YACHT
· 18.05.2026
Auf den Tag genau zwanzig Jahre ist es her, dass Dee Caffari in Southampton über die Ziellinie fuhr und damit einen Platz in den Geschichtsbüchern des Segelsports eroberte. Mit ihrer 72-Fuß-Yacht „Aviva" hatte die damals 33-Jährige etwas geschafft, was vor ihr nur sechs Männer gewagt hatten: Sie umsegelte die Welt einhand, nonstop und gegen die vorherrschenden Winde – die sogenannte „unmögliche Route" von Ost nach West über die gefürchteten Gewässer des Southern Ocean.
178 Tage, 3 Stunden, 6 Minuten und 15 Sekunden war sie allein auf See. Sie überstand zwölf Stürme mit Windstärken über 10 Beaufort, musste miterleben, wie ihr Boot kenterte, navigierte drei Tage lang durch Eisberge und kämpfte mit einem defekten Autopiloten. Doch sie gab nie auf. Noch mit den Emotionen der Ankunft, dem Salz des Meeres auf der Haut und den Bildern der Stürme im Kopf, setzte sich Dee Caffari zu einem bemerkenswerten Gespräch: Ihr Gegenüber war Wilfried Erdmann, der einzige Deutsche, der diese extreme Herausforderung gemeistert hatte, und der damalige YACHT-Redakteur Mathias Müller. Was folgte, war mehr als ein Interview – es war auch ein Dialog zwischen zwei Menschen, die wissen, was es bedeutet, allein gegen die Elemente zu kämpfen.
Anlässlich des 20. Jahrestags veröffentlichen wir dieses historische Dokument erneut – ein authentisches Zeugnis einer außergewöhnlichen Leistung und ein faszinierender Einblick in die Gedanken einer Pionierin unmittelbar nach ihrem Triumph.
Dee Caffari: Es war ein unglaublich aufregender Moment, eine Art Befreiung. Wir, die „Aviva" und ich, hatten es tatsächlich geschafft. Ich konnte zum ersten Mal seit 178 Tagen wieder komplett entspannen. Und ich war sehr, sehr stolz.
Ja, das ist das Größte, was ich bisher erlebt habe.
In der Hafeneinfahrt mit den brennenden Fackeln in den Händen hatte ich den Eindruck, ich könnte fliegen, so leicht und entspannt fühlte ich mich. Man muss bedenken: Ich war nie zuvor lange allein. Überwältigend war der Moment, als ein Blizzard von weißen und gelben Konfettistreifen auf mich herabregnete.
Beim ersten Sturm habe ich gezittert. Aber man gewöhnt sich daran. Schließlich war es Routine«
Ja, habe ich. Zuerst dachte ich, es würde alles ganz cool werden. Ich war total entspannt. Aber als ich die Leute sah, kamen die Tränen. Ich habe mir dann gesagt, „reiß dich zusammen, du musst gut aussehen", aber nach einigen Momenten konnte ich es einfach nicht mehr zurückhalten und habe richtig geheult.
Eine Fregatte der britischen Marine begleitete mich über die Ziellinie. Hier in der Marina war es meine Mutter. Sie wurde als Erste zum Schiff geleitet. Dann kamen Prinzessin Anne und Sir Chay Blyth. Ich habe die Königliche Hoheit also nach meiner Mutter empfangen – sehr unüblich hier in Großbritannien.
Es war wirklich ergreifend, meine Mutter zu treffen. Weil sie in mir eine Gewinnerin sieht, hat sie extra eine Medaille anfertigen lassen. Sie hatte einige schlimme Momente während der letzten Monate. Zu beobachten, wie sich auf ihrem Gesicht eine große Erleichterung ausbreitete, zu wissen, dass sie von nun an wieder ruhig schlafen würde, das war für mich eine tolle Sache.
Das ist unglaublich. Auch meine Familie war sehr überrascht. Sie hatten sich gefragt, ob sie die Marina überhaupt finden würden. Als sie dann die Stadt erreichten und überall die Schilder sahen, stiegen sie aus dem Auto und fotografierten sie.
Am meisten sehnte ich mich nach einem Bad in einem Whirlpool. Das habe ich mir sofort am Tag meiner Ankunft gegönnt.
