.“ Doch ihr Gatte lässt nicht locker. „Und der Watzmann Mittelspitze?“, hakt er nach. Sie: „Ich bitte dich, Gert, das sind doch nur ein paar Meter Unterschied. Ich mach mich ja lächerlich.“ Doch das lässt er nicht gelten: „Und ich benötige präzise Angaben. Die Hocheisspitze hast du auch ausgelassen.“
„Guten Tag“, sage ich, aber der Mann beachtet mich nicht. Er ist verärgert. Ich bin so neugierig, dass ich nun doch frage. Dass es um Berge geht, habe ich mittlerweile begriffen. „Was haben denn die Zugspitze und der Hundstod mit dem Anlegen zu tun?“
„Ja, das fragt mich jeder. Egal wo man ankommt. Mein Mann besteht darauf. Er behauptet, wenn man als Paar eigene Begriffe fürs Segeln hat, also solche, die sonst niemand benutzt, führt das dazu, dass man in den Manövern besser zusammenarbeitet.“ Ich staune und sage nur: „Aha.“
Sie fährt fort: „Auf die Berge mit den unterschiedlichen Höhen bin ich gekommen, weil ich die kenne, da wir auch gern wandern. Die Zugspitze ist am höchsten, da hat man noch Luft bis zum Steg. Ich bin übrigens Hilda.“ – „Aha.“ Dann stelle auch ich mich vor.
All diese Berge könnte ich mir nie im Leben merken. Wobei ich zugeben muss, dass mir die üblichen Befehle und Kommandos beim Anlegen auch nicht zusagen. Mein Mann ruft dann immer so profimäßig: „Klar bei Vorleine?“, und ich soll dann „Ist klar!“ rufen. Und dann wird schon der nächste Befehl gebellt.
Oft antworte ich einfach nicht, weil diese akkurate Seglersprache nicht zu mir passt. Ich stolpere heute noch regelmäßig über Leinen, bin auch schon mal hingefallen, und dann soll ich so tun, als wäre ich Ellen MacArthur.
Und manche Begriffe beim Segeln sind ja auch echt merkwürdig. Einmal waren wir mit mehreren Booten unterwegs, als mein Mann am Telefon zu jemandem meinte: „Ich muss jetzt auflegen, wir haben ein Manöver im Flottillengeschwader.“ Ich dachte, wir werden von einem Kriegsschiff angegriffen.
„Also, warum sagt ihr denn nicht einfach: ‚Acht Meter, sieben, sechs, fünf und vier‘?“ Hilde erklärt: „Da wird mein Mann nervös und kommt in den Tüdel. Wenn man gleichzeitig mit anderen anlegt, hört man ja von allen Seiten Zahlen. Schon oft sind wir dann gegen den Steg gedotzt.
„Ich finde das gar nicht schlecht“, sagt mein Mann, der unser Gespräch mit angehört hat. „Du stehst ja auch oft vorne und kannst nicht einschätzen, wie viele Meter es noch bis zum Steg sind. Und wenn ich dann noch andere Stimmen höre, weiß ich gar nicht mehr, was Sache ist. Gerade wenn es ums Anlegen geht, machst du dir doch regelmäßig in die Jacke.“
Das will ich so nicht auf mir sitzen lassen. „Nur weil ich dich oft nicht verstehe, wegen zu viel Wind oder was weiß ich. Ich mache es doch sowieso immer falsch, egal wie ich es mache. Außerdem machst du dir beim Anlegen in die Jacke, und das überträgt sich dann auf mich.“ So, das musste mal gesagt werden!
„Von mir aus“, erwidert er nun kleinlaut. „Aber du musst mal lernen, die Begriffe richtig einzusetzen.“ Ich setze nach: „Und du musst lernen, dass es hilfreich ist, wenn es nur einen Begriff für die ganzen Sachen an Bord gibt und nicht pro Sache fünf.“
Eindampfen! Auch so was. Man dampft in einem Dampfbad ein oder bei der Kosmetik vor der Hautreinigung.
Wobei, mit einem hat er recht: Ich kann Abstände wirklich schlecht einschätzen. Aber das gebe ich jetzt nicht zu, es wäre Wasser auf seine Mühle.
