Glosse"Da kann man nix machen!"

YACHT-Redaktion

 · 19.06.2022

Glosse: "Da kann man nix machen!"Foto: YACHT/J. Kocian

Erst streikt die Brücke, dann der Motor. Und der eigene Mann ist auch nicht mehr wiederzuerkennen. Steffi von Wolff über einen Saisonstart mit Hindernissen

Es ist ein Samstag in Kappeln kurz nach Saisonbeginn. Mein Mann ist Brötchen holen, ich bin auf dem Boot geblieben, weil der Mann von der Werft kommen wollte.

Der Mann von der Werft sagt: „Tscha, was will man machen. Wenn der Motor kaputt ist, dann ist er kaputt!“

Der Motor kaputt? Was denn noch bitte? Erst war die Kappelner Brücke gesperrt, dann war was mit unserem Fäkalientank, und jetzt wollen wir endlich los, und das Boot, unsere ‚Alte‘, springt nicht an.

„Wie meinen Sie das?“, frage ich schon fast zitternd vor dem, was mich, sollte diese Behauptung auf Wahrheit fußen, gleich nach der Rückkehr meines Mannes erwartet.

Er kratzt sich am Kopf.

„Ist futsch. Ich muss nach Teilen gucken. Wenn’s doof läuft, kommen die aber nicht bald. Wenn’s ganz doof läuft, braucht ihr ’nen neuen Motor. Kann man halt nix machen.“

„Aber das geht nicht!“, sage ich, doch der Mann zuckt bedauernd mit den Schultern, geht und verspricht, nach Teilen zu gucken. Ich überlege mir mit gesträubtem Nackenhaar, wie ich meinem Mann die Horrornachricht beibringen soll, aber mir fällt nichts ein, was die Katastrophe abmildern könnte. Er wird gleich zum Springteufel mutieren. Denn eins steht fest: Er war noch nie Verfechter einer pazifistischen Grundhaltung.

Ich höre ihn schon sarkastisch brüllen: „Bei diesem schönen sonnigen Wetter bietet es sich doch an, nicht zu segeln, warum auch bei perfektem Wind nach Sønderborg überführen, lieber schlag ich mir auf dem Liegeplatz unter Deck die Falten aus dem Sack, während ich auf irgendwelche Teile warte!“

Und er wird erst aufjaulen wie ein Pavian, der sich versehentlich mit seinem nackten Hintern auf eine glühende Herdplatte gesetzt hat, und dann wird er schreien: „Denkt einer von diesen Schwachköpfen von Motorherstellern und Teileanlieferern vielleicht auch mal daran, dass eine Saison eine Saison ist. Die letzten beiden Jahre war schon Zirkus wegen diesem verdammten Virus, und jetzt, jetzt, wo alle segeln könnten, geht der Motor nicht an. Und da soll man nicht verrückt werden!“

Und da naht das Unheil schon: Mein Mann kommt nichts ahnend gut gelaunt den Steg entlang. „Da bist du ja“, sage ich mit zitternder Stimme. „Kaffee?“

„Gern.“

„Der Motormann war da“, sage ich unheilschwanger.

Er nickt. „Ich weiß, ich bin ihm gerade begegnet. Der Motor ist kaputt. Er guckt nach Teilen. Ich habe dir eine Laugenstange mitgebracht.“

Ich glotze ihn an. Dann zähle ich im Stillen: „Eins, zwei …“

„Tja, kann man nix machen, hat der Mann auch gesagt. Bleiben wir eben hier und ruhen uns aus.“

Ich setze mich. Hat der Motormann ihm ein Opiat gegeben? Eine gute Idee eigentlich, so hält man die Häfen bei Horrornachrichten ruhig. Und es wird noch beunruhigender:

„Und wir können schöne Ausflüge machen, mit dem Auto.“ Mein Mann jubelt fast. „In nette Cafés gehen, nachdem wir einen strammen Spaziergang gemacht haben.“

Er hasst Spazierengehen. Allein das Wort treibt ihm Zornesröte ins Gesicht. Besorgt bestreiche ich die Laugenstange mit Butter.