Ich war am Tag der Ankunft so beschäftigt mit dem Begrüßen von Familie, Freunden, Presse und Sponsoren, dass ich überhaupt nicht zum Essen kam. Ich trank nur Champagner. Die erste Mahlzeit war das Frühstück am nächsten Morgen.
Regenerieren? Nein. Immer wieder sprang ich nachts hoch, in der Annahme, ich müsste an Deck. Erst als mir bewusst wurde, dass ich in einem Hotelbett liege, sackte ich gelöst ins Kissen zurück.
Als ich den Southern Ocean verlassen habe und das Kap der Guten Hoffnung rundete. Um diese Ecke herumzukommen war für mich eine entscheidende Wendung. Vor allem psychologisch. Zum ersten Mal ging es wieder nach Norden. Von da an war klar: Alles, was ich mache, bringt mich dem Zuhause näher. Außerdem stiegen endlich wieder die Temperaturen an, und das Wetter wurde besser. Das Land war näher. Es herrschte mehr Verkehr. Ich kam mir nicht mehr so allein vor. Das alles gab mir mehr Sicherheit. Vorbei an den Kanaren, fühlte ich mich dann wieder wie zu Hause. Der Nordatlantik ist mein Revier. Dort dachte ich: „Ja, ich werde es tatsächlich schaffen."
Eine Menge. Vor allem mit den beiden Autopiloten. Am schlimmsten war es um Weihnachten in Südatlantik. Die Elektrik spielte verrückt. Wir mussten wirklich überlegen, ob es sicher sei, in den Southern Ocean zu segeln.
Nein, wahrlich nicht. Klar habe ich mich vorbereitet. Aber bei den schwierigen Reparaturen war ich auf mein Team angewiesen. Es hatte hier in Southampton die gleiche technische Anlage, wie ich sie an Bord hatte. Anhand meiner Fehlerbeschreibungen haben sie nach Lösungen gesucht. Durch manche Reparaturen haben sie mich geleitet nach dem Motto „Füge den roten und den blauen Draht zusammen".
Natürlich ist das Boot nicht unbedingt für eine Solofahrt kreiert worden. Aber definitiv ist es für diese Bedingungen gebaut worden. Da ich noch im vergangenen Jahr mit genau diesem Schiff und 17 Mann Crew die Global Challenge gesegelt bin und wusste, was sie aushalten kann, hatte ich vollstes Vertrauen in die „Aviva". Ich wusste, im allerschlimmsten Sturm würde ich die Segelfläche verringern, den Niedergang schließen und unter Deck abwarten können. Sie ist so stabil gebaut, dass sie nicht ohne weiteres ihren Mast oder sonst etwas verliert. Natürlich mussten wir einige Änderungen vornehmen, damit ich sie leichter allein segeln konnte. Wir haben einen zentralen Grinder mit Fußumschaltung für die einzelnen Winschen und Rollanlagen für die Vorsegel eingebaut. Die Segelfläche ist jedoch gleich geblieben.
Nein, wir haben darüber vorher diskutiert, aber ich wäre wohl physisch nicht in der Lage gewesen, es zu wechseln. Ich musste das Groß auch nur einmal ganz herunterholen. Das war in einem Sturm mit 75 Knoten Wind im Atlantik ausgangs der Biskaya.
Nur in dieser einen Situation, aber nicht im Southern Ocean.
Es ist komisch. Der Southern Ocean kann grauenhaft sein, aber im nächsten Moment auch magisch schön. Ich denke, ich werde wieder dort segeln. Aber dann der anderen Richtung folgend. Das geht einfach schneller.
Nein, nicht eine Seele habe ich gesehen. Sie etwa?
Nein, ich hatte in der knappen Vorbereitung keine Zeit dazu. Und die ersten vier Wochen allein auf See fand ich wirklich schwierig. Aber dann hatte ich zu Neujahr ein schönes Telefongespräch mit meiner Mutter. Und sie war sehr zuversichtlich. Also dachte ich, wenn sie so positiv ist, dann kann ich auch positiv sein. Von da an kam ich mit dem Alleinsein besser zurecht.
