BuchauszugSolo in den hohen Breiten – im Polarmeer fand Veronica Skotnes Traum­revier

YACHT

 · 07.04.2026

Veronica Skotnes, 28, lebt ganzjährig auf ihrer stählernen Segelyacht, mit der sie die Küstengewässer der Finnmark in Nordnorwegen bereist.
Foto: Rune Somby
​In ihrem Buch „Jenseits der Wintersonne“ schreibt die Norwegerin Veronica Skotnes über ihr Leben an Bord und das Einhandsegeln im eisigen Polarmeer. Ein Auszug aus dem ersten Kapitel.

Themen in diesem Artikel

​Das Meer gehörte uns nicht, wie uns der Wind nicht gehörte oder die Luft oder der Fels. Die Erde unter unseren Füßen gehörte uns nicht und der Sternenhimmel über unseren Köpfen. Die Menschen um uns herum gehörten uns nicht, auch nicht die Vögel oder der Tang oder der Dorsch im Meer. Nicht einmal das Leben gehörte uns, denn es war flüchtig und niemals unser Eigen. Meine Geschichte beginnt und endet im Meer, genau wie alles andere Leben, wie ein Tropfen in der bodenlosen Tiefe. Lass meine Überreste zu Öl werden, und in einer Million Jahren nennt man sie vielleicht einen Rohstoff.

Mein Name ist Veronica, und ich wohne auf dem Meer in einem alten Segelboot, einem Boot, das älter ist als ich und mehr von der Welt gesehen hat als ich. Es wurde 1982 gebaut, im selben Jahr, als der Falklandkrieg ausbrach, als der Alta-Konflikt beendet wurde, und 16 Jahre bevor ich geboren wurde. Ich kann die historischen Ereignisse aus diesem Jahr, 1982, nur anführen, ich war nicht dabei und kann nicht selbst von ihnen berichten. Aber heute kann ich berichten.


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Ehe ich an Bord einzog, hatte das Segelboot schon die Weltmeere durchquert, war schon an dem Punkt vorbeigesegelt, an dem ein Horizont verschwindet und ein neuer beginnt, hatte schon ferne Küsten und sonnenwarme Strände auf der anderen Seite des Winters gesehen. Von Wollgras zu Palmen ist es ein weiter Weg. Jetzt segelt das Boot in den eiskalten Fahrwassern vor der Finnmark mit mir als Kapitänin.

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Das Boot ist mein Zuhause

Wir könnten überall segeln. Zwischen den Atollen im ­Pazifik, in den Passatwinden am Äquator oder durch die Mangroven in den Tropen. Wir könnten an fruchtigen Cocktails nippen ohne einen Fetzen Kleidung am Leib und jeden Tag der Sonne winken. Wir könnten ein Leben führen, ohne von einem Land irgendwo weit im Norden auch nur zu ahnen, wo der Winter so dunkel ist, dass die Menschen viele Monate lang die Sonne nicht sehen, und die Luft so kalt, dass keine Bäume wachsen.

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Wir müssten nie mit polaren Tiefdruckgebieten leben, den heftigen plötzlichen Stürmen, die entstehen, wenn die Luft vom Meereis auf wärmeres, eisfreies Seewasser stößt, oder mit gewalkter Vadmal-Kleidung oder in Wollstrümpfen unterwegs sein. Ich sage „wir“, aber es geht nur um mich und das Boot, das in meiner Einsamkeit eine Seele bekommt, sodass es sich auch nach Cocktails und Sonnencreme sehnt.

Aber etwas Unbestimmtes zog mich in die Finnmark, etwas, das ich nicht genau erklären kann, und das Boot folgte getreu meinem Kurs. So sind wir beide mitschuldig an unserer kalten Lage, auch wenn nur eine von uns diese Schuld erkennt. Der nördlichste Teil Europas, wo selbst die Sonne das Land verlässt – für eine Weile, eine lange Weile. Das Boot ist mein Zuhause, der Rumpf meine vier Wände und das Meer meine Aussicht. So habe ich drei Winter lang gelebt, mit dem Meer, dem Boot und der Küste der Finnmark.

