Ermittler Thomas Kern ist dem Täter in seinem ersten großen Fall fast dankbar. Andreas Schmidt stahl jahrelang Boote und Motoren, verkaufte sie an Zwischenhändler, die das Diebesgut in den legalen Markt schleusten. Die Endkunden ahnten nichts – oder wollten wegen der günstigen Preise nichts ahnen. Die Boote hatten neue Seriennummern, und die Händler genossen so viel Vertrauen, dass selbst ein Fischereiamt und ein Polizist bei ihnen kauften.
„Seit 1984 war ich bei der Wasserschutzpolizei in Konstanz“, erzählt Kern. Der Fall, der das Milieu erschütterte und den Grundstein für ein europaweites Fahndungsnetzwerk legte, liegt 25 Jahre zurück. „2001 war ich neu im Ermittlungsdienst, als ein Mitarbeiter aus dem Schifffahrtsamt anrief.“
Anders als an Nord- und Ostsee müssen Boote am Bodensee zugelassen und vorgeführt werden – eine Art Boots-TÜV. Ein Trailer-Motorboot fiel auf: Die Rumpfnummer war manipuliert. Kern könnte erklären, wie er solche Fälschungen erkennt, doch das hält er verdeckt. Auch die Namen von Kern und Schmidt sind geändert, der Ort des Kompetenzzentrums bleibt geheim. Nur so viel: Kerns Büro befindet sich im Obergeschoss eines Polizeireviers in Baden-Württemberg.
„Wir sind dann zu dem Boot, das war eine italienische Sessa mit 80-PS-Außenbordmotor.“ Der neue Eigner aus Ulm hatte es am Wörthersee gekauft. „Und der Voreigner, das war ein Kollege“, also ebenfalls ein Polizist. Da war selbst Kern verblüfft: Ausgerechnet! „Und der Kollege hatte das zuvor genauso blauäugig gekauft wie der damalige neue Eigner aus Ulm.“
Thomas Kern erzählt ganz offen. Umschweife sind nicht sein Ding. Und so erfährt der Zuhörer sehr direkt, wie seine Fahnderarbeit abläuft. „Wir haben die Motornummer überprüft und einen Hit bekommen“, sagt er und meint einen Treffer. Fahnderglück – der gefundene Motor passte zu einem bereits fünf Jahre alten Diebstahl an der Schlei in Schleswig-Holstein. „Wir haben da angerufen, das war ja 2001 alles noch nicht so digital. Der Motor wurde dort also vor Jahren zusammen mit dem Boot gestohlen.“ Die ursprüngliche Bootsplakette war entfernt worden. „Der hatte sich eine neue gravieren lassen und die angenietet. Er hat sich schon Mühe gegeben.“
Die Ermittlungen zeigten, dass an der Schlei mehrere Boote gestohlen worden waren. „Schickt mir die Akten“, forderte Kern. Es kamen mehrere Ordner mit 15 bis 20 Diebstählen aus zwei, drei Jahren. Kern analysierte die Fälle und erkannte ein Muster: Die Taten geschahen im Frühjahr und Herbst, immer nach einem ähnlichen Schema. Die Spur führte zu einem Verdächtigen, der bereits früher wegen Bootsdiebstahl verurteilt worden war. „Wir dachten, den schauen wir uns mal an.“
Kern fand heraus, bei welchem Händler der österreichische Polizistenkollege gekauft hatte, „und wir fanden noch ähnliche“. Drei Bootshändler aus Kärnten und einen in der Steiermark machten die Fahnder ausfindig. Und eine Halle im Süden Hamburgs, die der potenzielle Dieb angemietet hatte. Doch wozu? Das sollte ein Hausbesuch klären. „Der kann nicht viel geschlafen haben, der war sehr müde“, erinnert sich Thomas Kern an die Razzia sechs Uhr früh. Was die Polizisten nicht wussten: Bootsdieb Andreas Schmidt war erst wenige Stunden zuvor von einem ganz frischen Diebstahl aus Dänemark zurückgekommen.