Der Lärm vom pfeifenden Wind im Rigg war manchmal beängstigend. Und man kann gar nicht so viele Dinge festzurren, dass es im Southern Ocean stiller wird.
Nun, während der Global Challenge fragte mich Sir Chay Blyth in Kapstadt, ob ich Lust dazu hätte. Er meinte, ich könne die erste Frau sein, die es schafft. Ich kehrte dann im Juli vom Rennen zurück, zurrte im September das Sponsoring fest und fragte meine Leute, wie schnell sie das Schiff umbauen könnten. Sie schafften es in acht Wochen. Ich hatte durch die Global Challenge die nötige Erfahrung, und ich hatte das richtige Boot. Ich wollte die Möglichkeit nutzen, meinen Namen in die Rekordbücher einzutragen. Wissen Sie, irgendwann werden Frauen schneller auf dieser Strecke segeln, werden immer wieder die Zeit verbessern. Aber ich werde die Erste bleiben.
Natürlich. Ohne Sir Chay Blyth hätte ich jetzt nicht meinen festen Platz in den Geschichtsbüchern des Segelsports. Er ist ein großartiger Mann. Er bot mir die Gelegenheit, und ich habe sie genutzt.
Auf der „Aviva" bin ich schon vor diesem Versuch 35 000 Seemeilen gesegelt. Davor wiederum 40 000 Seemeilen auf anderen Schiffen.
Ich habe als Kind mit meinem Vater angefangen. Aber nur zum Spaß. Als Jugendliche segelte ich dann Regatten und machte Scheine als Segellehrerin. So um die 20 habe ich dann Qualifikationen im Yachtsegeln erworben. Dann traf ich Mike Golding (segelte zuvor die gleiche Route, Anm. d. Red.), der mich in sein Team aufnahm. Später segelte ich für die Firma von Sir Chay als Skipperin eine der BT-Global-Challenge-Yachten.
… ja, im Southern Ocean. Kurz vorher war ich an Deck, weil ich etwas kontrollieren wollte. Und da sah ich diese enormen Wellen, deren Kämme vom heftigen Wind als weißer Schaum horizontal weggeweht wurden. Da wusste ich, dass es in den nächsten Stunden passieren könnte.
Das war der Horror! Es war zwar gut, sie zu sehen und die Verantwortung endlich teilen zu können. Aber nach 24 Stunden herrschte unten im Salon eine solche Unordnung – schrecklich. Außerdem musste ich sie immer darauf hinweisen, wie sie die Dinge zu tun und zu lassen hatten. Ich hatte halt meinen eigenen Rhythmus und war es nicht mehr gewohnt, meinen Raum zu teilen.
Viele sprechen von der Möglichkeit, den Titel einer „Dame" zu bekommen. Das ist aber für mich weit, weit weg. Natürlich wäre es toll. Aber, wirklich, Gedanken habe ich mir darüber noch nie gemacht.
Am liebsten habe ich die Story von Sir Peter Blake gelesen. Er war eine so große Persönlichkeit. Und seine Geschichte hat mich während meiner Reise inspiriert.
Das Tagebuch hat mir geholfen, meine Erlebnisse zu verarbeiten. Es war fast, als könnte ich mit jemandem reden. Ich werde darüber nachdenken, ob sich der Stoff in ein Buch umwandeln lässt.
Ich segelte drei Tage durch Eisberge. Das war meine schwerste Zeit. Eigentlich wollte ich immer Eisberge sehen, und als sie da waren, habe ich schnell ein Foto gemacht. Aber als dann die erste Nacht kam, fand ich das gar nicht lustig. Ich war mir nicht sicher, ob das Radar die Berge korrekt registrieren würde. Gleichzeitig wollte ich nicht komplett das Tempo drosseln. Ich wollte ja raus da. Zeitweise hatte ich das Gefühl, ich könne dem Eis, ja dem gesamten Southern Ocean nicht mehr entrinnen. Aber dann kam der Tag, den ich als Tag der Offenbarung bezeichne. Zum ersten Mal sah ich kein Eis mehr, und der Sonnenaufgang hatte diese unglaublich tollen Farben. Da hatte ich das Gefühl, das Schlimmste hinter mir zu haben. Von da an stieg meine Stimmung stetig an.