Am schwarzen, kalten, unberechenbaren Polarmeer

Jetzt werde ich die Extreme kennenlernen. Ich will die Gegenden dieses kargen Landes besuchen, die den meisten Wind einfangen und von den Wellen des offenen Meeres als Erste getroffen werden. Soll der Rest Europas mit seiner Sehnsucht ruhig dasitzen und ein Bild vom Meer malen, als wäre es anmutig und barmherzig. Viele Wörter fallen mir ein, wenn ich an das Meer denke, aber „Barmherzigkeit“ gehört nicht dazu.

Es wohnen Menschen an der äußersten Küste. Nicht viele, aber einige. Auf kleinen Inseln klammern sie sich an einem Stückchen Fels fest, während die Wellen stetig über ihnen zusammenschlagen. Sie leben ihr Leben da draußen, so wie ich das meine, am Meer, doch nicht an einem Meer, wie man es auf Postkarten mit roten Sonnenuntergängen, Sonnenschirmen und üppigen Stränden abgebildet findet, Postkarten mit fettigen Sonnencreme-­Fingerabdrücken, die auf Ständern neben handgemachtem Muschelschmuck hängen, nein, nicht an einem solchen Meer, sondern am Nordpolarmeer. Am schwarzen, kalten und unberechenbaren Nordpolarmeer, da leben sie ihr Leben. Was wächst in gesalzener Erde? Meine Reise hat kein Ziel, ich suche nur Menschen, die mir vielleicht eine Antwort darauf geben können, warum ich selbst mich hier draußen befinde, an der Küste des Nordpolarmeeres.

Das Boot hat zwei Masten, einen Stahlrumpf und einen Anker, dem ich blind vertrauen will. Es hat vier große Segel, die ich mit Winschen bedienen kann und die mich, allein mithilfe des Windes und des Tauwerks, über jedes erdenkliche Meer bringen können. Innen ist das Boot mit dunklem Holz verkleidet, eine Ausstattung, wie sie in den Achtzigerjahren beliebt war, die vor Nostalgie und Wärme strotzt.

Drinnen kann ich Essen machen, ich kann mich dort ausruhen, kann mein Leben leben. Die typischen marineblauen Polster habe ich durch cremeweißes Leinen ersetzt, denn die Kombination von Tiefblau und Dunkelbraun hat mir noch nie gefallen. Ich fand, der hellere Stoff macht den Salon einladender. Die Kombüse ist klein genug, dass ich mich an der Wand abstützen kann, wenn ich bei schwerer See eine Mahlzeit koche. Die Heizgeräte werden mit Spiritus betrieben, auch das war vor vierzig Jahren auf Booten weit verbreitet. Ich schlafe in der Achterkabine. Sie ist geräumig, und wenn ich auf dem Rücken im Bett liege, kann ich durch eine breite Luke im Deck den Himmel sehen.

Das Meer und ich existieren als Einheit

Das Meer kennt niemanden. Ohne Verpflichtungen fließen die Meeresströme weiter wie die Zeit, gleichgültig und frei, sorgenlos und nichtsahnend, und ohne Verpflichtungen reite ich auf ihnen in der falschen Annahme, unsere Freundschaft sei gegenseitig.

Ich blicke in die Ferne, hinaus ins endlose Blau, und fühle keine Einsamkeit, nicht so, wie ich Einsamkeit unter Leuten spüre. Wer das Meer kennengelernt hat, fühlt keine Einsamkeit, denn das Meer wird immer die Sprache sprechen, die man ihm selbst gegeben hat. Das Meer nickt verständnisvoll, weil seine Seele meine eigene Seele ist. So finden alle sich selbst angesichts der Tiefe. Das Meer ist rasend, wenn ich rasend bin, friedlich, wenn ich zur Ruhe komme, drohend, wenn ich mich bedroht fühle. Wir existieren als eine Einheit, denn wenn ich mich auf der Meeresoberfläche spiegele, sehe ich nur mich selbst.

Heute bin ich auf dem Loppmeer, vor Loppa, das nie glatt daliegt, das mich immer unruhig macht. Ein unruhiges Meer, so kennen es die Leute. Ich bin auf dem Loppmeer und segle mit Starkwind aus Westen Richtung Finnmark. Wie viele Seeleute haben schon in diese Tiefe gestarrt und sich nach Hause an ihre grün bekleideten Fjorde gesehnt? Vielleicht hat die See sie schließlich dorthin gebracht. Hier donnert das Eismeer gegen das Land, spült über freigelegten Boden und stiftet Aufruhr, Chaos, Unruhe, Leben. Es riecht nach Leben, als wäre das Leben selbst hier draußen erschaffen worden, und dieses Leben ist chaotisch und dabei ebenso zerstörerisch wie wunderschön und anmutig.