Ist jetzt das eingetreten, was man in Magazinen manchmal liest? Hat die sogenannte Altersmilde Einzug in das Wesen meines Mannes gehalten? Man will es gar nicht glauben. Aber es heißt, dass es irgendwann anfangen kann bei Männern so um die sechzig herum. Entweder sie lächeln nur noch grenzdebil und finden nichts mehr schlimm, oder aber – und das habe ich befürchtet – es wird noch heftiger als in den letzten 22 Jahren und er wird zu einem fuchtigen Grizzly, der mit nichts zufrieden ist. Also eigentlich so wie jetzt, nur noch schlimmer.

Nun ist es anders.

Ich belege die Stange mit Schinken.

„Schau mal, da hinten angeln sie wieder“, sagt mein Mann.

Aha. Noch gestern haben „die Vollidioten in ihren schwachsinnigen Overalls wieder zu viel Welle gemacht mit ihren dämlichen Motorschleudern“.

„So idyllisch“, sagt mein Mann, dann steht er auf.

„Ich fahre zum Baumarkt, Schrauben kaufen und so.“

„Ist gut.“

Nur kurz ziehe ich in Betracht, ob eine andere Frau oder – noch unwahrscheinlicher – ein anderes Boot im Spiel ist, aber das hätte ich wohl mitbekommen.

Nach einer kleinen Weile kommt er zurück.

„Weißt du, die verbleibende Zeit ist endlich. Ich ruhe nun in mir, die Ruhe gibt mir Kraft, und ich schließe dann die Augen und stelle mir oft einfach den blauen Himmel über mir vor, die Sonne und das Wasser. Was ist schon ein kaputter Motor!“

Der Mann von der Werft bringt Teile, aber es sind die falschen.

Mein Mann lächelt milde. „Kein Problem.“

Der Mann sagt, dass man da nichts machen kann, und fährt wieder weg. Andere, passende Teile sind derzeit nicht lieferbar, erzählt er dann am Telefon. Aber er wird weitersuchen.

Mein Mann sagt: „Was lange währt, wird endlich gut!“

Am nächsten Morgen fährt er wieder in den Baumarkt, was mich wundert, weil er ja schon gestern da war. Aber gut. Ich wandere den schönen Weg an der Schlei entlang bis in die Stadt und dann noch weiter am alten „Pierspeicher“ vorbei, der jetzt ein Hotel ist. Und davor steht unser Auto. Hier ist definitiv kein Baumarkt.

Neugierig schleiche ich um das Gebäude herum, um zu gucken, ob ich ihn im Erdgeschoss durch ein Fenster erblicke. Da ist nur eine Yoga-Gruppe. Durchs gekippte Fenster höre ich gespannt zu.

„Simuliert jetzt bitte eine sich häutende Schlange“, sagt die Gruppenleiterin, und die Anwesenden kringeln sich auf den Matten, als wollten sie Schlägen ausweichen.

Und da sehe ich ihn: meinen Mann!

Auch er kringelt sich.

Dann setzen sich alle hin und machen das bekannte „Ommmm“. Nach dem Herabschauenden Hund bin ich nicht mehr in der Lage, weiter zuzusehen, auch weil ich festgestellt habe, dass mein Mann eine rosa Sporthose – und zwar meine – trägt. Er sieht aus wie ein verzweifeltes Bonbon.

Mein Mann trägt eine rosa Sporthose – und zwar meine! Er kringelt sich, macht „Ommmm“ und sieht aus wie ein verzweifeltes Bonbon

Ich gehe zur „Alten“ zurück. Unsere Liegeplatznachbarn sind gerade mit ihren Enkelkindern angekommen.

„Bubu, Lalli, schaut mal, wer da ist, sagt mal Guten Tag!“

Die dreijährigen Zwillinge glotzen mich an, während sie mit Fingerfarben einen Bauernhof auf unser Teakdeck malen.

„Gucken Sie doch nicht so erschrocken, das ist Umweltfarbe“, sagt Frau Müller und lacht. „Wir wollen das bloß nicht auf unserem Boot, weil wir es farblich einheitlich haben möchten.“

Da kommt mein Mann. Jetzt wird alles zu spät sein. Er bleibt vor der „Alten“ stehen und schaut auf schiefe Schornsteine und eine Kuh. Nun öffnet er den Mund. Gleich wird es Tote geben.

„Ah, eine Muhkuh.“ Er lacht herzlich auf.

Mich überfordert seine Gnade komplett.

