FeuerlandAuf den Spuren von Gunther Plüschow

YACHT Online

 · 17.01.2026

Plüschow-Expedition vor 100 Jahren zu den Gletschern Feuerlands
Foto: Archiv
Vor 100 Jahren erkundete der berühmte deutsche Marineoffizier erstmals die entlegenen Regionen am südlichsten Zipfel Südamerikas. Es war der Auftakt spannender Expeditionen sowohl aus der Luft als auch auf dem Wasserweg, die Plüschow durchführte. Ihm zu Ehren segelt derzeit Osvaldo E. Escobar Torres mit wechselnden Crewmitgliedern einige Törns von damals nach.

Torres ist Skipper und Antarktis-Experte. Bereits mit 15 Jahren trat er in die chilenische Marine ein und diente als Leuchtturmwärter und Funker auf Kap Hoorn. Nach einem Tourismusstudium in Punta Arenas begann er seine Karriere als Berufsskipper und Expeditionsleiter. Heute lebt er in Deutschland und führt mit seiner Firma Polarwind Expeditions Segel- und Forschungsprojekte in die entlegensten Regionen der Erde – vor allem rund um Feuerland, Kap Hoorn und die Antarktis.

Derzeit ist Torres schon auf dem zweiten Törn unterwegs, der den Spuren von Plüschows folgt. Doch warum begeistert ihn der deutsche Marineoffizier und Luftfahrtpionier so sehr, dass er ihm eigens ein Projekt namens “100. Jahrestag der Ankunft von Gunther Plüschow in Chile” gewidmet hat? Darüber und über die Herausforderung, die die Gewässer, Fjorde und Gletscher für Segler bereithalten, sprach Silvia Kählert mit ihm. Sie ist Chefredakteurin von Chiles größter deutschsprachiger Wochenzeitung “Condor”.

​Silvia Kählert: Herr Torres, wie ist Ihr Interesse an dem Segler, Flugpionier und Abenteurer Gunther Plüschow entstanden?

Osvaldo E. Escobar Torres: Mein Interesse an der Expedition von Gunther Plüschow begann im Jahr 1995, als ich in Patagonien ankam und das erste Buch über seine Reise kaufte. Als Segler und tiefgehender Kenner der Kanäle im Süden Chiles hat diese Expedition für mich einen besonders persönlichen Wert.

Je mehr ich in verschiedenen Teilen der Welt segelte, desto näher rückte mir die Geschichte von Plüschow – von seinen Anfängen in Büsum, wo er aufwuchs, bis zu seinen Abenteuern in Südamerika. Das wurde besonders deutlich, als ich mit meiner Familie eine Weltumsegelung unternahm und dieselbe Route von Europa bis nach Patagonien segelte – auf einer 15 Meter langen Yacht, genau wie die «Feuerland». Wir teilten ähnliche Einschränkungen, Sorgen, Freuden und Herausforderungen – nur dass uns 90 Jahre Geschichte trennten.

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Heute ist es fast unvorstellbar, wie eine solche Expedition vor 100 Jahren durchgeführt wurde. Ihre Kleidung, technische Ausrüstung, Seekarten, das Design der Segelboote und die Kommunikation an Bord – all diese Aspekte haben sich sowohl in der Seefahrt als auch in der Luftfahrt enorm weiterentwickelt. Das moderne Segeln, das ich als recht «komfortabel» empfinde, lässt uns kaum noch erahnen, was jene Abenteurer damals wirklich erlebten. Deshalb erinnere ich mich immer wieder an diesen bekannten nautischen Ausdruck:

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Früher waren die Schiffe aus Holz und ihre Besatzungen aus Stahl. Heute sind die Schiffe aus Stahl – und ihre Seeleute aus Holz.”

Inwiefern ist gerade die Region Patagonien für Sie als Segler und für das Projekt interessant?

Die Region Magallanes ist geprägt von einer Reihe historischer Ereignisse von großer Bedeutung, beginnend mit der Entdeckung der Magellanstraße im Jahr 1520, über die Ankunft von Francis Drake 1578, die Entdeckung des Kap Hoorn 1616 bis hin zur Ankunft der «Goleta Ancud» in Magallanes im Jahr 1842. Sie ist neben vielen weiteren maritimen Ereignissen von weltgeschichtlicher Relevanz.

Die Expedition von Gunther Plüschow an Bord der «Feuerland» war für ihre Zeit eine außergewöhnliche nautische Leistung. Auch seine Überflüge mit dem «Silberkondor», bei denen erstmals die Gipfel Patagoniens fotografiert wurden, stellten einen Meilenstein in der Luftfahrterkundung der Region dar.

Was ist das Ziel des Projekts?