Ich bin in Troms gewesen. Das Boot war dort zur Überholung in der Werft, denn in der westlichen Finnmark gibt es keine geeigneten Anlagen, um Segelboote – oder „pinnebåter“, Stöckerboote, wie man sie hier auch nennt – an Land zu holen. Dies ist das Reich der Sjarks, und Sjarks haben weder einen Flossenkiel noch Masten. Einmal im Jahr muss ich nach Troms, um das Boot an Land zu hieven, denn das Salzwasser kämpft gegen alles Menschengemachte an, und ich kann nur versuchen, die Zerstörung hinauszuzögern.

Ein neuer Winter im Polarmeer ist unterwegs

Ich bin der Finnmark entkommen, bin weggesegelt, aber nun bin ich auf Kurs Nordost, auf dem Rückweg, denn ich gebe den Gedanken an den Norden noch nicht auf. Vor drei Jahren bin ich Richtung Norden gesegelt, denn im Norden ist das Leben hart, aber nicht so wie im Süden. Im Süden, ja, da ist das Leben leicht, aber darum auch schwierig, denn das Ringen mit der Welt steckt trotzdem in mir, und ich arbeite mich lieber an handfesten Schwierigkeiten ab, an Frost, Schnee oder dem Wetter. Mit Wind oder Sturm komme ich zurecht, aber das Ringen findet auch den, der nicht kämpft, und dann kommt die echte Dunkelheit.

Noch habe ich den Bug nicht in Richtung Kreuz des Südens gewendet, noch nicht, obwohl der Winter sich wieder nähert und ich davon träume, der Sonne hinterherzujagen, dem Licht, das sich ständig wegbewegt, weg von uns hier im Norden, und irgendwo im Meer verschwindet. Dann wird es dunkel und ein neuer Winter ist unterwegs. Bald sinkt die Sonne ins Meer und kehrt erst im neuen Jahr zurück. Bald muss ich einen Hafen finden, in dem ich den Winter verbringen kann, sehr bald, denn die Stürme haben sich schon aufgereiht, und ich muss einen Hafen finden, bevor sie mich erwischen.

Die Segel sind meine Lungen geworden, denn nur auf See kann ich atmen. Vielleicht verroste ich eines Tages im Salzwasser wie mein Boot, eines Tages, aber jetzt noch nicht. In diesem Augenblick spüre ich den Wind im Haar und segle aufs Neue über das Loppmeer in Richtung Finnmark, getrieben von derselben Sehnsucht, die mich vor drei Jahren herzog.

Die Finnmark ist der Teil Norwegens, der am dünnsten besiedelt ist, eines der menschenärmsten Gebiete in ganz Europa. Vielleicht war es gerade dieses Verlassene, was mich anlockte, die Verheißung eines nahezu menschenleeren Landes. Ich muss mit ihnen reden, mit denen, die da draußen wohnen, an der Küste, in Einklang mit der See und dem Wind. Die isoliert und allein auf den Inseln leben, in dem Teil Norwegens, der dem Wetter am stärksten ausgeliefert ist. Ich muss mit ihnen reden, um zu verstehen, warum; vielleicht in einem Versuch, mich selbst zu verstehen, denn ich weiß, dass wir an der gleichen verfluchten Sehnsucht nach dem Meer leiden.

Gesellschaft eines Eissturmvogels

Die äußerste Küstenlinie der Finnmark besteht aus sieben Inseln, von West nach Ost: Loppa, Sørøya, Rolvsøya, Ingøy, Hjelmsøya, Magerøya und Vardø. Von diesen haben nur die letzten beiden eine Verbindung zum Festland bekommen, während alle anderen auf Boote angewiesen sind, wie es schon immer war. Diese sieben waren einst große und wichtige Siedlungen im Norden, damals, zur Zeit der Nornen, als das Meer der eigentliche Schicksalsfaden aller Menschen war. Wie sehen sie heute aus, diese sieben? Leben sie noch?