„Da würden viele mit den Zähnen klappern: Jetzt warst du nachts grad beim Klauen, und nun stehen sechs Ermittler in Zivil mit Durchsuchungsbeschluss vor der Tür.“ Tatsächlich muss Schmidt kühl abgewogen haben, dass der aktuelle Diebstahl noch kaum entdeckt worden sein konnte. „Der war tiefenentspannt.“ Die Fahnder durchsuchten seinen Computer, aber ohne Ergebnis. „Und dann haben wir gesagt, jetzt gehen wir zur Halle, da wurde der ein bisschen bleich.“ Er sollte aufschließen, sonst werde aufgebrochen. „Da standen also die Correct Craft aus Dänemark, die er in der Nacht gestohlen hatte, und noch ein Boot, das er gerade umgearbeitet hat.“
Am selben Morgen bekamen Schmidts vier Hehler in Österreich ebenfalls Besuch, die Kollegen leisteten Amtshilfe. „Der, der am Ende die meisten Boote und Motoren vertickt hatte, der war eigentlich ein ganz normaler Typ“, sagt Kern und will damit ausdrücken, dass dieser Hehler bis zum Beginn der Ermittlungen keine Polizeiakte hatte, nicht kriminell aufgefallen war und einen festen Wohnsitz besaß. „Der war aber nicht so abgebrüht.“
Ihm habe „der Kittel gebrannt“, so beschreibt Kern das mit südlichem Einschlag, „aber man musste ihm trotzdem ein wenig helfen“. Und das ist durchaus etwas sarkastisch, denn die österreichischen Kollegen stellten sofortige Haft in Aussicht und wiesen auf die vermutete Straftat hin. „Das waren damals siebzehn Boote, die im selben Stil über ihn liefen. Sechs haben wir ihm nachweisen können, keines wurde zugegeben.“
Großer Bahnhof auch im Wohnort des Hehlers, einige Dienstfahrzeuge, viel Blaulicht, Abtransport nicht im Zivilfahrzeug der Fahnder, sondern im Polizeiauto, „durchaus bewusst“.
Für Kern war seit jenem Tag klar: Viele der vermissten Boote waren professionell gestohlen und gingen weiter zum Verkauf in Europa. Bootsdiebstahl ähnelt zwar dem Autodiebstahl durch Banden. Um in diesem speziellen Metier aber aufzuklären, braucht es einen Fachmann, einen, der gleichzeitig Fahnder ist und Kollegen entlang der Handelsrouten fortbilden kann. Ihn zum Beispiel.
„Wir konnten Andreas Schmidt damals nachweisen, dass er schon mal über hundert Außenbordmotoren an seinen Haupthehler in Österreich verkauft hatte, Schadenssumme damals: eine halbe Million.“ Mit dem Wissen um Taktik und Vertriebswege wollten die Polizisten weiteren Tätern das Leben schwer machen. Denn Andreas Schmidt war zuvor sogar einmal mit einem Trailerboot kontrolliert worden. Die Kollegen hatten aber nur das Zugfahrzeug im Blick. Thomas Kern schaut bei diesem Satz wie ein Golfer, dessen Ball eben am Loch vorbeischrammt.
Was es benötigte, war zunächst eine europäische Datenbank für Boote, auf die Kollegen an der Grenze oder bei zufälligen Kontrollen zugreifen können. Was seinerzeit ebenfalls Normalität war: „Busse und Baumaschinen wurden kaum kontrolliert“, schnell hätten die Fahnder gelernt, dass auch solche Objekte organisiert geklaut und verschoben werden.
„Und die Kollegen müssen jemand haben, bei dem sie bei einem Verdacht, bei einer Kontrolle immer anrufen können.“ Für Wohnwagen gab es bei den Kraftfahrzeug-Fahndern bald Spezialisten, für Baumaschinen und für Boote bislang aber nicht. „Und das wusste unser Dieb aus Winsen an der Luhe“, da ist sich Kern ganz sicher. Die Diebstahlzahlen halbierten sich.
Um zu verdeutlichen, wie er und sein kleines Team den Dieben mittlerweile das Geschäftsmodell versalzen, nennt Thomas Kern Zahlen: „Bis 2001 hatten wir in Deutschland etwa 500 Diebstähle von Motoren und Booten im Jahr. Heute sind das weniger als die Hälfte.“ In europäischen Dimensionen gezählt wurden 2001 noch 10.000 Boote gestohlen, derzeit sind es jährlich noch 4.000. Auch die Außenborder-Delikte gingen zurück, „60.000 waren es europaweit 2001. 2023 waren es weniger als die Hälfte.“
Das sind dann auch Fälle wie jener, der gerade in der Garage der Dienststelle lagert. Schmutzige Außenbordmotoren, „wir gehen davon aus, dass die jemand gestohlen hat und sie dann relativ schnell beiseiteschaffen musste“. Wo sie gefunden wurden? „Täterwissen, wir sagen es nicht“, die Motoren wurden präpariert und dort belassen, „wir haben lange gewartet“, aber der Köder zog nicht. Nun versucht Kern die Motoren bestohlenen Eignern zuzuordnen.
In einem anderen Fall, einem „Bilderbuchfall“, wie der Fahnder das nennt, hatte ein Bootshändler bei Offenburg einen nächtlichen Diebstahl sofort der örtlichen Dienststelle gemeldet: „Scheiße, mir wurde letzte Nacht ein Boot auf dem Trailer vom Hof gezogen!“ Der Händler konnte ein Bild von beidem liefern, der Diensthabende meldete sich gleich.
