Heinz Albers ist 81 Jahre alt. Doch das hält den ehemaligen Architekten aus Wilhelmshaven nicht davon ab, jeden Sommer für mehrere Monate auf seinem Boot zu leben. Englischer Kanal, deutsche Küste, Dänemark, Schweden – vieles haben er und seine Frau bereits gesehen. Aufhören? Das sei keine Option – zumindest jetzt noch nicht. Für Thomas Wöltjen, 73, ist die Entscheidung hingegen gefallen. „Da ist schon ein weinendes Auge dabei“, sagt er, doch der Entschluss bleibt. Seine Beneteau First 42 soll verkauft werden. Statt auf dem Wasser soll es künftig auf der Straße weitergehen – mit einem Wohnmobil.
Zwei Männer, beide seit Jahrzehnten auf dem Wasser. Beide stehen vor derselben Entscheidung. Dennoch ziehen sie unterschiedliche Konsequenzen zu einer vielleicht unliebsamen, aber unausweichlichen Frage: Wann ist Schluss mit dem Segeln?
Es ist ein für viele unbequemes Thema, eines, über das selten gesprochen wird – doch die Seglerszene wird immer älter. Zahlen des Verbands Maritime Wirtschaft Deutschland (VMWD) zeichnen dahingehend ein klares Bild: Das Durchschnittsalter der Seglerinnen und Segler liegt bei 62 Jahren. Die Boomer-Jahrgänge von 1955 bis 1969 treiben diese Zahl nach oben. Aber 62 Jahre – ist das überhaupt alt? Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert: Der Übergang ins Alter beginnt zwischen dem 60. und dem 65. Lebensjahr. Menschen bis 75 gelten als „junge Alte“, darüber hinaus als betagt, ab 89 Jahren als hochbetagt.
Doch was sagen solche Kategorien wirklich aus? Entscheidender ist: Irgendwann kommt dieser Moment. Thomas Wöltjen und Heinz Albers erleben ihn gerade – und gehen völlig unterschiedlich damit um. Ihre Geschichten zeigen, wie persönlich diese Entscheidung ist.
Thomas Wöltjen segelt seit seinem zwölften Lebensjahr. Als Jugendlicher bestritt er Regatten auf der Jolle, mit dreißig wechselte er aufs Dickschiff. Er fuhr große Wettfahrten, überquerte den Atlantik und den Indischen Ozean. „Ich habe alles erlebt“, sagt Wöltjen. Zuletzt ließ er sein Boot ganzjährig im Wasser – man wisse ja nie, ob man an Silvester nicht segeln wolle. In den Sommern segelte er mit seiner Frau mehrere Monate am Stück. Doch zu viele verregnete Sommer zermürben selbst eine jahrzehntelange Leidenschaft. „Im Alter wird man empfindlicher, zum Beispiel was die Wärme angeht“, sagt Wöltjen. „Man wird bequemer. Es ist einfach so.“ Die Familie tauschte das Boot gegen ein Wohnmobil – und kam auf den Geschmack. Mittlerweile haben sie ein eigenes. „Wenn andere bei schlechtem Wetter im Hafen hängen, können wir einfach weiterfahren.“
Warum über das Alter und den Abschied vom Segeln kaum gesprochen wird? Wöltjen erklärt es so: „Viele Eigner wissen genau, was sie in ihre Boote investiert haben. Diesen Wert – materiell wie emotional – wollen sie so lange wie möglich erhalten.“ Dass dann der Körper streikt, wollen viele nicht wahrhaben. Auch in seinem Bekanntenkreis spielen mehrere Siebzigjährige mit dem Gedanken, aufzuhören.
Die Zahlen des Branchenverbandes VMWD bestätigen das: Mit durchschnittlich 75 Jahren hören Menschen mit dem Segeln auf. Das ist etwa fünf Jahre später als noch 2019. Damals trennte sich rund die Hälfte der Eigner mit 70 Jahren von ihrem Boot. Auch das Durchschnittsalter der Segler ist gestiegen – von den Mittfünfzigern auf heute 62 Jahre.