Hier draußen auf dem Loppmeer leistet mir der Eissturmvogel Gesellschaft. Oft kommt er angeflogen, wenn ich gut Wind in den Segeln habe. Dann entdecke ich den Vogel, wenn er das Boot überholt, wie ein kleines weißes Aufblitzen. Er kommt von Backbord, fliegt vor dem Bug entlang und schleudert sich mit Schwung herum, um dann erneut auf mich zuzusegeln. Dann überholt er mich wieder, diesmal an Steuerbord, fliegt hinter das Boot und verschwindet irgendwo achtern, und wenn ich denke, dass er mich verlassen hat, kehrt er zurück, schleudert seinen Körper wieder in einen Bogen und wiederholt das Kunststückchen. So macht er immer weiter, kreist verspielt und unangestrengt, oft stundenlang, und irgendwann verschwindet er wieder, fast lautlos, fliegt auf das offene Meer und ist verschwunden.

Den Eissturmvogel kümmern Unwetter wenig. Während ich kämpfe, um Leinen und Segel unter Kontrolle zu halten, spielt er unbeschwert mit dem Wind, als wollte er mich da­ran erinnern, dass der Wind ungefährlich ist, solange ich mich auf sein Spiel einlasse. Darum reffe ich die Segel, das Boot richtet sich auf, und die Welt wird ruhiger. Wenn mich der Eissturmvogel begleitet, ist es, als träfe ich einen alten Freund. Doch ich weiß, ginge ich von Bord, läge zu lange im kalten Wasser und wäre dem Ende nahe, dann käme der Eissturmvogel und hackte mir die Augen aus, noch ehe ich meinen letzten Atemzug getan hätte. Unsere Freundschaft gibt es nur, weil ich sie erschaffen habe, trotzdem verspüre ich jedes Mal Wiedersehensfreude, wenn wir uns treffen.

Getrennt und doch verbunden

Den Bug gen Norden gerichtet, habe ich die Kvænangs­höhen achtern. Dort drängen sich die Berge auf dem kleinen Stück aneinander, das ihnen zur Verfügung steht, und schieben sich gegenseitig höher und höher, als könnten sie nicht richtig atmen und müssten sich nach oben strecken, zum Himmel empor nach Luft. Auf den höchsten Berggipfeln liegt Schnee, aber am Wasser ist es kahl, wie jetzt meistens im Herbst.

Vor meinem Bug liegt Brynnilen, der Holm, der die Grenze zwischen den Bezirken Troms und Finnmark markiert. Gleich gegenüber von Brynnilen auf dem Festland liegen zwei Ortschaften, eine in Troms, die andere in der Finnmark. Die eine hat das Meer im Norden, die andere im Süden. Nur ein kurzer Weg liegt zwischen den beiden, und dieser Weg hat keine Verbindung zum übrigen Festland. In jedem dieser Orte lebt nur ein Mensch, einer in Troms und einer in der Finnmark. So sind sie getrennt und doch verbunden, jeder auf seiner Seite der Bezirksgrenze, aber abgekoppelt vom Rest der Welt. In Troms liegt Seglvik und in der Finnmark Andsnes.

Ich hätte in Andsnes vor Anker gehen sollen, wie viele es vor mir taten. Früher ankerte man in Andsnes, um zu handeln, zu tauschen, um auf günstige Winde zu warten. Ich hätte an Land gehen sollen und hätte mit den beiden Menschen reden sollen, die so getrennt voneinander leben, und ich hätte mir die Geschichten anhören sollen, die sie zu erzählen haben, Geschichten aus der Zeit, als Brynnilen ein Handelsplatz und wichtiger Knotenpunkt für Verkehr und Fischerei war. Als es dort noch ein Postamt gab, eine Fischannahmestelle, eine Schule und einen Kai, und als Menschen in den Häusern wohnten.

Damals waren die Familien entlang der Küste dreisprachig, die Küstenbewohner waren Weltbürger. Ohne eine Verbindung ins Landesinnere waren sie an das Meer gebunden. Andsnes war wichtig, da die Hauptverkehrsader auf See verlief und Andsnes zentral – mitten zwischen Troms und der Finnmark – liegt, aber heute fahren die Schiffe weit draußen vorbei.

