Dass Segler ihre Boote von der Winterplane befreien und schon mal von den Törns der Saison zu träumen beginnen, ist dieser Tage nichts Besonderes. Wenn aber der Bretone Yann Quenet das bisschen Persenning über seinem vier-Meter-Boot lüftet, darf wieder etwas Ungewöhnliches erwartet werden. So klein das Boot, so groß die Pläne.
Er ist zurück – und zwar mit einem Plan, der selbst für seine Verhältnisse verrückt klingt: Yann Quenet, der 57-jährige Bretone, der bereits einmal in einem selbstgebauten Vier-Meter-Boot die Welt umsegelt hat, erweckt sein Boot aus dem Winterschlaf. "Hallo Freunde. Ein großer Tag heute!", meldet er sich mit verschmitztem Grinsen in einem Video aus der kanadischen Wildnis. Nach fast fünf Monaten bei bis zu minus 40 Grad in einer abgelegenen Blockhütte außerhalb von Amos in der Region Québec. hat er nun sein legendäres, leuchtend rotes Segelboot "Baluchon" aus den Schneemassen befreit. "Ich habe sie fünf Monate lang nicht gesehen. Oh, es macht mir so eine Freude, sie zu sehen!"
Die extreme Kälte war genau das, was er gesucht hatte – denn der unkonventionelle Segler hat sich damit einen Kindheitstraum erfüllt: In einer einsamen Blockhütte, umgeben von Schnee und Eis, lebte er wie in einem Jack-London-Roman – Holz hacken, Schneeschuhlaufen, Tee trinken und am Kaminfeuer träumen. Jetzt aber beginnt ein neues Kapitel seiner außergewöhnlichen Reise mit „Baluchon“. "Die Leute haben mir ziemlich seltsame Fragen gestellt, wie ich das Boot einwintert habe und so“, erzählt er und fährt fort: „Es gibt keinen Motor, es gibt keine Sanitäranlagen. Also gibt es nichts zu tun, außer alles zu schließen und dann abzuwarten." Nur ein paar kleine Schäden hat er während der Wintermonate repariert, an der Luke, den Lüftungsmanschetten und einem kleinen Riss im GFK.
Jetzt noch ein bisschen putzen, dann kann es weitergehen. Quer durch Kanada über die Rocky Mountains bis nach Vancouver – mit dem Segelboot auf dem Anhänger. Von dort aus will der Minimalist im Sommer seine zweite Weltumsegelung fortsetzen. Er kann nicht anders. Seit er mit Anfang 50 seinen Job an den Nagel hing, hat er sein Leben dem Meer und dem Segeln auf einem winzigen Boot verschrieben. Und für ihn steht fest: Das Abenteuer geht weiter, egal ob auf dem Wasser oder über verschneite Bergpässe.
Yann Quenet aus Saint-Brieuc ist kein gewöhnlicher Segler. Der autodidaktische Bootsbauer hat sich auf Kleinboot-Projekte spezialisiert und in der Bretagne bereits mehrere Mikroboote gebaut. Sein Traum von einer Weltumsegelung begleitete ihn sein ganzes Leben – doch erst mit 50 Jahren wagte er den Sprung. Er kündigte seinen Job, baute sich ein eigenes Boot und warf die Leinen los.
"Eigentlich bin ich ganz für mich allein losgesegelt und nicht davon ausgegangen, dass sich irgendjemand für das interessiert, was ich mache", erzählt der bescheidene Einzelgänger. Doch sein minimalistisches Abenteuer sollte weltweit für Aufsehen sorgen und ihm Tausende von Followern bescheren.
Dabei gab es durchaus Momente, in denen dem stets fröhlich wirkenden Mann mit den markanten Lachfalten um die Augen wenig nach Scherzen zu Mute gewesen sein dürfte. Denn Yanns Weltumsegler-Geschichte beginnt mit einem Schiffbruch – dem seines ersten selbstgebauten 4,30 Meter langen Segelboots namens "Skrowl", mit dem er von der Bretagne aus zu einer Solo-Weltumrundung aufgebrochen war.