„Ich zieh mal das Segel hoch und guck, ob wenigstens damit alles in Ordnung ist“, sagt mein Mann lieb.

Drei Motorboote mit Anglern in Tarnanzügen fahren dicht am Hafen vorbei. Wir winken. Da fällt mir was ein. „Ach übrigens“, sage ich. „Falls du deine Blutdrucktabletten suchen solltest, die hab ich eingepackt.“

Er dreht sich um. „Du hast was???“

„Die Tabletten eingepackt. Weil du sie sonst vergessen hättest. Und wir sind doch recht lange unterwegs. Natürlich hättest du dir ein Rezept …“

Er starrt mich an. „Ein Rezept?? Hier?“ Darauf ist er offenbar gar nicht gekommen.

Mein Mann schreit nun wie William Wallace, der in „Braveheart“ am Schluss „Freiiiiiiheiiiiiit!“ brüllt: „Sie hat meine Blutdrucktabletten!!!“

Die im Hafen auf ihren Booten sitzenden Eigner stehen auf und applaudieren.

Und dann saust von der Schlei kommend ein Angelhaken mit spitzem Köder in unser hochgezogenes Segel und verheddert sich darin. Der Angler zieht verzweifelt an der Schnur und macht damit alles noch viel schlimmer. Natürlich reißt das Segel ein.

Mein Mann holt Luft: „Du verdammter Schwachkopf, du hirnloser Trottel, kannst du mit deinem blöden Tarnanzug vielleicht nach Nordkorea fahren und da angeln, ja? Weg hier, haut ab! Und ihr … grrrrr!“ Blutunterlaufener Blick aus seinen Augen, während er Bubi und Lalli anschaut, die schreiend zurück aufs elterliche Boot flüchten.

„Ich hab in einer Doku gesehen, dass man gerade im Alter auf eine korrekte Tabletteneinnahme achten muss, und dann komm ich hier an und stelle fest, dass ich die Dinger vergessen habe. Ich war sogar beim Yoga, damit mein Blutdruck nicht steigt.“

„Jetzt ist ja alles gut.“ Ich hole die Tabletten. Sofort nimmt er eine.

„Was würde ich nur ohne dich machen?“

„Ach …“ Ich bin gerührt.

„Ich meinte die Tablette. So, nachher wird hier geputzt, ihr Blagen, und wenn der Schwachkopf von Motorfritze uns nicht bald die richtigen Teile bringt, dann gnade ihm Gott!“

„Meinen Sie mich?“, fragt der Motormann, der plötzlich vor uns steht.

„Ah, genau. Haben Sie die Teile?“

„Nein, die sind erst im Herbst wieder lieferbar. Müssen Sie halt nachhaltig nur segeln, zu viel unter Motor fahren ist sowieso nicht gut für die Gewässer. Denken Sie mal an die Fische!“

Ein vorbeilaufender Tourist mit Hund bleibt stehen. Und während der Hund sein Bein hebt, hebt mein Mann beide Hände gen Himmel und lässt endlich alles raus, was er runterschlucken musste.

Ich lehne mich entspannt zurück.

Alles ist wie immer.

Alles ist gut.

Steffi von Wolff

  Die Autorin hat sich vor allem durch erfolgreiche Buchveröffentlichungen einen Namen gemacht. Zu ihren Werken zählen unter anderem "Hafenkino: Mein Mann, seine Alte und ich" oder auch "Aufgetakelt". In der YACHT schreibt sie in unregelmäßigen Abständen augenzwinkernd über die Untiefen des Fahrtenseglerlebens. Seglerisch ist die 56-Jährige aus Hamburg auf der Ostsee zu Hause, bevorzugt bereist sie die Dänische Südsee.Foto: S. von Wolff
Die Autorin hat sich vor allem durch erfolgreiche Buchveröffentlichungen einen Namen gemacht. Zu ihren Werken zählen unter anderem "Hafenkino: Mein Mann, seine Alte und ich" oder auch "Aufgetakelt". In der YACHT schreibt sie in unregelmäßigen Abständen augenzwinkernd über die Untiefen des Fahrtenseglerlebens. Seglerisch ist die 56-Jährige aus Hamburg auf der Ostsee zu Hause, bevorzugt bereist sie die Dänische Südsee.

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