Das Hauptziel des Projekts ist es, eines der Kapitel der gemeinsamen Seefahrtsgeschichte, die wir mit Deutschland teilen, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Die erhaltene Dokumentation und die Bücher Plüschows ermöglichen es uns heute, die enormen Herausforderungen nachzuvollziehen, die diese Expedition in einer der unwirtlichsten, komplexesten und anspruchsvollsten Navigationsregionen der Welt mit sich brachte. Die gesammelten Quellen bilden zugleich die Grundlage dafür, einige der von Plüschow zurückgelegten Routen – insbesondere auf dem Seeweg an Bord der «Feuerland» – nachzuvollziehen und nachzufahren.

Wie entstand Ihre Zusammenarbeit mit dem Freundeskreis Gunther Plüschow und den Windjammer Freunden?

Unsere gemeinsame Arbeit mit dem Freundeskreis Gunther Plüschow begann, als ich in Ushuaia das Buch «Ikarus Gunther Plüschow. Ein Leben auf drei Kontinenten» des Autors Gerhard Ehlers gekauft und anschließend Kontakt mit dem Freundeskreis aufgenommen hatte. Schon bei unserem ersten Treffen erkannten wir sofort, dass wir die gleichen Interessen teilten. Dies ermöglichte es uns, eine schöne Freundschaft aufzubauen und gemeinsam den Weg zu gehen, eine gemeinsame Geschichte zwischen beiden Nationen – Chile und Deutschland – zu verbreiten.

Seit dem Jahr 2012 bin ich Mitglied der Windjammer Freunde in der Stadt Maintal. Unser Verein unterhält derzeit unsere Vereinsstätte mit dem Namen Cabo de Hornos, in der wir alle Arten von nautischen Aktivitäten sowie historische Präsentationen durchführen.

Darüber hinaus haben wir unentgeltlich Beiträge in der Region Magallanes geleistet, insbesondere mit Optimist-Jollen für die Kinder der Segelschule in Puerto Williams in der Gemeinde Cabo de Hornos. Außerdem haben wir bereits mehrere Projekte im Zusammenhang mit der 400-Jahr-Feier der Entdeckung des Kap Hoorn durchgeführt.

Wie wird Gunther Plüschows Expedition heute in Südamerika und Deutschland erinnert und gewürdigt?

Obwohl die Geschichte von Plüschow ihren Ursprung in Deutschland hat, entfaltet sie sich vollständig aus der Perspektive der Seefahrt und der Luftexpeditionen im chilenisch-argentinischen Patagonien. In Argentinien wird die Expedition bis heute gewürdigt – mit Straßennamen, einer Nachbildung von Plüschows Flugzeug und verschiedenen Gedenkveranstaltungen. Chile hingegen ist in Bezug auf dieses faszinierende historische Kapitel, das seinen Anfang in Punta Arenas nahm und später in der Region Kap Hoorn fortgesetzt wurde, etwas ins Hintertreffen geraten. Genau dieses Projekt möchte diese Situation in Chile verändern – mit dem Ziel, das 100-jährige Jubiläum dieses historischen Ereignisses in der Region Magallanes bekannt zu machen und zu feiern.

In Deutschland ist die Situation etwas anders: Der Name Gunther Plüschow ist heute weitgehend unbekannt. Interessanterweise war er jedoch zwischen 1926 und 1930 – nach der Veröffentlichung seiner beiden Bücher beim Ullstein-Verlag in Berlin – in ganz Deutschland ein Begriff. Sein Name stand damals für Mut, Abenteuer und Entdeckung. Mit unseren Reportagen, Dokumentarfilmen und Veröffentlichungen hoffen wir, diese Geschichte hier in Deutschland wieder ein Stück lebendig werden zu lassen.

Wie genau soll Ihr aktuelles Projekt aussehen?

Das Projekt selbst hat zum Ziel, die Geschichte von Gunther Plüschow in Chile – insbesondere in der Region Magallanes – weiter zu erforschen. Dazu werden wir umfangreiche Recherchen in verschiedenen regionalen Archiven durchführen und mit unserem Segelboot mehrere Fahrten in dieser Region unternehmen – ganz so, wie es einst Plüschow mit seinem Cutter «Feuerland» getan hat.

Für dieses Vorhaben begleitet uns eine Gruppe von Seglern aus Deutschland, darunter unser Freund und Plüschow-Biograf Gerhard Ehlers sowie verschiedene Journalisten aus Chile und Argentinien, Korrespondenten nautischer Magazine aus Deutschland und Spanien und Fotografen, die uns bei der Erstellung unserer kommenden Publikationen unterstützen werden.

Alle diese Aktivitäten, die bereits mit dem Wissen und der Unterstützung der chilenischen Behörden durchgeführt werden, bilden den Auftakt zur späteren Koordination der Feierlichkeiten zur Ankunft von Gunther Plüschow in Patagonien im Jahr 2027.

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