Die unglückselige Reise begann im August 2015 von A Coruña in Nordspanien aus. Als er noch 450 Meilen von Madeira entfernt war, wurde er von einem Sturm eingeholt. In jener Nacht packte eine Welle die Skrowl" und brachte sie zum Kentern. Ihre Lage blieb stabil, jedoch kieloben und größtenteils mit Wasser gefüllt. Quenet überstand die Kenterung in einer Luftblase im Inneren, schwamm hinaus und kletterte auf den rutschigen Rumpf. Er wurde von einem Frachtschiff gerettet. Aber deswegen aufgeben? Keine Option. Er baute sein Vier-Meter-Boot "Baluchon", ein verbessertes Design, und startete 2019 erneut
In den drei Jahren von 2019 bis 2022 umrundet Quenet als erster Mensch die Welt in einem nur vier Meter langen, motorlosen Sperrholzboot. Eine dieser Leistungen, die als unmöglich gelten – bis einer es einfach macht. In seinem Fall „einfach“ im wahrsten Sinne des Wortes. Kompromisslos minimalistisch beschränkt sich der Innenraum seines Bootes auf zwei Quadratmeter. Dort ist alles untergebracht: Koje, Proviant, Ausrüstung. Eine Matratze, ähnlich einer Turnmatte aus der Sporthalle, ist in den Kajütboden eingelassen – das hält Quenet bei rauem Wetter sicher und bietet maximale Kopffreiheit. Als Kopfkissen dient sein gelber Kleidersack. In wasserdichten Behältern werden Essen, Ersatzteile und Regenbekleidung verstaut. Gekocht wird auf einem kleinen Campinggaskocher, der am Kajütboden befestigt ist. Toilette? Keine. Dusche? Keine. Stehhöhe? Nur mit dem Kopf aus der Luke.
Seine Route führt schnurstracks westlich über den Atlantik in die Karibik. Die Navigation erfolgt mit nur einem Smartphone als GPS, geladen mit einem kleinen Solarpanel. Als in der Karibik die Batterien ausfallen, beweist Quenet sein Improvisationstalent: Er baut sich eine Windfahnensteuerung aus altem Sperrholz (gefunden in einem Mülleimer auf Guadeloupe), einem PVC-Rohr, einem durchgesägten Bootshaken und einer Kunststoffspule zum Aufwickeln von Angelschnur – für weniger als 20 Euro. Sie funktioniert perfekt und steuert die "Baluchon" über Tausende Seemeilen.
In Panama geht es auf einen unfreiwilligen Landgang: Sein Boot ist zu klein für die Passage des Panama-Kanals und muss huckepack auf einem Trailer rüber auf die Pazifikseite. Dort erfüllt sich der erste Kindheitstraum: "Von den Marquesas habe ich schon als kleines Kind geträumt. Es sind mythische und aus der Zeit gefallene Inseln. Ich habe immer daran gedacht, dort einmal auf eigenem Kiel anzukommen. Das dann wirklich zu tun – das war ein Wahnsinnsmoment", sagt er 2022 im Interview mit der YACHT.
Bald schon macht ihm die Pandemie einen Strich durch die Törnplanung. Australien verweigert ihm den Besuch. Also segelt Quenet 77 Tage nonstop von Neukaledonien nach La Réunion – eine der längsten Solo-Passagen in einem so kleinen Boot überhaupt. "Das Schwierigste war, ausreichend Proviant mitzunehmen auf dem kleinen Boot. Genug Wasser konnte ich nicht stauen, ich musste schließlich Regen auffangen", erinnert er sich. Seine Ernährung: gefriergetrocknete Nudeln, Sardinendosen, Kekse. Tag für Tag, Woche für Woche.
In seinem Buch "Mein Tiny Boot" beschreibt er die Bedingungen: "Um eine Ahnung von den Bedingungen zu bekommen, muss man sich nur vorstellen, in einem Bob eine fast 6.000 Kilometer lange schwarze Skipiste hinunterzuschießen, die zuvor von der Artillerie unter Dauerbeschuss genommen wurde." Für die Wellen ist die "Baluchon" kaum mehr als ein Pingpongball. "Das Boot legt sich auf die Seite, richtet sich wieder auf, ein bisschen wie im Inneren einer Waschmaschine im Schleudergang. Man bekommt Schläge ab, aber andererseits bleibe ich da und lese weiter, als wäre nichts."
Später in Südafrika darf das tapfere Boot ein weiteres Mal auf Landgang. Man muss ihm nicht alles zumuten, und dazu gehören wohl auch die eigentümlichen See- und Strömungsverhältnisse am Kap der Guten Hoffnung. In Richards Bay geht es aus dem Wasser und dann etwa 1.800 Kilometer über Land nach Kapstadt. Von dort geht es im weitesten Sinne heimwärts, über St. Helena nach Brasilien und schließlich nach Trébeurden in seiner bretonischen Heimat.
Als Quenet im August 2022 seine bretonische Heimat erreicht, warten am Kai Hunderte Menschen. Nach drei Jahren auf See kann er kaum noch geradeaus laufen. "Das war mir ein bisschen peinlich. Alle müssen denken, dass ich total betrunken bin."