Ich hatte tatsächlich ein Sommerkleid verstaut. Es gab jedoch unterwegs keine Gelegenheit, es anzuziehen.
Ich verbrachte die meiste Zeit am Kartentisch. Dort hatte ich die Instrumente im Auge und konnte so schneller und sicherer entscheiden als an Deck. Dort befand sich auch eine Sitzbank, auf der ich schlafen konnte.
Als ich den Nordatlantik erreichte, wusste ich, ich würde es schaffen«
Nein, nicht direkt. Aber Mike Sanderson, der Skipper der „ABN Amro One", rief mich zwei Tage vor meiner Zieldurchfahrt über das Satellitentelefon an. Er meinte, immer wenn er und seine Crew gerade schweres Wetter oder Wind von vorn gehabt oder sich über das Essen beschwert hätten, hätten sie daran gedacht, was ich erdulde. Das hätte die Sache für sie erträglicher gemacht.
Ja, zwischen den vielen Sturmtagen im Southern Ocean gab es auch schöne. An denen habe ich es geliebt, die Albatrosse beim Fliegen zu beobachten. Als ich wieder im Atlantik segelte, habe ich Stunden damit verbracht, Delphine zu bestaunen, die mich und die „Aviva" begleiteten.
Täglich. Manchmal stand ich auch mehrmals pro Tag mit meinem Meteorologen Mike Broughton in Verbindung. Nur so konnte ich einigen schweren Fronten ausweichen und die Balance zwischen Sicherheit und zügigem Vorankommen finden.
Ja, sicher. Man kann nicht allen Wettern rechtzeitig ausweichen. Zwölf Stürme über 50 Knoten, also 10 Beaufort und mehr, habe ich im Süden durchsegelt. Aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran. Bei meinem ersten Sturm habe ich noch gezittert. Es folgte der zweite, dann der dritte, und schließlich wurde es Routine.
Die meiste Zeit sitze ich unten am Navitisch und beobachte die Instrumente. Das wird manchmal schon zur Obsession. Oft versuche ich auch zu erraten, welche Ziffer als Nächste auf der Windanzeige erscheint.
Ich hatte sowohl gefriergetrocknete Nahrung an Bord als auch viel Nudeln und Reis. Leider jedoch konnte ich einige Gerichte gar nicht zubereiten, weil ich zur Reparatur meines Autopiloten einige Teile aus meinem Gaskreislauf hatte ausbauen müssen. Somit war der Ofen unbrauchbar. Meine Kuchen- und Brotmischungen konnte ich damit vergessen.
Nein, aber meine Figur hat sich verändert. Meine Beine sind etwas dünner, die Schultern breiter geworden. Insgesamt bin ich muskulöser geworden.
Irgendwann werden andere Frauen schneller segeln. Aber ich werde immer die Erste bleiben«
Sicherheit ist bei einer solchen Unternehmung Programm. Da muss man sehr selbstdiszipliniert sein. Ich kenne meine Fähigkeiten an Bord einer Yacht, weiß genau, wann der Zeitpunkt da ist, den Gurt anzulegen.
Es ist eher eine Frage des Seegangs.
Zweieinhalb Mal. Einmal wollte ich hoch und hatte nur ein kleines Windfenster, um die Instrumente im Masttopp nach dem Blitzeinschlag zu befestigen. Der Seegang war jedoch immer noch zu stark, sodass ich auf halbem Weg kehrtmachen wollte. Aber ich konnte den Mechanismus nicht von hoch auf runter umstellen und wurde bei meinen Versuchen wild im Rigg hin und her geschleudert. Ich brauchte eineinhalb Stunden, um wieder an Deck zu kommen.
Ich wollte immer so schnell segeln, wie es geht. Aber in den schweren Stürmen muss man in einen Überlebens-Modus wechseln. Das war über große Strecken im Southern Ocean der Fall.
Nicht noch einmal so! Nicht wieder gegen den Wind. Vielleicht anders herum. Mit einem schnellen Boot wie einem Open 60 wäre es eine coole Sache. Auch die Vendée Globe ist ein interessantes Rennen.