​Einhand-WeltumsegelungSie war die Erste – und wurde vergessen

Lars Bolle

 · 08.03.2026

​Einhand-Weltumsegelung: Sie war die Erste – und wurde vergessenFoto: picture alliance / PAP/ JAN MOREK
Krystyna Chojnowska-Liskiewicz an Bord ihrer „Mazurek“
​Am 20. März 1978 schloss eine polnische Schiffsbauingenieurin ihre Erdumrundung ab – als erste Frau der Geschichte, die allein die Welt umsegelt hatte. Krystyna Chojnowska-Liskiewicz legte 31.166 Seemeilen zurück, kämpfte gegen Stürme, politische Anfeindungen und eine Welt, die ihre Leistung kaum wahrnahm. Wer war diese Frau – und warum kennt sie fast niemand?

Es ist der 28. März 1976, als Krystyna Chojnowska-Liskiewicz in Las Palmas de Gran Canaria die Leinen loswirft. Ihr Ziel: als erste Frau allein die Welt zu umsegeln. Chojnowska-Liskiewicz, 1936 in Warschau geboren, hatte seit ihrem 16. Lebensjahr gesegelt und 1966 den Yachtkapitänsschein erworben. Sie wurde vom Polnischen Segelverband ausgewählt, als erste Frau eine Einhand-Weltumsegelung zu versuchen. Für die Reise wurde eigens die 9,5-Meter-Slup „Mazurek“ gebaut, unter der Leitung ihres Mannes. Ihre Route führte sie über den Atlantik, die Karibik und den Panamakanal hinaus in den Pazifik, mit Zwischenstopps in Barbados, Balboa, Tahiti und Australien. „Mazurek“ wurde nach dem polnischen Volkstanz benannt, zu deutsch Mazurka.

723 Tage, 31.166 Seemeilen

Am 28. März 1976 verließ die „Mazurek“ zum zweiten Mal Las Palmas. Das erste Ablegen hatte die Skipperin wenige Tage zuvor abgebrochen, weil der Autopilot ausgefallen war und repariert werden musste. Ein kleiner Vorgeschmack auf das, was kommen sollte. Die 9,5-Meter-Slup war mit allem bestückt, was eine Einhandseglerin braucht: Proviant, Seekarten, Navigationsbücher, ein Radiotelefon – und eine Schrotflinte. Für Piraten. Dass diese Waffe später in Tahiti beim Einklarieren zum Problem werden würde, ahnte Krystyna damals noch nicht.

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Atlantik und Karibik: Ankunft der Einsamkeit

Der erste große Abschnitt – die Atlantiküberquerung bis Barbados – dauerte fast einen Monat. Bereits hier machte sich die unvermeidliche Einsamkeit bemerkbar. Chojnowska-Liskiewicz versuchte, sie mit Beschäftigung zu bekämpfen: Reparaturen, Navigationsberechnungen, Logbucheinträge. Alle paar Tage sprach sie per Telefon mit ihrem Mann – doch die Gespräche drehten sich meist um technische und nautische Fragen; und an vielen Tagen in der Mitte des Atlantiks, bekam sie schlicht keine Verbindung.

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Motorschaden in Panama: Fünf Wochen Zwangspause

Von Barbados führte die Route nach Balboa, wo ein schwerwiegenderes Problem wartete: Die Maschine der „Mazurek“ versagte vollständig. Fünf Wochen lag das Boot in einem panamaischen Hafen, ehe der Motor repariert war. Erst am 12. Juli 1976 passierte sie den Panamakanal und öffnete damit die Tür zum Pazifik. Chojnowska-Liskiewicz entschied sich, die Galapagosinseln zu überspringen und direkt auf die Marquesas zuzuhalten; sie hatte für zwei Monate Frischwasser an Bord, das reichte.

Tahiti, fliegende Fische und eine einsame Seglerin

Auf den Marquesas begegnete sie der Australierin Donna Taylor, die mit ihrer Familie ebenfalls auf Weltreise segelte. Taylor erinnerte sich später: „Ich ruderte oft zu ihr rüber, um Tee zu trinken. Sie war sehr einsam." Tahiti war eine der großen Auszeiten der Reise. Und auf dem offenen Ozean sprangen ihr immer wieder fliegende Fische an Bord als unfreiwilliges, aber willkommenes Frühstück. Delfinschulen begleiteten die „Mazurek“ über Hunderte von Meilen; solche Momente zählte sie zu den schönsten Erinnerungen ihrer Reise.