Er kramt dann irgendwo im Schapp und drückt mir schließlich ein Buch in die Hand. „Hier, setz dich endlich mal damit auseinander.“ Meine Güte! Um des lieben Bordfriedens willen nehme ich das Buch als Abendlektüre mit in die Koje. Gut. Fangen wir mal mit dem Ablegen an. Ich lese: Klar zum Ablegen Steuerbord/Backbord voraus. – Ist klar! – Klar bei Vorleine. – Ist klar! – Klar bei Fender. – Ist klar! – Klar bei Achterleine. – Ist klar! Wie eintönig! Wer soll sich das merken?, denke ich bei mir.
In der Tat haben wir genau darüber schon oft gestritten. Ich soll Bescheid geben, wenn die Leine drin ist. Herrje, das sieht er doch! Aber bitte, aber bitte. Wenn er meint, dass dann alles besser funktioniert. Aber auf keinen Fall werde ich beim Anlegen so selbst gewählte Eigenbegriffe wie diese Berge verwenden. Du liebe Zeit! Angenommen, ich würde mich an Baumschädlingen orientieren, dann müsste ich vielleicht bei noch vier Metern zum Steg „Wollige Napfschildlaus!“ rufen. Dann doch lieber anders.
Ich lese also weiter und versuche mir alles einzuprägen: Vorspring ausbringen. – Ist ausgebracht! – Klar zum Ablegen unter... . – Ist klar! – Eindampfen in die Vorspring. – Ist klar! Eindampfen! Auch so was. Man dampft in einem Dampfbad ein oder bei der Kosmetik vor der Hautreinigung.
Anderntags, nach dem Ablegen, stolpere ich auf dem Vorschiff. „Pass auf die Wurst auf!“, ruft mein Mann, und genau das meine ich: Wurst! „Herrje, der Gennaker! Du bist auf den Gennaker getreten.“ Ich rufe zurück: „Warum sagst du das nicht?“ Er: „Weil man da auch Wurst zu sagen kann.“ – „Aha.“
Wenig später dann: „So, wir ziehn mal den Lappen hoch.“ Lappen, Tüte, Blase geht auch. Wie soll man da klarkommen? Danach: „So, wir fahren jetzt gegen den Wind.“ – „Du meinst wohl ‚Heiß auf die Fock!‘“ Er sieht mich an. „Meinetwegen. Du hast ja echt was gelesen darüber. Wir sollten das jetzt immer so machen. Nur noch seglerische Fachbegriffe. Find ich gut.“
Nach einem schönen Segeltag wollen wir nach Lyø und erst mal die Segel runternehmen. „So, Segel runter“, sagt mein Mann. „Nein“, sage ich. „Das heißt ‚Klar zum Segelbergen, klar bei Fockfall, hol nieder Fock, klar bei Großfall, hol nieder Großsegel‘.“ Er schnaubt: „Du meine Güte!“ Ich bin stolz. Dann laufen wir in den Hafen ein.
„Wir nehmen den Platz da!“ Gut, denke ich bei mir, da sind viele Leute auf dem Steg. Wie schön. „Wahrschau!“, brülle ich und freue mich, denn ich weiß, dass er solche Sprüche hasst. Dann schreie ich: „Klar zum Anlegen, aye, aye, Captain. Ich weiß ja: Captain next God!“ Der Steg ist amüsiert. Zu den Umstehenden gewandt sage ich freundlich: „Mein Mann kann nur mit diesen speziellen Fachbegriffen anlegen. Was soll man machen?“ Ich setze noch einen drauf. „Lieber Rum trinken als rumsitzen. Sagt mein Mann immer.“
Er, der Mann, redet nicht mehr mit mir, auch nicht, nachdem ich gesagt habe: „Nun ein Hoch auf den Skipper! Warmes Bier der Smutje reicht, kielholt ihn die Crew sogleich!“ Wenn Blicke töten könnten. Zum Schluss drücke ich ihm ein Buch in die Hand, das mal irgendwer hier vergessen hat und in dem ich gestern auch gelesen habe. Darin stehen lustige Seglersprüche, die er unter gar keinen Umständen duldet.
Er liest: Wer jung ist, segelt auf den Jollen, das ist nur nix mehr für die Ollen. Und: Ein Skipper ist gar leicht verstimmt, wenn der Kiel mal oben schwimmt. „Das wären dann so meine Spezialbegriffe, die ich mir fürs Anlegen aussuchen würde“, sage ich und weiß, nun ist ein für alle Mal Ruhe im Karton. Denn sonst: Kommt ein Aal den Niedergang herauf, war das Seeventil wohl auf!