Noch am selben Abend fiel einem von Kern geschulten kroatischen Kollegen ein Trailertransport auf. Der Abgleich ergab den Treffer. Das Gespann wurde mit Abstand bis zur nächsten Grenze begleitet. Dort war der Haftbefehl bereits vorbereitet. „Die waren sehr gut organisiert“, so Kern, „das war nämlich nicht einfach, das Boot dort vom Hof zu bekommen.“ Überhaupt gebe es im Milieu so etwas wie Bootsklau auf Bestellung. Bestimmte Modelle werden also ausgeguckt und dann gestohlen, das Nachbarboot und sein Eigner haben in solchen Fällen Glück, wenn gerade keiner es mag.
In einem bemerkenswerten Fall fand sich ein gestohlener Katamaran vor Sint Maarten wieder. Dass es sich bei der Insel um niederländisches Hoheitsgebiet handelt, hatte die Fahndung mit Europäischem Haftbefehl ermöglicht. Und im Jahr 2023 stellten die Fahnder eine Zweieinhalb-Millionen-Euro-Yacht vor Norwegen sicher, die in Dänemark gestohlen worden war. Drei Millionen Euro kostete eine Motoryacht unter deutscher Flagge, die in einem Hafen bei Bodrum aufgegriffen wurde – geklaut zuvor in Spanien.
Ob kleiner Außenborder oder große Yacht – sie würden sich über alle aufgeklärten Fälle freuen, betont Kern. Vor allem die Diebstähle großer Yachten seien aber besonders auffällig zurückgegangen, seit das Kompetenzzentrum besteht. Für den Erfolg der mit nur 3,7 Planstellen besetzten Fahndungsgruppe gibt es mehrere Gründe. Einer ist die europäische Vernetzung. Es gibt jährlich Konferenzen, zudem eine Datenbank, auf die Polizisten aus allen Dienststellen zugreifen können.
Außerdem sind Kern und seine Bootsfahnder-Kollegen immer erreichbar. Es gebe keinen Dienstplan, und wenn er sich freinehme und ihn erreiche ein dienstlicher Anruf, dann sei der Tag eben nicht mehr frei, so Kern. Sie seien eine reine Fahndungs- und Servicestelle und würden sich an den „Dienstzeiten der Kundschaft“ orientieren. Hinzu kommen die Fortbildungen von Kollegen. „Wenn sich bei uns welche melden, dann sind das ganz oft Leute, die wir geschult hatten.“
Den Blick für geklaute Boote müsse man erst bekommen. Ein Motorboot im Hochwinter an der Grenze? Seltsam für denjenigen, der sich auskennt. Auch die Hersteller spricht Kern seit der Bildung der Fahndungsgruppe an, „und fast alle sind sehr kooperativ“.
Inzwischen lassen viele Eigner ihre teuren Motoren markieren, „wir haben für 5.000 Euro ein Laser-Beschriftungsgerät angeschafft“, zudem arbeiten die Dienststellen zunehmend mit Mikropartikel-Markierung, künstlicher und zunächst unsichtbarer DNA. „Manche Täter versuchen zwar, die zu entfernen. Aber wir suchen auch mal ein paar Stunden und finden den versteckten DNA-Punkt dann immer.“ Wichtig, damit er Fälle für Anklagen gut vorbereiten kann. Außerdem arbeiten immer mehr Eigner mit GPS-Trackern, die Meldungen absetzen, sobald ein zuvor eingestellter Radius verlassen wurde. „Wir konnten auf diese Weise ein Charterschiff für 800.000 Euro kurz vor dem Kanal von Korinth aufhalten, weil der Verleiher nach einem ersten Verlust seine Boote damit ausgerüstet hatte.“
Kern bedenkt auch Verdrängungseffekte, besonders in Deutschland sei sein Kundenkreis nun auffallend kleiner, „aber es gibt auch meinetwegen in Polen, in der Slowakei oder Tschechien gute Boote und Motoren zu stehlen“. Dennoch passiere auch in Deutschland immer noch viel zu viel. Und allzu oft auch unter den Augen von Passanten. „Wer Verdächtiges sieht und sich meldet, ist kein Denunziant“, sagt Kern. Für seinen Geschmack schauen die Leute in den Häfen viel zu wenig hin. Das muss auch Andreas Schmidt gewusst haben – bei allen Diebstählen war er am Tatort unbehelligt geblieben.