Maren auf dem Holm

Heute gehe ich dort nicht vor Anker. Heute brodelt das Loppmeer wie gewöhnlich und es weht Starkwind. Der einzige Hafen wurde vor bald zehn Jahren von einem Wintersturm zerstört und nie wiederaufgebaut. Als die Küstenmenschen den Blick aufs Land richteten, folgte die Dezentralisierung der Küste. Darum segle ich vorbei, vorbei an Brynnilen, Andsnes, Seglvik und den beiden Menschen, die heute Abend keinen Besuch bekommen werden, und während ich weitersegle, sehe ich Licht in einem Haus an Land und denke, dass es dort drinnen herrlich sein muss, in der wohligen Wärme, vielleicht mit einem Feuer im Kamin und Essen auf dem Tisch. Ich wäre gerne dort, aber ich bin hier auf dem Loppmeer und reite mein Boot durch die Böen.

Der Bergsfjord liegt windgeschützt, dort ist es ruhig und es gibt gute Ankerplätze mit Schutz vor dem Westwind, also segle ich dorthin. Ich bin müde und mir ist kalt. Ich kann Loppa sehen, die Insel Loppa. Eines Tages werde ich dorthin fahren, um mit denen zu sprechen, die da wohnen, aber nicht jetzt, denn jetzt ist der Wind dort draußen zu stark, und ich suche einen windgeschützten Ankerplatz für den Abend. Vor Loppa gibt es den nicht. Ich lasse die Segel herunter, als ich Marholmen passiere, denn jetzt bin ich zwischen den Schären, und hier gibt es keinen Wind. Marholmen, da wohnte Maren, laut einer der vielen Geschichten, die von Boot zu Boot wandern, zwischen den Booten, die man sporadisch in den Häfen der halb verlassenen Fischerdörfer antrifft.

Maren auf dem Holm winkte Schiffbrüchige heran, Hilfesuchende, Fischer, die sie am Kai in Øksfjord mit ihrem Charme betört hatte. Dann nahm sie ihnen da draußen auf dem Holm das Leben, stahl ihnen alles, was sie besaßen, und warf sie anschließend ins Meer. Es heißt, dass Maren eines Tages gefasst, vor Gericht gestellt und geköpft wurde. Manche behaupten, ihr Kopf wurde auf einem Pfahl am Holm aufgespießt, als eine Art Warnung an Vorbeikommende, dass der Arm des Gesetzes bis in die Finnmark reicht.

Auf Marholmen steht heute tatsächlich ein Pfahl, doch auf dem ruht sich nur der Kormoran aus. Ich habe gehört, dass Maren den Seefahrern manchmal erscheint, an Abenden wie diesem, wenn das Meer brodelt und der Nebel schwer in der Luft hängt, dann kann man sie sehen. Ihre Füße berühren den Boden nicht, sie schwebt über der Landschaft. Sie winkt zum Meer, winkt dich heran und kommt auf dich zu, ans Ufer des Holms, ans Wasser heran, und dann kommt sie näher, über das Wasser, jetzt ist sie ganz nah, fast schon an der Reling. An Abenden wie diesem holt sie Seeleute in der Dämmerung.

Ich sehe Maren heute Abend nicht. Vielleicht zeigt sie Solidarität, wenn Frauen am Steuer stehen. Ich sehe nur die Kormoran-Kolonie, die den Holm erobert hat, und starte den Motor, um in den Bergsfjord zu manövrieren. Im Nebel ist es still, und ich schäme mich, dass ich es bin, die an diesem Abend die Stille zerstört.

Polarmeer ist überwältigend weit

Das Ankern dauert eine Stunde. Ich bin erschöpft, hungrig und aller Energie beraubt. Ich mache Dinge, die ich nicht tun sollte, darum geht es langsam, und ich muss von vorne anfangen, doch ich atme tief durch, eine leichte Brise weht mir ins Gesicht, und bald kann ich drinnen Licht machen, warmen Kakao trinken und spüren, wie sich die Wärme im Körper ausbreitet, bis ich noch müder werde, und dann kann ich in meinem Bett schlafen, bald.

Mein Bett ist nicht warm, es ist feucht, aber es ist meins und ich kann darin Ruhe finden, und mein Körper ist inzwischen so erschöpft, dass ich genauso gut am Ufer schlafen könnte. Im Boot ist es windgeschützt. Es ist nicht grau und hart und kalt so wie draußen, es gibt den warmen Farbton von vierzig Jahre altem Mahagoni und glatte Oberflächen, über die man mit den Händen streichen und die Risse im Holz fühlen kann. Es ist eng auf eine Art, die sich geräumig anfühlt, denn drinnen ist es nicht überwältigend weit, so wie draußen, sondern übersichtlich und gemütlich.