Sydney: Wiedersehen, Rumpfpflege und ein schweres Abschiednehmen

Australien wurde zur längsten Pause. In Sydney ließ sie die „Mazurek“ aus dem Wasser heben. Der Rumpf war monatelang nicht gereinigt worden und mit Bewuchs übersät, der die Geschwindigkeit erheblich minderte. Dreieinhalb Monate wartete sie zudem auf das Ende der Hurrikansaison im Nordosten Australiens. Dort traf sie auch ihren Mann wieder, es war das einzige Treffen während der gesamten Reise. Mit schwerem Herzen verließ sie Sydney am 21. Mai 1977.

Das Great Barrier Reef: Bug an Bug mit dem Unbekannten

Dann kam das Great Barrier Reef. Sie musste ihre gesamte Expertise einsetzen, um zwischen den Riffen, Untiefen und Inselchen zu navigieren, beinahe scheiterte sie: „Der Passatwind brachte intensive Regenschauer, die alles verschleierten. In diesen Bedingungen kam ich Bug an Bug mit einem anderen Schiff in einem Durchgang zwischen zwei Inselchen. Ich hatte weder das Schiff noch die Zeichen noch die Inseln bemerkt – obwohl es Mittagszeit war."

Tasmanisches Meer: Die Rettungsinsel und die bloßen Hände

Im Tasmanischen Meer erwischte sie einer der heftigsten Stürme der Reise. Sie saß auf dem Boden der „Mazurek“, einem der stabilsten Plätze im Sturm, und blätterte in Seekarten, um herauszufinden, wie häufig solche Stürme dort überhaupt vorkommen. Dann schlug eine Welle das Boot auf die Seite. Alles flog von den Regalen. Und die 90 Kilogramm schwere Rettungsinsel spülte über Bord. Was folgte, grenzt ans Unglaubliche: Chojnowska-Liskiewicz zog die Insel mit bloßen Händen, halb über die Reling hängend, zurück an Bord; im Sturm. „Bis heute bewundere ich mich selbst dafür." Das passierte ihr zweimal. Beim dritten Mal riss das Befestigungsseil, und die Insel trieb in Richtung Antarktis davon.

Indischer Ozean: Gewaltige Wellen, Nierensteine, kein Funk

Der Indische Ozean gilt als einer der unberechenbarsten Weltmeere. Chojnowska-Liskiewicz kämpfte sich durch extreme Wellen und extreme Winde. Kurz vor Kap Agulhas, dem südlichsten Punkt Afrikas, traf sie erneut ein schwerer Sturm. Sie notierte: „Die Windgeschwindigkeit lag dauerhaft über 40 Knoten. Ich kreuzte einmal nach Norden, einmal nach Süden. Oft musste ich schneller wenden wegen der anderen Schiffe, die Wellen verbargen sie bis zu den Mastspitzen." Dazu kamen körperliche Leiden: Ein Nierensteinanfall mitten auf See, Funkverlust über Tage, totale Erschöpfung.

20. März 1978: Der Kreis schließt sich

Am 20. März 1978 um 21:00 Uhr GMT schloss sich der Kreis auf Position 16°08'N, 35°30'W – mitten im Atlantik, nahe den Kapverden. Es war vollbracht. Eine Frau hatte allein die Welt umrundet, als Erste der Geschichte. Das Guinness-Buch der Rekorde hielt die Leistung fest. Die Vereinten Nationen in Genf ehrten sie später mit dem Titel „First Lady of the Oceans". Und doch: Kaum jemand außerhalb Polens wusste von ihr.

​Die Zitate stammen aus dem Buch “Pierwsza dookoła świata” (dt.„Die Erste um die Welt"), in dem Krystyna Chojnowska-Liskiewicz ihre Reise selbst dokumentiert hat. Außerdem wurde ihre Erstleistung in diesem Artikel ausführlich dokumentiert.

Die Kontroverse: War sie wirklich die Erste?

Nur wenige Wochen nach Chojnowska-Liskiewicz vollendete die Neuseeländerin Naomi James am 8. Juni 1978 ebenfalls eine Einhand-Weltumsegelung in beachtlichen 272 Tagen, via Kap Horn. Die Britin hatte erst zwei Jahre zuvor das Segeln gelernt und war dennoch schneller. Sie wurde gefeiert, mit dem Order of the British Empire ausgezeichnet, und viele hielten sie für die eigentliche Erste.