Das ist er nicht, allenfalls nicht so ganz landtauglich auf Dauer. In seinem beschreibt er, wie nach fast zwei Jahren Landlebens eines Morgens ein Sonnenstrahl auf "Baluchon" in seiner Werkstatt fällt und sein Herz einen Freudensprung macht. 30.000 gemeinsame Seemeilen, in denen das Boot alles mit Bravour gemeistert hat: "Ich wollte nur so schnell wie möglich wieder aufs Meer zurückkehren. Alles andere wäre töricht gewesen." Aber zunächst wird die „Baluchon“ erweitert.
In sein erstes Boot, die "Skrowl", hatte Quenet etwa 200 Stunden für das Design und 1.200 Euro für den Bau investiert. Doch dass sie sich nach der Kenterung nicht selbst wieder aufrichtete, machte sie unbrauchbar für das Vorhaben Weltumsegelung. Daraus lernte Quenet und entwickelte das selbstaufrichtende "Baluchon"-Konzept.
Die erste Version der "Baluchon" ist ein vier Meter langes Sperrholz-Kielboot mit einem stumpfnasigen Scow-Rumpf in leuchtendem Rot und Eiscreme-Weiß - eine Bauweise mit flachem Boden und gerader, stumpfer Bugform, die maximales Volumen bei minimaler Länge bietet, ideal für ein ozeantaugliches Mikroboot. Gesegelt wird das „Bündel“ - so die deutsche Übersetzung des Namens - mit einem Kat-Rigg mit einem Rollmast ohne Baum. Ein Karbonausleger hält die Schot im richtigen Winkel beim Vorwindkurs. Kosten: 400 Stunden Arbeit und 4.000 Euro Material.
Für seine zweite Weltumsegelung modifiziert Quenet das Boot in seiner Garage grundlegend. Er verlängert es um ganze 20 Zentimeter und investiert diesmal 6.000 Euro. Er reduzierte die Fläche der Luken stark für bessere Isolierung gegen Kälte und Hitze – wichtig für die Nordroute, die er nun angehen wollte. Außerdem installierte er eine Innenpinne mit Autopilot für Hafeneinfahrten und beim Passieren von Schiffen, gespeist von einer 110Ah Gel-Batterie. Für die zweite Tour entschied er sich auch für ein kleineres Segel. Der feste Kielballast wich zwei Hubkielen mit 60-Kilogramm-Bomben, kombiniert mit einem einziehbaren Ruder. So lässt sich das Boot leichter trailern und der Tiefgang in Küstennähe reduzieren. "Mit denselben Mitteln würde ich noch einmal das gleiche Boot bauen", sagt er über sein Design. "Mit etwas mehr Budget würde ich nur einige Kleinigkeiten ändern."
Im Juni 2024 startet Quenet zu seiner zweiten Weltumsegelung – diesmal auf einer nördlicheren Route durch Kanada und in die hohen Breiten. Nach Zwischenstopps auf den Kapverden und in Martinique segelte Quenet in 39 Tagen von Saint-Martin zum französischen Archipel Saint Pierre und Miquelon südlich von Neufundland.
Dann beginnt die größte Herausforderung dieser Etappe: Der Aufstieg den Sankt-Lorenz-Strom hinauf nach Quebec City – ohne Motor, nur mit Wind und Strömung kämpfend. "Wir sind mit Baluchon fast den ganzen Weg den Sankt-Lorenz-Strom hinaufgefahren, was am Anfang nicht vorgesehen war; wir hatten ein bisschen Mühe... Ich kann es immer noch nicht glauben, wir sind hier in Québec. Es hat zwei Monate gedauert, den Fluss hinaufzufahren, was nicht sehr glorreich ist, aber hey, wir haben keinen Motor." Besonders die Einfahrt in den Saguenay River ist dramatisch: "Der Saguenay ist ein großer Fluss, über 100 Kilometer lang und sehr tief. Bei Ebbe fließt das ganze Wasser in den Sankt-Lorenz-Strom. Das erzeugt ziemlich beeindruckende Strömungseffekte, sodass ich mir ordentlich die Arschbacken zusammenkneifen musste."
Die Québécois nehmen den sympathischen Franzosen mit offenen Armen auf. "Es ist selten, dass man jemanden sieht, der kaum Platz hat, sich in seinem Boot umzudrehen", staunt ein Helfer am Kai. Die Pfadfinder von Groß-Montreal schenkten ihm sogar ein Auto – "Louise", einen Minivan, mit dem er jetzt "Baluchon" auf dem Anhänger durch Kanada transportieren kann. Im Sommer soll sein Microsegler in Vancouver ins Wasser, dann soll es über Mexiko, Polynesien endlich doch einmal nach Australien gehen. Vielleicht ist er in etwa drei, vier Jahren wieder zuhause in seiner bretonischen Heimat. Ganz sicher kommt bis dahin keine Langeweile auf.

Redakteurin Panorama und Reise