Da drinnen kann ich mir ein warmes Essen machen. Ich kann die Zwiebeln klein schneiden, die ich in Tromsø gekauft habe, sie in der Pfanne mit ein bisschen Knoblauch, ein paar Pilzen und ein wenig getrocknetem Rentierfleisch erhitzen, das ich besorgt habe, als ich letztes Mal in Alta war, und dann riecht der ganze Raum nach gebratenen Zwiebeln, und ich habe den strengen Dieselgeruch nicht mehr in der Nase. Wenn der Motor ausgeht, wird es still, und während ich die salzgetränkte Kleidung ausziehe, um den Körper in warme Wolle zu packen, höre ich nur ein leises Gluckern von flachen Wellen am Schiffsrumpf.

Freiheit auf See

Ich glaubte, im Segeln läge die Freiheit; Wind und Wetter den Kurs bestimmen zu lassen, das wäre Freiheit. Offenes Meer, freies Meer. Ich dachte, Segeln und das Leben auf dem Meer wären die große Freiheit, aber ich hatte vergessen, dass das Boot, der Wind und das Wetter alle Möglichkeiten begrenzen, eigene Entscheidungen zu treffen. Ist es wirklich Freiheit, immer dahin zu segeln, wohin der Wind dich führt, immer den vorbestimmten Kurs zu segeln, ohne selbst wählen zu können, wohin es geht und wo man bleibt?

Heute hat der Starkwind entschieden, dass ich nicht nach Andsnes segeln sollte, sondern lieber nach Bergs­fjord. Trotzdem spürte ich genau darin eine Freiheit, mich den Entscheidungen des Wetters zu überlassen. Die Freiheit, nicht wählen zu müssen, die Freiheit, keine Entscheidungen treffen zu müssen. Die Freiheit, etwas Größerem ausgeliefert zu sein, das mir sagt, was ich tun soll. Die Freiheit davon, Kontrolle ausüben zu müssen. Vielleicht ist es genauso widersinnig, dem Wetter zu trotzen wie der Freiheit selbst. Freiheit als Strafe – Sartre meinte, zur Freiheit sei man verurteilt, weil der Mensch eigentlich nicht vollständig frei sein könne.

Trotzdem müssen wir mit den Konsequenzen unserer Taten umgehen, als wären sie voll und ganz unsere eigenen. Da kann es eine Art Freispruch von diesem Urteil sein, wenn man dem Wetter unterstellt ist. Vielleicht. Die letzte Freiheit. Aber jetzt ist die Wärme in die Holzverkleidung gedrungen und es riecht nach gutem Essen. Es ist ruhig. Ich bin müde und lasse mich am Ankerplatz vor Bergsfjord in den Schlaf wiegen.

Drei Jahre sind vergangen. Drei Jahre ist es her, dass ich dachte, mein Schicksal würde mir nicht übers Wasser folgen. Drei Jahre, seit ich annahm, ich wäre sicher, wenn ich mich nur ständig über das Meer bewegte, weil es im Volksglauben heißt, man müsse Wasser überqueren, damit einen das Böse nicht verfolgt. Ich zog auf ein Segelboot, weil ich nichts mehr zu verlieren hatte, denn mir drohte sowieso schon der Untergang und ich brauchte dringend etwas, das mich trägt. Nun steht mir bald mein dritter Winter an Bord bevor.


Über das Buch “​Jenseits der Wintersonne”

“Jenseits der Wintersonne” von Veronica Sotnes.Foto: Delius Klasing Verlag“Jenseits der Wintersonne” von Veronica Sotnes.

In ihrer sehr persönlichen Erzählung über Impulsivität und die Einsamkeit des Polarmeeres gibt die Norwegerin Veronica Sotnes, 28, mit ihrem Text und 18 Illustrationen Einblicke in das Abenteuer ihrer Selbstfindung am Rand der Welt. Ihre Abenteuerlust und die introspektiven Einsichten regen zum Nachdenken an. Delius Klasing, 26,90 Euro.

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