Das Alter ist bei vielen ein wunder Punkt, sagt auch Jens Kroker, Geschäftsführer der Turning Point Stiftung. Die Organisation setzt sich für Inklusion im Segelsport ein – körperliche Beeinträchtigungen spielen dabei oft eine zentrale Rolle. Kroker kennt das Problem aus Gesprächen: Mit dem Alter kommen Einschränkungen, die Menschen trauen sich immer seltener aufs Boot. Darüber sprechen wollen viele nicht. „Eher verkaufen sie ihre Boote und trennen sich vom Segeln, als dass sie auf barrierefreie Alternativen umsteigen.“
Kroker wünscht sich mehr Offenheit. Erst wenn es einen Diskurs zu dem Thema gebe, ließen sich die verschiedenen Hürden in dem Bereich abbauen. Doch das sei ein gesellschaftliches Problem, keines, das nur den Segelsport betreffe. „Ich glaube, das Thema wird uns als Gesellschaft zunehmend beschäftigen: Wie können Menschen sportlich aktiv bleiben? Welche Sportarten sind geeignet?“, sagt Kroker.
Die Turning Point Stiftung arbeitet bereits an ersten Ansätzen. Ihre Lösung: ein Patenschaftsmodell. Es bringt ältere und jüngere Segler zusammen. Die Jungen übernehmen Aufgaben, bei denen Ältere an ihre Grenzen stoßen. Im Gegenzug nutzen sie ein Boot, das sie sich sonst nicht leisten könnten, und die Älteren bekommen Unterstützung an Bord. „Es ist eine Win-win-Situation“, sagt Jens Kroker. Erste Beispiele gibt es bereits. Weitere sollen folgen.
Thomas Wöltjen bleibt bei seiner Entscheidung. „Irgendwann ist der Zenit überschritten. Dann kommen viele Faktoren zusammen“, sagt er. Das Segeln sei das eine, die Gesundheit das andere. Wöltjen hat neuerdings mit Gleichgewichtsproblemen zu tun. Das Klettern auf eine Leiter fällt ihm schwer. „Irgendwann ist es so weit“, sagt er, dann könne man nicht mehr alles selbst handhaben oder sich sicher an Bord bewegen. „Dann sollte man vernünftig sein.“ Und so verkaufen die Wöltjens ihr Boot.
Diese Einsicht traf auch Stanley Paris. Statt einen Gang zurückzuschalten, wollte er noch mal hoch hinaus: Als ältester Mensch wollte er mit über 80 Jahren nonstop um die Welt segeln. Er wagte mehrere Anläufe, startete immer wieder in Florida mit seiner „Kiwi Spirit II“. Doch die Versuche 2014, 2015 und 2018 scheiterten. Im Frühjahr 2022 folgte das endgültige Aus. Bei seinem letzten Anlauf streikte der Autopilot derart, dass Paris in Kapstadt zwischenstoppen musste. Hinzu kamen gesundheitliche Probleme. Eine geschwollene Prostata zwang ihn schließlich zur Heimkehr. Auf seinem Blog schrieb er später: „Als jüngerer Mann dachte ich nie über Gesundheitsrisiken nach – nur über körperliche Gefahren. Jetzt, als Achtzigjähriger, muss ich sie ganz oben auf die Liste setzen.“ Es war sein letzter Blogeintrag. Seither ist es still geworden um den engagierten Segler.
Vernünftig sein – das wollte auch Heinz Albers. Noch im hohen Alter wollte er mit seinem Boot segeln können. Das stand fest, als er sich vor einigen Jahren seine Contest 43 kaufte – sein „Rentnerschiff“, wie er sagt, und sein siebtes Boot. In weiser Voraussicht rüstete er auf. Alles sollte altersgerecht sein: 100-PS-Maschine, elektrische Winschen, 10-PS-Bugstrahlruder und Rollsegel. Den Spott von Freunden und Vereinskameraden nahm er in Kauf. „Sie sagten, ich wäre ein Markisen- oder Knöpchensegler.“ Er lacht. Doch jetzt, im Alter, zahlt sich das aus. So kann er die Yacht bequem segeln – wenn nötig auch allein.
