GlosseWarum es stets 1.000 Dinge an Bord gibt, die unbe­dingt erledigt werden wollen

Steffi von Wolff

 · 14.04.2026

Glosse: Warum es stets 1.000 Dinge an Bord gibt, die unbe­dingt erledigt werden wollenFoto: YACHT/A. Lindlahr
Nanu, wackelt etwa die Relingsstütze? Das muss aber schnell noch gefixt werden!
​Ausreden, um nicht nach Hause zu müssen, finden sich an Bord jederzeit. Steffi von Wolff weiß das nur zu gut aus eigener Erfahrung zu berichten.

​”Gleich!“, höre ich meinen Mann rufen – und ich drehe gleich durch. „Wir müssen los, wir sind doch heute Abend eingeladen.“ – „Ich sag doch gleich. Setz dich so lange in die Sonne.“ Letzteres wird mit einer Mischung aus Anklage und Zorn angeordnet. Ja, ich weiß, das Wetter ist schön, es ist Samstag, und eigentlich hätten wir natürlich bis morgen bleiben können. Ja, ich weiß auch, man fährt erst sonntags vom Boot fort, wenn überhaupt. Am besten wäre es ja sowieso, man würde auf dem Schiff wohnen.

Ich setze mich also in die Sonne, während er hinter mir herumwurschtelt. „Was musst du denn noch machen?“, frage ich. „Hast du dir mal die Winschkurbeln angesehen? Hast du nicht gesehen, wie dreckig die sind?“ Nein, habe ich nicht. „Das kannst du doch das nächste Mal machen“, wende ich ein. Vergebens. Er: „Bin ja fast fertig.“

Ich stehe auf. Es geht voran. Endlich. Da kommt Claudi und winkt. „Seid ihr auch noch nicht los?“ Stimmt, die beiden sind ja heute Abend auch eingeladen. „Nein, die Winschkurbeln sind schmutzig“, erkläre ich ihr. Mehr brauche ich gar nicht zu sagen. Sie nickt wissend.

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Natürlich ist es keineswegs so, dass Männer nicht nach Hause wollen. Das wäre ja absurd. Zu Hause warten schließlich Geborgenheit, Gespräche über den Tag und diese eine lose Schublade in der Küche, die „man irgendwann mal“ reparieren müsste. Und eine Einladung zum 60. Geburtstag am Samstagabend. Also heute. Also nachher. Nein, das alles ist es nicht. Es sind die Umstände.

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„Holst du deine Tasche?“, bitte ich meinen Mann. „Gleich. Ich muss noch mal den Motor anmachen. Der hat vorhin so komisch geklungen.“ Ich schaue ihn ungläubig an. „Warum hast du denn nicht gleich geguckt?“, will ich wissen. Keine Antwort. Wir sind ja nur zwei Stunden motort, da kann man ja unmöglich nachsehen. Nein, das muss im Hafen geschehen, während ich wie auf heißen Kohlen sitze, denn es ist schon fast Mittag.

​»Männer auf Booten gehen Dingen nach, die nicht da sind, aber da sein könnten. Geräuschen, die keiner sonst hört.«

Ein Geräusch also. „Ja, so ein ganz spezielles. Kein normales Geräusch. Eher so ein Mmrrr-klack-tick-ömpf-ömpf, verstehst du?“ Nein, ich verstehe nicht. „Das nehmen nur geschulte Ohren wahr. Nicht auszudenken, wenn was mit dem Motor ist und man guckt nicht nach, unmöglich. Völlig verantwortungslos“, werde ich belehrt.

Da kommt Michi. „Ah, ihr seid auch noch da.“ Das klingt richtig erleichtert. Ich setze mich mit Claudi auf den Steg. Es wird immer wärmer. Mein Mann startet den Motor unserer „Alten“, und er und Michi begeben sich unter Deck, um die Abdeckung zu öffnen und dem Motor zuzuhören.

„Das klingt nicht gut“, bekommen wir kurz darauf erzählt. Es klingt in meinen Ohren exakt wie immer, aber das ist irrelevant. „Ganz schön warm“, sagt Michi dann noch. „Ja“, sagt mein Mann und das darauffolgende Schweigen ist sehr laut.

„Das wird bestimmt total nett heute Abend!“, ruft Claudi. „Es gibt bestimmt Bratwurst.“ Netter Versuch, leider vergebens. Keine Antwort. Die Männer beraten sich stattdessen. Das Wort „Baumarkt“ fällt, und Claudi und ich wissen nun, dass wir es uns erst mal bequem machen können.

Der Baumarkt ist eine Art Paralleluniversum mit Zeitdehnung. Man fährt „nur kurz hin“, um „zwei, drei Schrauben“ zu holen. Spezielle Schrauben. Sehr spezielle. Mit einem Gewinde, das es vermutlich nur in einem geheimen Regal ganz hinten links gibt, neben den Dingen, die man niemals braucht und trotzdem mitnimmt. Den zwölften Zollstock zum Beispiel. Microfasertücher im Zehnerpack. Tape für was auch immer. Dort trifft man dann zufällig noch auf andere Männer aus dem Hafen. Auch die wollten nur kurz etwas holen. Man nickt sich wissend zu. Keiner stellt Fragen. Man versteht sich ohne Worte. Oh, da gibt’s Schläuche. Akkubohrer sind im Angebot. Kann man immer mal brauchen.

„Wir fahren gleich mal zum Baumarkt“, wird uns nun mitgeteilt. Claudi und ich wissen: Es geht nicht um Winschkurbeln. Es geht auch eigentlich nicht um den Motor. Es geht ums Prinzip. Ums Bleiben. Ums Noch-nicht-Losmüssen.