Der World Sailing Speed Record Council (WSSRC) erkennt bis heute ausschließlich James' Leistung offiziell an, denn eine Route durch den Panamakanal gilt in seinem Regelwerk nicht als vollständige Einhand-Weltumsegelung; dafür müssen die drei großen Kaps passiert werden. Damit ist die Erstleistung auch eine Definitionsfrage: Was ist eine „echte" Weltumsegelung?

Chojnowska-Liskiewicz war chronologisch unbestreitbar die Erste Seglerin, die als Frau allein die Erde umrundete. James war die Erste auf der klassischen Kap-Horn-Route und ist gemäß WSSRC-Regelwerk die offizielle Rekordhalterin. Beide Leistungen sind außerordentlich, doch die Polin war schlicht früher fertig.

Warum kaum jemand die Polin kennt

Während Chojnowska-Liskiewicz auf den Ozeanen kämpfte, entstand in der Danziger Werft die Solidarność-Bewegung. Als Favoritin des kommunistischen Regimes, dem der Polnische Seglerverband unterstand, war sie für viele Arbeiter eine persona non grata. Ihr wurde nach der Rückkehr eine Anstellung auf der Werft verweigert, ehemalige Freunde wandten sich ab. So verschwand die Erste der Weltmeere in den Wirren der Geschichte, bis Polen und die internationale Segelwelt sie als Nationalheldin rehabilitierten. Am 13. Juni 2021 starb Krystyna Chojnowska-Liskiewicz im Alter von 84 Jahren.

Weitere Erstleistungen von Frauen auf den Weltmeeren:

  • Erste Weltumsegelung: Jeanne Baret (Frankreich) war die erste Frau, die die Welt umsegelte (1766–1769). Sie tat dies jedoch verkleidet als Mann, um Teil der Expedition von Louis Antoine de Bougainville zu sein.
  • Erste Einhand-Weltumseglung: Krystyna Chojnowska-Liskiewicz (Polen) war die erste Frau, die die Welt im Alleingang umsegelte. Sie startete 1976 und beendete die Weltumseglung 1978.
  • Erste Einhand-Weltumseglung über Kap Hoorn: Dame Naomi James (Neuseeland) war 1977/78 die erste Frau, die einhand um die Welt segelte und dabei das berüchtigte Kap Hoorn umrundete.
  • Erste Non-Stop-Weltumseglung (Solo): Kay Cottee (Australien) war die erste Frau, die die Welt allein, nonstop und ohne Hilfe umsegelte (1988).
  • Erste Einhand-Transatlantiküberquerung: Ann Davison (Großbritannien) war 1952/53 die erste Frau, die den Atlantik einhand überquerte.
  • Jüngste Weltumseglung: Laura Dekker (Niederlande) wurde 2012 zur jüngsten Person, die mit 16 Jahren allein die Welt umsegelte.
  • Erste weibliche Crew beim Whitbread Race: Tracy Edwards (Großbritannien) skipperte 1989/90 die erste rein weibliche Crew beim prestigeträchtigen Whitbread Round the World Yacht Race und gewann zwei Etappen.
  • Schnellste Einhand-Weltumseglung: Ellen MacArthur (Großbritannien) brach 2005 den Rekord für die schnellste Einhand-Weltumseglung (71 Tage, 14 Stunden, 18 Minuten).
  • Kirsten Neuschäfer (2023) gewann als erste Frau überhaupt das legendäre Golden Globe Race – nach 253 Tagen auf See.

Weitere interessante Informationen über Erstleistungen von Frauen finden Sie in diesem Artikel.


Lars Bolle

Lars Bolle

Chefredakteur Digital

Lars Bolle ist Chefredakteur Digital und Gründer von YACHT-Online. Viele Jahre war der Diplom-Sportwissenschaftler als Redakteur der YACHT in den Bereichen Sport und Seemannschaft tätig und hat die größten Segelsport-Veranstaltungen der Welt begleitet, vom America's Cup bis zu Olympischen Spielen. Seine persönliche Segel-Vita reicht vom Leistungssport in der Jolle (Deutscher Meister 1992 im Finn Dinghi) über historische und moderne Jollenkreuzer bis hin zu europaweiten Charter-Törns.

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