Bis zu seinem 73. Lebensjahr führte Albers ein Architekturbüro. Seit acht Jahren ist er im Ruhestand und macht nur noch, was ihm Freude bereitet. Jeden Sommer geht er gemeinsam mit seiner Frau mehrere Monate auf Törn. Zuletzt in der Ostsee, davor im Englischen Kanal entlang der französischen Küste. Guernsey, Visby – sie kennen viele Häfen. Er kenne auch einige, die auf einen „Raddampfer“ umgestiegen seien – also aufs Wohnmobil. Im Winter fahren sie damit in den Süden. „Darauf habe ich keine Lust. Da bin ich lieber auf meinem Boot. Solange ich das kann, brauche ich auch keinen Raddampfer.“
Sein Geheimrezept? „Man muss es gemütlicher angehen“, sagt Albers. Statt 100 oder mehr Seemeilen am Stück sind es heute eher 35. Bei schönem Wetter bleiben sie einen Tag länger im Hafen. „Wir sind früher Tag und Nacht gesegelt. Jetzt fahren wir zu Häfen, die wir kennen, und genießen es.“
Es gemütlich angehen: das funktioniert nicht nur bei erfahrenen Fahrtenseglern. Auch wer im Alter noch etwas Neues wagen will, findet so sein Glück. Davon ist Torsten Chudzik überzeugt. Er leitet die Segelschule Rerik und bietet fünfmal im Jahr Seniorengrundkurse an – eine Seltenheit in Deutschland. Nur wenige Schulen haben solche Kurse im Programm. Jedes Mal sind die Wochen-Kurse ausgebucht, sagt er. Gesegelt wird auf einer Saturn 27. Sie sei ideal für Menschen mit körperlichen Einschränkungen – ebenso wie das Revier. Das flache Salzhaff südlich von Rerik bietet Schutz und schafft ideale Bedingungen für Einsteiger. Und das Konzept geht auf, die Rückmeldungen fallen durchweg positiv aus, sagt Chudzik. Senioren aus ganz Deutschland reisen in den kleinen Ort im Nordwesten Mecklenburg-Vorpommerns, um das Segeln zu lernen – oder sich eine lang gehegten Kindheitstraum zu erfüllen.
Anders als in regulären Grundkursen endet die Woche nicht zwingend mit dem Grundschein. Stattdessen wählen die Teilnehmer des Seniorengrundkurses selbst – entweder sie legen die Prüfung ab und gehen mit einem Schein nach Hause, oder sie belassen es bei der praktischen Erfahrung, die sie während des Kurses sammeln konnten. Manchen sei der Prüfungsstress schlicht zu viel, sagt Chudzik. „Die Senioren haben das Segeln noch auf dem Zettel, wollen sich aber nicht mehr durch Prüfungen quälen.“ Dann lassen sie es gemütlich angehen und genießen die Zeit auf dem Wasser.
Gemütlich will es auch Heinz Albers angehen. Im kommenden Sommer brechen er und seine Frau wieder auf – dieses Mal in Richtung Öresund. „Ich bin zufrieden, so wie es ist. Alles läuft gut. Ich habe Zeit und kann es genießen.“ Wann für ihn Schluss ist? Das weiß er noch nicht. Doch da hält er es wie Thomas Wöltjen: Wenn man sich nicht mehr sicher an Bord bewegen kann, dann ist Schluss.
Es sind Beispiele wie diese, die zeigen: Bei der Entscheidung, mit dem Segeln aufzuhören, gibt es kein Richtig oder Falsch. Stattdessen gibt es viele unterschiedliche Wege. Thomas Wöltjen wählte den Abschied mit Wehmut, aber ohne Reue. Heinz Albers lebt seine Leidenschaft hingegen weiter und setzt stattdessen auf technische Hilfsmittel und Gelassenheit. Und am Ende ist es das, was zählt: Es ist der eigene Weg, den man einschlägt, nicht das Alter.

Redakteur News & Panorama