Es wird immer wärmer. Ein schöner Tag.

Hinter uns erklingt ein energisches Kurbeln, gefolgt von einem bedeutungsschweren: „Also so kann man die Kurbel ja wirklich nicht lassen. Man macht sich ja zum Gespött der Leute.“ Natürlich. Man weiß ja nie, wann spontan ein Orkan durch den Hafen fegt und ausschließlich saubere Winschkurbeln überleben.

Claudi seufzt und sagt: „Bei uns ist es der Außenborder.“ Obwohl ich die Antwort kenne, frage ich: „Was hat der?“ Claudi: „Nichts. Aber er klingt heute irgendwie … anders. Ich hol uns mal Kaffee.“ Natürlich klingt er anders. Es ist Samstag. Motoren wissen das. Sie entwickeln pünktlich zum Aufbruch eine akustische Persönlichkeit.

Es geht noch weiter: „Ich brauche da eventuell so kleine Edelstahlschrauben. Spezielle“, sagt Michi ernst. „Mit Torx.“ Torx! Das Wort hallt über den Steg wie ein Schlachtruf. Dann: „Ich kann doch nicht mit dem Wissen wegfahren, dass hier womöglich eine Schraube nicht optimal sitzt!“ Claudi lehnt sich zu mir und flüstert mir ins Ohr. „Letztes Wochenende war es die Reling. Die hing angeblich durch.“ Ich flüstere zurück: „Bei uns war’s das Vorstag.“ Wir lächeln dieses stille Lächeln von Menschen, die wissen: Wir werden hier heute nicht vor Sonnenuntergang wegkommen.

Später ist plötzlich ein metallisches Klacken zu vernehmen. Gefolgt von einem prüfenden Schweigen. Dann: „Hört ihr das?“, ruft mein Mann uns zu. Ich höre nichts. Claudi schüttelt ebenfalls den Kopf. „Das hat gerade geknackt.“ Mein Mann wirkt panisch. Ich tue interessiert und frage: „Was hat denn geknackt?“ Mein Mann: „Na das da!“ Ich mache mir einen Spaß draus und hake nach: „Was genau hat geknackt?“ Kurze Pause. „Weiß ich noch nicht. Aber wir gehen der Sache nach.“

Natürlich gehen sie der Sache nach. Männer auf Booten gehen Dingen nach, die nicht da sind, aber da sein könnten. Geräusche, die niemand sonst hört. Schrauben, die sich in der Theorie lockern könnten. Winschkurbeln, die moralisch verwahrlosen, wenn man sie angestaubt zurücklässt.

Unsere Männer traben den Steg entlang Richtung Auto. Die Zeit vergeht. Claudi schaut auf die Uhr. „Wenn wir in einer Stunde losfahren, sind wir vielleicht nur 20 Minuten zu spät, aber ohne zu duschen.“

Und so sitzen wir weiter in der Sonne. Vielleicht haben sie ja recht. Vielleicht sollte man wirklich erst sonntags fahren. Oder am besten gar nicht. Einladungen von vornherein ablehnen. Vielleicht ist das Leben an Land einfach eine Übergangslösung zwischen zwei Liegeplätzen. Wer weiß das schon. Ich darf gar nicht darüber nachdenken, dass wir über Ostern auf zwei runde Geburtstage eingeladen sind. Wie ich das durchsetze, weiß ich noch nicht. Womöglich wird es auf der Veranstaltung Tote geben, sollte mein Mann mitmüssen. Aber ich weiß eins: Wir werden unsere Männer nicht ändern. Das wird nix mehr. Die Boote bedeuten ihnen alles. Soziale Kontakte? Sie haben ja sich.

Da kommen sie zurück. Ernst. Claudi und ich sehen uns an, nicken und stehen auf. „Wir fahren dann schon mal“, sage ich freundlich. Mein Mann schaut verwirrt. „Wir?“

„Na wir. Zu unseren Einladungen. Ihr bleibt hier. Mit euren Torx.“

Stille im Hafen. Sonne scheint. Möwen schreien. Irgendwo klappert eine lose Leine – wahrscheinlich bei uns, und dem muss zügig nachgegangen werden. Claudi und ich holen unsere Taschen und machen uns auf den Weg. Am Stegende drehen wir uns um. „Das darf jetzt nicht wahr sein“, sagt Claudi. Ist es aber. Unsere Männer sind jeder auf ihrem Schiff. Beide haben die Motoren gestartet. Beide machen die Leinen los. „Klar zum Ablegen!“, rufen sie sich gegenseitig zu. Damit nicht genug, höre ich meinen Mann Michi zurufen: „Wie gut, dass ich Montag Urlaub genommen habe!“ Davon wusste ich gar nichts. Michi lacht und ruft zurück. „Ich auch!“ Claudi guckt mindestens so überrascht wie ich. Wir schauen uns an – und gehen dann einfach weiter.

Steffi von Wolff

Steffi von Wolff

Freie Autorin

Steffi von Wolff, geboren 1966, arbeitet als Autorin, Redakteurin, Moderatorin, Sprecherin und Übersetzerin. Sie wuchs in Hessen auf, lebt aber seit vielen Jahren mit ihrem Mann in Hamburg. Dank ihm entdeckte sie auch ihre Liebe zum Meer und zum Segeln. Ihre Erlebnisse hält sie fest in Büchern und in regelmäßigen Kolumnen, die Sie für YACHT und BOOTE schreibt.

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