Schmidt hatte vor seiner privaten Umschulung zum Marinedieb als Bootsmechaniker gearbeitet, „damit hat der sich praktisch selbstständig gemacht“, so beschreibt Kern die Vita seines ersten Kunden, der offenbar nicht einmal seine Partnerin eingeweiht hatte. Die sei als integre Geschäftsfrau bekannt gewesen. „Sie versicherte uns glaubwürdig, dass sie keinen Schimmer hatte. Sie ist aus allen Wolken gefallen. Schmidt hatte ihr die Story erzählt, dass er Bootshändler ist.“
„Man hat über einen Sachverhalt zu entscheiden, der nicht zum privaten Alltagsleben eines Richters gehört“, sagt Albert Paulisch über diesen ersten Fall. Paulisch war vor 25 Jahren der Ermittlungsrichter, den Kern frühmorgens anrief, um die Haft zu erwirken. „Mich hatte die Fachkompetenz der Wasserschutzpolizei damals beeindruckt“, erzählt Paulisch, der mittlerweile pensioniert ist. „Sie mussten mir ja plausibel und ohne Zweifel erklären, dass Motoren und Boote tatsächlich an den angegebenen Orten den Eigentümern entwendet worden waren.“
Der Täter erhielt damals vier Jahre Gefängnis, für Diebstahl und Hehlerei die Höchststrafe. Nach seiner Haftentlassung ging, das vermutet Kern, sein Kunde Andreas Schmidt wohl keiner geregelten Arbeit nach. „Wir hatten Hinweise, dass er irgendwo was versteckt hat.“ Die Fahnder fanden den Schlupfwinkel aber nicht. „Der ist Jahrgang 1961, wie ich, der ist mit Sicherheit noch nicht in Rente“, rechnet Kern.
Es ist 18 Uhr und längst dunkel. Zwei Kassettenlampen in der Decke werfen sachliches Licht über die drei Schreibtische von Thomas Kern. Sein Blick geht auf die vier Monitore, denen er sich gleich widmen wird. Den ganzen Tag hatte er die Arbeit seines Teams erklärt, nun wird er nachsitzen. Denn der letzte und wohl wichtigste Erfolgsfaktor der Bootsfahnder ist ihr Initiator. „Ich könnte seit 2022 im Ruhestand sein“, sagt der Landesbeamte. Es glaube ihm zwar keiner, aber mit dem Loslassen habe er kein Problem.
In den vergangenen Jahren wollte er eben noch fahnden. Verbrecher jagen, immer mal wieder ein Beinchen stellen, so nennt er es, das ist die Genugtuung des Polizisten. Er ist einfach zufrieden, „so frei“ arbeiten zu dürfen, sagt er. „So wie wir arbeiten, haben wir Erfolg“, die Motivation sei immens. Dass Verdienste mit ihm persönlich verbunden sein könnten, lässt er nicht gelten. „Also mein Einsatz alleine war es nicht“, schreibt er in einer E-Mail nach dem Besuch, das alles sei nur mit einem „hoch motivierten“ Team möglich.
Trotz der dauernden Bereitschaft gibt es ein Privatleben. „Früher habe ich ein H-Boot gesegelt“, erzählt Kern, der immer schon Wassersportler war, „das lag in Friedrichshafen, genau genommen hatte ich ein Wohnmobil, mein Kollege das H-Boot, wir haben uns immer abgewechselt.“
Während seiner Verlängerungsjahre ging es Kern sicher auch darum, europaweit Schulungen in Sachen Bootskriminalität zu etablieren, die Bekanntschaften und die daraus gewachsenen Freundschaften pflegen zu können, die er während der 25 Jahre zu europäischen Kollegen aufgebaut hat. Seine Nachfolger arbeitet er bereits ein. Um zu verstehen, wie er seinen Job macht, ist die folgende Anekdote wohl am besten geeignet: „Wir gehen auf Schulungen immer zusammen essen. Ich weiß ja um die knappen Gehälter der Kollegen gerade aus Südosteuropa. Und ich sage denen dann immer: Das Essen wird von Frontex bezahlt.“ Heute dürfen es alle wissen: Thomas Kern hat da jedes Mal gelogen. Er beglich alle Restaurantrechnungen privat. Ende November geht er in Rente.
Bootskauf von Ralf Neumann behandelt die Schritte vom Vergleich geeigneter Boote bis zu Vertragsverhandlungen, Bezahlung und Übernahme. Auch Schiffsregister, Versicherung und Risiken beim Neu- und Gebrauchtbootkauf gehören zum Inhalt.
Professioneller Bootsdiebstahl lässt sich nicht allein mit Technik bekämpfen. Entscheidend sind auch aufmerksame Eigner, Hafenlieger und Passanten. Wird in deutschen Häfen noch immer zu oft weggeschaut? Schreiben Sie Ihre Meinung und Ihre Erfahrungen in die Kommentare.

Freier Mitarbeiter, Südkorrespondent
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